Gotha (Kr. Gotha).

Gotha liegt inmitten einer in vor- und frühgeschichtlicher Zeit reich besiedelten Landschaft. Die jungsteinzeitliche Bandkeramik-Kultur hat im Flurteil Alschleben und im Heutal sowie am Nord-Fuße des Seeberges Siedlungsspuren hinterlassen, ist aber auch im bebauten Stadtgebiet, möglicherweise am unteren Hauptmarkt, anzunehmen. Bemerkenswert ist das Vorhandensein verschiedener Gruppen der Trichterbecherkultur, die hier weit nach Südwesten vordringt. In Remstädt, dicht nördlich von Gotha, wurde ein ovaler Hausgrundriss der Baalberger Gruppe aufgedeckt. Nur zwei km davon entfernt, am nördlichen Ausgang der Stadt, im Flurteil Ostheim, befand sich die „Steinkiste von Gotha“, ein mit gleichzeitigen hessischen sowie weiteren westeuropäischen Anlagen verwandtes Sippengrab. Darin und auf dem Kleinen Seeberg ist die Kugelamphore vertreten, das Leitgefäß der gleichnamigen Kultur. Unweit der „Steinkiste“ fand sich ein Grab mit Bernburger Keramik. Bestattungsplätze der Schnurkeramiker sind in Gotha-Ost und auf dem Seeberg aufgefunden worden. Der für diese Bevölkerung kennzeichnende vielkantig geschliffene Axthammer ist in Stadt und Flur Gotha 16mal vertreten, so auch auf der östlichen Schlossterrasse. Die Glockenbecherleute sind durch Gräberfunde auf dem vorderen Seeberg sowie durch Streufunde bezeugt.

Die frühe Bronzezeit (1800-1500 v.Chr.) tritt im Südosten der Stadt mit Gräbern der Aunjetitzer oder Leubinger Kultur am Fischhaus und auf dem Kleinen Seeberg in Erscheinung. Für die mittlere Bronzeperiode liegen nennenswerte Fundstücke nicht vor, wohl aber für deren späten Abschnitt (1200-800 v.Chr.). Es ist wieder der Seeberg, der auf seinem Kamm auch Grabstätten der Urnengräberkultur bewahrt hat, die hier von dem böhmischen Knoviser Kreis beeinflusst erscheint. Die zugehörigen Siedlungen sind teilweise an den Hängen des Höhenzuges erkannt. In die frühe Eisenzeit (Hallstattzeit) weisen weitere Siedlungs- und Gräberfunde am und auf dem Seeberg, die der sogenannten, thüringischen Kultur (ca. 600-450 v. Chr.) mit ihrem auffallenden Bronzeschmuck steigbügelförmiger Arm- und wechselweise gedrehter Halsringe (Wendelringe) angehören. Beachtlich sind die Zeugnisse der stark keltisch beeinflussten Latènekultur im Gothaer Raum. Wahrscheinlich aus Gräbern stammen zwei Bronzegürtelketten des 2. vorchr. Jh. aus dem Böhmschen Sandwerk im Norden der Stadt und vom Nord-Fuß des Großen Seeberges (Geierslache). Hier und im Flurteil Alschleben sind Siedlungen nachgewiesen. Im Spätlatène (letztes Jh. v. Chr.) werden Niederlassungen am Fischhaus und im Ziegeleigelände der Ost-Vorstadt greifbar. Ein Töpferofen mit Drehscheibenkeramik und bemalte Tonware sind besonders hervorzuheben. Keltische Münzen wurden mehrfach im östlichen Stadtgebiet angetroffen. Man darf mit dem Vorhandensein einer Siedlung in der Umgebung des Mohrenberges rechnen. Ein massiges Steinbildwerk, das man 1862 (?) in einem zugeschütteten Rest der ältesten Stadtmauer befestigt fand, zeigt eine wohl weibliche Gestalt mit ungeheurem, fast kugelförmigem Kopf, die zwei Kinder in den Armen hält. Es wurde neuerdings als keltisches Götterbild angesprochen, das im Zusammenhang mit den Siedlungsfunden stehen könnte.

