Goethes Haltung zum Burschenschaftstreffen von 1817

Die Jenaer Studenten wählten die Wartburg zum Ort für das gesamtdeutsche Burschenschaftstreffen (Bursche damals Synonym für "Student"). Sie gedachten zum einen des 500. Jahrestags der Reformation, des angeblichen Thesenanschlags in Wittenberg vom 31. Oktober 1517. Zum anderen jährte sich am 18. und 19. Oktober 1817, als die Studenten auf der Wartburg und in Eisenach weilten, zum vierten Male die Völkerschlacht von Leipzig. Etliche Anwesende hatten mit der Waffe gegen die französische Fremdherrschaft gekämpft. Seit 1814 gedachte man durch Freudenfeuer vor der Wartburg des Sieges.

Die Staatsregierung des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach stand den studentischen Bestrebungen zunächst recht wohlwollend gegenüber, erhoffte sie sich doch Unterstützung für die unlängst eingeführten liberalen Gesetze. Es war sogar eigens Order ergangen, genügend und gutes Bier für die in Eisenach eintreffenden Studenten bereitzuhalten. Goethe zeigte anfangs ebenfalls Sympathie. Einige Teilnehmer und Förderer kamen aus seinem Jenaer Bekanntenkreis. Den Geschichtsprofessor Heinrich Luden (1778-1847), an dessen Ideen sich die Burschenschafter orientierten, kannte er seit 1806. Die Zeitschrift "Isis'' des Professors Lorenz Oken (1779-1851) hatte Goethe trotz Pressefreiheit (seit 12. März 1816) im Jahre 1816 für Großherzog Carl August einem Gutachten unterzogen.

Goethe verkehrte in Jena beim Buchhändler Karl Friedrich Ernst Frommann (1765-1837) und dessen Gattin Johanna Charlotte. Sie war eine geborene Wesselhöft und die Tante des Jenaer Studenten Robert Wesselhöft (1797-1853), der die Einladungen zum Wartburgtreffen unterschrieben hatte. Eine Anekdote berichtet von einer Zusammenkunft mit Goethe: Der Studiosus hatte dem Meister die Reden und Lieder der Burschenschaftsversammlung überbracht, der grob entgegnete: "Ihr jungen Leute werdet nicht alles nach eurem Kopfe haben wollen! Einige von uns Alten sind auch noch da!" Wesselhöft verband schlagfertig Widerspruch mit Schmeichelei: "Ew. Exzellenz sprachen nicht so, als Sie den ‚Götz von Berlichingen' schrieben!" Sein Gegenüber schenkte zwei Gläser Wein ein und akzeptiert mit dem Toast: "Götz soll leben!"

Die Anekdote gibt zutreffend Goethes Zwiespalt wieder: einerseits Verständnis bis Zustimmung zum ungestümen Vorpreschen der Studenten, andererseits Reserviertheit bis Ablehnung vor den möglichen Folgen. Goethe Nahestehende saher offenbar seine Sympathie uneingeschränkt auf Seiten der jugendlichen Heißsporne. Der Student Ludwig Roediger (1798-1866), der beim Wartburgfest die Rede am Feuer auf dem Wartberg gehalten hatte, dürfte bei der Begegnung ähnliche Eindrücke gewonnen haben, worüber Goethe berichtet: "Heute früh war Studiosus Roediger bei mir, der in der Wartburggeschichte eine bedeutende Rolle spielt. Es ist ein allerliebstes Wesen, wie die Jugend überhaupt mit allen Fehlern, von denen sie sich zeitig genug verbessert, wenn nur die Alten keine solchen Esel wären, denn die verderben eigentlich das Spiel ..." (28.11.1817) Den Frommanns soll er später anvertraut haben, dass er bei dem Zusammentreffen im November 1817 sich sehr zurückhalten musste, um "dem lieben Jungen ... nicht um den Hals zu fallen''. Die Rede Roedigers schien es ihm laut einer Bemerkung Frau Frommanns vom 4. Dezember 1817 an ihren Gatten sehr angetan zu haben: "er [Goethe] kam von selbst auf Roedigers Rede [beim Wartburgfest]. Du wärst zufrieden gewesen mit dem, was er sagte ... Auch über anderes denkt er wie wir."

