Die „Grumbachschen Händel“

Nach dem Tod des Weimarer Herzogs Johann Friedrich I., der nach der verlorenen Schlacht bei Mühlburg gegen Kaiser Karl V. die Kurfürstenwürde und große Teile seines Landes verloren hatte, übernahm sein Sohn Johann Friedrich II. im Einvernehmen mit seinen Geschwistern die alleinige Regentschaft der ernestinischen Besitzungen. Seine Residenz bezog er auf der Burg Grimmenstein in Gotha.

Wilhelm von Grumbach (1503 bis 1567) war Ritter und Abenteurer. Bekannt wurde er hauptsächlich durch die „Grumbachschen Händel“, deren Folgen das ernestinische Sachsen im 16. Jahrhundert endgültig in die reichspolitische Bedeutungslosigkeit führten.

Als Mitglied der Adelsfamilie derer von Grumbach erwarb er sich eine große Zahl an Gütern rund um Würzburg. Im Bauernkrieg kämpfte er für Markgraf Kasimir von Brandenburg-Kulmbach. In dieser Zeit ließ er von zweien seiner Knechte Florian Geyer, seinen Schwager und Gegner, im Gramschatzer Wald erdolchen und ausrauben.

Als Landbesitzer war er ein Vasall der Fürstbischöfe von Würzburg. Grumbach stand wegen seiner höfischen Bildung und durch seine Verdienste auf kriegerischem Gebiet in hohem Ansehen von Konrad III. von Bibra, der von 1540-1544 Fürstbischof von Würzburg war. Dieser erhob ihn sogar zum Hofmarschall. Später erwarb sich Grumbach große Verdienste im Schmalkaldischen Krieg auf Seiten der Reformisten. Nach dem Friedensschluss von Passau 1552 begleitete er seinen Freund Albrecht Alcibiades von Brandenburg-Kulmbach bei dessen Raubzügen in Franken.

In der Folgezeit kam es zu einem Konflikt mit Melchior Zobel von Giebelstadt, der 1544 Fürstbischof von Würzburg geworden war. Nach gerichtlichen Auseinandersetzungen um die Abfindung Grumbachs für seine Verdienste im Schmalkaldischen Krieg kam es zur Eskalation, als Grumbachs Partner Albrecht im Juli 1553 mit der Reichsacht belegt, nach Frankreich flüchtete. Zobel nutzte diesen Vorteil, um Grumbachs Ländereien zu beschlagnahmen. Um seine Position zu stärken und die Rückgabe seiner Besitztümer durchzusetzen, versuchte Wilhelm von Grumbach, sich des Melchior Zobel von Giebelstadt zu bemächtigen. Dreimal zog sein engster Vertrauter Kretzer gegen den Bischof, zweimal vergeblich, beim dritten Attentat im April 1558 wurde Melchior von Zobel getötet. Die Mörder entkamen. Grumbach beteuerte seine Unschuld an diesem Verbrechen, doch niemand glaubte ihm. In der Zwischenzeit versuchte der Ritter, eine Anordnung zur Rückerstattung seiner Besitztümer vor dem Reichskammergericht zu erwirken, dieses Anliegen blieb jedoch erfolglos.

Noch bevor Grumbach vor das Reichskammergericht trat, suchte er sich einen neuen Verbündeten. Diesen fand er vor allem im Gothaer Herzog Johann Friedrich II. Grumbach stellte ihm die Wiedererlangung der Kurwürde in Aussicht und vermittelte in der Brautwerbung des Herzogs gegenüber der Prinzessin Elisabeth von der Pfalz.

Grumbach plädierte 1559 vor dem Reichstag in Augsburg für seine Unschuld, jedoch ohne Erfolg. Zu dieser Zeit hielt sich Grumbach meistens im Schloss seines Sohnes in Hellingen auf. Dort entdeckte er seinen späteren, etwas seltsamen Helfer, den "Engelseher" Hans Tausendschön, einen Bauernknaben aus Sundhausen bei Gotha. Dieser behauptete, in ständigem geistigen Verkehr mit Engeln zu stehen, die ihm die Zukunft verkündigen. Mittels dieses Knaben und dem Hofschreiber am Herzogshofe von Gotha gelang es Grumbach, den Herzog Johann Friedrich II. davon zu überzeugen, dass es Gottes Ratschluss sei, ihm die in der Schlacht bei Mühlberg an der Elbe verlorene Kurwürde ohne jegliche Kampfhandlungen wiedererlangen zu lassen, inklusive des Wiedererstarkens des deutschen Rittertums und die Einsetzung Johann Friedrichs als König von Dänemark.

