Miss Baba – Abenteuer einer indischen Elefantenkuh

von Wolfgang Zimmermann, Museen der Stadt Gotha, 1982

Menagerien

Das Bedürfnis des Menschen, Wildtiere in Gefangenschaft zu halten, geht weit zurück. Aus China bereits um 1150 v. d. Ztr. bekannt, ist Tierhaltung auch bei den Assyrern sowie den Römern überliefert und für Europa seit dem Mittelalter belegt. Im Kloster St. Gallen bestand im 10. Jahrhundert ein Tierzwinger. Der naturkundige Staufenkaiser Friedrich II. gründete mehrere Menagerien. Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts existierten an vielen Fürstenhöfen solche Sammlungen lebender Tiere als Ausdruck des Macht-und Repräsentationsbedürfnisses. Besonders das Zeitalter des Barock gab dieser Liebhaberei nie gekannten Aufschwung. Segelschiffe führten häufiger denn je zuvor Forschungsreisende in ferne Länder. Sie kehrten mit neuen Kenntnissen über Land und Leute, über Naturprodukte, Bodenschätze, bis dahin nie gesehene Pflanzen und Tiere zurück, ja sie brachten immer häufiger solche Organismen tot oder lebend nach Europa.

Die Anlage von Naturalienkabinetten und botanischen Gärten wurde geradezu Mode, schließlich auch bei wohlhabenden Bürgern, und wissensdurstige Gelehrte nutzten sie. Ludwig XIV. besaß um 1660 eine berühmte Menagerie in den Gärten von Versailles. Seinem Vorbild folgten andere absolutistische Herrscher Europas. Aus Thüringen sind fürstliche Menagerien für Hildburghausen um 1720 und Weimar-Belvedere ab 1724 bekannt. Um 1850 gründete der Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha mehrere kleine Tiergärten.

Bereits seit Ende des 18. und vor allem zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden diese Hofmenagerien von stärker wissenschaftlich orientierten bürgerlichen Gründungen abgelöst Als älteste Zoos im modernen Sinne gelten der Tiergarten Wien-Schönbrunn aus dem Jahre 1752 und der Jardin des Plantes in Paris von 1792. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts folgten Gründungen in London, Antwerpen und Berlin.

Frühzeitig kamen Geschäftssinnige darauf, mit lebenden Tieren zum Gelderwerb durch die Lande zu ziehen. Bärenführer, Gaukler und Komödianten gingen im 17. und 18. Jahrhundert von Stadt zu Stadt, um einem sensationshungrigen Publikum fremdländische Tiere zu präsentieren. Freilich vegetierten die „Pfleglinge“ in diesen Wandermenagerien unter Bedingungen, die mit sachgerechter Tierhaltung selten etwas gemein hatten, doch wen kümmerte das damals? Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Wandermenagerien gelegentlich bereits gezielt der Volksbildung nutzbar gemacht, wie am Beispiel des Salzmann‘schen Philanthropin nachgewiesen wurde.

Repräsentatives Mitglied einer solchen Wandermenagerie war auch die Heldin unserer Geschichte, eine indische Elefantenkuh. Ihr Besitzer zog mit seinen Tieren zu Beginn des Jahres 1857 nach Apolda, vielleicht weil er sich auf provinziellen Pfaden das sicherste Geschäft erhoffte. Denn die Glanzzeit der wandernden Tierschauen schien in jener Zeit bereits vorüber.

Das Leben des uns interessierenden Elefanten liegt weitgehend im Dunkeln. Wir wissen nicht auf welch‘ abenteuerlichen Wegen er aus seiner indischen Heimat nach Europa kam, und wo überall hin ihn die Wandermenagerie führte. Jedenfalls bestand der Sinn seines Erdendaseins zweifellos darin, sich wieder und wieder bestaunen zu lassen.

Erst mit dem Jahre 1854 nimmt sich die historische Überlieferung dieses Dickhäuters an, was für einen Elefanten allerdings bemerkenswert genug erscheint. Bekannt ist, dass die Wandermenagerie, der dieser indische Elefant angehörte, Eigentum eines Herrn Kreutzberg war. Zufällig hatte das Gothaer Naturalienkabinett mit dem Schausteller einige Jahre vor den hier zu schildernden Ereignissen geschäftliche Beziehungen. Sie versetzten uns unverhofft doch noch in die Lage, das letzte Stück des Lebensweges jener Elefantenkuh zu rekonstruieren. In einem Direktionsbericht vom 26. September 1854 heißt es unter anderem:

Bey Anwesenheit des Menagerie-Besitzers G. Kreutzberg mit einem Theile seiner Menagerie während des hiesigen Vogelschießens (Anzeige derselben in der Gothaischen Zeitung vom 21. August, ingleichen vom 28. August) hatte Herr Dr. Hellmann die Bekanntschaft des Besitzers gemacht.“

Der Aufenthalt ist ferner durch Anzeigen der Gothaischen Zeitung vom 27. und 28. August dokumentiert. Miss Baba wird darin nicht erwähnt. Entweder gehörte sie in dem Jahr noch nicht zum Tierbestand oder sie war mit dem zweiten Teil der Menagerie andernorts im Einsatz. Vielleicht erschien sie Kreutzberg aber auch nicht werbewirksam, weil sich zur gleichen Zeit eine andere Menagerie, die von C. W. Schmidt, dem hochverehrten Publikum mit seinem Afrikanischen Riesen-Elefanten anzeigte. Es geht aus dem Bericht weiter hervor, dass die Kreutzbergsche Menagerie später in München und Magdeburg gastierte. Von dort erhielt das Gothaer Museum Haut und Skelett eines Löwen sowie eine Antilope. Schließlich belegen zwei hier aufbewahrte Briefe Kreutzbergs Schaustellungen 1854 in Leipzig und 1856 in Dresden.

