Wir reisen zurück in die Zeit nach 700. Thü­ringen gehörte schon seit fast 200 Jahren zum Reich der Franken, das an der Saale endete. Slawen besiedelten das östliche, aber auch teil­weise das westliche Ufer des Flusses. Da betrat der angelsächsische Mönch Wynfreth im Jahre 719, aus Rom kommend, Thüringer Boden. Erst wenige Christen traf er hier an. Wynfreth hatte in England von Kindheit an als Mönch im Kloster gelebt und eine hohe Bildung er­worben. In vorgerücktem Alter entschloß er sich — dem Bußideal irischen und angelsächsi­schen Mönchtums folgend — Heimat, Freunde und Kloster zu verlassen, um die Pilgerschaft in die Fremde anzutreten. Die noch heidnischen Friesen, Sachsen, Hessen und Thüringer auf dem Festland wollte er zum Christentum bekehren.

Auf mehreren beschwerlichen Fußmärschen zu den Päpsten nach Rom holte er sich Bestä­tigung und Anweisung für seine Mission. Am 15. Mai 719 verlieh ihm Gregor II. zusammen mit der Missionsvollmacht den Namen Boni­fatius. 722 weihte ihn der Papst zum Bischof. 723 ließ Bonifatius in einer aufsehener­regenden Aktion bei Fritzlar in Hessen die ur­alte Eiche des Germanengottes Donar fällen. Aus ihrem Holz erbaute er eine Kirche, die er dem Apostel Petrus, dem Patron der Päpste, weihte.

Danach begab er sich nach Thüringen. Dort konnte er einen Brief aus Rom vom Dezember 724 vorweisen, in dem der Heilige Vater die Thüringer aufforderte, das Bekehrungswerk des Angelsachsen zu unterstützen. Auf die zu erwartende Frage, was es denn für einen Nutzen bringe, sich taufen zu lassen, verwies Gregor II. auf das Schicksal des Menschen nach dem Tode. Das war für das Volk zu allen Zeiten ein brennendes Problem. Von den Archäologen geborgene Grabbeigaben seit der Altsteinzeit belegen, daß schon immer der Glaube an irgendeine Form des Weiterlebens der Verstorbenen bestanden hatte. Ungewiß und gefahrvoll stellte man sich das Jenseits vor. Nun versprachen die neuen Glaubensboten:

»Christus ... hat denen, die an ihn glauben, das ewige Leben versprochen. Da wir nun wollen, daß Ihr Euch dort in Ewigkeit mit uns freuen dürft, wo es kein Ende, keine Qual und keine Trübsal gibt, sondern nur Herrlichkeit ohne Ende, so haben wir deswegen unsern hochwür­digsten Bruder, den Bischof Bonifatius, zu Euch geschickt, damit er Euch taufe, den Glau­ben an Christus lehre und vom Irrwahn zum Weg des Heils führe.« Der Papst ermahnte die Neugetauften: »Betet keine Götzenbilder an und opfert kein Fleisch, ... richtet Euch in Eurem Tun nach dem, was unser Bruder Boni­fatius Euch lehrt: so werdet Ihr und Eure Kin­der in Ewigkeit gerettet sein. Bauet daher auch ein Haus, wo er, Euer Vater, der Bischof, woh­nen soll, und Kirchen, um darin zu beten, damit Gott Eure Sünden verzeihe und Euch das ewige Leben schenke.«

Der Missionar ließ Holzkirchen errichten, in denen er und seine Mitstreiter predigten und tauften. Die Angelsachsen gründeten Klöster in Ohrdruf, Fritzlar, Fulda und Hersfeld. Bonifa­tius setzte Bischöfe ein, 741 auch in Erfurt. Als er selbst im Jahr 746 zum Oberhirten von Mainz berufen wurde, unterstellte er die Thüringer Kirchenprovinz dem Mainzer Bis­tum. Die von ihm ins Leben gerufene Erfurter Marienkirche wurde später Sitz eines Archidia­kons (Erzpriesters), der ein großes Gebiet in Thüringen kirchlich beaufsichtigte, auch die Kirchen um Jena westlich der Saale.

Als Bonifatius sich im Alter von 82 Jahren nach Friesland begab, wurde er dort am 5. Juni 754 von Heiden erschlagen. Mit einem Buch versuchte er vergeblich, die Schwerthiebe abzufangen. Im Kloster Fulda fand seine Bei­setzung statt. Seither verehren ihn die Gläubi­gen als Patron dieses Klosters, als heiligen Märtyrer und »Apostel der Deutschen«. Auf Bildern erscheint er im Bischofsornat mit Bibel, Schwert oder vom Schwert durchbohr­ten Buch. Einer der angelsächsischen Helfer des Bonifatius war Mönch Wigbert, der erste Abt des Klosters Fritzlar und spätere Patron des Klosters Hersfeld.

Die von Bonifatius und seinen Schülern gegründeten Klöster Fulda und Hersfeld ent­wickelten sich unter der Herrschaft Karls des Großen und seiner Nachfolger zu mächtigen Reichsabteien, zu Zentren von Bildung und Kultur. Karolingische Könige und Adlige in Thüringen beschenkten die Mönchsgemein­schaften reich mit Grund und Boden, mit Dör­fern und dem zehnten Teil der landwirtschaftli­chen Erträge. In den überlieferten Zehntver­zeichnissen der Klöster Hersfeld und Fulda aus dem 8. und 9. Jahrhundert werden Orte aus unserer Umgebung erstmals urkundlich genannt: Jena (Iani), Leutra (Liutdraha, seit dem Mittelalter in Jena eingemeindet), Rothenstein (Rodostein), Nennsdorf (Neman­nesthorp), Romstedt, Großschwabhausen, Magdala, Kahla, Gumperda, aber auch Kapel­lendorf, Hammerstedt, Umpferstedt, Isser­stedt. Es ist anzunehmen, daß die beiden Klö­ster in diesen Ortschaften nicht nur Abgaben einzogen, sondern auch missionierten. Zu den frühesten Pfarrkirchen (Urpfarreien) mit dem Recht auf Taufe und Begräbnis gehörten die Johannes dem Täufer geweihte heutige katho­lische Kirche in Jena (einst Liutdraha) und die Kirche des Apostels Petrus in Lobeda. Die Ver­ehrung der Patrone der hessischen Klöster, des Bonifatius von Fulda und des Wigbert von Hersfeld, dauerte in unserer Gegend an bis zur lutherischen Reformation.


Quelle: Kirchen um Jena – Eine Einführung in ihre Geschichte und symbolische Bedeutung, Helga Sciurie, Fotos: Ingrid Müller, Glaux verlag, jena 2000