Gerd Fesser
»Große Tage haben wir erlebt...«
Bismarcks Besuch in Jena im Jahre 1892
Wer Anfang August des Jahres 1892 in Deutschland irgendeine Zeitung aufschlug, der stieß unweigerlich auf Berichte und Kommentare zu einem Ereignis, das sich soeben in Jena zugetragen hatte. Es ging um eine Rede, die der »Eiserne Kanzler« hier am 31. Juli gehalten hatte. Wie kam Bismarck zu einem solchen Auftritt?
Zwei Jahre zuvor war in Deutschland die Ära Bismarck zu Ende gegangen. Der neue Kaiser Wilhelm II. strebte danach selbst zu regieren. Sein Ziel bestand darin, ein »persönliches Regiment« zu errichten. Wilhelm war, als er den Thron bestieg, noch keine 30 Jahre alt und besaß keine politischen Erfahrungen. Maßloser Geltungsdrang erfüllte ihn. Insbesondere Wilhelms Vertrauter Philipp Graf zu Eulenburg, die »Graue Eminenz« des Auswärtigen Amtes, Friedrich von Holstein und Generalstabschef Alfred Graf von Waldersee schürten die Spannungen zwischen Kaiser und Kanzler. Vor allem eine ihrer Einflüsterungen fraß sich tief in der Seele des jungen Kaisers fest: Friedrich II. wäre nicht der Große König geworden, wenn er bei seiner Thronbesteigung einen allmächtigen Minister wie Bismarck im Amte vorgefunden hätte.
Am 18. März 1890 legte Bismarck sein Entlassungsgesuch vor, das der Kaiser bereits mehrfach angemahnt hatte. Wilhelm II. kritzelte auf das Schreiben mit Bleistift eilig »Genehmigt. W.« Damit hatte die politische Laufbahn des »Eisernen Kanzlers«, der 28 Jahre lang den preußischen Staat und 19 Jahre lang das Deutsche Reich regiert hatte, einen jähen Abschluss gefunden. Seitdem waren die Beziehungen zwischen Kaiser und Exkanzler frostig. Am 19. Juni 1892 heiratete Bismarcks Sohn Herbert die ungarische Gräfin Marguerite Hoyos. Die Hochzeit fand in Wien statt. Nach der Hochzeitsfeier begab er sich mit seiner Frau Johanna nach Bad Kissingen. Hier überbrachte ihm am 10. Juli eine Abordnung aus Jena, der unter anderem Bürgermeister Heinrich Singer und der berühmte Naturforscher Ernst Haeckel angehörten, eine Einladung in die Saalestadt. Bismarck nahm die Einladung an.
Der frisch verheiratete Sohn des Exkanzlers war übrigens darüber nicht begeistert. Er neigte generell zu schroffen Urteilen. Jetzt schrieb er am 25. Juli aus Kissingen an seinen Bruder Wilhelm: ihm komme das »plötrige krähenwinklige« Jena im Vergleich zu Dresden und München wie »eine Flasche sauren Mosels nach 2 Fl. besten Rheinweins« vor.
Heutzutage kann man in Deutschland den Regierungschef fast täglich im Fernsehen sehen. Wenn Wahlkampf ist (und infolge der föderalen Struktur der Bundesrepublik ist fast immer in irgendeinem Bundesland Wahlkampf), dann fährt auch der Bundeskanzler übers Land, um auf Veranstaltungen seiner Partei aufzutreten. Zu Bismarcks Zeiten war das alles ganz anders. Das Fernsehen gab es ja noch nicht. Und von Wahlkampfveranstaltungen hielt der »Eiserne Kanzler« sich fern. So war es für die Menschen, die in der Provinz lebten, nahezu ausgeschlossen, den Reichskanzler von Angesicht zu sehen. Solange Bismarck im Amt war, hielt er sich fast ausschließlich in Berlin oder auf seinem Landsitz (erst Varzin, dann Friedrichsruh) auf. Nach seinem Sturz hat er Friedrichsruh nur einige wenige Male verlassen.
Die Nachricht, dass Bismarck nach Jena kommen werde, schlug in der stillen kleinen Universitätsstadt wie eine Bombe ein. Es wurden Festausschüsse gebildet, die eine geradezu fieberhafte Tätigkeit entfalteten, um dem Exkanzler einen würdigen Empfang zu bereiten.
