Der Thalstein

Der Name Thalstein ist für die Einwohner der Stadt, zumindest für die des Jenaer Ostens und Nordens, ein Begriff. Sie wissen, dort steht der „Erlkönig", jenes vom Legationsrat von Tümpling gestiftete, vom Bildhauer Späte geschaffene und 1894 errichtete Denkmal, das die Titelgestalt des bekannten Goethegedichts darstellt. Die Saalenebel, heißt es, die er von der Mansarde des Gasthauses „Zur Tanne" aus beobachten konnte, sollen den großen Dichter zu der Ballade inspiriert haben. Das alles gehört ins Reich der Legende. Die „Zinne über dem rauschenden Brückenbogen" bewohnte Goethe erstmals im Jahre 1818, und der „Erlkönig" war schon 1782 entstanden. Wie dem auch sei - die Figur steht dort sehr passend in einer parkähnlichen Landschaft mit einem kleinen Teich, manchmal von Nebeln verhüllt, und wird von Spaziergängern gern aufgesucht.

Ganz in der Nähe befindet sich „der Thalstein" - eigentlich Schloss Thalstein. Ältere Bürger werden sich noch erinnern, dass es einmal im Besitz der Familie von Tümpling war, einem Geschlecht aus dem Ort Tümpling bei Camburg, in dem es schon jahrhundertelang seinen Stammsitz hatte. 1406 nennt das Geschossbuch Albrecht Tümpling mit Gütern am Jenzig „undir" und „bie dem Talensteyne".1 Ansässig wurde die Familie hier aber erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts.

Thalstein" deutet, dem Wort nach, auf eine Höhe oder einen Felsen, auf einen Teil des Jenzigs also. Seit mindestens 1800 jedoch, auf der Karte von Güssefeld, wird die Flur, das Stück Saaleaue am Fuße des Berges, statt mit „am" mit „im Thalstein" bezeichnet. Gebäude sind weder auf dieser noch auf dem Plan von Ernst Erhard Schmid aus dem Jahr 1846 zu erkennen. Auf der knapp zehn Jahre später edierten geologischen Karte desselben Verfassers findet man bereits ein Anwesen - ein Geviert mit Innenhof - als „Thalstein" eingetragen. Doch nicht die Tümplings hatten es erbaut.

Als erster Besitzer von Gut Thalstein lässt sich Eduard Steinert nachweisen, der das Objekt allerdings bereits 1858 wieder zum Kauf anbot.2 Er war Rentamtmann, verpachtete schon seit 1842 die Obstnutzung auf seinen Grundstücken, ließ Holzverkäufe und 1853 sogar eine Holzauktion auf Thalstein stattfinden. Auch Obst und Nüsse verkaufte er in diesem Jahr meistbietend. Noch bis Mitte 1858 pries er in der Zeitung Holz, Heu, Grumt (zweiter Grasschnitt), Stroh, Obst, Kartoffeln, Saugschweine und einen Weinberg an, dann stieß er den Thalstein ab.3

Es hat sich auch eine Fabrik auf dem Thalstein befunden. Ob sie Baulichkeiten des Gutes genutzt hat und welche, ist wohl kaum mehr festzustellen. 1857 annoncierten F. Heß und C. Steinert, offenbar ein Verwandter des Rentamtmanns, in der Zeitung. Sie suchten Knaben und erwachsene Arbeiter für dauernde Beschäftigung in ihrer „Holzstiftefabrik".4 Bei einer Ausstellung der Gewerbeerzeugnisse des Großherzogtums Weimar erhielten die Fabrikanten für ihre Stifte eine bronzene Medaille. 1858 suchten sie wiederum „Knaben von 11-15 Jahren" als Arbeitskräfte für ihr Unternehmen.5 Die Fabrikation scheint aber doch bald aufgehört zu haben (vielleicht wurden die Räumlichkeiten mit an den nächsten Besitzer verkauft), denn in den folgenden Jahren finden sich keine Anzeigen mehr in der Zeitung.

Der nächste Eigentümer hieß Gerstung. Er machte ebenfalls Geschäfte mit Holz, Kartoffeln, Obst, Nüssen, Runkelpflanzen, Saugschweinen und Schlachtvieh, wie aus den Anzeigen zu ersehen ist.

Gerstung besaß den Thalstein mindestens bis 1864, und bis 1868 ist vom Gut Thalstein, nicht vom Schloss die Rede, z. B. stehen im Juli 1868 10-12 Tausend Stück „gute Dachziegeln auf Gut Thalstein" zum Verkauf.6 Möglicherweise wurden damals Gebäude abgerissen, um Neubauten Platz zu machen, was auf einen Besitzerwechsel deuten könnte.

