Turmmusik vom Nikolaikirchturm

 

Scheinbar funktionslos geworden, erhob sich viele Jahre hindurch der Nikolaikirchturm aus der Vielzahl der Altenburger Türme, die unser Stadtbild seit alters her auch heute noch zu einem wesentlichen Teil mitbestimmen. Bis 1531 Kirchturm, spielte er, nach Abbruch der Kirche, in den nachfolgenden Jahren, wie alle Türme der Stadt, auch weiterhin im Musikleben der Stadt Altenburg eine wichtige Rolle. Diese bestand darin, dass „man vornehmlich in den meisten Städten...die löbliche Gewohnheit“ hatte, „dass auff Kirchen oder Rathhäusern durch das sogenannte Abblasen musiciert wird“.  Dieses „Abblasen“, wie es der Leipziger Stadtpfeifer Gottfried Reiche (1667-1734) im Vorwort zu seinen „Vier und zwanzig Neue Quatricinia... “ 1696 beschreibt - oft auch „Stundenblasen“ genannt - geht zurück auf das Signalblasen der „Türmer“ und „Hausmänner“. Sie hatten Signale zu geben, wenn sie Reiter auf die Stadt zukommen sahen, wenn Feuer ausbrach, aber auch des Nachts alle Viertelstunden.

Über die Aufgaben und Pflichten des Türmers, der in späteren Jahren aus den Reihen der Stadtpfeifer kam, und seiner Gesellen in den „Fürstlich Sächsisch Altenburgischen“ Städten gibt eine Anstellungsurkunde von 1762 genaue Auskunft.

Im Sommerhalbjahr mussten die Stadtpfeifer jeden Morgen um 4 Uhr in der Frühe, desgleichen am Mittag um 11 Uhr sowie abends um 9 Uhr, im Winter um 5 Uhr, 11 Uhr und 20 Uhr, Choräle und andere „gute Stücke abblasen“. Auch den Wachdienst über die Stadt und das Land hatten sie zu versehen. „Bey starken Winden und Ungewittern Tag und Nacht“ sollen sie, deren Wohnung sich ja gleichzeitig auf dem Turme befand, „vom Thurme gute Aussicht führen“, Ferner mussten sie „Wetterschlag oder Feuer durch das gewöhnliche Zeichen mit Anschlagung der Glocke eylichst melden“.

Im Laufe der Zeit änderte sich die Funktion dieser Signalmusik. Aus den einfachen Signalen wurden kunstvolle Instrumentalsätze, die nun von wenigstens vier oder fünf Bläsern (den Stadtpfeifern der verschiedenen Türme der Stadt) zumeist vom Balkon des Rathauses oder aber den „Umgängen“ der Kirchtürme geblasen wurden.

Bis ins 19. Jahrhundert hinein blieb das Turmblasen noch lebendig, und kein Geringerer als Ludwig van Beethoven (1770-1827) schrieb für den Linzer Turmmeister Franz Xaver Glöggl (1764-1839) seine „Drei Equale für vier Posaunen" zum „Abblasen“.

Seit einigen Jahren nun tritt die städtische Tradition des Turmblasens in verschiedenen Städten unseres Landes als Bereicherung des geistig- kulturellen Lebens wieder verstärkt in den Vordergrund. Und so, wie Gottfried Reiche im Turmblasen „ein Freuden und Friedens-Zeichen“ sieht, da „wo solche Musik muss eingestellet werden, gewiss ein Land-Trauern, Krieg oder sonst ein Unglück zu beweinen ist; .“, so könnte die Turmmusik als ein solches „Freuden- und Friedens-Zeichen“ auch das geistig-kulturelle Leben unserer Stadt wesentlich bereichern.

Ein gelungener Anfang, diese Tradition wieder aufzunehmen, wurde am 26. Juni 1982 gemacht. Erstmalig wieder fand an diesem Sonnabend um 11 Uhr mittags vom Umgang des (innen neu renovierten) Nikolaikirchturms eine Turmmusik statt, zu der Bläserstücke u.a. von Johannes Pezelius (1639-1694) und Gottfried Reiche erklangen.

Turmmusik sowie die Besichtigung und Besteigung des Nicolaikirchturms haben ein großes Echo gefunden. Dazu trugen in besonderer Weise die Altenburger Stadtpfeifer, ein neu konstituiertes Ensemble aus Mitgliedern der Landeskapelle Altenburg bei, und nicht zuletzt Hans Joachim Kessler mit dem Jugendklub des Schloss- und Spielkartenmuseums bei.

Seit dem haben neben den Stadtpfeifern auch andere Bläservereinigungen zu verschiedenen festlichen Anlässen sich in Form einer Turmmusik hören lassen.

Aber auch der Rathausturm wurde in diese alte Tradition einbezogen, besonders wenn um die Weihnachtszeit vom „Umgang“ des Turmes weihnachtliche Bläsermusik erklingt.

Doch wir wollen nicht nur sehen, wie hier eine alte städtische Tradition um ihrer selbst zu genügen gepflegt wird, sondern wollen sie als ein Freuden- und Friedenszeichen in unserer Zeit aufnehmen.

 

Quelle:

Kulturbund der DDR, Gesellschaft für Heimatgeschichte, Kreisvorstand Altenburg, Heft 1 - 1983