Am Nachmittag des 30. Juli kam Bismarck mit Gattin, Sohn und Schwiegertochter mit dem Zug auf dem Weimar-Geraer Bahnhof an. Bürgermeister Singer, die Festausschüsse und Hunderte von Bürgern hatten sich auf dem Bahnhof ein gefunden. Begrüßungsreden wurden gehalten, und ein »Hoch« nach dem anderen erscholl. Dann ging es mit Droschken in Richtung Gasthaus »Schwarzer Bär«.
Fast alle Häuser der Saalestadt waren beflaggt und mit frischem Grün geschmückt. Ganz Jena befand sich auf den Beinen. Vor dem »Schwarzen Bären« hatte sich eine riesige Menschenmenge versammelt, die unentwegt »Hoch« und »Hurra« rief. Immer wieder erklangen die »Wacht am Rhein« und das Deutschlandlied. Für die Bismarcks war das gesamte erste Stockwerk des Gasthauses freigemacht worden. Hier empfing der Fürst eine Deputation der Universität, der fast alle Professoren und Dozenten angehörten. Dann fuhren Bismarck und die Seinen auf Festwagen vor die Stadt. Auf ein Zeichen hin flammten auf allen Bergen ringsum Feuer auf.
Am Abend folgte ein Fackelzug zu Ehren der Gäste, an dem 3000 Personen teilnahmen. Als Gesang und Hochrufe kein Ende nehmen wollten, trat Bismarck auf den Balkon und sagte: »Ich danke Ihnen nochmals, aber werden Sie nur erst 78 Jahre, dann werden Sie nach einem so aufregenden Tage auch das Bedürfnis nach Ruhe empfinden. Ich wünsche Ihnen eine gute Nachtruhe.« Sofort trat tiefe Stille ein.
Der folgende Tag war ein Sonntag. Viele Jenaer und viele ihrer Gäste hatten bis tief in die Nacht in Gasthäusern und Gärten zusammen gesessen. Trotzdem herrschte an diesem Sonntag bereits am frühen Morgen in der Stadt ein reges Treiben. Dichtgedrängte Menschenmassen umlagerten den »Schwarzen Bären«. Gegen 10.00 Uhr zeigte sich der Fürst. Die Gesangsvereine von Jena und Wenigenjena-Camsdorf warteten bereits geduldig und brachten ihm nun ein Ständchen.
Bismarcks Fahrt zum Marktplatz wurde ein regelrechter Triumphzug. Gegen 11.30 Uhr langte der Exkanzler dort an. Es war ein Festplatz für 4000 Personen hergerichtet, auf dem sich aber 8000 Menschen drängten. Etwa ebenso viele befanden sich in den angrenzenden Gassen. Alle Fenster der umliegenden Häuser, ja, etliche Hausdächer waren dicht besetzt. Bürgermeister Singer hielt eine schwungvolle Rede und rief aus:
»Heil uns, die wir den größten Sohn unseres Vaterlandes einen Tag lang beherbergen und aus seinen prophetischen Worten die zuversichtliche Hoffnung für die Zukunft unseres neu geeinten Reiches schöpfen durften: Nach Bismarck kein Jena!«
Nach einigen kurzen Ansprachen ergriff Bismarck das Wort. Der Fürst war ein begnadeter Redner. Er konnte sich nicht auf rhetorische Effekte verlassen, da er eine merkwürdig hohe Stimme besaß und obendrein beim Sprechen häufig stockte. Bismarck setzte auf die inhaltlichen Akzente seiner Rede, also auf das, was er zu sagen hatte. Seine Rede begann mit einer Liebeserklärung an das Thüringer Land.