Erste Elefanten in Europa

Nach geschichtlicher Überlieferung nutzte der karthagische Feldherr Hannibal im Jahre 218 v. u. Z. bei seiner berühmten Überquerung der Alpen und anschließenden Invasion Roms 37 Elefanten. Es sollen überwiegend Afrikaner, Hannibals Reitelefant allerdings ein Inder gewesen sein.

Bei C. Nissen findet sich der Hinweis, dass Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen möglicherweise bereits während des 13. Jh. in seinem Tiergarten einen Elefanten hielt.

Wann die ersten Vertreter dieses größten Landsäugetieres der Erde nach Mitteleuropa gelangten, dürfte kaum noch mit Sicherheit feststellbar sein. Auf der Leipziger Messe wurden schon in den Jahren 1650, 1668 und 1692 Elefanten gezeigt.

Für die Hofmenagerie des Landgrafen Ludwig ist aus Darmstadt mit Nachricht vom Jahre 1697 ebenfalls ein Elefant bekannt. In all diesen Fällen handelte es sich vermutlich um die indische Art. Der erste Afrikanische Elefant eines Zoologischen Gartens soll um 1864 in Antwerpen gehalten worden sein.

Wenn die Anzeige in der Gothaischen Zeitung vom Jahre 1854 auf Wahrheit beruhte, wäre der darin genannte Vertreter dieser Art ein wesentlich früherer Beleg.

Miss Baba

Auf einen so wohlklingenden Namen hörte die indische Elefantendame; deren tragikomisches Ende in den frostigen Februartagen anno 1857 unmittelbar bevorstand.

Die Nacht vor der Abreise aus Apolda hatte sie ihr Besitzer in der Ritterstraße bei Madame Burkhardt einquartiert. Es muss wohl ein Lehmbau gewesen sein, denn noch der Überlieferung drückte Miss Baba des Nachts mit ihrem gewichtigen Hinterteil eine Wand ein und tat sich an dem dahinter befindlichen Haufen Runkelrüben gütlich, was ihr zum Verhängnis werden sollte.

Zunächst verzögerte sich die Weiterreise, weil mit der Apoldaer Wittfrau Einigung über die Begleichung des angerichteten Schadens erzielt werden musste. Doch schließlich konnte der Tiertransport in der folgenden Nacht, Miss Baba an der Spitze, die Stadt verlassen. Buttstädt war das nächste Ziel, wo unsere Elefantenkuh wiederum als große Attraktion auszustellen beabsichtigt war.

Man hatte noch nicht viel des Weges zurückgelegt, als sich beim Elefanten infolge des maßlosen Nachtmahles üble Koliken einstellten. Wenn wir dem Chronisten Glauben schenken, musste Miss Baba, zum Schutz gegen vorzeitige Neugier ihrer später höchst erwünschten Betrachter als „Tarnkappe‘ einen Bretterverschlag mit sich tragen. Just in Niederroßla bei der Brücke schwanden dem Tier die Kräfte dermaßen, dass sein Eigner die Geschäftsinteressen vergaß und den schweren Käfig entfernte, natürlich in der Hoffnung, die Hauptstütze seiner Existenz würde es ihn durch wiedergewonnene Vitalität lohnen. Doch weit gefehlt - alle Bemühungen blieben vergeblich.

Schon stellten sich Helfer aus dem Orte ein. Es war gerade Fastnacht, so heißt es in der Niederroßlaer Chronik, was Wunder, dass eben zu später Stunde eine Schar feucht-fröhlicher Leute vom heimatlichen Gesangverein den Dorfkrug verließ und sich tatenfroh, schnell mit Stöcken und Stangen bewaffnet, am Dickhäuter zu schaffen machte. Die vom Dorfschulzen zugeflüsterte Parole, man müsse das todkranke Tier um jeden Preis über die Ortsgrenze bringen, weil anderenfalls der Gemeinde Schadenspflicht drohe, tat weitere Wirkung. Da half kein Lamentieren des Elefantenbesitzers. Miss Baba wurde weiter vorangequält, mit Stockschlägen und Geschrei, und als die Straße nach Wersdorf steiler wurde, begehrte sie nochmals wild auf, tat sich nieder und den letzten Schnaufer. Soweit die lebendig-effektvolle Schilderung des Herganges, wie er durch mündliche Überlieferung den Niederroßlaern gegenwärtig ist. Wir müssen vermuten, dass die Zeit schmückendes Beiwerk hinzufügte.

