Das Rote Schloß

von Ludwig Bartning

Im Fürstenhause wohnte Herzog Karl August zwei Treppen, Herzogin Luise eine Treppe hoch. „Die junge Herzogin war heute oben, ganz in Gestalt und Wesen eines Engels“, heißt es einmal in Goethes Briefen an Frau v. Stein, und ein andermal: „Der Herzog lässt mich und Wedeln hier oben sitzen und steht (unten) hinter Ihrem Stuhle, schwör’ ich.“

Wenn man dort oben ans Fenster trat und auf die Stadt hin blickte, hatte man zu allernächst das Küchegebäude des Fürstenhauses, denn diese Küche lag, nicht eben bequem, auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Doch größer vorgelagert waren, dies Küchengebäude in die Mitte nehmend, zwei Flügel des „Roten Schlosses“, beide von Norden nach Süden gerichtet; der westliche dem Marktplatze zugekehrt, der östliche nach der Bibliothek zu abbiegend. Auf unserem Bildern sehen wir nur den westlichen Flügel, der heute noch steht; auf dem Hauptbilde erscheinen links einige Häuser am Markte, im Hintergrunde Stadtkirche und Gymnasium. Solange wie Karl August um Fürstenhause wohnte, war hier im westlichen Flügel das Hofmarschall-Amt untergebracht; 1803 kam an dessen Stelle die „Regierung“, d. h. die Justizverwaltung; 1815 war auch die „Landesdirektion“ hineinverlegt. In dem auf unserem Bilde nicht mehr sichtbaren anderen Flügel war viele Jahre die Geheime Kanzlei, der Bertuch und nach ihm Weyland vorstand, und auch die Zeichen-Akademie untergebracht. Goethes Landsmann Kraus war erster Direktor dieser Akademie, Klauer einer seiner Gehilfen, und Goethe selber trug hier im Winter 1781 / 82 zweimal wöchentlich die Anatomie des Menschen vor, ganz frisch, wie er sie eben von Prof. Loder in Jena gelernt hatte. Hier übten sich in besonderen Stunden auch Erwachsene, Damen und Herren vom Hofe, und Goethe sprach gern vor, wenn er Frau v. Stein im Zeichensaale wußte.

Im Jahre 1808 wurde dieser östliche Flügel niedergerissen; die Zeichenschule, die nun Heinrich Meyer leitete, siedelte ins Fürstenhaus über. Goethes Vorschlag ging schon seit Jahren dahin, eine Reihe ansehnlicher Wohnhäuser von der Hauptwach-Ecke bis an die Bibliothek zu führen, so daß der Fürstenplatz gegen Norden und der Platz vor dem Schlosshofe gegen Süden abgeschlossen worden wären. Sein Plan drang jedoch nicht durch; es wurde vielmehr freie Bahn vom Schlosshofe bis zum Fürstenhause und dem Parke geschaffen. Während dieser Arbeiten von 1808 wurde unser Bildchen auf S. 38 angefertigt. Dem Roten Schlosse gab man dann einen kleinen dreieckigen Hof zurück; nach Osten zu wurde er durch Holzställe geschlossen, deren Rückwand nach außen aber ganz stattlich aussah. Ein Teil davon fiel dann wieder im Sommer 1910; das ‚Gelbe Schloß’, in dem die Finanzräte hausen, wuchs nach dieser Seite hin. An der verbleibenden Wand steht über einem Brunnen in einem zu Lauchhammer ausgeführten Abgusse die antike „Ildefonso-Gruppe“, die verschiedentlich gedeutet wird. Ihr erster Platz war am Parkeingange oberhalb der Bibliothek.

Gelbes Schloß,

Einfahrt der Wilhelmsburg, Hauptwache, Schlossgasse



Das ‚Gelbe Schloß’ (zur Rechten unseres Bildes) war, wie das Rote, zuerst ein fürstlicher Witwensitz; die Gemahlin von Johann Ernst dem Dritten bekam dies Schloß 1704. Eine Freitreppe führte damals zu prächtigen Zimmern und Sälen. Schon, 1774 zog die ‚Kammer’ in einigen Räume dieses Gebäudes; ein anderer Teil bleib noch Jahrzehnte hindurch „fürstlichen Dienern“ und ihren Hinterbliebenen als Wohnung zugewiesen. Rätin Kotzebue und ihr Sohn August Kotzebue gehörten zu ihnen. An das Gelbe Schloß grenzte damals ostwärts ein Bürgerhaus. Hier mietete sich Wilhelm v. Wolzogen, Schillers Jugendfreund und Schwager, 1797 ein; nach seinem Tode (1809) blieb seine Witwe, die berühmte Dichterin, hier wohnen, etwa bis 1825.

