Die Kernberge

Von allen Höhen, die Jena rings umgeben, ist - oder sind - sie die inter­essanteste und merkwürdigste, und zwar in mehrfacher Hinsicht. Schon die Schwierigkeit bei der Formulierung des vorstehenden Satzes zeigt es: Der Berg kommt sprachlich - seinen zahlreichen Einbuchtungen ge­schuldet - im Plural vor, obgleich er doch nur ein einziger ist. Früher hießen die Kernberge einmal Johannisberg — und noch anders, sie hatten viele Namen, in alten Schriften und Karten festgehalten.

Etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts verfertigte Albrecht Carl Seutter einen „Prospect der Fürstl. Residenz und berühmten Universitaet Stadt lena....", auf dem die Kernberghöhen mit „Welnizerberg", Töpelsberg", „Jehnerberg" und „Kerbe" bezeichnet werden.1 Adrian Beier vermeldete 1626: „Der Welnizer- oder Wölmüsserberg ... wird auch genennt der Penikenberg, vom Wässerlein Penike ..."2 An anderer Stelle heißt es: „Der Töpelsberg liegt zwischen dem Haus- und Welnitzer-Berg, wird auch genennet der Jehnerberg, unter welchem liegt das Jehnerthal, hat seinen Nahmen von einer Grufft und Loche, welches die Anwohner nennen bald Töpfelsloch ... bald Töpelsloch ... bald Teuffelsloch ..."3

Friedrich Christian Schmidt berichtet hundert Jahre später von den Teufelslöchern. Er schreibt, dass sie an dem Weg nach Wöllnitz am Fuß des Johannisberges gelegen seien. Zuvor bemerkt er bereits: „Der Johan­nesberg ... ist eigentlich nur ein großer Berg, der aber durch verschiedene tiefe Einschnitte das Aussehen von mehreren Bergen bekommt ..."4

Johann Ernst Basilius Wiedeburg nennt 1785 beide Namen nebenein­ander: „... Auf diese Töppels- oder Johannisberge, welche eine herrliche Aussicht geben, kommt man am bequemsten über Ziegenhayn ..." oder ,,... die mit den Johannis- oder Töppelsbergen zusammenfließende Wöllnitzer Berg-Kett ..."5

Welche Vielfalt der Bezeichnungen, welches Durcheinander! Doch das hörte vor 200 Jahren auf: Um 1800 änderte sich der Name, ganz plötz­lich trat die Bezeichnung „Kernberge" auf. Zu dem Zeitpunkt brachte F. C. Güssefeld eine Karte heraus, auf der „Die Kern Berge" eingezeich­net sind, und im selben Jahr beschrieb August Johann Georg Carl Bätsch den „Kernberg" als einen großen, breiten, viereckigen Berg, von dem,,... die Höhe der Seiten in steilen, wilden Kalkhügeln emporstarrt ..."6. Es folgt eine Beschreibung der Ränder dieses Kernbergs und jedes einzel­nen seiner zahlreichen „kegelförmigen Hügel".

Die Namensänderung erfolgte demnach innerhalb von 15 Jahren. Was veranlasste sie? Wurde sie amtlicherseits verfügt? - Einer der alten Na­men zog übrigens offensichtlich auf die südlich gelegene Höhe um, die bekanntlich heute noch Johannisberg heißt.

Nun ist aber nicht nur der schnelle und konsequente Wechsel erstaun­lich - der Ausdruck selbst ist auffällig und schwer deutbar. Handelt es sich bei „Kernberge" etwa um einen Besitzernamen? Doch die Berge Jenas befanden sich, als Ganzes, nicht in Privathänden.

Beachtenswert ist, dass zunächst offenbar nur die Randhügel als „Kern­berge" gegolten haben, genauer gesagt, die drei vorderen der ins Ziegenhainer Tal hineinragenden. Ernst Piltz bezeichnet sie noch 1906 auf sei­ner „Spezialkarte der Kernberge bei Jena" ausdrücklich als „1. (2. u. 3.) Kernberg"! Noch 1930 macht Hermann Holl diese Unterscheidung.7 Auch auf der Güssefeldschen Karte sind die drei Wörter „Die Kern Berge" so gedruckt, dass man annehmen kann, er meine ebenfalls nur diese drei Vorsprünge.

In Ottmar Rommels „Tagebuchaufzeichnungen" von 18228 und auf der von C. Hoffmann 1853 fabrizierten „Specialkarte des Fürstenthums Wöllnitz" heißen diese Kernberge „Kegelberge". Auch August Batsch sprach ja von „kegelförmigen Hügeln". Vermutlich rührt die Plural­bildung des Namens von diesen drei Kegel- oder Kernbergen her. Zur Klärung des Ausdrucks „Kern" jedoch trägt die Überlegung nicht bei.

