Das Landestheater Altenburg

Der Blick in die Theater-Vergangenheit von 1474 -1871

Altenburg ist eine der theaterträchtigsten Städte Mitteldeutschlands. Die Theatergeschichte beginnt bereits im ausgehenden Mittelalter. Die erste urkundlich verbürgte Theateraufführung fand 1474 auf dem Altenburger Marktplatz statt. Fahrende Schüler spielten damals das „Spiel vom Leiden und Sterben Christi“. Als Bühne dienten Brettergerüste. 1544 stellten „hiesige junge Bürger“ ebenfalls auf dem Marktplatz das „Spiel von Jacob und seinen Söhnen“ dar, wofür sie mit „11 Kannen Rheinischen Weins vergnügt“ wurden. Es folgen 1574 die „Tragödie vom reichen Manne“ und am 29. August 1594, wegen ungünstiger Witterung in die alte Brüderkirche verlegt, die „Tragödie von der Dorothea“, deren Aufführung schließlich für die Zuschauer zur Tragödie wurde: Gegen Ende der Vorstellung brach über Altenburg ein so fürchterliches Unwetter herein, dass das Publikum bis zum anderen Morgen in der Kirche ausharren musste. In abergläubischer Furcht wandte man sich wieder weltlichen Orten für das Theaterspiel zu.

Seit Mitte des 16. Jahrhunderts war besonders die Lateinschule mit Komödien von Plautus und Terenz Trägerin des Theaterspiels, wofür der Rat der Stadt nicht nur den Rathaussaal als Spielstätte zur Verfügung stellte, sondern die Ausführenden mit Brennholz, „Rheinischem Wein“ und „abendlichem lmbiß“ bewirtete und vergütete. 1577 führten Altenburger Handwerker ebenfalls im Rathaus das Spiel vom „Kammmacher und seinen Gehilfen“ auf.

Genau 100 Jahre nach dem Deutschen Bauernkrieg kam auf dem Marktplatz das Spiel „Der aufrührerische Thomas Müntzer“ von Martin Rinckart zur Aufführung. Gespielt wurde das Stück wahrscheinlich von Leipziger Studenten. Diese öffentliche Aufführung lockte auch die Landbevölkerung in starkem Maße an. Einige Zuschauer waren, um das Spiel besser verfolgen zu können, auf die Dächer der Häuser am Markt gestiegen. Doch einige Dächer hielten der Überbelastung nicht stand und brachen in sich zusammen.

Im 17. Jahrhundert kamen die dem Schutzpatron der Jugend, Papst Gregor I. gewidmeten Gregoriusspiele in Mode. Auf seinen Todestag, den 12. März, wurde alljährlich der Schulanfang gelegt, den man feierlich ausgestaltete. Vor allem waren es die von den Rektoren besonders dafür geschriebenen Spiele, die als Unikate in die Altenburger wie auch Deutsche Theatergeschichte eingingen. Es gab da oft bis zu 120 oder 140 Mitwirkende.

In diese Stücke wurden auch Zeitprobleme sowie die des einfachen Volkes einbezogen: Neben lustigen Nachspielen, bei denen die Darsteller in Altenburger Bauerntracht und Altenburger Mundart agierten und schließlich ihren Leib- und Magentanz, den so genannten „Rumpuff“ tanzten, gab es auch ernste Szenen. So ließ Magister Paul Martin Sagittarius 1677 in seinem Stück „Das friedewünschende Teutschland“ Schüler in Tracht und Mundart der Altenburger Bauern über die Nöte des Dreißigjährigen Krieges harte und bittere Klage führen. Johann Christoph Gottsched, Professor für Poesie, Logik und Metaphysik an der Universität Leipzig, zollte diesen Altenburger Gregoriusspielen sehr hohe Anerkennung.

Als 1674 eine Abordnung des Zaren Peter I. durch Altenburg reiste, führten die Lateinschüler das Spiel „Horribilicribrifax“ von Andreas Gryphius auf.

1712 wurde erstmals „auf dem Rathause“ in einem Spiel des „Sächsischen Prinzenraubes“ gedacht. Aus dem Jahre 1750, in dem die Wiener Theatergesellschaft von Franz Schuch im Rathaus spielte, sind folgende Eintrittspreise überliefert:

1. Platz 1 Gulden,

2. Platz 8 Groschen,

3. Platz 4 Groschen,

4. Platz 2 Groschen.

Nach dem Rathaussaal wurde in einem Anbau im Rathaushof gespielt, in dem die so genannten Fleischbänke standen.