»In Thüringen habe ich als Kind zuerst Felsen, Berge und Burgen mit ihren geschichtlichen Erinnerungen kennen gelernt, welche ich in unserem nordischen Flachland, Pommern und Brandenburg, noch nicht gesehen hatte. Viele Eindrücke der Kindheit haben in meinen Empfindungen um den Begriff Thüringen einen Nimbus der Romantik gewebt, der getragen wurde namentlich durch die Erinnerungen an die Wartburg und ihre Vorzeit, in reiferer Kindheit auch durch die Erinnerung nicht nur an Luther und an die Reformation, sondern auch an die Entwicklung unserer deutschen Sprache durch die hier zutage geförderte deutsche Bibelübersetzung. Es war dies der erste Anfang einer Einigung unserer Sprache, die bis dahin in Dialekte zersplittert war. In meiner reiferen Jugend lernte ich, welche Bedeutung für unsere geistige und nationale Entwicklung das Thüringer Land in Gestalt von Weimar und Jena gehabt hatte, einer Universität, an der Schiller Professor war, und welche unter der Leitung Goethes lange Zeit gestanden hat. Es ist somit erklärlich, dass für mich der Begriff >Thüringen< auch stets mit dem Begriff >romantisch< verbunden war.«
Es folgte ein Ausflug in die Geschichte. Bismarck wies auf die Niederlage der preußischen Armee bei Jena und Auerstedt im Jahre 1806 hin und hob hervor, dass dieses Debakel bedeutsame positive Auswirkungen gezeitigt hatte: »Der Name Jena hatte für mich als Sohn einer preußischen Militärfamilie einen schmerzlichen und niederdrückenden Klang. Es war das natürlich, und erst in reiferen Jahren habe ich einsehen gelernt, welchen Ring in der Kette der göttlichen Vorsehung für die Entwicklung unseres deutschen Vaterlandes die Schlacht bei Jena auf die gesamten Verhältnisse unseres Vaterlandes ausgeübt hat. Ich kann mich nicht freuen bei dieser Erinnerung, mein Herz kann es nicht, wenn auch mein Verstand mir sagt, dass, wenn Jena nicht gewesen wäre, Sedan vielleicht auch nicht in unserer Geschichte seinen glorreichen Platz gefunden hätte. Als Tatsache kann man annehmen, dass damals die friderizianische preußische Monarchie, eine großartige, in sich einige Schöpfung, ihre Zeit ausgelebt hatte, und ich glaube nicht, dass wir, wenn sie bei Jena gesiegt hätte, eine ähnliche gedeihliche Entwicklung aufzuweisen gehabt hätten. Ich weiß das zwar nicht. Aber die Zertrümmerung des morsch gewordenen Baumes - morsch, wie die Kapitulationen unserer ältesten und achtbarsten Generäle aus jener Zeit erwiesen haben - war notwendig, um freien Platz zu schaffen für den erforderlichen Neubau, und das zerschlagene Eisen der altpreußischen Monarchie wurde unter dem schweren und schmerzlichen Hammer der Fremdherrschaft zu dem Stahl geschmiedet, der 1813 diese Fremdherrschaft mit starker Elastizität zurückschleuderte. Ohne diesen Druck der Fremdherrschaft und ohne den vollständigen Verzicht auf die Vergangenheit wäre das Erwachen des deutschen Nationalgefühls im preußischen Lande, welches aus der Zeit der tiefsten Schmach der Fremdherrschaft seine ersten Ursprünge zieht, kaum möglich gewesen.«
In einem knappen Rückblick auf seine Außenpolitik in den Jahren nach 1871 betonte der Exkanzler, dass die Erhaltung des Friedens sein Hauptziel gewesen sei. Natürlich benutzte er die Gelegenheit dazu, anzudeuten, dass ihm an der Politik Wilhelms II. etliches nicht gefiel. Er erregte große Heiterkeit, als er hierbei gar auf das berühmte Goethe-Zitat aus dem »Götz von Berlichingen« hinwies. Seine Rede endete mit den Worten: »Man kann ein treuer Anhänger seiner Dynastie, seines Königs und Kaisers sein, ohne von der Weisheit aller Maßregeln seiner Kommissare, wie es im Götz heißt, überzeugt zu sein. Ich bin letzteres nicht und werde auch in Zukunft diese meine Überzeugung keineswegs zurückhalten.«
Die wichtigste politische Aussage in Bismarcks Rede lautete: das Parlament müsse gestärkt werden. Das Deutsche Reich, so erklärte er, brauche »ein starkes Parlament als Brennpunkt des nationalen Einheitsgefühls.« Er selbst, als der »Eiserne Kanzler«, hatte ja einst dafür gesorgt, dass das Parlament recht wenig Macht erhielt. In seiner Rede verschwieg er das auch nicht. Die Eskapaden des großsprecherischen Kaisers und seiner Ratgeber hatten aber bei dem alten Staatsmann allmählich zu einem Umdenken geführt. Er betonte deshalb: »Ohne einen Reichstag, der vermöge einer konstanten Majestät, die er in seinem Schöße birgt, imstande ist, die Pflicht einer Volksvertretung dadurch zu erfüllen, dass sie die Regierung kritisiert, kontrolliert, warnt, unter Umständen sogar führt, ... ohne einen solchen Reichstag bin ich in Sorge für die Dauer unserer nationalen Institutionen. ... Wir können heutzutage nicht mehr einer rein dynastischen Politik leben, sondern wir müssen nationale Politik treiben, wenn wir bestehen wollen.«
Bismarck hatte genau 32 Minuten lang gesprochen. Er erntete stürmischen Beifall und begeisterte Hochrufe. Das Sprechen hatte ihn durstig gemacht, und er leerte drei Krüge Bier. Der Fürst unterhielt sich noch angeregt mit Singer und Haeckel und machte dann einen Rundgang über den Festplatz.
