Das Geheimnis der Atombombe

Mit der Herausgabe des neuen Buches über die Geheimnisse des Dritten Reiches im nahen Jonastal haben Thomas Mehner und Edgar Mayer nicht nur ein brisantes Thema aufgegriffen, sondern haben mit diesem Buch aus vielen Indizien, Zeugenaussagen und Dokumenten, eine gewagte These zur Diskussion gestellt.

Wir sprachen mit Thomas Mehner - einer der beiden Autoren.

Sehr ernst sogar. Interessanter Weise gab es schon zu DDR-Zeiten aufgrund verschiedener Nachforschungen durch das Ministerium für Staatssicherheit und andere staatliche Organe deutlichste Hinweise, dass in diesem Areal während des Dritten Reiches besondere Vorgänge zu registrieren waren.

Während des von der SED-Kreisleitung Arnstadt in den sechziger Jahren initiierten „Forschungsprojektes S III“, das der Aufarbeitung der Geschichte des Sonderlagers S III dienen sollte, wurden Zeugenaussagen zusammengetragen, die teilweise so brisant waren, dass sich die Verantwortlichen letztlich dazu entschlossen, das Forschungsprojekt abzubrechen.

Da war vom Einsatz der Wunderwaffe, der Anwesenheit Hitlers und geheimnisvollen Experimenten die Rede. Bis heute konnten die über 300 Seiten Dokumente nicht gefunden werden. Das MfS sammelte auch Erkenntnisse über Stadtilm, wo das Wissenschaftler-Team um Dr. Diebner in der so genannten „Roten Schule“ ein Atomforschungslabor betrieb. Ein von der SS vergatterter Klempnermeister namens Rundnagel erzählte nach dem Krieg, zwei der beteiligten Kernphysiker hätten ihm bei Kriegsende anvertraut, dass sie eine Bombe entwickelt hätten, die in einem Umkreis von mehreren Kilometern alles Leben vernichten könnte, und seien es 100.000 Mann.

Fügt man die Puzzlesteine in Form der Zeugenaussagen und anderer Indizien zusammen, so wird klar, dass sich hier ein Bild ergibt, das die Geschichtsschreibung von Grund auf verändern wird.

Ja, in allen Darstellungen zu deutschen Geheimwaffen, die nach 1950 in der BRD erschienen, wird felsenfest behauptet, dass es keine militärische deutsche Atomwaffenforschung gab und dass die V2 (A4) die höchste Form der Raketentechnologie im Dritten Reich darstellte. Diese Behauptungen werden bis heute gedankenlos nachgeplappert, was sicherlich auch damit zu tun hat, dass ein Autor vom anderen abschreibt, anstatt sich auf eigene Recherchen zu verlassen.

Tatsache ist, dass im Sommer 1945 große amerikanische Zeitungen einen Bericht veröffentlichten, der auf offiziellen Verlautbarungen des „Office of War Information“ (OW) beruhte und der bestätigte, das die Deutschen an einem weit fortgeschrittenen Atomwaffenprojekt (!) arbeiteten und dass ein dazu passendes Trägersystem in Entwicklung war das bemannt den Atlantik überqueren sollte!

Heutzutage tut man so, als habe es diese Verlautbarung, die übrigens nie dementiert wurde, nicht gegeben. Stattdessen wird die Lüge verbreitet, beide Projekte seien allerhöchstens theoretischer Natur gewesen.

Es ist nach dem Krieg kaum etwas offenbar geworden, weil an den Hochtechnologie-Projekten direkt Beteiligte (SS, SD) auf Grund ihres geleisteten Eides geschwiegen haben. Nach meiner Einschätzung liefen diese Projekte unter der höchsten Geheimhaltungsstufe „Geheime Reichssache“ und es dürfte einleuchtend sein, dass die Mitwisser beharrlich schwiegen. Wissenschaftler und Ingenieure, die involviert waren, wurden wahrscheinlich von General Pattons Truppen mit in die USA genommen, wobei unklar bleibt, ob man dort Informationen preisgab oder nicht. Diese Personen sind nie in der Öffentlichkeit bekannt geworden.

Andere Augenzeugen (Zivilpersonal, Häftlinge) hatten entweder nicht den Einblick in die Projekte, um später etwas Detailliertes aussagen zu können oder kamen um. Zudem hatten natürlich die für die Sicherheit zuständigen Einheiten der SS und des SD die Anweisung gehabt, all diejenigen zu liquidieren, die für die Projekte nicht von Interesse waren. Auch so wurde die Zahl der Zeugen klein gehalten.

