Der sächsische Bruderkrieg 1446 – 1451

von Dr. Hans-Joachim Kessler

Weder dem Grafen von Wettin, noch den Markgrafen von Meißen und schon gar nicht den sächsischen Kurfürsten und Herzögen war es vergönnt, dass ein Chronist einen so bedeutungsvollen Satz in ihre Annalen schrieb, wie dies für das Haus Habsburg geschah: „Bella gerant allii! Tu, felix Austria, nube!“ - „Kriege führen mögen die anderen! Du glückliches Österreich, heirate!“

Acht Jahre nach dem 1451 geschlossenen Frieden von Naumburg betreibt Kaiser Maximilian jene in der Folge so geschickte Politik für die Dynastie der Habsburger, die für die sächsischen Landesherren weder verständlich noch praktikabel erscheint. Sie suchen ihren Platz in der Geschichte immer wieder zum Nachteil ihrer Ländereien bei denen, die da „Kriege führen mögen.“ Familiäre Zwistigkeiten, Streitigkeiten um Erbschaftsangelegenheiten, Missverständnisse und der fatale Einfluss verhängnisvoller Ratgeber werden zur Kehrseite der glanzvollen Geschichte des sächsischen Herrscherhauses.

So auch nach dem Tode Kurfürst Friedrichs des Streitbaren, 1428. Dieser erhielt bekanntlich durch König Sigismund 1423 als Dank für seine Verdienste im Kampf gegen die Hussiten die Kurwürde verliehen. Die Mark Meißen und die Landgrafschaft Thüringen, die wichtigsten Besitzungen der Wettiner, werden jetzt unter dem Kurfürstentum Sachsen zusammengefasst, wenn auch hier mehr von einem administrativen Konglomerat als von einer homogenen Landmasse gesprochen werden muss. Dessen unbeachtet und im Zuwachs der politischen Macht auch durch das „Berggeschrei“ im Erzgebirge erheblich an wirtschaftlicher Bedeutung gewinnend, beginnt Kursachsen im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation eine beachtliche Stellung zu erlangen.

Und genau in diesem Moment tritt der sechzehnjährige Prinz Friedrich II. das Erbe seines streitbaren Vaters an.

Friedrich, den spätere Generationen den Sanftmütigen nennen werden, regiert zunächst bis 1436 für seine minderjährigen Brüder Heinrich, Sigismund und Wilhelm mit. Und anfangs scheint die Intention der Habsburger, durch eheliche Bande kluge Politik zu führen, durchaus den Neigungen der Kursachsen zu entsprechen, und vom möglichen Liebreiz der Österreicherinnen unterstützt zu werden. Gleich zweimal wird „angebandelt“! Friedrich der Sanftmütige hält um die Hand der Margarethe von Österreich an, und Herzog Wilhelm wirbt mit Erfolg um Anna von Österreich. Doch was zunächst wie eine glückliche Fügung des Herzens aussieht, erscheint auf den zweiten Blick schon als geschicktes kursächsisches Operieren, denn das Werben und Verbandeln mit der Donau-Dynastie sichert den Herren über das Land zwischen Elbe und Werra einen der guten Plätze im Reigen der deutschen Kurfürsten. Denn sie alle, die weltlichen und die geistlichen „Wahlmänner“ des Kaisers, wollen gleichviel, wenn aller möglich, doch etwas mehr als die anderen, zu sagen haben im Reich, und dafür ist eine einflussreiche und mächtige Verwandtschaft natürlich der beste Garant.

Zum Verdruss der Kurfürsten bleibt ihnen jedoch der Alltagsärger nicht erspart, und der heißt nicht nur latente Rivalität untereinander, sondern immerwährender und mit den unterschiedlichsten Mitteln ausgetragener Kleinkrieg um die Macht im eigenen Haus und im eigenen Land. In Kursachsen wollen die Städte, und Altenburg ist dafür ein nahezu klassisches Beispiel, schon lange nicht mehr so, wie es denn der Landesherr gern möchte. Und die aufstrebenden Städte machen auch gegen den ihnen immer wieder Mühsal bereitenden Ritteradel mobil. Dieser wiederum sieht sich auch Attacken durch den Landesherren ausgesetzt (man denke nur an Kunz von Kauffungen, der hier noch eine Rolle spielen wird) und versucht seine Position nicht nur zu halten, sondern auszubauen. Und nichts ist dazu besser geeignet als mehr oder weniger haltbare Verbündnisse. Im Thüringischen sind die Herren von Schwarzburg und von der Gleichen Meister im Schmieden von Verbündnissen und die Grafen von Stollberg und Mansfeld stellen ihnen kaum nach.