Im Schlossgarten wurde 1669 das Ballspielhaus zu einem Ballhaus umfunktioniert, dass 1729 für „Bühnenzwecke“ umgebaut wurde. Hier kamen die Opern und Melodramen der Altenburg-Gothaschen Hofkapellmeister Gottfried Heinrich Stölzel und Georg Benda zur Aufführung. 1742 gastierte hier für längere Zeit Caroline Neuber mit ihrer Theatergruppe und 1775 Conrad Ekhof. Neben Stücken des jungen Lessing standen auch Stücke von Diderot auf dem Spielplan. Als 1779 das Theater im Schlosspark geschlossen wurde, griff das Altenburger Bürgertum zur Selbsthilfe.

1783 begann der Perückenmacher Franke eine alte Scheune in der Pauritzer Gasse in ein Theater umzubauen. Dieses „alte Komödienhaus“ bot 700 Besuchern Platz und wurde im Laufe der Jahre mit einer raffinierten bühnentechnischen Einrichtung versehen. Besonders groß war der Andrang der ländlichen Bevölkerung, wenn Stücke von Schiller gespielt wurden. Die Landbevölkerung kam aus den Entferntesten Flecken des Altenburger Landes auf Leiterwagen in die Stadt, um Theater zu erleben. Der Chronist Carl Friedrich Kronbiegel bemerkt dazu, dass sich die Sitten der Altenburger Landbevölkerung erheblich gebessert hätten, seit sie das Theater in der Stadt besucht. Im alten Komödienhaus trat der kleine Albert Lortzing mit seinen Eltern erstmals in Altenburg auf, Franz Liszt gab hier 1842 einen „vielbeachteten Klavierabend“ und Wilhelmine Schröter Devrient gastierte im gleichen Jahr u. a. als Norma. Im selben Jahr wurde das Komödienhaus wegen Baufälligkeit geschlossen. Noch einmal kam das Theater im Schlossgarten zu neuer Blüte. Am 30. Januar 1843 dirigierte Albert Lortzing hier seine Oper „Zar und Zimmermann“. Eine Spielzeit dauerte damals 4 Monate und wurde von reisenden Theatergesellschaften bespielt. Bei wöchentlich 4 Vorstellungen an 75 Abenden standen insgesamt 84 verschiedene Stücke im Spielplan. Zu den prominentesten Gästen gehörte damals auch Marie Seebach. 1864 wurde mit Shakespeares „Hamlet“ die letzte Spielzeit in diesem Theater eröffnet. Erstmals wird um diese Zeit auch ein 39 Mann starkes Theaterorchester erwähnt.

 Das Herzogliche Hoftheater von 1871 – 1914

Bereits zu dieser Zeit existierten Pläne für ein neues Theatergebäude: Das ehemalige herzogliche Hof- und heutige Landestheater Altenburg. Es wurde von Hofbaumeister Otto Brückwald nach den Plänen des Altenburger Baurates Julius Engert erbaut, die auf Gottfried Sempers altes Dresdener Hoftheater zurückgehen (das 1868 abbrannte).

Nach knapp zweijähriger Bauzeit wurde das Herzogliche Hoftheater am 16. April 1871 mit einer Festaufführung von Carl Maria von Webers Romantischer Oper „Der Freischütz“ eröffnet.

Mit der Eröffnung dieses Theaters erhielten die über fünfhundert Jahre in Altenburg gewachsenen Theatertraditionen endlich eine würdige Heimstatt.

Das Theater ist im Renaissancestil erbaut. Es hat drei Ränge mit Proszeniums- und Mittellogen sowie einen runden Deckenplafond. Einschließlich Dekoration und Maschinerien beliefen sich die Baukosten auf ca. 350.000 Mark.

Die damaligen Deckengemälde stammten von Prof. Höfemeyer aus München. Das Theater war zunächst mit einer Gasbeleuchtung ausgestattet. Zum Intendanten wurde Friedrich Freiherr von Liliencron berufen, zum Musikalischen Oberleiter Hofkapellmeister Dr. Wilhelm Stade.

Liliencron engagierte mit seinem Theaterdirektor Podolsky erstmals ein festes Darstellerensemble für Oper und Schauspiel an das neue Theater. Auch einen Chor und eine Tanzgruppe gab es bereits. Das Orchester rekrutierte sich aus Musikern der Hofkapelle sowie der Stadtkapelle und der Militärmusik. Die Operette wurde durch Mitglieder beider Sparten bedient. Da zu der Zeit gerade das Theater in Trier geschlossen werden musste, wurde dessen Fundus und ein ansehnlicher Teil des dortigen Notenarchivs übernommen.