Die Anwesenheit der elbgermanischen Hermunduren dürfte durch das Vorhandensein von Bruchstücken der sogenannten Situla (eimerförmiger Gefäßtyp) auf zwei Wohnplätzen am Nord-Fuße des Seeberges für die Zeit um Chr. Geb. feststehen. Diese und eine andere Siedlung im Heutal sind - zusammen mit zahlreichen weiteren Wohnplätzen in der Umgebung - durch die röm. Kaiserzeit (bis 4. Jh. n. Chr.) zu verfolgen. Unter dem provinzialröm. Import befindet sich terra sigillata (rote Zierkeramik) aus dem ö. Gallien (100-140) und den Argonnenwerkstätten (um 400).

Als Karl d. Gr. 775 dem Kloster Hersfeld den Königszehnt in mehreren Orten Thüringens, darunter in der villa Gothaha, schenkte, trat der Platz in die geschichtliche Überlieferung ein. Ob wir uns unter der villa einen Königshof etwa auf dem Kalkfelsen des Schlossberges vorzustellen haben, ist unsicher. Archäologische Nachweise über Besiedlung in fränkischer Zeit sind dort nicht erbracht worden und wohl auch nicht zu erwarten, da der Berg bei Befestigungsarbeiten im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gestört worden ist. Man hat die villa von 775 eher dort zu suchen, wo man die im Hersfelder Güterverzeichnis des 9. Jh. (Breviarium Lulli) registrierten Höfe und Hufen lokalisieren kann, nämlich am Wiegwasser. Dort erinnert noch jetzt der Hersdorf-Platz an das einstige grundherrliche Dorf des Kloster Hersfeld. Auch scheint die örtliche Überlieferung die Wolfgangkapelle, die sich am gleichen Platze befand, nicht zu Unrecht als ältestes Gotteshaus der Stadt zu bezeichnen.

Seit dem Beginn des 9. Jh. hören wir dreihundert Jahre nichts über den Ort. Erst 1109 erscheinen Adlige mit der Herkunftsbezeichnung Gothaha. Sie dürften zur Burgmannschaft einer schon in dieser Zeit zu vermutenden Befestigung der ludowingischen Grafen bzw. Landgrafen gehört haben. Denn es kann als sicher gelten, dass die Grafen, die ca. 1060 die Schauenburg erbaut und 1085 Kloster Reinhardsbrunn gegründet hatten, sich noch vor dem Ende des 11. Jh. in die Offenlandschaft vorschoben und sich des beherrschenden Schlossberges von Gotha bemächtigten. Wenn auch Landgraf Ludwig II. bereits 1168 in Gotha urkundete, so wird doch die Burg erst 1217 erwähnt (1316: Grimmenstein). Seit dem 12. Jh. hatten die Landgrafen stets enge Beziehungen zu Gotha, das von 1287 bis ins 15. Jh. als Mainzer Lehen in Anspruch genommen wurde. 1217 starb hier Hermann I., der Freund der Minnesänger, in geistiger Umnachtung. Albrecht d. Entartete residierte wiederholt in Gotha. In den Kämpfen König Adolfs um Thüringen scheint, wie man einer Briefsammlung dieser Zeit entnehmen kann, Gotha eine Rolle gespielt zu haben. Friedrichs d. Freidigen Gemahlin Elisabeth wählte sich Gotha als Witwensitz (1234-59, Domina in Gotha). Landgraf Balthasar, der oft hier nachweisbar ist, sicherte durch Anlage des von der Leina herangeführten Leinakanals die Wasserversorgung der Stadt (Bergmühle am oberen Markt 1378). Zeugnissen städtischen Lebens begegnen wir in Gotha am Ende des 12. Jh. Auf die Existenz einer Kaufmannssiedlung deutet der ca. 1185 in der Jüdengasse vergrabene Gothaer Münzschatz, der 775 Brakteaten vornehmlich Thüringer Münzstätten enthielt; sehr wahrscheinlich hat er einem Einheimischen gehört. Die Ludowinger haben von Ludwig II. bis Ludwig IV. (Hermann I. nicht völlig sicher) in Gotha geprägt. Erste bekannte Münzmeister sind die Bürger Gerboto und sein Sohn Härtung. In der von Landgraf Ludwig III. 1180-89 dem Kloster Spießkappel erteilten Zollbefreiung wird Gotha als Stadt (civitas) bezeichnet. Die topographische Entwicklung der Kaufmannsstadt hat vom Brühl, wo ca. 1226 Landgraf Ludwig IV. das Spital Mariae Magdalenae (Brühl Nr. 4, jetziges Gebäude von 1716/19) stiftete, ihren Ausgang genommen. Seit 1231 gehörte das Spital dem Lazaritenorden und ging 1489 mit dessen Anschluss an den Johanniterorden in dessen Besitz über.