Nach und nach erlangte Grumbach so das völlige Vertrauen des Herzogs. Mit Unterstützung des Herzogs und der "himmlischen Hilfe" durch den Engelseher konnte Grumbach 1563 einen Handstreich gegen Würzburg durchführen, der dank der hervorragenden Vorbereitung ein voller Erfolg wurde. Grumbach war mehrere Tage an Stelle des geflohenen Bischofs allmächtiger Herr über Würzburg und das Bistum, das er auch plünderte. In seinen Forderungen für die Freigabe von Würzburg diktierte er dem Bischof die härtesten Bedingungen für seine Entschädigung, welche der Fürstbischof Friedrich von Wirsberg sofort unterschrieb. Grumbach zog von Würzburg ab und entließ sein Kriegsvolk.

Durch Grumbachs Überfall auf Würzburg fühlte sich aber nicht nur der Bischof, sondern auch der Kaiser gedemütigt, und dieser verwarf den Vertrag, weil er militärisch erzwungen wurde. Er erklärte Grumbach und dessen Freunde von Stein und von Mandelslohe in die Acht, außerdem verbot er dem Herzog Johann Friedrich strengstens, die Geächteten bei sich zu behalten.

Da der Kaiser gleichzeitig Maßnahmen ergriff, um die Acht zu vollstrecken, überlegte Grumbach, wie er dem immer enger werdenden Kreis entfliehen könnte, schürte politische Ränke zwischen den europäischen Landesherren und bereitete einen allgemeinen Ritteraufstand vor. Dieser stand im Frühjahr 1565 unmittelbar bevor. Das nichts daraus wurde, lag lediglich daran, dass Grumbach nicht die dazu nötigen Gelder aufbrachte. Nun machte er eine Wendung um 180 Grad und versuchte mit einem grandiosen Schachzug, den Kaiser für sich einzunehmen. Er ließ dem Kaiser schriftlich und mündlich darlegen, dass der Ritteraufstand nicht gegen ihn, sondern gegen die Fürsten gerichtet gewesen sei, dass er einen Gedanken Karls V. aufgegriffen hätte und die Ritterschaft dem Kaiser zum Kampf gegen die Türken anböte. Der Kaiser blieb jedoch bei dem Beschluss, eine Entscheidung durch den Reichstag herbeiführen zu lassen.

Diese Tagung fand im März des Jahres 1566 in Augsburg statt. Hier aber wurde Grumbach zu einer politischen Schachfigur in der Auseinandersetzung der lutherisch-kalvinistischen Partei gegen die katholische. Kurfürst August von Sachsen führte mit überlegener Diplomatie das reformierte Lager und veranlasste alle protestantischen Fürsten, Grumbach fallenzulassen, um den Kaiser zu Zugeständnissen in religiösen Fragen zu bewegen. Die Gothaischen Räte durchschauten die Lage und versuchten vergeblich, beim Herzog eine sofortige Trennung von Grumbach und den Geächteten herbeizuführen.

Am 7. Mai erging vom Reichstag der einstimmige Beschluss auf Erneuerung und Vollstreckung der Acht gegen alle Beteiligten wegen Landfriedensbruchs. Kurfürst August von Sachsen wurde mit der Ausführung beauftragt und die dazu notwendigen Mittel aus der Reichskasse bereitgestellt. Gleichzeitig reiste eine Gesandtschaft an Herzog Johann Friedrichs Hof, um ihn aufzufordern, die Geächteten zu entlassen.

Johann Friedrich aber schlug alle Warnungen seiner Freunde und Verwandten in den Wind. Die Gesandtschaft empfing er sehr freundlich, bewirtete diese ordentlich und erklärte ihnen als Antwort an den Reichstag und den Kaiser, dass Grumbach nur ihm zuliebe den Adelsaufstand abgeblasen hätte und er sich außerstande sehe, Grumbach und seine Freunde gefangen zu setzen oder des Landes zu verweisen.

Nach diesem offenen Affront gegen Reich und Kaiser musste die gewaltsame Vollstreckung der Acht erwartet werden. Der Herzog und auch Grumbach waren in Gotha guter Dinge und glaubten nicht an ein militärisches Eingreifen. Erst als August von Sachsen in Erfurt Truppen sammelte und Johann Friedrich von drei kaiserlichen Kommissaren letztmalig aufgefordert wurde, Grumbach und seine Helfer auszuliefern, glaubte er endlich an einen militärischen Konflikt und sammelte seine Truppen rings um Gotha. Jedoch erschien der gothaische Landadel nicht, und so hielt sich sein militärisches Aufgebot in Grenzen.