Nach der Eröffnungsvorstellung folgte eine Reihe von 13 Opernaufführungen. Die eigentliche erste Spielzeit begann am 24. September 1871 mit Heinrich Laubes „Die Karlsschüler“. Neben Bellini, Donizetti, Mozart, Lortzing, Schiller, Kotzebue und Scribe standen auch Stücke der Birch- Pfeiffer auf dem Spielplan. Zu den Gästen dieser Jahre zählte u. a. auch Marie Seebach. Es folgten die Opern von Giuseppe Verdi und Richard Wagner. Mit „Tannhäuser“ kam 1873 die erste Wagneroper in Altenburg zur Aufführung, 1875 folgte „Lohengrin“, 1876 „Der fliegende Holländer“ und 1886 „Die Meistersinger von Nürnberg“. Neben Dr. Stade war es besonders Georg Riemenschneider, der sich um die Werke Richard Wagners verdient gemacht hat. Mit diesen Aufführungen begann eine Tradition in Bezug auf die Pflege der Opern des großen deutschen Komponisten, die bis in die Gegenwart hineinreicht. Als besonderen Namen dieser Jahre muss man Hermann Winkelmann nennen, der später der erste Parsifalsänger in Bayreuth war. Bereits 1871 versuchte der damalige Geraer Intendant Cramm eine Fusion mit der neuen Altenburger Bühne, die aber fehlschlug. 1876/77 kam es dann doch zu einer Fusion der beiden Häuser, bedingt durch die Doppeldirektion des Altenburger Theaterdirektors Sowade. Auch die Operette hält in diesen Jahren verstärkt ihren Einzug. Standen vorerst die Werke Jacques Offenbachs im Vordergrund, so folgten jetzt die klassischen Wiener Operetten, voran Carl Millöckers „Bettelstudent“ und natürlich „Die Fledermaus“ von Johann Strauß. 1882 erfolgte der Anbau des Magazins, 1895 wurde das Verwaltungsgebäude angebaut und die Gasbeleuchtung durch elektrische Beleuchtung ersetzt. Im Jahre 1883 erwirkte Intendant von Liliencron, dass an das Personal auch Sommergagen gezahlt wurden. Ein Ereignis von besonderer Tragweite wurde die erste Aufführung der Neunten Sinfonie von Ludwig van Beethoven am 13. Januar 1902 in diesem Theater. Der Dirigent war Dr. Georg Göhler, der von 1903 -1907 und von 1922 -1933 am Herzoglichen Hof- und späteren Landestheater Altenburg als Musikalischer Oberleiter verpflichtet war. Auch Arthur Nikisch, Gewandhauskapellmeister in Leipzig und Dirigent der Berliner Philharmoniker, erscheint als Dirigent am Pult der Hofkapelle.

1904 erfuhr das Theater einen Umbau der Vorderfront. Durch den Anbau des Foyertraktes im Stile des romantisierenden Klassizismus mit neuer Fassade, erhielt das Theater neben der veränderten Freitreppe ein Kassenfoyer, ein Hauptfoyer sowie die Einrichtung zusätzlicher Aufgänge für die Ränge.

Schon zu Beginn des Jahrhunderts wurden, bedingt durch Intendantenwechsel und durch Doppeldirektionen von Direktor Liebig, Vorstellungen des Altenburger Ensembles auch außerhalb Altenburgs gespielt, so z. B. im Kurtheater in Wildbad, aber auch in Bad Elster. Der durch Friedrich von Liliencron begründete gute Ruf des Theaters wurde in den folgenden Jahren weiter ausgebaut und auf eine künstlerische Höhe gebracht, die durch Spielplanpositionen wie Goethes „Faust“ und Wagners „Ring des Nibelungen“ unterstrichen werden können.

1914 wurde mit Beginn des 1. Weltkrieges das Theater geschlossen. Doch schon zu Beginn des Jahres 1915 wurde unter dem Neuberufenen Intendanten Max Berg- Ehlert wieder Theater gespielt. Neben altbewährten Kräften des Hauses wie Josefa Back-Freund kamen als Gäste u. a. der Tenor Richard Tauber, der Wagnerbariton Walter Soomer, der Cellist Julius Klengel, sowie die Schauspielerin Tilla Durieux und der Schauspieler Paul Wegener nach Altenburg. Auch ein selbständiges Operettenensemble wurde in das bestehende Ensemble eingegliedert. 1917 wurde der Dirigent Eugen Szenkar an das Theater verpflichtet, ein Kapellmeister, der später an der großen Volksoper in Berlin dirigierte und zuletzt Generalmusikdirektor der Oper in Köln war.

