Der Helenenstein

Der Helenenstein ist für wandergewohnte Jenenser ein Begriff, denn südlich Jenas existiert auf der rechten Saaleseite zwischen Ölknitz und Sulza ein Wanderheim dieses Namens. 1932 wurde es von Jenaer Mitgliedern des Touristenvereins „Naturfreunde" erbaut. Das Heim liegt am Helenenberg, dessen Name weniger bekannt ist. Ursprünglich hieß die Höhe, die Fortsetzung des Eichbergs bei Maua nach Süden, Sandberg. Wie kam es zu der Namensänderung? Warum wurde aus dem Sandberg ein Helenenberg?

Seit mehr als hundert Jahren trägt der Berg diesen Namen. Er erinnert an eine schöne und berühmte Frau, Helene, Herzogin von Orléans. Die einstige Kronprinzessin Frankreichs war 1854 im Drackendorfer Gut bei Frau von Helldorf zu Besuch. Auf einem Ausflug kamen die beiden Damen damals auch zum Sandberg, und Helene erfreute sich hier an der schönen Aussicht ins Saaletal. Später ließ Clara von Helldorf an dieser Stelle zur Erinnerung einen Gedenkstein, einen mehr als drei Meter hohen Obelisken aufstellen, der heute noch vorhanden ist. Er trägt die schlichte Inschrift HELENENBERG.

So hat eigentlich Frau von Helldorf den Sandberg umgetauft, mindestens diesen Teil von ihm. Auf Landkarten findet sich die Bezeichnung „Helenenberg" allerdings erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts. Dagegen ist das Denkmal selbst, der „Helenenstein" also, bereits auf einer Karte von 1842 eingezeichnet. Dass inzwischen der Ausdruck „Helenenstein" auf den Berg insgesamt übertragen wurde, liegt vermutlich an der Popularität des anfangs erwähnten Wanderheims.

Wer aber war die Herzogin von Orléans, und was verband sie mit der Jenaer Gegend? Helene (1814-1858) war eine mecklenburgische Prinzessin und Enkelin des Großherzogs Carl August von Sachsen-Weimar. Der Herzog hatte seine Tochter Caroline mit Friedrich von Mecklenburg-Schwerin verheiratet, dem jedoch mit seinen Frauen wenig Glück beschieden war. Die erste starb bald und hinterließ ihm zwei Kinder, und auch Caroline als seiner zweiten Frau war kein langes Leben beschieden. Von ihr hatte er ebenfalls zwei Kinder, Albrecht und Helene. Letztere war erst zwei Jahre alt, als sie die Mutter verlor. Doch Auguste von Hessen-Homburg, Friedrichs dritte Frau, war den vier Kindern, die bereits zwei Jahre später durch den Tod des Vaters zu Vollwaisen wurden, eine liebevolle Mutter. Besonders Helene hing sehr an ihr, wie ihre Briefe beweisen.

Offensichtlich fanden des öfteren Besuche bei den Verwandten statt, so auch beim Großvater Carl August in Weimar. Auch Goethe lernte Helene hier kennen, wie sein Tagebucheintrag vom 15. 5. 18274 beweist. Sie muss ein aufgewecktes Kind und später ein wissbegieriger Mensch gewesen sein. Als Neunzehnjährige besuchte sie gemeinsam mit ihrer Mutter in Jena die Vorlesungen des Philosophen Jakob Friedrich Fries und botanisierte in der Umgebung der Stadt. Im Dezember 1833 wohnten beide im Jenaer Schloss. Auch die Umgebung Drackendorfs und die Lobdeburg waren der Familie nicht unbekannt, Helenes Bruder Albrecht erlitt beim Klettern an der Burgruine einen Unfall, an dessen Spätfolgen er 1834 starb. Auch in Eisenberg hielt sich Helene einige male bei ihrer Stiefschwester Marie auf, die mit dem Herzog von Altenburg verheiratet war (seit 1826 war Eisenberg Nebenresidenz der Herzöge von Altenburg), u. a. Anfang 1854, um bei deren Enkelin Pate zu stehen.

Prinzessin Helene heiratete 1837 den Herzog von Orléans und Kronprinzen von Frankreich. Sie gebar zwei Söhne, den so genannten „Grafen von Paris", den Thronfolger, und den „Herzog von Chartres". Bilder aus dieser Zeit zeigen ein glückliches Paar und Helene als schöne und selbstbewusste Frau und Mutter. Doch das Glück dauerte nicht länger als fünf Jahre, denn der Herzog von Orléans kam 1842 bei einem Unfall ums Leben.

Helene erzog ihre Söhne allein. Ihr Erstgeborener war nun der Kronprinz, der Anwärter auf den Thron Frankreichs. Aber 1848 fegte die Revolution das französische Königtum hinweg. Louis Philipp, Helenes Schwiegervater, ging mit seiner Familie nach England ins Exil. Helene jedoch zog mit ihren Söhnen nach Thüringen zu ihren Verwandten, und Großherzog Carl Friedrich von Weimar wies ihr im Eisenacher Schloss ein Domizil zu.