Blickt man ins Schrifttum des Mittelalters, stellt man fest, dass dort die Kernberge „Wöllmisse" genannt werden — eine Bezeichnung, die heute der östliche Teil des Bergstocks trägt. Im Geschossbuch von 1406 bei­spielsweise kommen mehrmals Weinberge über dem Teufelsloch und über dem Hainborn „an der Welmeßen"9 vor. Der „Haynborn" (Hain = ge­schützer oder geheiligter Wald) befand sich am Westabhang der Kern­berge oberhalb des heutigen Neuwöllnitz (der „Borngraben" erinnert noch an ihn). Er ist samt seinem Wasserlauf selbst auf älteren Karten kaum erkennbar, muss aber einst eine größere Rolle gespielt haben. Wahrschein­lich war er, der Name „Hain" lässt die Vermutung zu, schon in vorchrist­licher Zeit von Bedeutung, sind doch auch die nicht weit entfernt liegen­den „Teufelslöcher" ganz sicher eine Stätte uralter kultischer Verehrung gewesen. Wären sie sonst „verteufelt" worden? Und hat nicht der Sage nach dort der „verwünschte Vogelsteller" sein Unwesen getrieben?10

Ebenfalls interessant ist der Flurname „Heidenbühl", der sich an der Westflanke des Berges findet (auf Ernst Pütz' Karte fälschlicherweise „Heidenbeil") und ebenfalls schon 1406 vorkommt." Um ein Hügelgrab kann es sich hier am Hang kaum gehandelt haben. Aber vielleicht war ja einmal mehr an der Saaleseite der Kernberge — und Bergstürze haben es verschüttet? 1770 hat der letzte an dieser Stelle stattgefunden. Bei ihm sank ein Teil des „Hummelberges" in die Tiefe und deckte dabei etliche Obstgärten zu.12

Der „Hummelberg" ist der westlichste Teil des Kernbergplateaus. Auf manchen Karten wird er auch als Hummelsberg (manchmal zu Hammel­oder Himmelsberg verballhornt) bezeichnet. Mit dem Insekt Hummel hat der Name nichts zu tun. „Hummel" war einst die Bezeichnung für den Zuchtstier, das Gelände diente demnach als Weide. „Hummelberge" müssen häufig gewesen sein, denn es gibt heute noch eine ganze Anzahl Berge gleichen Namens.

Bemerkenswert ist, wie die Grenze zwischen Ziegenhain und Wöllnitz auf der Kernberghochfläche verlief. Zu letzterem Ort gehörten nämlich nur der Hummelberg und die Abhänge zum Pennickental. Wenn hier oben also früher Zuchtvieh geweidet wurde, dann vermutlich das aus Wöllnitz.

Im Gegensatz zum waldbedeckten östlichen Teil der Wöllmisse ist die Hochfläche der Kernberge waldlos, und das wahrscheinlich bereits seit frühen Zeiten. Sie wurde (und wird teilweise noch) als Weide und Acker­flur genutzt. Während Schmidt und Batsch im ausgehenden 18. Jahrhundert die Hochfläche als eine beackerte Ebene beschreiben13-14, ist in „Mey­ers Volksbücher" 1871 zu lesen: „... Das Aussehen jener Berge rührt ... von dem Umstände her, dass vier oder fünf in der Nähe liegende Ort­schaften aus unvordenklicher Zeit eine Triftgerechtigkeit auf der Höhe besitzen, welche bisher jeden Anbau gehindert hat."15 Hatte man das Be­ackern wegen der „seit unvordenklicher Zeit" bestehenden Triftgerechtig­keit (Trift = Weide) wieder sein lassen?

Der ungeklärte Name und sein plötzliches Erscheinen, die altertüm­lichen Flurbezeichnungen, die Höhle und die Quelle lassen die Kern­berge nicht so merkwürdig erscheinen wie die Tatsache, jahrhunderte­lang nur Weidefläche gewesen zu sein statt Ort für eine Burganlage oder ein Gasthaus. Die Kernberge sind die einzige Höhe in der Nähe Jenas auf dem rechten Saaleufer, die keine Gastwirtschaft, keine Feudalburg, keine Wallanlagen und keine sonstigen Siedlungsreste aufzuweisen hat! Ein so geeigneter, weit ins Saaletal vorspringender Berg ohne Zeichen längerer menschlicher Anwesenheit in vergangenen Zeiten? An diesem Saaleab­schnitt wurden einst Befestigungen für notwendig erachtet! Aber kein Burgenbauer wählte diese Stelle. War das Terrain zu weitläufig? Doch nicht einmal ein Gasthaus etablierte sich später hier, obwohl sich die Zufahrt zu ihm einfacher gestaltet hätte als zu den anderen Jenaer Berg­gaststätten. Ein Verein, die „Kernberggesellschaft", existierte allerdings, der 1906 anlässlich seines zehnjährigen Bestehens die von Ernst Pütz geschaffene Karte der Kernberge herausgab.