 Das Landestheater Altenburg, die Jahre 1918 – 1932

Das Revolutionsjahr 1918 brachte wie überall große Einschnitte in die Arbeit des Theaters. Nach der Abdankung des Herzogs wurde das Theater von dem Staat Thüringen als Rechtsnachfolger übernommen. Damit wurde aus dem Herzoglichen Hoftheater das Landestheater Altenburg und aus dem ehemaligen Theaterorchester die Landeskapelle Altenburg. Ein groß angelegter Spielplan bringt neben Beethovens „Fidelio“, Lortzings „Waffenschmied“, Mozarts „Zauberflöte“ und Verdis „Rigoletto“ auch den gesamten „Ring des Nibelungen“ sowie „Lohengrin“, „Tannhäuser“, „Parsifal“ und den „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner. 1922 wurde Helge Roswaenge nach Altenburg verpflichtet. Er wurde später ein gefeierter Tenor an der Wiener und der Berliner Staatsoper. 1924 kam Otto Rudolf Hartmann als Oberspielleiter der Oper an das Landestheater, Walter Borrmann übernahm die Leitung des Chores und Kurt Steinbach agierte sowohl als Schauspieler wie auch als Spielleiter des Schauspiels. Georg Göhler begann mit der Übersetzung und Einrichtung unbekannter Verdi-Opern die Verdi-Renaissance in Deutschland einzuläuten.

1924 gab es eine umfassende Renovierung des Zuschauerraumes, die sich vom Parkett bis zum Plafond erstreckte. Aber immer mehr traten die verheerenden Auswirkungen der Inflation zu Tage. 500 Mark kostet ein Stehplatz, ein Platz im ersten Rang kostete gar 5000 Mark. Später zahlte man sogar 200.000 Mark für einen Stehplatz und 1.800.000 Mark für einen Platz in der Orchesterloge.

1925 gab es die ersten Etatkürzungen und Abbaubestrebungen an den Theatern durch die Weimarer Regierung, die auch vor dem Altenburger Theater nicht Halt machten. Die Altenburger Bevölkerung stellte sich indes schützend vor ihr Theater und gründete die „Vereinigung der Theaterfreunde für Altenburg und Umkreis“. Diese Vereinigung richtete viele Eingaben an die Regierung, in denen sie die ehemals gegebenen verbrieften Rechte auf Unantastbarkeit des Etats bei etwaigem Finanzabbau verfocht. Darüber hinaus suchte sie auch die aktive Teilnahme der Bevölkerung des Altenburger Landes an ihrem Theater zu steigern. Das geschah durch Werbeveranstaltungen, Einrichtungen von Fremden- und Schülervorstellungen, durch geldliche Beihilfen bei Gastspielen berühmter Künstler u. v. m. Als Publikationen erschienen die „Altenburger Konzert- und Theaternachrichten“, aber auch die Jahrbücher der „Vereinigung der Theaterfreunde“. 1925 dirigierte Siegfried Wagner, der Sohn Richard Wagners, ein Konzert der Landeskapelle, in dem er neben Werken seines berühmten Vaters auch eigene Werke zu Gehör brachte. Es gab über diese Gastspiele hinaus, zu denen Ludwig Wüllner und Asta Nielsen kamen, einen aufregenden Spielplan. Eduard Künneke dirigierte die Uraufführung seiner Operette „Die blonde Liselott“ und brachte ebenfalls als Uraufführung seine Oper „Nadja“ in Altenburg heraus. Im Schauspiel standen „Frau Warrens Gewerbe“ von Georg Bernhard Shaw, „Ingeborg“ von Curt Götz, Gerhard Hauptmanns „Dorothea Angermann“ und „Die Ratten“ im Spielplan. Die Oper brachte „Jonny spielt auf“ von Ernst Kenek und schließlich die Uraufführung der Neufassung der beiden Kurt Weill Einakter „Der Zar lässt sich photographieren“ und „Der Protagonist“, zu der Weill selbst anwesend war. Überhaupt war Altenburg ein Theater, dem Autoren oft und gern ihre Werke zur Uraufführung anboten.