Das spektakuläre Geschehen bewegte damals nicht nur die Niederroßlaer Gemüter. Thüringische Gazetten berichteten darüber in erstaunlicher Ausführlichkeit:

Apoldaisches Wochenblatt Nr. 14, Jahrgang 1857 Montag 16. Februar:
Apolda 15. Februar. Soeben wird die Leiche einer sehr gewichtigen Miss durch die Straßen unserer Stadt nach dem Bahnhof geführt. Es ist der Riesen-Elephant, Miss Baba, welcher zwei Tage lang hier gezeigt wurde und gestern Nacht von hier nach Buttstädt geführt werden sollte, um auf dem dasigen Jahrmarkt in der Kreutzberg ‘schen Menagerie ausgestellt zu werden. Der Transport geschah der Sicherheit wegen Nachts, wie gewöhnlich in einem großen Wagen, in welchem der Elephant ging. Gerade diese Vorsicht hat jedoch einen Unfall veranlasst. Als nämlich der Wagen von dem Wärter und dem Führer begleitet, nach Niederroßla kommt, fällt es einigen, wahrscheinlich nicht ganz nüchternen Einwohnern ein, den Elephanten in seinem Behältnis zu necken und mit Laternen unter den Wagen zu leuchten. Man sagt sogar, dass er auf den Rüssel geschlagen worden sei. Das Thier scheint darüber erschrocken zu sein, geräth in Wuth und zertrümmert den Wagen. Jedenfalls hat es sich hierbei ein Gefäß zersprengt; denn es stürtzte zusammen und bleibt auf der Stelle todt. Der Körper soll noch Berlin geschafft werden, woselbst die Haut ausgestopft und das Skelett im Museum aufbewahrt werden wird, da das Thier eines der größten seiner Art war.“

Auch die Weimarer Zeitung vom 20. Februar und die Gothaische Zeitung vom 21. Februar 1857 nahmen sich des Ereignisses an. Letztere enthält unter anderem den Hinweis: „Der Körper, 80 Centner schwer, ist nach Jena geschafft worden.“

Der Transport erfolgte also aus Sicherheitsgründen in der Nacht. Miss Baba musste ihren Käfig nicht tragen, sondern ging in einem bodenlosen Wagen, den sie - wodurch auch immer verursacht – in Schmerz und Erregung zertrümmerte. Uns erscheint es heute durchaus glaubhaft, dass dabei die tödliche Verletzung eintrat.

Ein weiterer zeitgenössischer Bericht schildert den Hergang anders.

Deutschland. Allgemeine politische Zeitung mit Tage- und Gemeindeblatt. Nr. 46 Dienstag, den 24. Februar 1857:
Der unweit Niederroßla verendete Elephant Miss-Baba, der vor seiner Abführung nach Jena viel Zulauf hatte, ist nach Aussage eines Thierarztes am Milzbrand gestorben. Er hat schon früher gekränkelt, der Tod ist nicht durch Trunkenheit von Bewohnern Niederroßla‘s und angebliche Misshandlungen herbeigeführt worden. Denn er stürzte ¼ Stunde hinter Niederroßla volle zwei Stunden nach Beleuchten und zertrümmerte dabei den Wagen, nachdem er schon, ehe er Niederroßla erreichte, Blutspuren auf der Straße hinterlassen hatte.“

An gleicher Stelle, Nr. 47, heißt es dann am Mittwoch, dem 25. Februar 1857:

Die Redaktion empfing heute folgende Zuschrift: In der heutigen Nummer Ihres Blattes ist die Nachricht enthalten, dass ein Thierarzt über den bei Niederroßla umgekommenen und nach Jena transportierten Elephanten sich dahin geäußert habe, das Thier sei dem Milzbrand erlegen. Bei der hohen Tragweite einer solchen Ansicht in sanitätspolizeilichen Betrachte mag hier wenigstens die Bemerkung am Platze sein, dass in Heusinger‘s großem Werke über die Milzbrandkrankheiten ein vollständiges Register über alle Thierarten enthalten ist, bei denen jemals der Milzbrand beobachtet wurde, der Elephant aber in diesem Register nicht genannt wird. Dr. Th.“

Elefantenkitzler aus Kitzelbach

Die tote Miss Baba entschwand, wie wir einem zeitgenössischen Bericht entnehmen konnten, den Augen der Niederroßlaer gen Apolda und wäre wohl bald ganz vergessen worden, hätte nicht der mit ihrem Verlust gestrafte Menageriebesitzer alles darangesetzt, aus dem Vorfall letztes Kapital zu schlagen. Er ging in Jena vor Gericht und verklagte die Sänger wegen ihrer nächtlichen Tätlichkeiten. Sie hätten, so gab er zu Protokoll, den Tod seines Elefanten mit Schlägen und Geschrei verursacht. Miss Baba sei darob in übermäßige Erregung geraten und ergo „apoplektisch“ verschieden. Deshalb verlange er Schadensersatz. Die Aufregung war verständlicherweise nun auf Seiten der Sänger. Mancher hielt es gar für erforderlich, öffentlich erklären zu lassen, er habe mit der Angelegenheit nichts zu tun.

Sei es wie es wolle, ob Nervenschock, Milzbrand oder Runkelrüben-Kolik, wir können und wollen den Verlauf des „Elefanten-Prozesses“ von 1857 durch neueste „Entdeckungen“ nicht mehr beeinflussen, weder mit den Hinweisen in Tageszeitungen jenes Jahres, noch mit solchen, die sich jetzt in den Archivalien des Museums der Natur in Gotha fanden.

