Zwei Jahrhunderte Jenaer Geschichte

1286 wurde mit dem Dominikanerkonvent eine erste klösterliche Niederlassung in Jena gegründet. 15 Jahre später folgten die Zisterzienserinnen. Auch das neue Kloster verdankte seine Entstehung den Herren von Lobdeburg. Diese hatten bereits rund 50 Jahre früher das Zisterzienserinnenkloster in Roda (dem heutigen Stadtroda) gegründet und dessen Nonnen in den Jahren 1295 und 1301 das Patronat über die städtische Pfarrkirche in Jena übertragen. Kurz darauf gründeten die Rodaer Nonnen in der Saalestadt ein Tochterkloster.

Der Orden der Zisterzienser wurde 1098 im französischen Cîteaux von reformwilligen Benediktinern gegründet. Diese verfolgten das Ziel, die auf Arbeit und Demut fußende Regel des Ordensgründers Benedikt von Nursia (gest. 547), mit deren Einhaltung es viele Mitbrüder längst nicht mehr so genau nahmen, wieder zur verbindlichen Richtschnur des Klosterlebens zu machen. Sie befürworteten eine strenge Askese sowie Handarbeit, lehnten jedoch mit der Regel Benedikts unvereinbare "Neuerungen" sowie die zunehmende Verweltlichung des Mönchtums kategorisch ab. Unter Bernhard von Clairvaux (gest. 1153) entwickelte sich der Orden zur einflussreichsten Gemeinschaften der abendländischen Kirche. Er stellte Bischöfe und päpstliche Legaten und besetzte wichtige Ämter an der römischen Kurie. Parallel dazu kam es zu einer rasanten Verbreitung des Ordens: Bereits 50 Jahre nach seiner Gründung gab es rund 300 Klöster, deren Zahl bis zum Ende des Mittelalters auf mehr als 700 anstieg. Die "weißen Mönche" - so genannt nach ihrer Ordenstracht, einer weißen Tunika mit schwarzem Schulteruch und Kapuze -, leisteten zudem einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung der mittelalterlichen Kulturlandschaft und Gesellschaft. Bei der Urbarmachung unfruchtbaren Landes ebenso wie bei der Produktion und Veredelung landwirtschaftlicher Erzeugnisse oder der Verbreitung der gotischen Architektur. In Thüringen kamen die Zisterzienser zuerst nach Volkenroda (1130/31), um sich im folgenden Jahrzehnt auch in Schmölln (1138 nach Pforta verlegt), Georgenthal und Reifenstein niederzulassen. Während die Klöster der Zisterziensermönche auf sechs Orte beschränkt blieben, entwickelten sich die Niederlassungen der Zisterzienserinnen zu den mit Abstand verbreitetsten Einrichtungen im Land zwischen Werra und Weißer Elster, Harz und Thüringer Wald. Sage und schreibe 42 Klöster entstanden seit 1147, als sich die ersten Schwestern in Ichtershausen niederließen. Auffällig ist, dass sich die Zisterzienserinnen - im Gegensatz zu den Mönchen - nicht in der ländlichen Einsamkeit, sondern in der Nähe von bzw. in Dörfern und Städten ansiedelten.