Die Familie von Tümpling muss in der Folgezeit das einstige Gut übernommen haben und am Thalstein sesshaft geworden sein, denn 1891 kaufte sie von der Gemeinde Wenigenjena Gelände hinzu, und zwar den Hang des Jenzig oberhalb des Anwesens bis hinauf zum Plateau und von diesem noch ein Teil - für nur 1400 Mark.7 Die Grenze wurde sofort versteint. Heute noch kann man oben auf dem Berg, ein Stück hinter der Gaststätte, Grenzsteine mit der Jahreszahl 1891 finden. Sie umschließen ein Stück Wald, innerhalb dessen direkt an der Bergkante ein merkwürdiges Bauwerk steht. Es ist nur etwa mannshoch, hat eine gewölbte Abdeckung und je eine Tür- und Fensteröffnung, die einmal vergittert gewesen sein müssen. Das Wappenzeichen des Geschlechts von Tümpling - die einander zugekehrten Sicheln - und eine Inschrift weisen es als Besitz der Familie aus, und wenn das Zeichen, der „Zirkel", nicht trügt, so gehörte Wolf von Tümpling einmal als Heidelberger Student unter dem Namen Julius Caesar dem Corps Saxoborussia an.

Wie ein Mausoleum wirkt der kleine Bau, und er war auch einmal eines! Hier hat der Herr auf Thalstein seine Jagdhunde begraben lassen, wussten ältere Einwohner aus dem Ostviertel zu erzählen. Der Name „Hundegrab" wird heute noch gebraucht. Auch bei Jena liegt demnach „der Hund begraben"! - Die Inschrift (und sicher das ganze Bauwerk) entstand schon 1892, ein Jahr nach dem Grunderwerb.

Die Familie Tümpling trug auch zur Verschönerung des Geländes bei. Von Horst Lommer erfährt man von einem „Abbiegungsweg nach von Tümplings reizenden Bismarckanlagen oberhalb des Schlosses Thalstein" und von einer stattlichen und aussichtsreichen Bank am hinteren Jenzigabhang in der Richtung nach Kunitz, „welche Baron von Tümpling noch dort hat errichten lassen".8 Übrigens steht im Tümplingschen Gelände auch ein - leider beschädigtes - Kriegermal zum Gedenken an die Völkerschlacht bei Leipzig 1813 und den deutsch-französischen Krieg 1871.

Aber nur knapp hundert Jahre saßen die Tümplings auf Thalstein. 1960 verkaufte die Familie ihren Besitz an den VEB Funkwerk Arnstadt, nachdem ein Projekt der Stadt Jena, das Kinderheim Schweizerhöhe dorthin zu verlegen, sich der Kosten wegen zerschlagen hatte.

Zur ehemaligen Einrichtung des Schlosses gehörten auch einige „Altertümer", die die Familie im Laufe der Zeit gesammelt und im Gebäude belassen hatte, darunter ein etwa mannshohes Steinkreuz mit eingeritztem Schwert. Es hatte ursprünglich nahe der Cyriaksruine bei Camburg auf Tümplingschem Boden gestanden und wurde erst 1890 nach den Thalstein gebracht. Leider kam es bei der Umgestaltung der Anlage zum Ferienheim abhanden und war bis jetzt, trotz großer Bemühungen des inzwischen verstorbenen Steinkreuzforschers G. Ost, nicht wieder aufzufinden.

Der Name „Thalstein" ist, wie beschrieben, älter als die Baulichkeiten. In alten Urkunden schreibt er sich: 1406 „Talensteyn"9, 1450 „Tolinsteyn"10, 1481 „Tolensteyn"11, 1522 „Tolnsteyn"12, 1550 „Tholstein"13. Adrian Beier, der Chronist Jenas, vermutete 1665, dass der Thalstein oder Daistein seinen Namen „von den Dalen sonst Dolen einer Raben Art, die sich darümb aufhalten ..." habe.14 So hätte also unser Jenzig ebenso einen „Dohlenstein" wie die Leuchtenburg bei Kahla.

(Quelle: Ruth F. Kallies „Wer kennt die Plätze, weiß die Namen? – Alte Jenaer Örtlichkeiten von Alterstein bis Wöllmisse“, Jenzig-Verlag Gabriele Köhler, Jena 2001)

1 Geschossbuch, S. 163

2 Jenaische Wochenblätter vom 9. 9. 1858

3 Jenaische Wochenblätter vom 12. u. 14. 6., 31. 7., 10. 11. 1855

4 Jenaische Wochenblätter vom 31. 3., 13. 6. 1857 u. a.

5 Jenaische Wochenblätter vom 9. 9. 1858

6 Jenaische Wochenblätter vom 11. 7. 1868

7 Aßmann, Wenigenjena, Bd. l, S. 30

8 Lommer, Rückblick auf d. zehn Jahre d. Verschönerungs-Vereins, S. 20 ff.

9 Geschossbuch, S. 163

10 UB Stadt Jena II, Nr. 451

11 UB Stadt Jena II, Nr. 678

12 UB Stadt Jena II, Nr. 1261

13 UB Stadt Jena III, S. 333

14 Beier, Geographus, S. 465