Interessant ist in diesem Zusammenhang aber dennoch, dass nach bereits zitiertem Direktionsbericht vom September 1854 sowie zwei Briefen des Menagerie-Besitzers Kreutzberg das Unternehmen nachweislich wiederholt Tierverluste zu beklagen hatte, was bei den völlig unzureichenden klimatischen Bedingungen einer offensichtlich ganzjährig herumziehenden Menagerie freilich kein Wunder war. Im Jahre 1854 starben mindestens ein Löwe und eine „Antilop“ sowie 1856 der „größte Gieraffe‘, letzterer „ist an Erkältung auf der Reise gestorben“!

Das nährt unseren Verdacht, auch der Elefant könnte infolge Unterkühlung krank gewesen sein und die „Kitzelei“ nur noch das Tüpfelchen auf dem i bedeutet haben. Aber 1857 zählte natürlich das Urteil des Sachverständigen und der Richter.´Von Jena war der Prozess dem Landgericht in Weimar übertragen worden, und dem lag ein Gutachten vor. Der Veterinär, sicher auf der Höhe tierärztlicher Kunst seiner Zeit, hielt es für zweifelsfrei erwiesen, dass der Elefantentod von der Übermahlzeit herrührte. Das genügte dem Gericht, es wies nach zweijährigem Instanzenweg die Klage zurück und entschied, die Prozesskosten seien durch beide Parteien gemeinsam zu tragen. Die Sängerschar soll 1859 von der Verhandlung in Weimar freudig und siegesbewusst heimgezogen sein. In ihrem Tagebuch steht vermerkt: „7 TIr. 2 gr. 2 Pf., halber Betrag zu den Kosten des Elefantenprozesses.“

Der Elefantentod hatte in der Umgebung beträchtlich Eindruck gemacht. Im Apoldaischen Wochenblatt und Apoldaischen Mittwochsblatt erschienen noch im Februar und März anno 1857 mehrere „Gedichte“ über Miss Baba, unter anderem das folgende:

Elegie auf den Tod des Elephanten

Schlummre sanft! Im Lenze Deines Lebens
Riß der Tod gewaltsam Dich dahin,
Ohn geachtet Deines regen Strebens,
Schonungslos, Dich, Wüstenherrscherin.
Heil sei Dir! Du wirktest nicht vergebens,
Tausende nennen Deinen Heldensinn.
Diese Tausend, BABA, sieh, sie trauern,
In den Herzen scheinst Du fortzudauern.
I.K.

In den gleichen Zeitungen wurden durch Apoldaer Laientheater zwei große Aufführungen des „Elephanten-Sturzes bei Niederroßla“ angekündigt und die Musikalienhandlung F. LAUTH empfiehlt „das Elephanten-Lied für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte und der Guitarre.“

Kurzum, Miss Baba hatte das provinzielle Kulturleben beflügelt und so ganz nebenbei die Niederroßlaer populär gemacht.

Als lautbar wurde, die Sänger hätten während des Elefantenprozesses ihre Tätlichkeiten gegen den Dickhäuter mit der Bemerkung bagatellisiert, es habe sich doch bestenfalls um eine Kitzelei gehandelt, war es geschehen.

Schnell machte sich die Öffentlichkeit die kleine Eulenspiegelei zu eigen. Spöttelnd nannte man fortan die Niederroßlaer „Elefantenkitzler“ und wer den Ort meinte, sprach schmunzelnd von Kitzelbach. Besonders die Apoldaer verspotteten ihre dörflichen Nachbarn unter Verwendung dieser Namen, wogegen jene sich zunächst nur durch Handgreiflichkeiten glaubten wehren zu können.

Doch die Thüringer sind von Natur aus lustige Leute und die Niederroßlaer im besonderen. Schon nach kurzer Zeit erkannten sie, wie heiter und ulkig ihre Geschichte ist, vergaßen die Zwistigkeiten und hielten sich selbst zum Narren. Letzteres vermögen, wie jeder weiß, nur gescheite Leute!

Miss Baba, niemand ahnte damals, was aus ihr geworden war, hatte Niederroßla zu einer Originalität verholfen, die auf ihre Weise ganz einmalig ist. Doch darüber wird später zu berichten sein.

Miss Baba‘s Einzug in den Musentempel

Die Gothaische Zeitung vom 21. Februar 1857 erwähnte unter anderem, der Elefant sei von Apolda nach Jena geschickt worden. Nehmen wir also die Spur wieder auf. Tatsächlich hatte das Anatomische Institut der Jenaer Universität den Kadaver gekauft, weil am Schädel und an weiteren Skelettteilen Interesse bestand. Erst kürzlich war nach einer Anfrage beim Phyletischen Museum der Friedrich-Schiller-Universität von Herrn Kustos Dr. D. v. Knorre zu erfahren, dass sich dort noch heute Knochen eines weiblichen indischen Elefanten befinden. In den alten Vermehrungsbüchern des Anatomischen Institutes fand er in der Rubrik „Skelete von Saeugethieren“ die Eintragung „Elephas indicus L. fern.“ und unser Gewährsmann meint, diese müsse um 1860 erfolgt sein. Es spricht jedenfalls alles dafür, dass es sich um die Gebeine unserer Miss Baba handelt, wenngleich der sichere Beweis fehlt.