Anschließend gab Bismarck im »Bären« einen kurzen Empfang, an dem etwa 200 Personen teilnahmen. Hier proklamierte Haeckel den Fürsten überraschend zum »Doktor der Phylogenie« (Entwicklungsgeschichte). Danach fuhr der Exkanzler zum Saalbahnhof, wo ihn eine riesige Menschenmenge verabschiedete.
Für die 20 000 Jenaer und die 15 000 Gäste, die in die Saalestadt gekommen waren, war Bismarcks Besuch bedeutendste Ereignis jener Jahre. Die »Jenaische Zeitung« schrieb am 2. August: »Die Reise des Fürsten Bismarck ist jetzt zu Ende gegangen und damit eine der merkwürdigsten Episoden der zeitgenössischen deutschen Geschichte. ... Große Tage haben wir erlebt, die in der unvergesslichen Erinnerung aller Festgenossen bleiben werden. Vielen wird die Erinnerung an diese Tage als die wertvollste, welche sie aufzubewahren haben, durch ihr ganzes Leben begleiten.« Ernst Haeckel bezeichnete den Besuch des Fürsten in Jena gar als »deutsches Nationalfest«.
Die politische Botschaft, die in Bismarcks Rede enthalten war, erregte in ganz Deutschland gewaltiges Aufsehen. Graf Eulenburg schrieb deshalb am 12. August tief besorgt über Bismarcks Forderung nach einem starken Parlament an Wilhelm II.: »Diese letzte Wendung war bei weitem die geschickteste - und damit die gefährlichste Agitation des Fürsten.«
Für eine große Zahl der Bürger von Jena war der Besuch Bismarcks ein überwältigendes Erlebnis. Sie hatten den »Eisernen Kanzler« mit eigenen Augen sehen und seinen Worten lauschen können! Fortan erinnerte der Bismarck auf dem Marktplatz, den der namhafte Bildhauer Adolf von Hildebrand 1894 schuf, an das große Ereignis. Gleichzeitig waren der spektakuläre Auftritt Bismarcks und das Echo darauf Teil eines unheilvollen Vorgangs, der nach der Jahrhundertwende voll zum Tragen kommen sollte, nämlich der Herausbildung eines höchst einseitigen und teilweise verfälschenden Bildes vom »Eisernen Kanzler«. In zahllosen populären Schriften, in Gedichten und Festreden wurde Bismarck zum »Deutschesten aller Deutschen« stilisiert.
Die Exponenten des politisch rechten Lagers, nicht zuletzt des rechtsextremistischen Alldeutschen Verbandes missbrauchten Bismarck als angeblichen Schrittmacher ihrer Politik. Diesen Kräften stand freilich nicht ein an der Wirklichkeit orientiertes Bild von Bismarck vor Augen, sondern ein mystischer Bismarck nach ihrer Fasson.
Bismarck hatte einst die Formel »Blut und Eisen« geprägt und in das politische Denken der Deutschen eingebürgert. Er selbst hatte vom »letzten Mittel des Königs« einen sehr vorsichtigen Gebrauch gemacht. Dreimal führte er Krieg. Dabei analysierte er jedes Mal zuvor sorgsam das europäische Kräfteverhältnis, visierte ein klar umrissenes politisches Ziel an und beendete den Krieg so bald wie möglich.
Nach 1871 betrieb er eine strikte Friedenspolitik und durchkreuzte alle Präventivkriegspläne tatendurstiger Militärs. Jene alldeutschen Stammtisch-Strategen und politisierenden Militärs, die in der Regierungszeit Wilhelms II. den Namen Bismarcks so oft im Munde führten, glaubten, »Blut und Eisen« sei ein Erfolgsrezept, das in jeder Situation anwendbar ist. Der schweizerische Historiker Adolf Gasser hat diesen Wahn später als die »Drachensaat von Königgrätz« bezeichnet. Nach der Jahrhundertwende betrieb die deutsche Reichsregierung, wie Kanzler Bethmann Hollweg selbst gesagt hat, nach außen eine »Politik äußersten Risikos«. Dabei stand die Regierung unter dem wachsenden Druck der »neuen Rechten«, die sich um den Alldeutschen Verband geschart hatte. 1914 mündete die riskante »Weltpolitik« des Kaiserreichs in die Katastrophe des Ersten Weltkrieges.
(Quelle: Jahrbuch für den Saale-Holzland-Kreis und Jena 1996)