So buntscheckig die Landkarte des sächsischen Kurfürstentums ist, so vielgestaltig erscheinen uns auch die unterschiedlichen, zum großen Teil konträren Interessen in dem durchaus mächtigen Land. Und vor dieser nun alles andere als erfreulichen Situation steht der sechzehnjährige Kurfürst und gleichzeitig in der Pflicht, die Ansprüche und Interessen seiner unmündigen Brüder zu wahren. Die an sich schon äußerst komplizierte Situation spitzt sich durch die permanente Bedrohung von Seiten der Hussiten zu. Ihre große Kriegsreise unter dem Kommando Prokops verheert nicht nur die Mark Meißen und lässt dabei Alt-Dresden in Rauch und Flammen aufgehen. Der Zug erreicht sogar das Magdeburgische, um dann kehrt zu machen und letztlich auch Allenburg in bekannter Weise heimzusuchen.

Acht Jahre dauert die alleinige Regentschaft Friedrichs des Sanftmütigen an. In dieser Zeit stirbt Prinz Heinrich, und Prinz Sigismund tritt in den geistlichen Stand. Bei der darauffolgenden gemeinschaftlichen Regierung Friedrichs des Sanftmütigen und Herzog Wilhelms bleibt dem älteren Bruder der Kurkreis vorbehalten. 1440 kann der Besitz der beiden Brüder noch weiter arrondiert werden, denn durch den Tod Friedrichs des Friedfertigen, Landgraf von Thüringen, erlischt eine wettinische Nebenlinie, und der Besitz des Fürstenhauses ist für geraume Zeit wieder vereinigt.

Und genau zu diesem Moment beginnt ein verhängnisvolles Spiel, das zeitweise die Bewegenden zu Getriebenen werden lässt.

Im kurfürstlichen Dienst stellen Apel und Busso von Vitzthum, Angehörige eines aus Apolda stammenden Rittergeschlechtes, das hier als Vicedomini bekannt wurde. 1444 verlässt der kurfürstliche Hofmeister Apel von Vitzthum seinen Dienstherren Friedrich den Sanftmütigen, um in den Dienst des jugendlichen Herzogs Wilhelm zu treten. Die Gründe für diesen Dienstwechsel sind unbekannt. Um Herzog Wilhelm scharen sich als Räte nun Busso und Apel von Vitzthum, Bernhard von Kochberg und Friedrich von Witzleben. Mit unterschiedlicher Intensität bedrängen sie den jungen Wilhelm, berichten ihm von angeblicher Misswirtschaft des Bruders und versuchen, ihn zur Landesteilung zu bewegen. Listig rät Apel von Vitzthum seinem jungen Herren, er möge doch „mit vielen Leuten, Trompetern und Pfeifern nach Altenburg und Rochlitz reisen, um das Land und die Städte zu besichtigen“. Natürlich soll diese Reise kein Vergnügen werden. Der raffinierte Ohrenbläser will den ungeliebten Gegner der möglichen Misswirtschaft überführen, zumindest aber kräftig Zwietracht säen.

Mehr noch. Apel von Vitzthum schlägt dabei dem unerfahrenen Herzog vor, er solle doch den ihm zustehenden Besitz endlich für sich in Anspruch nehmen und schließlich teilen, wählen aber soll dabei sein Bruder Friedrich. Hintergrund dieses durchtriebenen Vorschlages ist, dass bei der Teilung durch Herzog Wilhelm die Vitzthume nicht Gefahr laufen, auch nur geringe Teile ihres Besitzes in den Ländereien des Kurfürsten wiederzufinden.

Mit der in Altenburg 1445 vollzogenen Teilung der wettinischen Lande scheint zunächst der Plan des Apel von Vitzthum aufzugehen. Die meißnischen, osterländischen und thüringischen Stadtrechnungen werden als Berechnungsgrundlage für den Teilungsvertrag genutzt. Doch schon die Tatsache, dass das Kurland um Wittenberg nicht geteilt werden darf, bringt selbst den Versuch, die Teilung halbwegs gerecht zu vollziehen, zum Scheitern. Weiterer Ärger ist im Hause Wettin also vorprogrammiert. Er folgt auch prompt und massiv. Zum einen gründet Herzog Wilhelm ein Schutzbündnis, dem natürlich auch die Vitzthume angehören. Dieses Verbündnis soll mögliche, aus der Teilung erwachsende Gefahren abwehren. Wer hier Weitsicht hat wallen lassen, ist nicht eindeutig zu klären. Die befürchtete Gefahr zeigt sich, als Kurfürst Friedrich nicht, wie erhofft, die Mark Meißen, sondern die Landgrafschaft Thüringen wählt. Helles Entsetzen bei den Vitzthumen! Mit allen Mitteln versuchen sie, das Blatt zu ihren Gunsten zu wenden. Vergebens! Auch der in Halle unternommene Versuch, die Teilung zu revidieren, scheitert, und der Altenburger Schied wird wirksam.