In den folgenden Jahren und bis zu ihrem Tode begab sich die Herzogin von Orléans häufig auf Reisen, sowohl ins In- als ins Ausland, stets begleitet von den beiden Prinzen, um deren Ausbildung sie sehr besorgt war. Sie wird als freundliche, hilfsbereite und freigebige Frau beschrieben und scheint sehr beliebt gewesen zu sein. Unter anderem stellte sie Geld für die Restaurierung der Wartburg zur Verfügung und war bei der Grundsteinlegung des Turms und der Einweihung der Lutherkapelle anwesend. Der Dichter und Märchensammler Ludwig Bechstein widmete ihr Gedichte.

Wie kam es nun zu dem Besuch in Drackendorf?

In den „Jenaischen Wochenblättern" wurde schon Anfang August 1854 ein längerer Aufenthalt der Herzogin in Jena angekündigt und das Griesbachsche Gartenhaus als Wohnung genannt. Doch die Reise verzögerte sich um mehr als einen Monat, und plötzlich, am 8. September, erfuhr man: „Am Heutigen stattete die Frau Herzogin von Orléans nebst ihren Prinzen ... auch unserer Stadt einen Besuch ab. Am Abend kehrte sie nach Drackendorf zurück." Und in derselben Zeitung liest man unter Drackendorf: „Seit vorgestern befindet sich die Frau Herzogin von Orléans hier zu Besuch bei der Frau von Helldorf."

In der Ausgabe vom 12. 9. kann man lesen: „Drackendorf, 10. September. Die Frau Herzogin von Orléans ist heute mit ihren beiden Söhnen von hier wieder abgereist. (Sie hat sich nach kurzem Aufenthalte hier, wo ihr die Schützencompagnie die Honneurs zu machen die Ehre hatte, am Nachmittage nach Belvedere begeben. D. R.)"

Bei einem Blick in die Kirchenbücher kann man weiteres über ihren Aufenthalt erfahren: „... Im September kam die Frau Herzogin von Orléans mit ihren beiden Söhnen von Eisenach aus auf 8 Tage hierher zu Besuch; sie machte von hier aus einen Besuch bei unserer Durchlauchtigsten Lan­desherrschaft in Eisenberg und besuchte, da sie eine Freundin der Natur ist, mehrere Punkte der Umgegend. - Sie ließ beim Abschied eine Summe für die hiesigen Armen, 70 RT, zur Verteilung durch ihr Frl. Pate Helene von Helldorfzurück, was große Freude erregte. Sie beschenkte auch die hiesige Kirche. Ihre beiden Prinzen... pflanzten beim Abschied zum Andenken ihres Besuches zwei Eichen im Schloßgarten." Diese Eichen existieren noch heute.

Es ist demnach allerhand los gewesen in dieser Besuchswoche, volles Programm sozusagen! Aber weshalb kam Helene von Orléans zu Clara von Helldorf? Die Bekanntschaft oder Freundschaft zwischen Helene von Orléans und Clara von Helldorf reichte offenbar weit zurück. Bei Helldorfs erstem Kind, der Tochter Helene, hatte die Herzogin 1838 bereits Pate gestanden - in Abwesenheit allerdings, denn sie war selbst schwanger -, was insofern etwas Besonderes war, als nicht jede Familie niederen Adels an die Kronprinzessin von Frankreich mit einem solchen Ansinnen herantreten konnte. Vermutlich hatten sich durch Helenes Verwandtschaft mit dem Weimarer Herzogshaus und Helldorfs Verkehr am Hof Anknüpfungspunkte ergeben. Vielleicht also wollte Helene ihr inzwischen sechzehnjähriges Patenkind besuchen? Jedenfalls aber muss die Verbindung mit Frau von Helldorf weiter bestanden haben, denn es gibt einen Brief Helenes aus dem Jahr 1856, in dem der Dank für Claras „gute Briefe" ausgesprochen wird.

Helene starb unerwartet 1858 in London bei einem Besuch der dort lebenden französischen Königsfamilie, wahrscheinlich an einer Grippe. Ihr Tod blieb nicht unbemerkt in Europa, sie wurde allgemein betrauert. Am großherzoglichen Hofe in Weimar wurden drei Wochen Staatstrauer befohlen, verbunden mit einer ausführlichen Kleiderordnung.

Ihre letzte Ruhestätte fand Helene, Herzogin von Orléans, in der Familiengruft der Orléans in Drieux bei Paris.

Was nun den Stein betrifft, den Clara von Helldorf auf dem Sandberg hat aufstellen lassen, so musste dieser schon repariert werden. Er lag in den siebziger Jahren in Teilen auf dem Boden. Seit den Achtzigern jedoch steht der Obelisk wieder aufrecht, wenn auch sichtbar zusammengeflickt. Auch der Wald um den kleinen Platz wurde etwas ausgelichtet. Ob freilich die Aussicht ins Saaletal wieder so schön ist wie damals zu Helenes Zeiten, sei dahingestellt.

(Quelle: Ruth F. Kallies: „Wer kennt die Plätze, weiß die Namen? – Alte Jenaer Örtlichkeiten von Alterstein bis Wöllmisse“, Jenzig-Verlag Gabriele Köhler, Jena 2001)