Der Brühl liegt im Zuge der Fernstraße Eisenach-Erfurt, die östlich Gotha durch Siebleben (mit alter Landdingstätte) führt. Wo sich der Brühl zum heutigen Hauptmarkt öffnet, wurde der erste Markt gehalten (Alter Markt 1482). In diesem Winkel stand die Jacobskapelle (1567 abgebrochen). Als älteste Häuserblöcke sind die zwischen Brühl (dort das älteste Haus der Stadt „Zum König Sal(omon)“) und Jüdengasse, die auf den Anteil der Juden an dieser Stadtbildung verweist, zu betrachten. Pfarrkirche dieser Altstadt, die bis zum Beginn des 13. Jh. den Raum zwischen der westlichen Stadtmauer und der Quergasse eingenommen haben dürfte, war nicht die Jacobskapelle, sondern die Marienkirche zwischen Burg und Stadtmauer, vielleicht ursprünglich Kirche der Burg und einer freilich nicht nachweisbaren Burgmannensiedlung unter der Burg. 1247 und 1344, als die Kanoniker von Ohrdruf nach Gotha übersiedelten, und in der Reformation wird sie als Pfarrkirche bezeichnet (1530 abgebrochen). An die Altstadt wurde eine Neustadt angefügt, deren Schwerpunkt der Neue Markt (1428, jetzt Margaretenplatz) mit der damals doppeltürmigen Pfarrkirche St. Margareten bildete. Die älteste Margaretenkirche, deren Patronat 1290 dem Deutschen Orden übertragen wurde, soll romanische Stilmerkmale gehabt haben; sie wurde ca. 1494 durch eine gotische Hallenkirche ersetzt. An der Stelle des Augustiner-Eremiten-Klosters in der Jüdengasse stand ursprünglich das vor 1251 gegründete Zisterzienserinnen-Kloster zum Hl. Kreuz. 1251 erwarben die Bürger Heinrich Sezzephant v. Siebleben und Burkard v. Leine von dem Ritter Dietrich v. Gotha die Katharinenkapelle vor dem Brühler Tor und verlegten „wegen des Lärms und der Menschenmenge in der Stadt“ den Konvent an diese Stelle. Das Kloster wurde 1254 von jeder Abhängigkeit, besonders der Pfarrkirche (St. Marien), befreit. Es besaß das Patronatsrecht über die Marienkirche (128(8)-1356), die Kirchen in Goldbach (1258 bzw. 1384), Remstädt (1322 bzw. 1359), Molschleben und Ballstädt (für das Patronatsrecht über St. Marien). Der Güterbesitz war ganz auf die nächste Umgebung von Gotha konzentriert, ballte sich insbesondere in den Dörfern zwischen Krahnberg und Nessetal. Da ein Iandgräfliches Privileg (1301) dem Kloster bezüglich des Erwerbs städtischer Güter keine Beschränkungen auferlegte, konnte es Güter und Zinsen in Gotha erwerben. 1519 zerstörte ein Brand die meisten Gebäude des Klosters.

Den Platz der Zisterzienserinnen in der Jüdengasse nahmen 1258 die Augustiner-Eremiten ein. Nach Nikolaus v. Siegen kamen sie aus Erfurt. Auch die Besitzungen dieses Klosters lagen fast ausschließlich in der Umgebung von Gotha. 1525 überließen die Mönche das Kloster, dessen Kreuzgang und Kirche erhalten blieben, der Stadt.