Vermögen war keine Schande

Die ersten Jenaer Nonnen kamen aus dem Rodaer Mutterkloster. Ebenso die erste Äbtissin, in deren Händen die Leitung des Klosters lag. Die Äbtissin sollte nach Möglichkeit die erfahrenste und am besten geeignete Schwester sein und wurde vom Konvent gewählt. In Jena entstammten 13 der 14 bekannten Äbtissinnen dem Adel. Die allerersten gehörten der Stifterfamilie an. Auch die Jenaer Nonnen, es waren nie mehr als 20, kamen überwiegend aus dem Adel der Umgebung bzw. wohlhabenden Bürgerfamilien, die zu den wichtigsten Förderern des Konvents zählten. Die in das Kloster eintretenden Mädchen bzw. Frauen mussten mindestens 18 Jahre alt und von ehelicher Geburt sein und sich bereit erklären, nach den Vorschriften des Ordens zu leben. Adlige Abkunft oder Herkunft aus vermögenden Verhältnissen war zwar keine Bedingung, dennoch wurde es durchaus gern gesehen, wenn die Eintretende ein möglichst umfangreiches Leibgedinge mit in das Kloster brachte. Die Gründe für den Eintritt in ein Frauenkloster waren vielschichtig. Neben dem inneren Bedürfnis, ein Leben als "Braut Christi" zu führen, spielten auch ganz profane Dinge eine Rolle, bspw. die lebenslange Versorgung der Frauen, denn heiratsfähige Männer waren im Mittelalter stets knapp. Der Aderlass, den die zahlreichen Fehden und Kriege, vor allem aber die Kreuzzüge forderten, war enorm. Zudem erlaubte der geistliche Stand vielen Männern keine Ehe; und deren Zahl vom Dorfpriester und Mönch bis zum Bischof war beachtlich.

Wichtiger lokaler Wirtschaftsfaktor

Obwohl es in der Umgebung Jenas bereits mehrere Zisterzienserinnenklöster gab - neben Roda waren dies Oberweimar, Berka, Eisenberg, Orlamünde, Kapellendorf, Frauenprießnitz und Petersberg - entwickelte sich der Jenaer Konvent relativ rasch zur dominierenden geistlichen Einrichtung der Stadt und zu einem bedeutenden lokalen Wirtschaftsfaktor. Daran hatten vor allem die Zuwendungen der Lobdeburger, die dadurch zeitweilig selbst in wirtschaftliche Turbulenzen gerieten, einen großen Anteil. Daneben erhielt das Kloster Schenkungen und testamentarische Zuwendungen von weiteren Adligen sowie Bürgern der Stadt, so dass es bereits im 14. Jh. zu den größten Grundbesitzern Jenas gehörte und Häuser, Weinberge, Äcker, Wiesen, Gärten, Gehölze, Teiche, Scheunen, Mühlen und ein Brauhaus besaß. Nicht nur in Jena, sondern in ca. 45 weiteren Orten überwiegend im Umkreis der Stadt. Closewitz, Cospeda, Hainichen und Löbstedt gehörten als "Klosterdörfer" vollständig dem Jenaer Konvent. Daneben erwarb das Kloster in mehreren Dörfern die niedere Gerichtsbarkeit. Außerdem waren ihm die Kirchen in Lichtenhain, Löbstedt, Hainichen, Cospeda und zeitweilig auch in Rothenstein unterstellt. Eine bedeutende Einnahmequelle waren die umfangreichen Geld- und Naturalabgaben abhängiger Bauern. Zu Beginn des 15. Jh. machten diese rund 360 Schillinge aus, womit das Kloster zu den begütertsten Lehnsherren in und um Jena gehörte. Mehrfache Bestätigungen der Besitztümer und Privilegien des Konvents durch die Thüringer Landgrafen zeigten, dass auch diese dem Kloster gewogen waren. Durch all dies hatte sich der Jenaer Konvent zu einem sehr wohlhabenden entwickelt, wenn er auch nie zu den ganz großen zählte, wie etwa das Kloster Ichtershausen, in dem 1392 sage und schreibe 85 Nonnen lebten und das zu Beginn des 16. Jh. zu den wichtigsten "Steuerzahlern" des Mainzer Erzbischofs gehörte.