Ein wichtiger Träger dieses Spielplans war neben 0. R. Hartmann auch der junge Dirigent Maurice Abravanel, der von Altenburg aus eine Karriere über die Staatsoper Berlin und die Berliner Philharmoniker an die Metropolitan Oper New York und die New Yorker Philharmoniker startete. Er wurde einer der bedeutendsten Dirigenten der Werke Gustav Mahlers.

1927/28 kam es nochmals zu einer Fusion mit dem Reussischen Theater Gera, die aber wegen Unwirtschaftlichkeit vor Ablauf des Probejahres wieder gelöst wurde. Im gleichen Jahr wurde eine bauliche Erweiterung des Verwaltungsgebäudes vorgenommen. 1929 verließ Max Berg Ehlert nach 14jähriger Intendantentätigkeit Altenburg. 1930/31 brachte erneut eine Fusion, diesmal mit Gotha. In der Zeit vom 31. August 1930 bis 28. April 1931 wurde in Altenburg gespielt und vom 1. März 1931 bis Juni in Gotha. Ferner gab es eine Gastspielzeit in Altenburg, die die Tage vom 1. März bis 3. Mai 1931 umfasste und in denen das Reussische Theater Gera, verschiedene Leipziger Theater, das Stadttheater Zwickau, das Nationaltheater Weimar und das Stadttheater Plauen gastierten. Aber schon 1931 wurde die wirtschaftlich untragbare Verbindung der beiden Theater Altenburg-Gotha wieder aufgelöst.

 Stabile Theaterjahre von 1933 – 1945

 Eine gewisse nicht zu leugnende Stabilität für das Theater brachten die Jahre nach 1933. Mit Generalmusikdirektor Dr. Heinz Drewes als Generalintendant des Landestheaters Altenburg wurde zwar streng darauf geachtet, dass alle nichtarischen Autoren von der hiesigen Bühne verschwanden, andererseits war Drewes bestrebt, qualitativ hochwertige Aufführungen auf die Bühne zu stellen. Als Beitrag dazu waren sicher auch die Gastspiele von Heinz Rühmann, Curt Jürgens und Marry Wigmann. Gastspiele mit bedeutenden Künstlern großer Bühnen haben sich auch unter seinen Nachfolgern fortgesetzt: Maria Cebotari, Peter Anders und Karl Schmitt-Walter von der Berliner Staatsoper kamen gern als Gäste nach Altenburg. Es gab Werbe-Abende, Wohltätigkeitsveranstaltungen, und es schlägt 1935 die Geburtsstunde der groß angelegten Schlosshof-Festspiele, die 1932 als Heimatfestspiele initiiert wurden. Noch heute wissen Zeitzeugen von der großartigen Wirkung von Wagners „Lohengrin“ im Schlosshof zu berichten. Neben Bühnenwerken wie Webers „Freischütz“ und Wagners „Walküre“ standen auch eine Reihe von Sinfonie- und Serenadenkonzerten auf dem Plan dieser Schlossfestspiele.

1938 wurde das Bühnenhaus erhöht.

Als der Zweite Weltkrieg begann, kamen erneut Fusionsgedanken auf. Sicher ist es der Hilfe von Dr. Drewes zu danken gewesen, dass dieser Kelch an Altenburg vorbeiging. Drewes, der 1939 bereits in der Reichsmusikkammer in Berlin saß, mag es gewesen sein, der die Landeskapelle unter Fritz Dümke als Konzertmeister und Dirigent nach Garmisch-Partenkirchen als Kurorchester vermittelt hat. Dort kam es 1939, anlässlich des 75. Geburtstages von Richard Strauss, zu Begegnungen zwischen der Landeskapelle und dem Komponisten. 1940 war die Landeskapelle nach dem Gewandhausorchester, zweites Orchester in der Leipziger Oper. 1943 wurde von der damaligen Reichsregierung und Frau Winifred Wagner, Altenburg als Ausbildungsstätte der Wagnerenkel ausersehen. Wieland Wagner entwarf Bühnenbilder und inszenierte hier erstmals den „Ring des Nibelungen“ seines Großvaters, aber auch den „Freischütz“ von Carl Maria von Weber. Sein Mentor war GMD Prof. Kurt Overhoff. Overhoff äußerte in einem Brief, dass man sagen könne, in Altenburg sei in diesen Jahren „Neu-Bayreuth“ vorbereitet worden. Und so trafen sich 1951 zu den ersten Bayreuther Festspielen nach dem Zweiten Weltkrieg Wieland Wagner und Kurt Overhoff als wesentliche Erneuerer dieser Nachkriegsfestspiele.