Dazu passt so gar nicht Goethes Äußerung, er "lasse den garstigen Wartburger Feuerstank verdunsten, den ganz Deutschland übel empfindet''. Hier spielt er auf das Feuer an, zu dem Roediger die besagte Rede hielt. Am Abend des 18. Oktober 1817 hatten die Studenten auf dem gegenüberliegenden Wartenberg, wie einst Luther die päpstliche Bannandrohungsbulle, einige symbolhafte Dinge verbrannt: Eine Reihe von Büchern wie die Geschichte des Deutschen Reiches von Kotzebue und den Code Napoleon (als Zeichen der französischen Fremdherrschschaft), abschließend einen preußischen Schnürleib, einen hessischen Zopf und einen österreichischen Korporalstock - alles Symbole des überkommenen Absolutismus. Die Verbrennung nahmen besonders preußische und österreichische Polizeiorgane für die bald einsetzenden Verunglimpfungen und Verfolgungen zum Anlass.

Als der Student und Wartburgteilnehmer Karl Ludwig Sand (1795-1820) den Schriftsteller August Friedrich Ferdinand von Kotzebue am 13. März 1819 in Mannheim erstach, war ein willkommener Anlass zur Begründung und Verschärfung der längst angelaufenen Repressalien vorhanden. Vom 6. bis 31. August 1819 beschloss eine Tagung deutscher Staaten in Karlsbad - Goethe war zugegen - Maßnahmen zur Unterdrückung der oppositionellen Bewegung (Karlsbader Beschlüsse).

Goethe, der noch kurz nach dem Wartburgfest die Verbrennung von Büchern seines literarischen Gegners Kotzebue begrüßt hatte, ging auf Distanz. Bereits unter dem Einfluss des einsetzenden Drucks hatte er sich stärker von den Studenten abgegrenzt, wie eine Notiz des Kanzlers und Goethevertrauten Friedrich von Müller (1779-1849) vom 5. März 1818 bezeugt: "Langer Besuch bei Goethen, der sehr genial Friesen das Skelett eines Tigers nannte und seine Vorahnungen des Unheils aus der Wartburgfeier. ,Quiconque rassemble le peuple, l'emeut, rief er nach Retz mehrmals aus. Gegen Voigt habe ihm die Mißbilligung der Erlaubnis zur Wartburgfeier schon auf den Lippen gesessen, er aber habe sich verschluckt, um sich nicht zu kompromittieren ohne Erfolg ..."

Der verbal skelettierte Jacob Friedrich Fries (1773-1843) war einer von vier auf der Wartburg teilnehmenden Jenaer Professoren. Das französische Zitat bedeutet: "Wer immer das Volk versammelt, versetzt es in Aufruhr." Vorahnungen des Unheils kann man hinterher natürlich reichlich kundtun.

Obwohl Goethe sich nicht öffentlich gegen die Verfolgungen stellte oder gar politisch auf die Seite der-Opposition überging, trat er nicht als Scharfmacher auf. Vielmehr versuchte er zu vermitteln und die Sache zu bagatellisieren. Noch fast ein Jahrzehnt nach dem Wartburgfest schrieb er an den Weimarer Staatsminister Karl Wilhelm Freiherr von Fritsch (1769-1851) beschwichtigend: "nur ein allgemeines Vergeben und Vergessen könne ganz allein das verlorene Gleichgewicht sowohl als das gestörte wechselseitige Vertrauen nach und nach wieder herstellen.'' Mit Fritsch teilte er die konservativ motivierte Ablehnung der Aktionen des Wartburgfestes. Andererseits stießen ihn die aus seiner Sicht überzogenen Reaktionen der deutschen Großstaaten emotional ab. Verhindern konnte er sie nicht, sondern unterlag selbst ihrer Argumentation. Wenn er eine "Burschenverschwörung auf der Wartburg" erwähnt (6.4.1829 zu Eckermann), übernimmt er die Terminologie der Burschenschaftsgegner.

Die recht zwiespältigen, ja mitunter unvereinbaren Äußerungen Goethes zum Wartburgtreffen spiegeln sicher kein intrigantes Doppelspiel wieder. Eine Gegenüberstellung verschiedener Zitate könnte solches zwar allzu leicht dokumentieren, wäre aber zu oberflächlich. Vielmehr befand er sich zwischen Sympathie zu den Anliegen und Antipathie zu den Folgen in einer persönlichen, letztlich unlösbaren Zerrissenheit. Außerdem gaben andere Personen oft die Meinung von Goethe wieder, die sie selbst gern hören wollten. Schließlich wich er im Laufe der Zeit unter dem Druck der Ereignisse und der politischen Repression auf eine Negativbewertung des Wartburgtreffens aus.

(Quelle unbekannt)