landfeste

„Landfeste" ist für jeden alteingesessenen Bürger Jenas ein Begriff. Man verbindet mit diesem Namen eine steinerne Bastion am linken Ufer der Saale zwischen Camsdorfer und Paradiesbrücke. Das kleine Bauwerk ist nach dem Ersten Weltkrieg unter Verwendung von Steinen der alten, ab 1910 abgerissenen Camsdorfer Brücke entstanden. Es soll die Form der einstigen Brückenpfeiler haben1, ist aber jedenfalls der Rest eines einst berühmten großen Bauwerks, denn die Brücke gehörte zu Jenas „Sieben Wundern".

Auf den in die Mauer der Bastion eingefügten Steinen sind Zahlen, Zeichen und Buchstaben zu erkennen. Mit Datum, Tragkorb und M H wird z. B. Marie Hüttichs gedacht, die sich am 7. Juli 1823 mit der vollen Kiepe zum Ausruhen auf die Brückenmauer setzte und rücklings in die Saale stürzte. - Mehr als hundert Jahre früher, 1716, soll ein Reiter von der Brücke in den Fluss gesprungen sein, woran zwei Hufeisen erinnern. - Von einem schrecklichen Unglück künden zwei Inschriftensteine. In deutscher und lateinischer Sprache ist festgehalten, dass bei dem von den Schweden 1637 befohlenen Abriss eines Brückenbogens 36 Einwoh­ner ums Leben kamen. Und der Stein mit dem eingegrabenen Kreuz kenn­zeichnete einst die Stelle des Steinkreuzes, das auf der Brückenmauer stand und die Grenze der Stadt anzeigte. Ein Stück Geschichte also wird hier aufbewahrt. Übrigens erzählen noch alte Jenenser, dass auf der Land­feste jahrelang eine Kanone stand, ein Beutestück aus dem Ersten Welt­krieg.

Die Beschränkung des Namens auf das Bauwerk ist im Grunde unzu­lässig, er bezeichnet nämlich eigentlich fast das gesamte Ufergelände zwischen Camsdorfer und Paradiesbrücke. Der unten liegende, jetzt mit Bäumen und Gebüsch bewachsene Streifen ist nur der Rest eines früher viel größeren Areals. Die Landfeste grenzte ans Wasser und bildete ein­mal einen geeigneten Anlegeplatz für Flöße. Bei Hochwasser konnte sie deshalb überschwemmt werden, weshalb sie von den westlichen Bögen der Camsdorfer Brücke mit überspannt wurde. Schon auf der frühesten Jenaer Stadtansicht von Mellinger aus dem Jahr 15712 ist das zu sehen. Der freie und ebene Platz erstreckte sich von jenseits der Brückenbögen bis zum Abzweig der Lache hinter dem Wehr. Man muss sich das Stück Grünanlage bis zum Bahndamm und wahrscheinlich diesen selbst noch hinzudenken — niedriger natürlich, denn dort ist von der Mitte des 19. Jahrhunderts an aufgeschüttet worden —, um die richtige Vorstellung von der einstigen Ausdehnung zu bekommen.

Der Name „Landfeste" ist eigentümlich. In früheren Zeiten wurde die Gegend manchmal auch „Landfestung" genannt. Zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert trat die Schreibweise „Landveste" auf. Aber der Ort hat mit einer Festung oder einer Veste im Sinne von Burg nichts zu tun. Hier handelt es sich nur um festes bzw. befestigtes Uferland. So sah es auch Adrian Beier im 17. Jahrhundert.3 Er meinte, die Landfeste habe ihren Namen von „der festen Sand-Erden" erhalten.