Über das weitere Schicksal von Miss Baba‘s sterblicher Hülle im äußerlichen Sinne des Begriffes sind wir durch Berichte in den alten Akten des Naturalienkabinettes (jetzt Museum der Natur) in Gotha unterrichtet. Was da vermerkt wurde, ist ebenso kurios wie heiter und lässt uns aus heutiger Sicht erneut schmunzeln.

Am 20. Junius 1857 hat Herr Dr. Falke in Jena an Herrn Dr. Hellmann die Frage gestellt, ob man von der Haut dieses (indischen) Elephanten für das hiesige naturhistorische Museum Gebrauch machen könne und was man dafür zu zahlen geneigt sey“. „Herrn Dr. Hellmann lag alles Mögliche daran, die Pachydermen ) wenigstens in e i n e r Hauptgattung vertreten zu wissen.

Der Kustos hatte bereits 1855 versucht, einen Elefanten zu erwerben. W. H. Ewald  hielt das in einer Notiz fest:

Am 12. August Abends hat mir Dr. Hellmann angezeigt, dass ihm der Menagerie-Besitzer Charles, dermalen zu Wiesbaden, die telegraphische Nachricht habe zukommen lassen, sein Elefant sey gestorben. Er verband mit dieser Anzeige die Anfrage, ob er für den todten Elefanten 100 Taler bieten dürfe.“

Direktor Ewald entschied, Hohmann „solle dem Herrn Charles Einhundert Thaler für den Elephanten-Cadaver unter der Bedingung bieten, dass derselbe dort gut abgezogen auch das Knochengerüst vorn Fleisch befreit werde.“

Doch aus unbekannten Gründen kam der Kauf nicht zustande. Um so größer war nun das Interesse an Miss Babas Haut. Hellmann teilte dies Dr. Falke in Jena umgehend mit, der wiederum seiner Freude über das zu erwartende Geschäft brieflich Ausdruck gab. Die Haut „sey tüchtig mit Alaun getränkt und getrocknet“ versicherte er, „sehen Sie sich diese nun gefälligst an oder lassen Sie es thun, damit sie schon hier als brauchbar erkannt werde. Dafür nehmen wir Ihr Gebot von fünfundzwanzig Thalern an.“ Was für ein kulanter Preis im Vergleich zu dem früheren Wiesbadener Vorschlag

Am 5. Juli reiste A. Hellmann mit dem Präparator E. Mädel nach Jena, wo man sich handelseinig wurde. Laut Eintragung im Journal (Mus. not. Gotha cat 60) holte ein Pferdegespann des Herrn Seyfarth die Elefantenhaut für 7 Thaler ab - Miss Balsa ging wieder auf Reisen!

In Gotha gab es in der folgenden Zeit wegen der präparationsmäßigen Aufstellung des Elefanten ein endloses Hin und Her, wohl vor allem deshalb, weil Direktor Ewa!d eigenmächtig gehandelt hatte und sich „seine Durchlaucht“ übergangen fühlte. Köstlich, wie Ewald in den beiden folgenden Berichten versucht, seinem Mitarbeiter Hellmann gerecht zu werden, gleichzeitig aber um die Gunst des „Landesherrn“ bemüht ist.

Wir haben heute Vergnügen an dem geschraubten, untertänigen Stil von anno 1857 in einer letztlich doch ganz banalen Sache.

Gotha, den 17. August 1857

Unterthänigster Bericht der Herzoglichen Direction der friedensteinischen Sammlungen, die Aufstellung eines Elephanten betreffend Anliegend: Ein Grundriß

Euer Hoheit geruhen gnädigst, Sich brieflich vortragen zu lassen, dass sich Gelegenheit dargeboten hat, eine Elephantenhaut zu dem sehr mäßigen Preise von fünfundzwanzig Thalern zu erwerben, diejenige der im Februar dieses Jahres bei Niederroßla apoplectisch gestorbenen Miss Baba. Innerhalb des Zimmers des Naturalien-Cabinet‘s ist für die Aufstellung des Thieres kein Raum, wohl aber auf dem Vorplatz von dem Zimmer der Petrefacten.

Auf dem anliegenden Grundrisse, um dessen Zurückgabe ich zugleich unterthänigst bitte, ist der gedachte Vorplatz, welcher zur Aufstellung des Elefanten dienen könnte, mit einem No bezeichnet. Indem ich unterthänigst darauf anfrage, dass Euer Hoheit gnädigst geruhen möchten zu gestatten, dass der Elephant innerhalb des auf dem Grundrisse mit No bezeichneten, durch eine Bleistiftlinie abgeschlossenen Raume aufgestellt werden könne, sehe huldreichster Entschließung ich in tiefster Verehrung entgegen.

Herzogliche Direction der friedensteinischen Sammlungen

Wilhelm Heinrich Ewald“

Aller Untertänigkeit zum trotz schwieg „Seine Hoheit‘, und Direktor Ewald sah sich veranlasst, am 23. August erneut vorstellig zu werden.

Es ist in dem unterthänigsten Berichte vom 17. dieses Monats, dessen Abgabe sich inzwischen zufällig einige Tage verzögert hat, der Kauf einer Elefantenhaut für hiesiges Naturalien-Cabinet angezeigt und um gnädigste Erlaubnis gebeten worden, das ausgestopfte Thier auf dem Vorsaale des Petrefactenzimmers aufzustellen. Eine andere Stelle ist dazu nicht vorhanden. Obgleich sich schwerlich die Gelegenheit darbieten wird, eine Elefantenhaut zu dem Preise von 25 Thalern zu kaufen, so müßte die Aufstellung, könnte sie dort nicht geschehen, unterbleiben.