1944 wurden im Zuge der „Generalmobilmachung“ alle Theater geschlossen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches wurde sofort wieder Theater gespielt Als erste Aufführung fand am 14 Juli 1945 in einer geschlossenen Veranstaltung für die Gewerkschaft ein Konzert unter dem Motto „Wir fangen an ...“ statt. Es folgten Opern-, Operetten- und Liederabende, am 28. Juli das 1. Sinfoniekonzert und am 9. August die erste große Opernvorstellung mit Albert Lortzings „Waffenschmied“.

Als erste Operette kam am 19. August „Der Vetter aus Dingsda“ zur Aufführung. Schließlich folgten auch das Schauspielensemble mit den beiden Einaktern „Der Kammersänger“ von Frank Wedekind und „Der grüne Kakadu“ von Arthur Schnitzler.

Zum kommissarischen Leiter und späteren Intendanten wurde Karl Weber berufen, der mit Umsicht und Tatkraft den Wiederaufbau eines leistungsfähigen Ensembles organisierte. Ihm zur Seite standen so erfahrene Theaterpersönlichkeiten wie Hermann Wedding und Kurt Steinbach als Schauspielleiter, Konzertmeister Heinrich Schachtebeck, Chordirektor Walter Borrmann, aber auch der frühere Generalintendant Max Berg-Ehlert und die Ballettmeisterin Gretl Veste. Trotz des Elends, das der zu Ende gegangene Krieg über die Menschen gebracht hatte, war ein Theaterhunger unter der Bevölkerung. Die Menschen suchten aber nicht nur Zerstreuung in ihrem Theater, sondern wollten eine friedlichere Zukunft mitgestalten helfen. Es war eine unglaubliche Aufbruchstimmung, bei der Parteien und Massenorganisationen das Theater unterstützten, aber auch Persönlichkeiten wie der Musikwissenschaftler Rudolf Hartmann und Studienrat Karl Gabler stellten ihr enormes Fachwissen in den Dienst dieser neuen Zeit.

1946/47 wurde eine Drehbühne eingebaut und das Seckendorffsche Palais als eine Art Funktionsgebäude dem Theater angegliedert. In den Nachkriegsjahren wurde vor allem durch Partei- und Staatsführung Wert darauf gelegt, dass auf dem Theater die großen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen aufgearbeitet und ausgetragen wurden. Das Theater sollte sich zu „wahrem Volkstheater“ entwickeln, d. h. zu einem „sozialistischen Theater“, fernab von „Amüsiertheater im üblichen Sinne“. Besonders griff diese Tendenz nach der Gründung der DDR 1949, in der auch „dem Theater als vornehmste Aufgabe“ aufgetragen wurde, für den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung tätig zu sein.

Es gab in den Jahren des DDR-Theaters, trotz mancherlei Einmischungsversuche, eine hohe Theaterkultur, die sich in der Organisation des Theaters, in einer ausgewogenen Spielplanpolitik und in einer hohen Inszenierungsqualität niederschlug. Für ein hohes Niveau bezüglich der Theaterarbeit am Theater, mögen Namen wie Jochen Thomas, Albert Hetterle, Rudi Kurz, Ivan Malre, Jürgen Frohriep und Karin Gregorek, die allesamt zum Fernsehfunk oder an Berliner Bühnen gingen, stehen. Zu den Publikumslieblingen zählten auch Gerty von Elmpt, Herma Kaltner und Kilian Danner. Die Ära des Regisseurs Gotthard Müller, dem späteren Oberspielleiter des Schauspiels der Leipziger Theater, in dem Jahrzehnt zwischen 1950 und 1960 muss ebenfalls unbedingt erwähnt werden, wie die von Dr. Karl Heinz Viertel. Neben dem humanistischen Erbe der Vergangenheit standen auch zeitgenössische Stücke von Autoren der DDR und der so genannten „sozialistischen Bruderländer“ auf dem Spielplan. Mit diesen Stücken fand dann wirklich eine kritisch-realistische, ja dialektische Auseinandersetzung mit den Problemen der sozialistischen Gegenwart statt, wodurch das Theater für die einstigen Förderer suspekt zu werden begann. Ein Stück wie „Die neuen Leiden des jungen W“ von Ulrich Plenzdorf 1973/74 war, um nur eines unter vielen zu nennen, dafür an unserem Theater ein beredtes Beispiel. Gerade dieses Stück aber wurde ein enormer Publikumserfolg.