Sand wurde von der Saale dort genug angeschwemmt. Vom „Sand­fang" auf der Landfeste wurde noch 1864 in der Zeitung berichtet4, und in den vorangegangenen Jahren war mehrmals ein Verbot des Abfahrens von Sand und Kies, zwischen den Buhnen gelegen, ausgesprochen worden.5 Demnach hatte man das Ufer gesichert, das Land befestigt. Das muss aber bereits Jahrhunderte vorher geschehen sein, denn die Bezeich­nung Landfeste ist alt. Sie kommt schon im Geschossbuch der Stadt von 1406 vor: Ein Acker Weidig, eine Scheune, ein Garten liegen an oder auf der „landfestin".6

Doch der Ort diente auch noch anderen Zwecken. Mindestens seit 1534 hielt die „Schützengesellschaft" auf der Landfeste ihre Schießübungen und Jahresfeste, die „Vogelschießen", ab. Die hohe Vogelstange ist auf den Bildern von Johann Mellinger (2. Hälfte 16. Jh.), Petrus Bertius (Anfang 17. Jh.)7 und noch anderen deutlich zu sehen. An ihr wurde der hölzerne Vogel angebracht, der Stück für Stück mit der Armbrust herab­geschossen werden musste. Wer das letzte Stück schaffte, hatte „den Vo­gel abgeschossen". Etwa dreihundert Jahre lang nutzte die Gesellschaft diesen Ort. Ende des 19. Jahrhunderts soll die alte Schießmauer noch zu sehen gewesen sein.8 Obwohl bereits 1826 bei der Rasenmühle ein neuer Schießplatz angelegt worden war, haben offenbar Schützen weiterhin an der alten Stelle ihre Schießübungen durchgeführt, denn am 26. 5. 1853 heißt es in der bereits genannten Zeitung: „Die Benutzung ... unserer ... Schießmauer auf der Landveste erfordert ... neben der polizeilichen Erlaubniß auch unsere Gestattung -... Direktorium der Schützengesell­schaft...". Das Gelände auf der Landfeste muss sogar Eigentum der Ge­sellschaft gewesen sein, sonst hätte der Gemeinderat der Stadt 1865 nicht über den „Ankauf der Landveste" beraten.9 In den darauf folgenden Jahren erteilte die Stadt Jena dann Genehmigungen zur Einrich­tung von Zimmereibetrieben, Bauunternehmen und einer Seilerei für diese Fläche.10

Auch kriegerisch ist es zugegangen auf der Landfeste. 1633, im Drei­ßigjährigen Krieg, lagerten einmal 1800 Soldaten der Verbündeten, von der Stadt versorgt11, auf der Landfeste, und 1640 wurden 62 schwere Geschütze für eine Nacht auf dem Platz aufgefahren. Im selben Jahre verbrannten die Schweden dort außer vielen Weinbergspfählen das Holz, womit die zerstörte Camsdorfer Brücke repariert worden war.12 Auch 1759, im Siebenjährigen Krieg, lagerten zwei Regimenter auf der Land­feste, „hielten aber gute Manneszucht und bezahlten alle ihre Bedürfnisse". 1762 feierte man hier mit Kanonendonner und Feuerwerk das Friedensfest.13

Es gab auch Siechen- und Pestilenzhäuser auf der Landfeste, nach­weislich seit dem 17. Jahrhundert, wahrscheinlich aber schon früher. Adrian Beier 1681: „Vor die Siech- u. andere Leute, sonderlich zur Pestzeit, sind 3 neue Häuser auff der Landfeste, unter dem Rabenstein ... An. C. 1612 erbauet, aber 1637 in Keyserlichen u. Schwed. Einquartirung u. Durchzügen verderbet ,.."14 usw. An anderer Stelle heißt es: „... Der Siechplatz ... darauff stunden weiland die Wohnungen vor die Kranken-Wärter u. Totengräber, und wurden deswegen genennet die Pestilentz-Häuser ,.."15 Demnach dienten in „gesunden" Zeiten diese Häuser als Wohnungen für die Angehörigen der so genannten unehrlichen (unehren­haften) Gewerbe wie z. B. des Totengräbers. Auch Abdecker und Scharf­richter gehörten zu den ehrlosen Berufen.