Da die Haut, welche jetzt in der Eichelschen Lederfabrik in Wasser liegt, unausgestopft verderben würde, so müßte dann darauf gedacht werden, sie zu verkaufen. Nach vorläufig eingezogener Erkundigung ist dazu Aussicht vorhanden, und zwar wenn die Gelegenheit nicht benutzt wird, ohne Verlust. Natürlich macht jeder Tag der Aufbewahrung in der hiesigen Lederfabrik einige Kosten. Indem ich daher unterthänigst anfrage, ob E. H. die Aufstellung des Elefanten auf dem bezeichneten Vorplatze gnädigst genehmigen oder zum Verkaufe der Haut geschritten wissen wollen, und um alsbaldige höchste Entscheidung bitte, sehe ich selbiger in tiefster Verehrung entgegen.

Director der friedensteinischen Sammlungen Ewald“

Die „höchste Entscheidung“ fiel endlich zu Gunsten von Miss Baba aus. Doch Dr. Hellmann hatte inzwischen ohnehin Tatbestände geschaffen, die einen anderen Beschluss kaum zuließen.

Direktor Ewald berichtete resigniert seinem Fürsten, nachdem er am 14. August Hellmann bereits zugestimmt hatte und dafür offensichtlich gerügt worden war:

Ich wiederrief solche am 16. August, aber das Holzgerüste war bereits auf dem Vorplatze des Naturalien-Cabinets (vor dem Zimmer der Petrefacten) aufgestellt.“

So hielt Miss Baba Einzug in den Musentempel.

Missglückte Entführung und Heimkehr

Auf dem Vorplatz des „Naturalien-Cabinets“ stand Miss Baba bis zum Jahre 1879, dem Zeitpunkt der Fertigstellung des Herzoglichen Museums im Gothaer Schlosspark, dem jetzigen Museum der Natur. Dort fand sie dann im prunkvollen Vorraum einen bevorzugten Platz, der von ihr nun für die Dauer eines Menschenalters behauptet wurde. Es sah sehr nach Endgültigkeit aus. Erst im Jahre 1945 kam wieder Bewegung in unsere Geschichte und in Miss Baba.

Dr. H. Motschmann erzählte und schrieb, die amerikanischen Besatzungstruppen hätten Gefallen an unserem Dickhäuter gefunden und Anstalten gemacht, ihn als „Souvenir“ über das große Wasser gen Westen zu entführen:

Von seinen Liebhabern zum Güterbahnhof transportiert, stellte sich schon dort dem Großsäuger das erste Hindernis in den Weg: Er war viel zu hoch und dazu noch unbeugsam, um den vorgesehenen Waggon beziehen zu können. Der Mangel war schnell behoben: die vier Beine wurden abgesägt und gingen getrennt auf die weite Reise. Die fand freilich schon in Ohrdruf, wo sich die Truppe sammelte, ihr vorzeitiges Ende. Für einen ganzen Elefanten samt Beinen war kein Platz im Reisegepäck zu organisieren, und so musste das gute Stück samt Zubehör in Ohrdruf zurückbleiben, nur die beiden Stoßzähne wurden demontiert und gingen als kostbares Elfenbein mit in den „goldenen Westen!“.

Das entspräche zugegebenermaßen nordamerikanischer Mentalität, weshalb auch gerade diese Episode in jüngster Zeit gern aufgegriffen und literarisch verbreitet wurde, wiederholt von thüringischen Lokalblättern und letztlich 1980 durch Renate Hoffmann in der „Weltbühne“. Doch ergaben unsere Nachforschungen, dass gerade der „Elfenbeinraub“ nicht auf Wahrheit beruht.

Tatsächlich ließ sich in einer Rundfunkzeitschrift aus dem Jahre 1950 ein Hinweis finden, der den geschilderten Vorgang glaubhaft macht. Unter der Überschrift „Ein Elefant ohne Beine“ wird für den 15. Januar eine Sendung zur Museumsreform in Thüringen angekündigt, worin es unter anderem heißt:

Ein ausgestopfter (Elefant) allerdings, dem man alle vier Beine abgesägt hatte, um ihn transportieren zu können, begegnete uns bei einer Museumsreportage in Ohrdruf‘.

Miss Baba ist also tatsächlich in der kleinen Stadt im Kreis Gotha gewesen zum Zeitpunkt der Reportage im dortigen Schloss. Eine Rechnung der Gothaer Transportfirma Wagner belegt die Rückführung in das Gothaer Museum für den 6. Februar 1950. Nur hatte er bei diesem Ausflug ebensowenig echte Stoßzähne wie zuvor.

Wie bereits zu lesen war, gelangte 1857 nur die Haut nach Gotha, Miss Baba hat also hier immer eine hölzerne „Prothese“ getragen. Das wird durch ein Zitat aus Direktor Ewald‘s Berichten untermauert, wo es heißt:

Bemerken will ich noch, dass Dr. Hellmann gewünscht hat, den Schädel des Elefanten zur Nachbildung zu erhalten. Dies ist ihm verweigert, jedoch angeboten worden, den Holzkopf in Jena durch den Meister Zollmann fertigen zu lassen. Er verlangt dafür, wie aus Falkes Brief vom 25. Juli hervorgeht, 9 -10 Thaler.“

Schließlich muss man wissen, dass beim asiatischen Elefanten die Weibchen häufig gar keine Stoßzähne, höchstens aber ganz kümmerliche Rudimente besitzen!