Vom Residenzschlosse zeigt unser Bild jenen noch heute unversehrten Teil, der schon zur alten Wilhelmsburg gehörte. Die Torfeste ist in ihren einzelnen Gebäuden von 1430 bis 1560 erbaut; der Turm ist 1730 erneuert, aber in seinem Unterbau viel älter.

Gleich bei der Brücke, die über den Burggraben in das Torgebäude führte, stand die Hauptwache. Neben und hinter ihr lag ein Hof und Garten, die zu einem alten Ritterhause gehörten; wir sehen davon auf unserem Bilde gerade noch einen Baum und ein Stück Hofmauer. Wer 1776 durch das geöffnete Hoftor ging, konnte im Hause zu den Zimmern des Legationsrats Goethe emporsteigen. „Er hat sich“, schrieb Wieland an Merck am 25. März 1776, „ein Haus gemietet, das wie eine kleine Burg aussieht, und es macht ihm großen Spaß, daß er mit seinem Philipp ganz allein sich im Notfalle etliche Tage gegen ein ganzes Corps darin wehren könnte.“ Doch zog Goethe erst zu Johanni 1776 hier ein und Ostern 1777 schon wieder aus; er brachte auch in diesen dreiviertel Jahren nur wenige Zeit hier zu, denn er hatte sich ja sehr bald nach dem Mieten dieser ersten Stadtwohnung ein Gartenhaus gekauft.

Nach einem Brande 1835 ward hier viel geändert. Die Wache ward eingerissen und auf jener Stelle größer wieder aufgebaut, wo einst Wolzogens wohnten. Der Garten, der hinter der alten Wache dem Westflügel des Schlosses gegenüber lag, ward eingezogen; er hatte schon viele geärgert, denn er gehörte zuletzt einem Schornsteinfeger, der seine und seiner Gesellen nicht sehr saubere Wäsche darin zu trocknen und zu sömmern pflegte. An Stelle dieses Gartens und der alten Wache ward nun der ‚Burgplatz’ mit hübschen Schmuck-Anlagen geschaffen. Das Haus, in dem Goethe gewohnt hatte, bekam nun seinen Ausgang auf diesen Platz hinaus. Auf seinem vormaligen Ausgange und Hofe ward einen Konditorei erbaut. Ihr erster Wirt war Mämpel, zu dessen Kriegserinnerungen Goethe 1826 das Vorwort geschrieben hat. Hinter dem Burgplatze gabelt sich die Schlossgasse; nahe ihrer Mündung in der Kaufstraße steht das alte Haus des Palmenorden (1617). Zu Herders Zeit hatte das Oberkonsistorium darin seinen Sitz; um 1806 wohnten hier der Prinzenerzieher Ridel und seine Frau, eine Schwester von Werthers Lotte. Im Nebenhause unterhalb mietete sich Kotzebue zeitweilig ein.

Im Spätjahre 1804 führte der Erbprinz eine Gemahlin ins neue Schloß: Maria Pavlowna, die Schwester des russischen Kaisers. Die ‚Großfürstin’ brachte Pracht und Reichtum mit. Das junge Paar bezog den kurzen Westflügel und die daran grenzenden Räume des Mittelflügels; später ließ die Großfürstin den Westflügel durch einen neuen Bau verlängern, bis zu dem Resten der alten Wilhelmsburg hin, die man seit 1803 ‚Bastille’ zu nennen liebte. Bauten von 1835 bis 40 berührten sich dann mit solchen von 1439. Schließlich enthielt das Residenzschloß 11 Keller, mehr als 20 Treppen, 12 Korridore, etwa 30 Vorplätze, 30 Kammern, 3 Kabinette, 100 Zimmer und 7 große Säle. Karl August wohnte ein Vierteljahrhundert in diesem Schlosse. Als er gestorben war, stieg seine Witwe mit zwei Enkelkindern, dem nachmaligen Großherzog Karl Alexander und der nachmaligen Kaiserin Augusta, zu den Zimmern, die ihr Gatte bewohnt hatte, empor, um Abschied zu nehmen. Dann verließ sie das große Schloß und begab sich zurück ins Fürstenhaus, das ihr in jungen Jahren die Heimat gewesen war. Zwei Jahre lebte sie dort noch.

(Quelle: „Damals in Weimar“ von Dr. Wilhelm Bode, Weimar 1912, Verlag von Gustav Kiepenheuer)