Es muss an dieser Stelle eines Mannes gedacht werden, der das Theater 17 Jahre lang durch manche Klippe und Stromschnelle steuerte, und unter dessen Leitung das Landestheater Altenburg das letzte große Abendrot vor der Wende erlebte: Intendant Peter Posdzech. Er entwickelte das weiter, was seine Vorgänger an diesem Theater an großer Theaterkultur gepflegt und ausgebaut haben. Unter ihnen erlebte das Landestheater Altenburg von 1965 - 1982 Jahre breitester Anerkennung und Achtung auch über die damaligen Grenzen hinaus, besonders mit den Opern Wagners und Verdis, deren kontinuierliche Aufführungen zu einer Traditionslinie wurden. Zu nennen sind da unbedingt die „Meistersinger von Nürnberg“ in der Inszenierung von Peter Gogler, mit Klaus Buron als Hans Sachs, „Tannhäuser“ sowie „Der fliegende Holländer“ von R. Wagner und die Verdi-Opern „Nabucco“, „Die Macht des Schicksals“ bis hin zu „Othello“. Mitstreiter in diesen Jahren waren u. a. Elisabeth Kuhn, Antje Arpe, Hannelore Geisler-Pemmann, Karin Kundt-Petters, Wolfgang Lindner, Willi Schweighöfer im Schauspiel, dazu Christian Bleihöffer, Volker Traut und Klaus Fiedler als Schauspielregisseure. Im Musiktheater sollen stellvertretend für viele Margot Voigt-Buron, Wilfriede Günschel, Hildgard Schirrmeister, Vera Siegert, Jutta Streichardt, Brigitte Helm, Renate Buschmann, Gabriele Schumann, Gottfried Winter, Gerhard Scholler, Heinz Petters, Bernhard Brunko, Wolfgang Langner, Manfred Brendel, Gertraude Schnabel und Karl Göhler stehen, dazu Helmut von Senden, Heinz Scholze und Friedrich Konrad Pemmann als Musiktheaterregisseure, der Ballettmeister Heinz Specht und der Dirigent Helmut Wünderlich, Chordirektor Heinz Müller, das Chor- und das Ballettensemble u. v. m.

Das Landestheater Altenburg bekam 1983/84 den Status eines Nachwuchsfördernden Theaters. Junge Sänger, die von den Hochschulen oder aus Studios kamen, wurden hier in entsprechenden Rollen oder Partien gefördert und auf ihren künftigen Beruf vorbereitet. Auch das „Seminar für junge Operndirigenten“ wurde in diesem Rahmen durch das Ministerium für Kultur der DDR ins Leben gerufen. Damit war eine Aufstockung der Landeskapelle auf ca. 70 Musiker verbunden. Inzwischen hat das „Dirigentenseminar“ 1994 sein 10jähriges Bestehen feiern können und es wird, nun vom Deutschen Musikrat betreut, auch künftig am Landestheater Altenburg angebunden bleiben.

Die Landeskapelle Altenburg, deren Wurzeln bis ins ausgehende Mittelalter zurückreichen, ist mit dem Einsatz in Oper, Operette, Ballett, Musical und mit seinen 10 Sinfoniekonzerten wohl das vielseitigste Ensemble desTheaters. Seit den ersten Bayreuther Festspielen bis zum Jahre 1951 spielten eine Reihe von Musikern dieses Klangkörpers, so z. B. Adolf Kunze und Oswald Hanitzsch, im Bayreuther Festspielorchester. Bedeutende Dirigenten sind immer wieder gern zu Gastdirigaten gekommen, darunter auch Hermann Abendroth, Heinz Bongartz, Kurt Overhoff, Paul Schmitz und Rolf Reuter. Auch Gottfried Schwiers, Martin Egelkraut und Peter Sommer als langjährige Chefdirigenten der Landeskapelle verdienen hier besonders erwähnt zu werden, da das Orchester über die Zusammenarbeit des Lobes voll war und noch ist. Ein wesentlicher Kulturfaktor, aus der Landeskapelle heraus geboren, war auch das Altenburger Kammerorchester, das der langjährige Konzertmeister Lothar Blüher 1961 ins Leben rief und das weit über die Grenzen des Altenburger Landes hinaus gewirkt hat.