Miss Baba war jedenfalls 1950 nach kurzem Ausflug wieder in ihr „Heimat-Museum“ zurückgekehrt.

Beim Neuaufbau der Gothaer naturwissenschaftlichen Sammlungen in den folgenden Jahren entstand eine größere Zahl noch heute von den Museumsbesuchern bewunderter Dioramen (Lebensgruppen), in denen Tiere in der ihnen gemäßen, nachgebildeten Landschaft vor gemaltem Hintergrund präsentiert werden. In einem dieser Dioramen, das den indischen Dschungel eindrucksvoll imitiert, sollte Miss Baba zu neuen Ehren kommen. Doch wurde sie von höherer Instanz, der damaligen Fachstelle für Heimatmuseen, nicht für würdig befunden, wissensdurstigen Museumsbesuchern unserer Zeit als Prototyp ihrer Gattung vorgestellt zu werden. Dies war, Miss Baba möge es uns nachsehen, allerdings wirklich bedenkenswert. Nahezu 100 Jahre hatte das Elefantenmädchen seinerzeit bereits als Präparat überdauert, und die Ansprüche auf Naturtreue waren eben beträchtlich gewachsen. Kurzum, indische Tiger nahmen ihre „Planstelle“ ein, und Miss Baba wurde, trotz aller Verdienste, ins Depot verbannt, wo der von ihrer Fülle beanspruchte Raum genaugenommen durch wissenschaftlich bedeutendere Bestände benötigt worden wäre. Die Historie beeilte sich, dem Dilemma beizustehen. Unsere junge Republik ging in ihr achtes Jahr, und wir zitieren wieder Dr. Motschmann:

Aus heiterem Himmel bekam das Museum den Brief eines Herrn Trillhase aus Niederroßla bei Apolda mit der Ankündigung des 100. Elefantenfestes daselbst und der Bitte um Ausleihe des Gothaer Exemplars für den Festzug, der als Gipfel der Veranstaltung geplant war. Zur Begründung war dem Brief der Hinweis beigefügt, dass beim Veranstalter des Festes, dem Gesangverein der „Elefantenkitzler“ zu Niederroßla, das Erinnern an den Gothaer Elefanten nach lebendig sei, dem zu Ehren man jetzt das 100-jährige Fest begehe.“

Platzmangel hier und Bedürfnis dort - welch glückliche Fügung! Die Antwort fiel entsprechend generös aus. Nicht nur Leihgabe. entschied die damalige Museumsdirektion, Umsetzung auf Dauer sei das Angebot!

Den Niederroßlaern war das natürlich recht, und so kehrte Miss Baba im Mai 1957 für immer, wie es schien, an den Ort zurück, wo 100 Jahre zuvor ihr apoplektisches Ende ein traditionsreiches Dorffest eingeleitet hatte.

Ländlich-heitere Traditionen

Ganz und gar einmalig dürfte sein, dass ein Elefant einem Dorf den Anlass zu geselliger Tradition gegeben hätte. Wie wir bereits lasen, verständigten sich die Niederroßlaer schon bald nach den aufregenden Februartagen von 1857 darauf, das Geschehen lustig zu sehen und heiter zu nehmen. 50 Jahre später feierten sie 1907 ein Elefantenfest. Daran nahmen mit Friedrich Sänger (76-jährig) und Friedrich Hergt (82jährig) noch zwei echte „Elefantenkitzler“ teil. An der Stelle, wo Miss Baba im „Elefantental“ ihr Leben aushauchte, wurde eine Linde gepflanzt. Das Ereignis blieb ihnen im Bewusstsein, denn 1932 wurde die 75. Jubelfeier zelebriert. Dort, wo die inzwischen 25jährige Linde sich bereits zu einem richtigen Baum entfaltet hatte, setzte man Miss Baba einen Gedenkstein.

Im Jahre 1957 schließlich gestaltete sich der 100. Jahrestag zu einem nie erlebten Höhepunkt. Unter den Bedingungen des sozialistischen Dorfes wurde ein Volksfest im besten Sinne des Wortes möglich. Auf dem Dorfanger enthüllten die „Kitzelbacher‘ ein hübsches Elefantendenkmal. Verhandlungen wegen der Rückführung von Miss Baba nach Niederroßla hatten zu freundschaftlichen Beziehungen zwischen dem Volkschor Niederroßla und dem Museum geführt.

Die Sänger statteten zweimal der Stadt Gotha und seinem Naturkundemuseum Besuche ab, und als das große Fest am 15. Juni 1957 eröffnet war, befanden sich die damaligen Mitarbeiter unter den Gästen. Dr. H. Motschmann war also Augenzeuge des Geschehens. Ihm verdanken wir die folgende Schilderung seiner Eindrücke:

Das Fest aber, das in Niederroßla zu ihren Ehren stattfand, war eine ganz große Sache! Mehrere tausend Besucher waren aus Ort und Nachbarschaft, besonders dem nahen Apolda, eingetroffen. Buden waren aufgestellt, Karusselle und Volkstänze belebten den Festplatz, Bratwürste legten ihren landeseigenen Duft über das ganze Gelände, und strahlender Sonnenschein sorgte mit der unvermeidlichen Siedehitze dafür, dass schon gegen 2 Uhr nachmittags, ehe es überhaupt richtig losgegangen war, das Bier restlos ausgeschenkt war, das den ganzen Tag reichen sollte. Mit Jubel wurde der Nachschub aus Apolda begrüßt, und dann kam auch schon der Kernpunkt des ganzen Festes, der feierliche Einzug des „Circus Charles“ in Niederroßla. 