Als 1344 Landgräfin Elisabeth die Verlegung des Chorherren-Kapitels von Ohrdruf an St. Marien in Gotha gestattete, wurden dem Kapitel mancherlei rechtliche Beschränkungen auf Betreiben der Stadt auferlegt, die Errichtung eines Kirchturms verbotenen um das Schussfeld der Burg nicht zu behindern. Im Umkreis von einer halben Meile um die Stadt durfte es keine Güter erwerben. Die Klöster Reinhardsbrunn (1281) (Erfurter Str. 1) und Georgenthal (1253) (Siebleber Str. 24) hatten Höfe in der Stadt. Auf dem Alten Markt stand an der Stelle des jetzigen Rathauses bis 1553 das Kaufhaus (Zinsregister 15. Jh.: inter mercatores, 1553 abgerissen, 1567 Neubau), während das Rathaus (1344, 1632 abgebrannt) den Platz der Innungshalle (Markt neben dem Ratskeller) einnahm.

Zur Bevölkerung der neu gegründeten Stadt haben umliegende Dörfer beigetragen. Sie gingen im Spätmittelalter allmählich ein (Alschleben, Eschleben, Kindleben, Mittelhausen, Ostheim und Töpfleben). Ihre in die Stadt verzogenen Bewohner erhielten die Dorfverfassung (Alschleben 1440 wüst, hat 1489 noch Heimbürgen, Altaristen, communitas) aufrecht und nahmen ihre Zinsverpflichtungen gegen die Klöster mit in die Stadt. Die Stadt verfügte über vier Tore und eine Pforte.

Die Gerichtsbarkeit lag in der Hand eines stadtherrlichen Schultheißen, der (aus dem Privileg für Spießkappel zu erschließen) 1250 bezeugt ist. Die zum Gericht gehörigen Schöffen kommen zuerst 1253 vor. Das Gericht beurkundete auch Rechtsgeschäfte, die weder personell noch räumlich die Stadt betrafen. Der Schultheiß von Gotha hielt auch in Siebleben, Warza, Molschleben und Nottleben (oder Rettbach) Gericht (14. Jh.). 1256 werden neben dem Schultheißen bereits Ratmänner (consules) genannt. Mit Ratsherren und Schöffen treten 1287 Burgmannen und die Gesamtheit der Bürger entgegen. 1286 hören wir von zwei Bürgermeistern. Das zwölfgliedrige Schöffen- war mit dem Ratskollegium identisch. Wie in anderen Städten der Wettiner erhoben sich auch in Gotha in den 80er Jahren des 15. Jh. Unruhen zwischen Bürgern und Handwerkern. Sie wurden 1488 durch die Gothaer Stadtrechtsreformation, die den Handwerkern gegenüber dem engen Kreis der Ratsgeschlechter zu stärkerer politischer Mitwirkung verhalf (Rechnungslegung, Vier v. d. Gemeine). In Gotha galt 1265 Eisenacher Recht, wie man aus der Rechtsverleihung an Weißensee erschließen kann. Gothaer Recht wurde 1322 an Jena weitergegeben. Die erste Aufzeichnung (meist Sachsenspiegelsätze, einige Übereinstimmungen mit Eisenach) stammt aus dem 15. Jh. (nicht 13. Jh. wie Strenge-Devrient). Als Mutian von Erfurt nach Gotha überwechselte und in eine Kanonikerpfründe am Marienstift eintrat, gewann die Stadt in der Bewegung des Humanismus einen Namen. Sein Haus (Beata tranquillitas als Türüberschrift) wurde von zahlreichen Schülern aufgesucht. Mutians Wirkung beruhte auf seinem ausgebreiteten Briefwechsel, der ihn u. a. mit dem Zist.-Mönch Heinrich Urban in Georgenthal verband. „Jahrelang war Mutian Orientierungspunkt und geistige Mitte der Erfurter Humanisten“ (Höß). Als 1524 die Gothaer Bürger die Chorherren-Kurien stürmten und die Dirnen der Chorherren ins Ratsgefängnis sperrten, verlor auch Mutian seinen Besitz. Auf Bitten des Stadtrates schickte der Kurprinz Joh. Friedrich Mecum (Myconius) als evg. Prediger nach Gotha Der aus Lichtenfels Gebürtige hatte im Franziskanerkloster Weimar Luthers Schriften kennen gelernt und war wegen seiner Neigung zum Protestantismus nach Annaberg versetzt worden. Er führte die Reformation in Gotha durch. Ihm ist es zu danken, dass die seit 1292 bei St. Marien bezeugte Pfarr- bzw. Stiftsschule nach kurzer Unterbrechung während des Pfaffensturmes eine hohe Blüte erlangte.