Einst waren die Kernberghänge kaum bewaldet. Zenker führt 1836 die Kernberge „... mit ihren nackten Höhen und vielen kleinen Schluchten..." an.16 In Johann Constantin Kronfelds Heimatkunde von 1861 liest man, dass „... die Kernberge ihre kahlen Häupter emporstrecken ..." 17 Die be­reits genannten „Meyers Volksbücher" sagen es deutlicher: „... die Kern­berge ... mit ihren nackten, fast aller Vegetation baren Höhen und Kup­pen ... sind es hauptsächlich, welche den Bergen von Jena den Ruf der Kahlheit gemacht haben ,.."18

Diese Kahlheit wurde seltsamerweise von berühmten Bürgern oder Gä­sten nicht beanstandet, im Gegenteil! Goethe soll die bewaldeten Höhen nicht geliebt, sondern es vorgezogen haben, „kahle Felspartien vor Au­gen zu haben". Ernst Haeckel sprach von „nackten, gelben Kernberge(n), deren schöne und großartige Formen z. T. in wahrhaft italienischer Far­benpracht gegen den tiefblauen Himmel sich absetzen ,.."19

Den italienischen Anblick bieten die Kernberge nicht mehr, im vori­gen Jahrhundert wurde aufgeforstet. Der „Verschönerungsverein" unter Leitung von Baurat Carl Botz war sehr aktiv in der Bepflanzung von Höhen und Hängen, so auch der Nordseite der Kernberge. Ebenfalls un­ter Botz' Regie wurde der beliebte Wanderweg „Horizontale" angelegt und ein Aussichtsplatz „Sophienhöhe" an der Nordspitze des Berges auf halber Höhe geschaffen.

Den schönsten Blick über das Saaletal hat man wohl von der oberen Horizontale aus. Den Aussichtspunkt erreicht man z. B. vom Steinkreuz aus nach einem längeren Marsch über die Kernberghochfläche. Es lohnt sich auch ein Abstecher zum ins Ziegenhainer Tal blickenden „Dietrich­stein", genannt nach der Botanikerfamilie aus Ziegenhain. Allerdings suchte ihr bekanntester Vertreter, Friedrich David Dietrich, noch nicht an den „Kernbergen", sondern an den „Wöllnitzer Bergen" und den „Kegel­bergen" nach den Besonderheiten der heimischen Flora!20

Wanderer trifft man auf diesem Weg nur selten. Die imposante Erhe­bung „Kernberge" wird von den Jenaern weniger geschätzt als alle ande­ren Berge der Umgebung, obwohl sie so interessant ist.

1 Hellmann, Stadtansichten

2 Beier, Geographus, S. 496

3 Beier, Geographus, S. 492

4 Schmidt, Histor.-mineralogische Beschreibg. d. Gegend um Jena, S. 59

5 Wiedeburg, Beschreibg. d. Stadt Jena nach ihrer Topographisch = Politisch = und Akademischen Verfassung,, S. 312, 314

6 Batsch, Taschenbuch f. topographische Excursionen, S. 52, S. 91 f.

7 Holl, Jena und Umgebung, S. 111

8 Rommel, Tagebuchaufzeichnungen, S. 35

9 Geschossbuch, S. 242

10 Vulpius, Der verwünschte Vogelsteller

11 Geschossbuch, S. 6

12 Heinrich/Lepper, Jena. Heimatkundlicher Lehrpfad, S. 58

13 Schmidt, Histor.-mineralogische Beschreibg d. Gegend um Jena, S. 56

14 Batsch, Taschenbuch f. topographische Excursionen, S. 52

15 Meyers Volksbücher, S. 9

16 Zenker, Historisch-topographisches Taschenbuch, S. 115

17 Kronfeld, Heimathskunde von Thüringen, S. 254

18 Meyers Volksbücher, S. 9

19 Schultze, Jenaische Landschaft, S. 2, S. 4

20 Dietrich, Flora Jenensis, S. 74 u. a.

(aus: Ruth F. Kallies: „Wer kennt die Plätze, weiß die Namen? – Alte Jenaer Örtlichkeiten von Alterstein bis Wöllmisse“, Jenzig-Verlag Gabriele Köhler, Jena 2001)