Beträchtlicher geistlicher und geistiger Einfluss

Nach und nach gelang es den Jenaer Zisterzienserinnen auch das geistliche Leben der Stadt immer stärker zu dominieren. Zum Leidwesen der anderen geistlichen Einrichtungen, die sich selbst bei der Durchführung von Gottesdiensten und Beerdigungen nach dem Nonnenkonvent zu richten hatten. So durften verschiedene Vikare - bspw. der Nikolaus- und der Rathauskapelle - an Tagen, an denen in der Pfarrkirche Beerdigungsfeiern stattfanden sowie an besonderen Feiertagen keine Messe lesen. Das hatte keine theologischen, sondern wirtschaftliche Gründe, sollte doch eine mit dem Sinken der Besucherzahl einhergehende Verringerung der Opfergaben verhindert werden. Mit dem kirchlichen Leben eng verzahnt war im Mittelalter das Bildungswesen. 1309 wurde dem Zisterzienserinnenkloster die Aufsicht über die Stadtschule, die bereits seit der Mitte des 13. Jh. im Vorgängerbau der heutigen Stadtkirche untergebracht war, übertragen. Ein Recht, das den Nonnen einen erheblichen Einfluss auf das geistige Leben der Stadt aber auch viel Ärger mit dem Rat einbrachte, der sich vor allem seit der Mitte des 14. Jh. immer stärker in die Schulangelegenheiten einmischte, den Nonnen manches Zugeständnis abrang und schon bald immer öfter nach eigenem Gutdünken handelte. Dies gilt auch für die Verwaltung des ältesten bekannten Spitals der Stadt, dem "Hospital zum heiligen Geist und zu allen Heiligen", das 1319 außerhalb der Mauern der Stadt vor dem Johannistor errichtet worden war und 1353/54 an das Saaltor verlegt wurde. Die Regelung der Beziehungen des Klosters mit der Außenwelt oblag dem Propst, der von den Nonnen gewählt wurde. (Der Jenaer Rat hatte offiziell zwar keinen Einfluss auf die Propstwahl, versuchte aber auch hier - nicht ohne Erfolg - eigene Interessen durchzusetzen.) Die Jenaer Pröpste waren keine Mönche, sondern allesamt "Weltgeistliche", das heißt Pfarrer und Vikare, die aus verschiedenen Orten Thüringens stammten. Sie waren aber nicht nur für die Wirtschaftsführung und die Verwaltung des Klosters zuständig, sie vertraten die Nonnen auch in kirchlichen Dingen, waren deren Beichtväter und für die Abhaltung des Gottesdienstes im gesamten Kirchsprengel verantwortlich. Dennoch war der Nonnenkonvent dem jeweiligen Propst keineswegs "ausgeliefert". Die Äbtissin hatte das Recht, den Propst abzusetzen, was hin und wieder auch geschah, wenn die Schwestern mit der geleisteten Arbeit unzufrieden waren oder sich "Ungenauigkeiten" in der Rechnungsführung fanden. Bei Propst Johann Ballhausen, den die Jenaer Zisterzienserinnen 1470 "feuerten" und sogar verklagten, summierten sich diese allein beim Bargeld auf erkleckliche 114 Schock Groschen.