Als 1530-41 der Grimmenstein zur Festung ausgebaut wurde, musste die Marienkirche abgebrochen werden. 1547 wurde die Festung teilweise gesprengt. Nachdem Joh. Friedrich d. Mittlere, der Sohn des Verlierers von Mühlberg, dem mit dem Bischof v. Würzburg verfeindeten Ritter Wilhelm v. Grumbach 1557 Aufnahme gewährt hatte, bereitete sich für Festung und Stadt Gotha eine Tragödie vor. Neben Grumbach brachte Hans Müller aus Sundhausen (bei Gotha), auch „Tausendschön“ genannt, den Herzog, der seit 1564 in Gotha residierte, in seine Gewalt. Die Listen der Fragen, die Joh. Friedrich d. Mittlere an Tausendschön richtete, und die Antworten, die die Engel durch den Mund des Visionärs gaben, sind erhalten. Sie bezeugen, wie der verworrene Herzog den Wiederaufstieg seines Hauses von Abenteurern und Einfältigen erhoffte. Die Umtriebe Grumbachs im Reich zogen die Reichsacht auf den einfältigen Wettiner, der sich mit seinem Bruder Joh. Wilhelm völlig überwarf. Nach Verhängung der Aberacht gegen Grumbach rückte Kurfürst August als Oberster des obersächsischen Reichskreises vor Gotha, um die Exekution durchzuführen. Der Herzog hatte eine rechtzeitige Rüstung von Burg und Stadt versäumt und sah sich durch 10 000 Fußsoldaten und 6000 Reiter, durch Schanzen, Blockhäuser und Grabensysteme eingeschlossen. Nach einer Meuterei der Besatzung ergab sich die Stadt am 13.4.1567. Joh. Friedrich d. Mittlere wurde verhaftet und starb als Gefangener 1595 in Steyr. Grumbach wurde mit seinen Genossen, z. T. nach grausamer Verstümmelung, auf dem Markt hingerichtet. Der Grimmenstein wurde geschleift. Die Stadt kam durch die Kriegsschäden und die ihr auferlegten Kriegskosten herunter. Gotha gehörte von 1572 bis 1633 zu Sachsen-Coburg, bis 1638 zu Sachsen-Coburg-Eisenach.