In all den Jahren sind viele Sängerinnen und Sänger von Altenburg aus an große Theater engagiert worden, allen voran Martin Ritzmann an die Deutsche Staatsoper Berlin, Irene Tschoppe und Klaus Buron an die Leipziger Oper, Werner Enders an die Komische Oper Berlin, desgleichen Dagmar Schellenberger und lvonne Wiedstruck. Eine internationale Karriere nahm Rosemarie Lang von Altenburg aus über Leipzig an die Berliner Staatsoper.

Als besondere Inszenierungen der achtziger Jahre wären Jaques Offenbachs „Ritter Blaubart“ und das Musical „Cabaret“ von John Kander zu nennen.

Waren bis in die Jahre 1983/84 die Besucherzahlen konstant geblieben, so sanken sie in den folgenden Jahren mehr und mehr. Auch Inszenierungen wie Webers „Freischütz“, spektakulär in Szene gesetzt durch Peter Konwitschniy, „Madame Butterfly“ von G. Puccini, in der ungemein feinfühligen Regie von Peter Brähmig aus Potsdam und die interessanten Inszenierungen Heinz Runges von der Komischen Oper Berlin konnten daran nichts ändern.

Das Tief war in den Jahren von 1985/86 bis 1989 erreicht. Durch eine schlechte Theaterpolitik bedingt, kehrten immer mehr Besucher ihrem Landestheater den Rücken. Nach der Wende 1989 versuchte nun das übrig gebliebene Leitungsteam durch einen ausgeglicheneren Spielplan auch Publikumswünsche stärker zu berücksichtigen und Publikum zurückzugewinnen. Nach vielen Jahren stand erstmals wieder „Das Land des Lächelns“ von Franz Lehar auf dem Spielplan und wurde vom Publikum lebhaft begrüßt. Ein großes Ereignis war die Aufführung der Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach unter Gewandhauskapellmeister Prof. Kurt Masur 1990.

Rückblickend sei noch an einige bauliche Veränderungen erinnert. So wurde 1956 die Maschinerie im Theater ausgewechselt, 1978 eine neue Drehbühne eingebaut und 1988 eine vollautomatische Lichtstellwarte installiert. Im selben Jahr wurde auch das neue Heizhaus samt einer neuen Heizungsanlage in Betrieb genommen. Gleich nach der Wende gingen Gerüchte von Theaterschließungen, Fusionen, Personalabbau und Schließungen von Sparten durch die Reihen der Theaterleute. Auch die Bevölkerung nahm regen Anteil an der bevorstehenden Theatersituation. So kam es zur Neugründung der 1933 aufgehobenen „Vereinigung der Theaterfreunde für Altenburg und Umkreis“.

Mit der Wahl des Österreichers Georg Mittendrein 1991 zum neuen Intendanten, begann für das gesamte Personal des Theaters ein Prozess des Umdenkens. Mittendrein kam mit völlig neuen Vorstellungen über Theater, setzte dies aber so um, dass sie sich schließlich sehr segensreich auf die Besuchersituation, aber auch auf die Leistungsfähigkeit des Ensembles auswirkte. Die Ära Mittendrein heute schon umfassend bewerten zu können, scheint noch zu früh zu sein. Nur soviel sei hier angemerkt: Sein großes Engagement für den Erhalt der Eigenständigkeit des Altenburger Theaters, seine geschickte Medienpolitik bezüglich des Rufbildes unseres Hauses und sein Stand- und Durchsetzungsvermögen waren oft beispiellos, aber auch beispielgebend für seine Mitarbeiter. Unter seiner Leitung wurde das „Theater im Heizhaus“ 1994 eröffnet. Darüber hinaus werden natürlich besonders die Inszenierungen auf der „Musical-Schiene“ wie „La Cage aux Folles“, „Die Buddy Holly Story“, „Kiss me Kate“, „Grease“ und schließlich die Hommage an die Beatles „Yesterday“ in unser aller und bester Erinnerung bleiben.

Mit Aufführungen von Bertolt Brechts „Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“, „Astoria“ von Jura Soyfer und einer umjubelten Inszenierung von Richard Strauss‘ „Salome“ beschloss das Altenburger Theater die letzten Wochen seiner Eigenständigkeit

Seit dem 1. August 1995 fusioniert das Landestheater Altenburg mit den Bühnen der Stadt Gera in der Altenburg Gera Theater GmbH unter der Generalintendanz von Michael Schindhelm. Es ist zu hoffen, dass diese Theater-Ehe unter einem glücklicheren Stern stehen möge als die Fusionen im Laufe der vergangenen 125 Jahre.

Quelle:

Landestheater Altenburg,

Festschrift zur Wiedereröffnung des rekonstruierten Theaters 1995