Es darf auch nicht vergessen werden, dass selbst nach Kriegsende Häftlinge, die am Bau der Anlagen beteiligt waren, erschossen worden sind. So erging es vor allem russischen Kriegsgefangenen, die in den Bergen arbeiteten. Ihre eigenen Landsleute brachten sie um. Aber auch Polen und Ungarn starben nach dem Krieg, wahrscheinlich, weil sie zuviel wussten… Hinzu kommt, dass in deutschen Archiven so gut wie keine Informationen über den Großraum Jonastal vorliegen. Es gibt aber dafür sehr deutliche Hinweise, dass dieses Material in amerikanischen Archiven lagert. Ursprünglich sollten die betreffenden Informationen nach 50 Jahren freigegeben werden, doch hat man stattdessen die Geheimhaltung um weitere 30 Jahre verlängert.

Zu Zeiten der DDR waren Recherchen zu diesem Gebiet Sache einiger weniger Personen; das Thema wurde nicht in die Öffentlichkeit gebracht. Der Truppenübungsplatz Ohrdruf war zudem von russischen Einheiten besetzt und wurde erst Anfang der neunziger Jahre geräumt.

Man kann nur Interesse an etwas zeigen, was man weiß. Einerseits wissen einige Behörden sicherlich nicht viel aufgrund der schwierigen Dokumentenlage. Allerdings kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass einige Stellen zumindest etwas ahnen. Ob man allerdings in Zeiten knapper Kassen Ahnungen nachgeht, bleibt abzuwarten. Ich kann im Moment nur so viel sagen, dass u. a. von mir einige Behörden über gewisse Dinge in Kenntnis gesetzt worden sind.

Getan hat sich allerdings bis heute nichts, möglicherweise ist man mit den weitergegebenen Informationen völlig überfordert. Freilich kann es auch sein, dass man einfach nichts wissen will. Ich höre immer wieder das Argument, dass eine mit dem Dritten Reich verbundene Diskussion in Bezug auf dieses Gebiet Investoren abschrecken würde.

Eine interessante Meinung, steht sie doch im völligem Gegensatz zu der sonst öffentlich vorgetragenen Behauptung unserer Staatsoberhäupter, Geschichte müsse aufgearbeitet werden.

Diese gibt es. Und sie zeigen, wie erschreckend ahnungslos die deutsche Historikerschaft ist. In einem im Jahre 1966 in Frankreich erschienenen Buch weiß ein kommunistisch orientierter Autor zu berichten, dass das streng geheime Fernraketenprojekt unter SS-Kontrolle „bei“ Ohrdruf realisiert wurde. Unter SS-Hauptsturmführer Schorz erfolgte die unterirdische Realisation der A9/10-Fernrakete im direkten Auftrag Himmlers, wozu auch Häftlinge des KZ Buchenwald eingesetzt wurden.

Diese Information passt übrigens zu Informationen Eugen Kokons, der in seinem Werk über Konzentrationslager schon vor Jahren darauf hinwies, dass 10.000 Häftlinge des KZ Buchenwald in gewaltigen Stollenanlagen für eine streng geheime V-Waffen-Produktion bei Ohrdruf arbeiteten.

Neu sind auch Zahlen der bei allen Bauvorhaben eingesetzten Häftlinge. Wahrscheinlich wurden die ersten von ihnen schon 1935/36 für Arbeiten herangezogen. Die bisherigen Vermutungen, 25.000 bis 30.000 Menschen hätten hier gearbeitet, sind nicht mehr zu halten. Neue Quellen sprechen von 56.000 bis 65.000 Personen, was meines Erachtens sehr viel realistischer ist.

Ich möchte an dieser Stelle all jenen danken, die uns geholfen haben. Ohne diese Personen wäre es unmöglich gewesen, Licht ins Dunkel der Geschichte zu bringen. Mittlerweile sind weltweit Entwicklungen angelaufen, die die Wahrheit ans Licht bringen und aufzeigen werden, dass die Technologiegeschichte des Dritten Reiches, wie sie bisher beschrieben wurde und in den Lehrbüchern steht, ihrer interessantesten Facetten beraubt wurde und damit unvollständig ist.

(Quelle: Arnschter Heimatbrief; herausgegeben vom Freundeskreis Arnstadt / 46. Ausgabe – November 2001)