Bei der Teilung unter den Weimarer Ernestinern übernahm Herzog Ernst d. Fromme 1640 die „gothaische Landesportion“ als selbständiges Reichsfürstentum. Der neue Landesherr trat seine Regierung unter denkbar ungünstigen Verhältnissen an. Die Kriegswirren seit 1630 und ein verheerender Stadtbrand von 1632 hatten die Stadt stark heimgesucht. Da keine geeignete Unterkunft bereitstand, wurde die Burg Tenneberg bei Waltershausen vorläufiger Regierungssitz. Erst am 24.10.1640 zog der Herzog in Gotha ein und ließ sich mit seiner Familie, dem kleinen Hofstaat und den neu gebildeten Landeszentralbehörden in dem dafür eingerichteten Kaufhaus (Rathaus) am Markt nieder. Dieser Tag bedeutete die entscheidende Wende für Gotha, denn es blieb bis 1825 Haupt- und Residenzstadt des Herzogtums Sachsen-Gotha(-Altenburg), von 1826-1918 des Herzogtums Sachsen-Coburg und Gotha (gleichzeitig mit Coburg). Der von unbeugsamer Willensstärke getragene Aufbau der Stadt und des Territoriums erhob sich noch zu Lebzeiten Ernsts I. (1675) zum Rang einer Staatsleistung im kleinen. Fern von äußerem Machtstreben, wandte der Herzog die gesammelten Kräfte nach innen. Sein Herzogtum war bald ein in Verwaltung, Rechtsprechung, Finanzwesen und Wirtschaftsleben geordnetes und gesichertes, in patriarchalisch-absolutistischem Geist regiertes Staatsgebilde; Veit Ludwig v. Seckendorff hat ihm mit dem „Teutschen Fürstenstaat“ (1. Aufl. 1656) und dem „Christenstaat“ (1680) literarische Denkmäler gesetzt. Besonders wurde das Schulwesen gefördert (dt, Pflicht-Volksschule mit Bevorzugung des Realienunterrichts im Sinne von Comenius und Ratke, „Gothaischer Schulmethodus“ von Andreas Reyher 1642, Erwachsenenbildung). Wichtigstes, vorbildliches und lang nachwirkendes Ergebnis dieses Aufbauwerkes war die oft konstatierte und gerühmte gute Allgemeinbildung und Aufgeschlossenheit der gothaischen Bevölkerung. Als Lutheraner neigte Ernst d. Fromme dem Calvinismus zu, nahm im Streit der Konfessionen eine versöhn­liche, ausgleichende Haltung ein, hielt aber aus absolutistischem Ordnungsdenken unnachsichtlich an der Hexenverfolgung fest. Das geistige Erbe Ernsts I. wurde von seinen Nachfolgern in vollem Umfang weitergepflegt. Ernst II. v. Sachsen-Gotha-Altenburg schuf mit seinen rationalistisch-naturwissenschaftlichen Bestrebungen wesentliche Grundlagen für die Entwicklung im 19. Jh. Unter Ernst II. v. Sachsen-Coburg und Gotha wurde die Stadt eine Hochburg des bürgerlichen Liberalismus und gesamtdeutscher Ideale (Tagung der »Erbkaiserlichen« der Paulskirche im sogenannten Gothaer Nachparlament 1849, Deutsche Sänger-, Schützen- und Turnfeste 1860-61). Sogar den Sozialdemokraten (Einigungsparteitag der dt. Sozialisten 1875 — heutige Erinnerungsstätte in »Kaltwassers Garten« —, Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei 1917) und den Freidenkern (Feuerbestattungsverein 1874, erstes dt. Krematorium 1878) waren hier Lebensraum und Ent­faltungsmöglichkeiten zugestanden.

Schon am 8.11.1918 bildete die Flieger-Ersatz-Abteilung 3 in Gotha einen Soldatenrat, der sich noch am gleichen Tag mit dem von der Arbeiterschaft der Gothaer Waggonfabrik (Flugzeugwerk) gegründeten Arbeiterrat zu einer Aktionseinheit verband; am 9. 11. brach die offene, von den herrschenden Unabhängigen Sozialdemokraten getragene Revolution aus. Die Monarchie wurde am 13.11. ohne ausdrückliche Abdankung des Herzogs beseitigt. Die knappe, höchst aktive linksradikale Mehrheit brachte Stadt und Land Gotha 1919 (Aufstand gegen die in Weimar tagende Deutsche Nationalver­sammlung) und 1920 (hartnäckiger, blutiger Aufstand gegen den Kapp-Putsch) an den Rand der Terrorherrschaft und des Bürger­kriegs. Trotzdem schloss sich der Freistaat Gotha (ohne Coburg) am 1.5.1920 mit den anderen Thüringer Einzelstaaten zum Land Thüringen zusammen. Die Stadt Gotha war seit 1922 nur noch Stadtkreis, ihre historische Rolle als Landeshauptstadt war damit beendet; der Kern des Herzogtums bildete den Landkreis Gotha.