Und was hatte der kleine Ort nicht alles auf die Beine gebracht! Turner, Tanz- und Jugendgruppen, Musikkapellen und Zirkusbesucher in der alten Tracht zogen an den jubelnden Zuschauern vorüber, dann kam der „Direktor Charles“ persönlich mit seiner Gattin im Zweispänner und Kostüm der Zeit. Ihm folgte eine groteske Schar aufgeputzter Artisten und das Getier des Zirkus, Affen dabei und Löwen in handgenähten Fellen und mit erschräcklichen Pappköpfen, mit denen sie kreischend und brüllend in die dichten Ketten der Festgäste hineinrasten. Dann aber kam, worauf alle warteten:
Miss Baba, der Zirkuselefant! In ihrer ganzen Pracht und Fülle stand sie auf dem Tieflader, bunte Schabracken indischer Art herrlich um Haupt und Glieder, auf dem Nacken einen braunhäutigen „Inder“ mit dem obligatorischen Stachel zum Antreiben, von dem er eifrig Gebrauch machte.“

Das möglichst bunte Bild eines Festumzuges ließ aus der Menagerie Kreutzberg den „Zirkus Charles‘ werden, aber das brauchte nach 100 Jahren niemanden stören.

Wer heute nach Niederroßla kommt, begegnet allenthalben der Tradition. Von der Linde im „Elefantental‘, dem Gedenkstein und dem Denkmal war bereits die Rede. Es gibt dort ein Gasthaus „Zum Elefanten‘, die neue Wetterfahne auf dem Burgfried des alten Schlosses lässt die Silhouette eines Elefanten erkennen, und die jüngsten Niederroßlaer nennen im Kindergarten eine Rutsche ihr eigen, die Elefantengestalt trägt.

Mehrere Generationen machten sich in den vergangenen 125 Jahren um die Pflege der Tradition verdient. Robert Müller, Robert Denstedt und Otto Freiberg waren Mitgestalter des 50jährigen Jubiläums, Otto Freiberg, Gustav Rudel, Hugo Freiberg, Fritz Tittel und Arno Müller förderten das 75jährige Fest. Adolf Trillhase und Bruno Kalkoff gelten als die besonders Aktiven zur 100. Elefantenfeier und Fritz Ehrlich hielt durch sein Engagement das Geschehen bis in jüngste Zeit dem Bewusstsein der Öffentlichkeit lebendig. Diese Männer seien stellvertretend für alle Niederroßlaer genannt, die sich wieder und wieder mit Begeisterung zur Verfügung stellten.

Immer war der Volkschor tragende Kraft, fühlte sich dem Lausbubenstreich der Altvordern verpflichtet. So wie einst Moritaten-Gesänge zu den Spötteleien beigetragen hatten, machte ein von Dr. Theodor Hlouschek aus Weimar komponiertes Lied das Geschehen jetzt wieder weithin bekannt. Im Jahre 1980 verkündete der Niederroßlaer Volkschor in der Fernsehsendung „Alles singt“ vielen Zuschauern in der DDR, „Wir sind die Kitzelbacher Sänger“, und die alte Miss Baba befand sich dabei mitten unter ihnen. Das wird im Juni 1982 aus Anlaß des 125. Eletantenfestes wieder so sein. Der legendäre reisefreudige Elefant, von 1957 bis 1979 auf einem Niederroßlaer Speicher sicher verwahrt, zwischenzeitlich optischer Mittelpunkt einer Sonderausstellung im Gothaer Museum der Natur, kehrt dazu abermals an den Ort zurück, wo im Jahre 1857 sein Erdenleben endete und seine Geschichte begann.

Nie zuvor, scheint uns, hat ein Dickhäuter noch nach dem Tode so derart viel bewirkt wie Miss Baba, die indische Elefantenkuh der Wandermenagerie Kreutzherg.

Miss Baba‘s museale Bedeutung

Einen Elefanten zu präparieren, gehört auch in der Gegenwart zu den schwersten Aufgaben des Dermoplastikers. Sicher liegt es unter anderem darin begründet, dass nur wenige Museen der Welt über solche verfügen. Tierpräparate, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden, erfüllen hinsichtlich Haltung und Ausdruck selten die später zunehmenden Anforderungen. Das gilt daher auch für unseren Elefanten.

Anderseits muss aber der im Jahre 1857 von A. Hellmann und E. Mädel in Gotha unternommene Versuch als Pioniertat gewertet werden. Miss Baba stellt, ungeachtet aller Mängel, ein Dokument zur Geschichte der Zoologischen Präparation und der Museumskunde dar. Der Rat der Gemeinde Niederroßla und das Museum der Natur Gotha kamen deshalb überein, den Umsetzungsvertrag von 1957 aufzuheben und das alte Elefantenpräparat wieder in Gotha zu bewahren.