Doch Apel von Vitzthum dürfte nicht er selbst sein, wenn er nicht alle Register ziehen würde, um Ärger und Zwist zu erzeugen. So rät er, natürlich wohlmeinend, der Kurfürstin Margarethe, nicht mehr mit ihrem Gatten zu verkehren, da dieser krank sei. Dass in dieser immer mehr von Intrigen verseuchten Atmosphäre der Zwist zwischen den beiden Brüdern eskalieren muss, liegt auf der Hand. Bereits im März 1446 kursieren im Kurfürstentum Gerüchte über einen bevorstehenden Krieg. Schauplatz für die sich rasant zuspitzende Situation ist nun das nächtliche Altenburg! Der Ritter von Obernitz, verfehdet mit Herzog Wilhelm, überfällt am 26. August 1446 die nachtschlafende Stadt, denn auch die Verwandtschaft des Befehdeten kann ja nach altem Recht mit allem nur möglichen Unbill überzogen werden. Nur, in diesem Fall erscheint das alles etwas eigenartig, denn die Fehde zwischen Obernitz und Herzog Wilhelm ist beigelegt! Der Streit scheint jetzt zum Vehikel zu geraten, um dem Kurfürsten eins auszuwischen, denn fast parallel dazu nutzt auch der Kurfürst einen Konflikt für seine Zwecke aus.

Der Bischof von Naumburg übt gemeinsam mit dem Kurfürsten die Herrschaftsrechte über Freyburg und Mücheln aus. Der Bischof wiederum liegt mit Herzog Wilhelm in erbittertem Streit, aus dem alsbald eine unheilvolle Fehde erwachsen soll. Zwangsläufig machen Bischof und Kurfürst gemeinsam Front gegen Herzog Wilhelm, und dieser setzt in dem zu erwartenden Kampf auf eine Streitmacht von 1.204 Berittenen, 1.419 Knechten und sieben Geschützen.

Am 11. Oktober wird Altenburg Aufmarschgebiet für das Truppenkontingent des Kurfürsten. Dies sammelt sich auf den Kaiserwiesen, vermutlich in der Pleißenaue bei Mockern. Der Heerzug, zu dem auch Kunz von Kauffungen gehört, bricht am 16. Oktober in Richtung Thüringen auf, um direkt in die Fehde zwischen dem Bischof von Naumburg und Herzog Wilhelm einzugreifen. Rasch wird hier deutlich, welche Dimension eine Fehde im späten Mittelalter durchaus annehmen kann. Zielorte sind zunächst Weißenfels, Auerstedt und Eckardtsberga.

Zum kursächsischen Aufgebot, das für den Bischof von Naumburg kämpft, gehören Landsknechte aus Böhmen, der Mark, Brandenburg, Halberstadt, Schlesien und Magdeburg.

Das diplomatische Geschick des Erzbischofs von Magdeburg, der mit Unterstützung aus den Herrscherhäusern Brandenburgs und Hessens schlichtend zwischen den Kriegsparteien vermittelt, bewirkt scheinbar unmögliches: bis Pfingsten 1447 sollen die Waffen schweigen!

Doch schon zu Beginn des Jahres 1447 sammeln sich erneut Truppen unter Friedrichs Flagge bei Altenburg, Torgau, Grimma und Dresden, um in einer Stärke von 1.700 Mann zu Fuß sowie 795 Reitern in die neu aufflammenden Kämpfe zwischen den verfeindeten Brüdern einzugreifen. Herzog Wilhelm, immer mehr in Bedrängnis geraten, ruft böhmische Truppen unter dem Kommando Peter von Sternbergs ins Land. Dessen ungeachtet wird zwischen den Kontrahenten im Februar 1447 erneut ein Waffenstillstand ausgehandelt, der ebenfalls bis Pfingsten gelten soll. Während Kurfürst und Herzog, zumindest im Augenblick, dem Wort gegenüber den Waffen den Vorzug geben, werden die Länder beider immer mehr von „arbeitslosem“ Kriegsvolk heimgesucht. Eine zusätzliche Belastung erwächst dabei durch die Böhmen, die von Peter Sternberg befohlen, nun ebenfalls im Lande sind. Ein Ausweg scheint für den Herzog ein Feldzug im Dienste des Erzbischofs von Köln, anlässlich der sogenannten Soester Fehde. 12.000 Mann zu Pferd und zu Fuß kämpfen dabei für den Erzbischof gegen die Stadt Soest. 1448 ist, abgesehen den üblichen „Raufereien“, ein relativ ruhiges Jahr. Zwar bringen die „Lausitzer Irrungen“ - eine Fehde zwischen Kurfürst Friedrich dem Sanftmütigen und Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg - wieder Kriegsgeschrei, doch das geschundene Land zwischen Elbe und Werra wird davon kaum berührt.