Die Regierungstätigkeit Ernsts d. Frommen und seiner Nach­folger bis zu Carl Eduard, dem letzten Gothaer Herzog, wirkte fast 280 Jahre lang in dem kleinen Staatswesen auf die Hauptstadt am unmittelbarsten und nachhaltigsten ein. Alle Epochen zwi­schen 1640 und 1918 haben am Gothaer Stadtbild mitgebaut und zahlreiche bedeutende Denkmäler hinterlassen, die zugleich Zeug­nisse der jeweiligen geistigen Kräfte und Strömungen sind. Am stärksten tritt die Zeit des Staatsgründers heute noch in dem mächtigen, Stadt und Land weithin beherrschenden Schloss Frie­denstein hervor. Es entstand 1643-48 auf dem Schlossberg über der Stadt anstelle des Grimmensteins als erster großer barocker Schlossbau in Deutschland am Ende des 30j. Krieges: nüchtern-schwerfällige, monumentale Dreiflügelanlage um einen geräu­migen, arkadengeschmückten Hof, mit Mittelturm auf dem Haupttrakt (1787 durch Dachreiter ersetzt) und zwei breitgelagerten Türmen an den südlichen Flügelenden (der westliche Turm mit »spitzem« Dach noch in der ursprünglichen Form, der östliche Turm mit »rundem« Dach nachher. nach Brand 1677). Baumeister war Andreas Rudolphi. Von der ursprünglichen Inneneinrichtung blieb nichts erhalten. Die Repräsentations- und Wohnräume (mit guten Beispielen fstl. Wohn­kultur vom dt. Hoch- und Spätbarock bis zum Empire und rei­chem Thronsaal) wurden zwischen 1680 und 1820 (bes. um 1730 durch Friedrich Joachim Stengel) eingerichtet. Im Schloss waren 1647-1825 Hofhaltung (mit Schlosskirche, 1697 umgebaut, seit 1712 Pfarrkirche) und Landeszentralbehörden unter einem Dach vereinigt. Schlossberg und Stadt wurden 1657-76 befestigt, um 1700 verstärkt. Die Festungswerke am Schloss wurden 1772-1800 abgetragen, Zugang zum Friedenstein seitdem auf je zwei Rampen (Auffahrten) im Norden und Süden. 1806-11 wurden auch die Stadtwälle und -gräben beseitigt, die Stadttore abgebrochen. Auf dem freigewordenen Gelände entstand rings um den Friedenstein ein Grüngürtel: auf der Ost-Seite die »Anlagen« mit Teeschlößchen (neugot. Kapelle um 1780), im Süden unter Einbeziehung älterer Gärten 1769 ff. der von dem Hofgärtner Wehmeyer gestaltete »Park«, ein bemerkenswert großzügiger, weiträumiger Land­schaftsgarten mit See, Insel (Begräbnisstätte der drei letzten Herzöge der alten gothaischen Linie), und Dorischem Tempel 1778. Am Ost-Abhang des Schlossberges ließ sich Herzog Friedrich II. 1708 bis 1710 das Sommerschloss Friedrichstal (von Wolf Christoph Zorn v. Plobsheim) mit ausgedehntem, formenstrengen Garten und großartiger Grotte erbauen. Gegenüber von Friedrichstal lag der Ordonnanzgarten (seit Mitte des 18. Jh. Orangengarten), dessen Orangenbäume seit 1747 und 1767 die beiden großen Pflanzen­häuser (von Gottfried Heinrich Krohne) aufnahmen. Friedrichstal diente seit Mitte des 19. Jh. als Behördenhaus, die Grotte wurde be­seitigt, der Garten der Stadterweiterung geopfert.