"Unordentliche" und würdige Jungfrauen

Macht und zunehmender Wohlstand bekamen auf Dauer auch den Zisterzienserinnen nicht. Vor allem im 15. Jh. wurden zahlreiche Verstöße gegen die klösterlichen Normen bekannt. Die Neigung zu üppigem Leben und die weitgehende Lockerung der Kloster- und Ordenszucht waren - selbst für Außenstehende - unübersehbar. Speise- und Kleidungsvorschriften wurden nicht eingehalten, die Schwestern vernachlässigten zunehmend ihre zahlreichen karitativen Aufgaben, verließen das Kloster wann immer sie wollten und beschäftigten schließlich sogar Dienerinnen, die für sie die niederen Arbeiten verrichteten. Der Ärger ließ nicht lange auf sich warten. 1492 wurden die Jenaer Nonnen wegen der schlechten Verwaltung der Pfarrei und angesichts ihres "unordentlichen Lebens" mit dem Kirchenbann belegt und der Abt des Erfurter Petersklosters verpflichtet, in Jena für Ordnung zu sorgen. Delikat sind einige Bestimmungen über die Äbtissinnenwahl, die kein besonders positives Licht auf den Konvent werfen und die Zustände vor 1492 zumindest erahnen lassen: So sollte ausgeschlossen werden, dass eine Totschlägerin oder eine Nonne, die "in ihrer Jugend gehurt hat" zur Äbtissin gewählt wird. Die Bemühungen des Erfurter Abtes zeigten zunächst offenbar kaum Wirkung, denn bereits wenige Jahre später mehrten sich die Klagen erneut. Einige Nonnen waren ganz offensichtlich nicht gewillt, von ihrem "unordentlichen Leben" zu lassen. So wurden 1499 auf Weisung Herzog Friedrichs einige besonders widerspenstige Schwestern aus dem Konvent entfernt und durch Nonnen aus dem Erfurter Martinskloster ersetzt. Mit durchschlagendem Erfolg. 1506 berichten die Quellen von 16 Klosterjungfrauen in einem reformierten Kloster und 1518 wird das Kloster als das "wyrdige reformirte iunckfrawenn-kloster czu Jhen" bezeichnet. So war die Reform doch noch zu einem guten Ende geführt worden.

Unterschiedliche Lebenswege

Da war die Zeit des Klosters allerdings schon fast abgelaufen, zumal ein nicht geringer Teil der Bürger schon längst den Respekt vor der Geistlichkeit verloren hatte. Diese Stimmung erreichte in den Jahren 1524/25 einen Kulminationspunkt. Der Prediger Martin Reinhard, ein Anhänger des Radikalreformers Karlstadt, forderte übermäßigen Kirchenschmuck und Bilder aber auch überzählige Altäre aus den Kirchen zu entfernen. Die Jenaer Zisterzienserinnen mussten sich hier angesprochen fühlen, befanden sich in ihrer Kirche neben dem Hauptaltar doch nicht weniger als 15(!) weitere Altäre. An diesen wurden vor allem Seelenmessen abgehalten. Dabei verpflichteten sich die Nonnen, für einen bestimmten Geldbetrag oder Naturalleistungen eine vorgeschriebene Zahl von Messen für das Seelenheil des Spenders oder eines verstorbenen Angehörigen zu lesen; ein äußerst einträgliches Geschäft. Luther selbst machte sich im Sommer 1524 auf Anraten seines Landesherrn auf den Weg, um die aufgeheizte Stimmung in Jena, Kahla und weiteren Städten des Saale-Orla-Gebietes zu beruhigen und verurteilte in einer Predigt in der Michaeliskirche am 22. August Radikalreformer und "Schwärmer". In ihrem Tun wirke ein "teuflischer Geist". Umsonst. Weder Luthers Ermahnungen noch die Ausweisung Reinhards aus Thüringen im Oktober 1524 konnten die Lage beruhigen. Im April/Mai 1525 stürmten und plünderten Bürger und Bauern das Karmeliter- und das Dominikanerkloster. Das Zisterzienserinnenkloster blieb davon zwar verschont, wurde aber am 4. Dezember 1525 durch Kurfürst Johann aufgehoben. Pfarrei und Patronatsrecht über St. Michael gingen an den Jenaer Rat über.
Die Schwestern hatten nun ihr Schicksal selbst in der Hand und wählten sehr unterschiedliche Lebenswege. Einige begaben sich in die Obhut anderer Konvente, andere legten den Schleier ab, heirateten und führten fortan ein bürgerliches Leben. Mehrere ältere Nonnen verblieben noch einige Jahre im Kloster und verbrachten hier ihren Lebensabend. Die weltlichen Obrigkeiten verpflichteten sich, für ihren Unterhalt zu sorgen. mv

Quelle: www.med.uni-jena.de/klinikmagazin/archiv/km402/kmonline/geschichte.htm