Diese scheinbare Ruhe täuscht jedoch. Mitten in Thüringen zündelt es bereits wieder. Die Grafen von Schwarzburg rüsten zum „Hauskrieg“, der jedoch, weil er von einer dem Kurfürsten nahestehenden Partei auf der einen Seite und der dem Herzog verbundenen Gruppierung auf der anderen Seite getragen wird, sehr rasch die Gefilde um Burg und Stadt Königssee überschreitet.

Thüringen geht einer Kakistrophe entgegen! Im Frühjahr 1450 erklären Teile des böhmischen Adels unter Führung von Georg Podiebrad dem sächsischen Kurfürsten die Fehde. Dieser sucht Unterstützung bei mit Podiebrad verfeindeten böhmischen Rittern. Georg Podiebrad hat aber bereits ein Verbündnis mit Herzog Wilhelm, dem Kurfürsten von Brandenburg und dem Herzog von Bayern geschlossen. Zwischen denn sächsischen Kurfürsten Friedrich II. und dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich II. - beide sind übrigens miteinander verschwägert - bestimmt der Fehdekrieg anlässlich der „Lausitzer Irrungen“ die Beziehungen. Und zu allem Übel verbünden sich nach der Schlacht bei Brüx am 13. Juni 1450 die bis dahin verfeindeten Parteien der Böhmen.

Die Zeichen für Kursachsen stehen auf Sturm. Ein geringer Anlass genügt, um ein Heer unter Kurfürst Friedrichs Fahnen am 21. Juni bei Altenburg sammeln und in Richtung Thüringen aufbrechen zu lassen. Westlich von der Stadt Erfurt toben Kämpfe, in deren Folge zahlreiche Orte zerstört werden. Die Erfurter selbst unterstützen nach anfänglichem Zögern den Kurfürsten, in dessen Gefolge auch Kunz von Kauffungen mitzieht.

Herzog Wilhelm konzentriert seine Operationen auf das Gebiet zwischen Pleiße und Weißer Elster, um sich auf Gera zurückzuziehen. Ausfälle nach Borna Geithain, Lichtenwalde und Chemnitz sowie die Erstürmung der Rochsburg und der Burg Gnandstein bestimmen den Kriegsverlauf, der im September durch Friedensverhandlungen gestoppt werden soll. Doch zu dieser Zeit ist Georg Podiebrad bereits auf großer Kriegsreise in Richtung Kursachsen.

Von Prag kommend, ziehen die 20.000 Böhmen über Brüx, Dux, Osek nach Gottleuba und Pirna, um dann in Dresden einzufallen. Ihr Zug führt dann nach Lommatzsch, Döbeln, Mittweida, Borna in Richtung Pegau, um sich hier mit dem Aufgebot Herzog Wilhelms zu vereinen und auf Gera zu marschieren. Altenburg entgeht nur knapp einem Angriff durch die Böhmen!

Zwischen dem 13. und 15. Oktober kommt es dann zur Schlacht bei Gera, in deren Folge die Stadt durch die Böhmen völlig verwüstet wird. Kurfürst Friedrich reagiert nur sehr zögernd und entsetzt die belagerte Stadt in sehr ungenügendem Maße.

Die Folgen dieses Kampfes mögen Anlass für die einsetzenden Friedensbemühungen sein. Am 12.Januar 1451 beginnen in Naumburg die Verhandlungen für einen dauerhaften Friedensschluss.

Der hier nur skizzenhaft geschilderte „Sächsische Bruderkrieg“ findet, gemessen an seinen Folgen, in der Geschichtsschreibung nur recht geringes Interesse. Die Aufmerksamkeit, die dem aus diesem verhängnisvollen Krieg resultierenden Prinzenraub zuteil wird, erscheint dagegen unverhältnismäßig groß.

Nachdenklich stimmt, dass in den folgenden Jahrzehnten zwei mittelbar Beteiligte an diesen Zeitläufen, die Prinzen Ernst und Albrecht, wenn auch mit anderen Vorzeichen, so dennoch fast die gleichen Fehler in ihrer Herrschaftsausübung begehen wie jene, die letztlich zum Anlass für den Bruderkrieg wurden.

Quelle: „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 1996“, E. Reinhold Verlag Altenburg