Die großen Stadtbrände von 1632, 1646, 1665 und 1667 zei­tigten einschneidende bauliche Sicherheitsmaßnahmen, die all­mählich auch das Stadtbild umformten (z. B. Ziegeldächer, Brandmauern, massive Erdgeschosse der Wohnhäuser, verstärkte Was­serzufuhr nach Gotha durch den 1648-53 erbauten Flößgraben zwi­schen Georgenthal und Einleben, Verteilung des Leinakanalwassers durch ein Kanalsystem in alle Straßen 1660). Das Kaufhaus am Markt (erbaut 1572, Residenzhaus 1640-47) wurde 1665 zum Rathaus umgebaut. Das frühere Rathaus, 1632 teilweise zer­stört, entstand 1715 als neues Kaufhaus. Die Hauptkirche St. Margarethen (spätgot. Hallenkirche mit Turm 1494-1543) brannte 1646 aus, wurde 1652 wiederhergestellt und 1725-27 barockisiert (Grabmal Ernsts d. Frommen). Die Augustinerkirche von 1366 wurde 1676-80 erweitert. In der für die Zeit typischen Ver­bindung entstand 1702 das Zucht- und Waisenhaus, gleichzeitig Arbeits-, Armen- und Spinnhaus. Der Hauptteil des Hospitals Maria Magdalenä im Brühl wurde 1716-19 neu gebaut; er setzt auch städtebaulich einen erfreulichen, bis heute wirksamen Ak­zent. Die 1524 gegründete Lateinschule, seit 1612 Gymnasium illustre, nahm seit etwa 1650 einen bedeutenden Aufschwung, der bis tief ins 19. Jh. erhalten blieb; mit ihm wurde 1859 das Realgymnasium (gegr. 1836) vereinigt, die Doppelanstalt hieß seitdem Gymna­sium Ernestinum. Nach langer Vorbereitung wurde 1779 das Landschullehrerseminar eröffnet. Einen vorzüglichen Rang hatten bis 1945 (zuletzt als Bestandteile der Stiftung »Herzogliche Anstalten für Kunst und Wissenschaft«) die Bibliothek (begr. 1650) und das Münzkabinett (begr. 1712, beide im Schloss), die Kunst- und Naturalienkammer (ursprünglich im Schloss, seit 1879 im Museum) und die Sternwarte auf dem Seeberg bei Gotha (erbaut 1788-91). Musik und Oper wurden am Gothaer Hof ständig sehr gepflegt (Hof­kapellmeister u. a. Gottfried Heinrich Stöltzel, Georg Benda). Das Hoftheater (im westlichen Schlossturm) war 1775-79 die erste stän­dige Hofbühne in Deutschland. Das neue Hoftheater (nach klassizistischen Plänen Schinkels 1837-40 erbaut, 1944 ausgebrannt) wurde 1840 eröffnet und bis 1919 in Gemeinschaft mit dem Hoftheater in Coburg, bis 1944 als selbständiges Thüringisches Landesthea­ter Gotha geführt.

Die Verkehrsverhältnisse wurden durch den Bau von Kunst­straßen nach den wichtigsten Nachbarstädten (Eisenach, Erfurt, Langensalza, Schmalkalden) seit 1774 sehr verbessert. An die Thüringer Haupteisenbahn Naumburg-Eisenach war Gotha seit 1847 angeschlossen, das Eisenbahnnetz wurde von 1848-76 weiter ausgebaut. Der 1910 eröffnete Luftschiffhafen am Kleinen See­berg musste 1919 aufgegeben werden. Aus der rationalistischen Fürsorge der Spätaufklärung für Sozial- und Wirtschaftsleben entstand 1769 die Brandassekurationssozietät, die seit 1922 als Thüringische Landesbrand - Versicherungsanstalt weiter besteht. Tuchmacherei und Wollweberei, schon im Spätma. Gothas Haupt­gewerbe, erhielten sich mit staatlicher Förderung bis ins 19. Jh., ebenso der Getreide- und Mehlhandel (zeitweise zwölf Getreide­mühlen), Bierbrauerei und Bierhandel. Dagegen erlag der Han­del mit Waid (aus einheimischen Pflanzen gewonnener Blaufarbstoff) Anfang des 19. Jh. endgültig dem Indigo und den Anilinfarben. Die Porzellanfabrik, 1767-1945 Privatunternehmen, lieferte vor allem um 1800 kunstgewerblich hoch stehende Erzeugnisse. Viel­seitiger erfolgreicher Unternehmer des frühen 19. Jh. war Ernst Wilhelm Arnoldi. Weltbekannt wurden die von ihm ins Leben gerufene Feuerversicherungsbank (1821) und die Lebensversiche­rungsbank (1827). Den Namen Gothas verbreiteten auch der »Gothaer Hofkalender« (zuerst 1764, dt. Ausgabe unter diesem Namen seit 1765, später getrennt in genealogische Taschenbücher des Adels und Diplomatisch-statistisches Jahrbuch) sowie die geogra­phischen Verlagserzeugnisse des Verlags Justus Perthes (gegr. 1785, Landkarten, Stielers Handatlas seit 1817, Petermanns Geo­graphische Mitteilungen seit 1856) in aller Welt. Von den Gothaer Industrieunternehmen des 19./20. Jh. erlangte die Gothaer Waggon­fabrik größere Bedeutung, vor allem bis 1918 im zivilen und militärischen Flugzeugbau.

(Quelle: „Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands – Thüringen“, Herausgegeben von Dr. Hans Patze, Alfred Kröner Verlag 1989)