Als August von Sachsen vor Gotha erschien, beschränkte er sich auf die Belagerung der Stadt und des Schlosses Grimmenstein. Insgesamt wurde der Krieg von beiden Seiten sehr lustlos geführt. Es kam zwar hin und wieder zu Ausfällen der Gothaer, die für sie zumeist recht günstig verliefen und auf beiden Seiten kaum größere Verluste verursachten, ansonsten gab es aber keine wesentlichen Auseinandersetzungen.

August hatte eine andere Taktik gewählt: er vertraute auf ideologische Kriegführung. Aufwiegelnde und warnende Schriften wurden reichlich in die Stadt geschmuggelt und an die Verteidiger und die Bevölkerung verteilt. Nach relativ kurzer Zeit zeigten diese ihre Wirkung. Man verweigerte dem Herzog bei einem Generalappell auf dem Schlosshof den Gehorsam, wenn er sich nicht sofort von Grumbach trennen würde.

Herzog Johann Friedrich versuchte Grumbach zu verteidigen, doch half dies wenig. Auch die Helfer Grumbachs, Kanzler Christian Brück, der „Engelseher“ Hänschen Tausendschön aus Gotha-Sundhausen, Wilhelm von Stein und noch einige andere wurden gefangen gesetzt.

Dem Kurfürsten August wurden die Stadttore geöffnet, und dieser zog in Gotha ein, ohne dass nennenswerte Schäden entstanden waren. Auf Grund dieser Kapitulation verlangte August von der Stadt lediglich seine Huldigung. Den Geächteten aber wurde sofort der strengste Prozess gemacht.

Grumbach, Kanzler Brück und Stein wurden auf dem Marktplatz von Gotha gevierteilt. Grumbach und Brück wurde vorher die Brust geöffnet, das Herz aus dem Körper gerissen und ins Gesicht geschlagen, wobei der Scharfrichter ihm zurief: "Sieh Grumbach, dein falsches Herz". Stein erhielt die "Gnade", vor der Vierteilung mit dem Schwert gerichtet zu werden. Der Engelseher Hänschen Tausendschön wurde gehängt. Der Rest der Geächteten wurde mit dem Schwert gerichtet. Die Körperteile der Gevierteilten wurden auf zwölf Stangen vor den Toren Gothas ausgehangen.

Burg Grimmenstein wurde geschleift. Johann Friedrich wurde verhaftet und in einem hohen, mit schwarzen Tüchern verhängten, von sechs Schimmeln gezogenen Wagen hinweg geführt. Zu seiner Schande waren die Mähnen und die Schwänze der Pferde rot gefärbt und deren Körper mit schwarzen Decken umhüllt worden. Der Herzog kam zuerst nach Dresden, später nach Wien, wo er in einem offenen Wagen bei strömendem Regen zur Belustigung der gaffenden Menge herumgefahren wurde. Danach war er 22 Jahre in kaiserlicher Haft in Wiener Neustadt, später in Steyer, wo er 1595 völlig vereinsamt starb.

1573 wurden die Söhne Johann Friedrichs II. wieder in ihre vom Vater ererbten Rechte eingesetzt. Seit der Festnahme des Gothaer Herzogs war der ernestinische Gesamtbesitz von Weimar aus regiert worden und wurde nun aufgeteilt in die Herzogtümer Sachsen-Weimar und Sachsen-Coburg, von denen sich 1596 bzw. 1603 noch einmal die Herzogtümer Sachsen-Eisenach und Sachsen-Altenburg abspalteten. Damit begannen die zahlreichen ernestinischen Teilungen, in deren Folge in Thüringen zahlreiche kleine Territorien entstanden. Die Entstehung dieser Kleinstaaten war aber nicht die Folge fehlender Erbregelungen, sondern das handgreifliche Ergebnis einer gescheiterten Machtpolitik. Dass die Ernestiner nach den Grumbachschen Händeln ihre Staatlichkeit überhaupt behielten, verdanken sie dem Interessengegensatz zwischen dem albertinischen Sachsen und dem Kaiser. Sachsen konnte an seiner westlichen Flanke einige unbedeutende Kleinstaaten gerade noch akzeptieren und dem Kaiser musste ein weiterer Machtzuwachs Sachsens äußerst ungelegen erscheinen.

An der Stelle in Gotha, wo sich einst die Burg Grimmenstein erhob, steht heute Schloss Friedenstein. Am 26. Oktober 1643, mittags um 12 Uhr, wurde der Grundstein für das neue „Schloss Friedenstein“ auf den Fundamenten der alten, 1567 zerstörten „Festung Grimmenstein“ gelegt.

(Quellen: Wikipedia, Detlef Ignasiak: Regenten-Tafeln Thüringischer Fürstenhäuser, Quartus-Verlag, Jena 1996)