Die Abdeckerei und Scharfrichterei befanden sich ebenfalls auf der Landfeste, erstere wurde dann Mitte des 19. Jahrhunderts ins Munketal verlegt. Von der Scharfrichterei, die auf einer Karte von 1813 noch ein­gezeichnet war 16, erfahren wir, dass sie bei dem Unwetter von 28. 4. 1552 nebst einer Magd und zwei Knechten von den Wassermassen „fort­genommen" wurde wie die Vogelstange.17

Die Landfeste spielte also auch eine Rolle als Richtstätte! Etliche Exe­kutionen sind überliefert. 1536 richtete man z. B. drei Mann, die sich an den Bauernunruhen beteiligt hatten und den Wiedertäufern anhingen, mit dem Schwert: Müller Peisker aus Kleineutersdorf und zwei seiner Gesin­nungsgenossen.18 1912, beim Bau der neuen Brücke, kamen die drei Ske­lette mit den vom Rumpf getrennten Häuptern wieder zum Vorschein 19 - man hatte sie also an Ort und Stelle eingescharrt. Der „Blut-" oder „Ra­benstein" befand sich direkt an der Brücke auf nördlicher Seite. Er war rund, wie auf alten Karten zu sehen ist.

1574 verbrannte man „bei der Vogelstange" zwei Falschmünzer. 1639 köpfte man den Mörder Julius Bürgel auf dem Rabenstein, nachdem man ihn auf einer Kuhhaut vom Markte bis zur Brücke geschleift hatte. Der Leichnam wurde den Studenten der Anatomie übergeben.20 Einen desertierten Soldaten hing man 1693 auf der Landfeste an den Galgen.21

Auch ohne Gerichtsverfahren hat es hier Tote gegeben. 1546 erfror ein Mann in der Trunkenheit in einer Scheune, und im Dezember 1626 wur­de ein anderer auf der Landfeste erstochen. Auch die 1715 bei der weih­nachtlichen „Geisterbeschwörung" durch „Kohlengas" umgekommenen zwei Bauern fuhr man her und legte sie im Pestilenzhaus nieder.22

Länger als ein Richtplatz ist die Landfeste Floßplatz gewesen. Als sol­cher wird sie auf alten Karten direkt bezeichnet. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts muss sie als Anlege- und Holzplatz große Bedeutung gehabt haben. Wahrscheinlich diente sie so lange als Floßplatz, wie auf der Saale Holz geflößt wurde. Auf fast allen alten Stadtansichten sieht man Flöße auf die Landfeste zuschwimmen oder gestapeltes Holz dort liegen, letzteres besonders deutlich auf einem Studenten-Stammbuchblatt.23

Die Jenaer Studenten hatten ebenfalls eine feste Beziehung zur Land­feste, denn aufgrund ihrer Ausdehnung war sie ein geeigneter Versamm­lungsort. Vor allem während der Unruhen Ende 17. / Anfang 18. Jahrhun­dert versammelten sie sich dort häufig, so am 3. 11. 1700, wo sie in ei­nem „greulichen Tumult von der Landfest... in die Stadt kamen und an einer Stange den so genandten relegierten Schlafrock vor sich her tru­gen"24 als Protest gegen das Verbot des Schlafrocktragens auf Straßen und in Vorlesungen! —Auch an den Vogelschießen nahmen die Studen­ten teil. Nach den Befreiungskriegen wählten sie sich die „Landfeste, ein schattiger freier Raum am Saaleufer" zum Exerzierplatz, wo sie sich 1818/ 1819 „das preußische Jäger-Exercierreglement einüben ließen"25. Schat­tig war die Landfeste durch die 1674 angepflanzten Linden, die offenbar mehrmals neu gesetzt worden sind, denn auf der Radierung von Jacob Roux von 1806 sehen sie noch ziemlich jung aus26, aber um 1920 wird in einem Stadtführer von „einer Reihe sehr alter Linden" auf dem „... ehe­maligen Floßplatze" berichtet27. 1915 hatte die Carl-Zeiss-Stiftung 5000 Mark „zur gärtnerischen Herrichtung der Landfeste" gespendet28, denn seit Beginn des 20. Jahrhunderts diente diese als neuer Teil der Paradies­anlagen den Jenaern zum Spazierengehen. Ihre parkartige Gestaltung ist auf der kolorierten Lithografie von C. Natter von 1908 gut zu sehen.29

So hat im Laufe der Zeiten die Landfeste vielfältigen Bedürfnissen entsprochen und für Jenas Einwohner immer eine recht große Bedeu­tung gehabt. Sie war Siechenort, Gerichtsstätte, Floß-, Schützen- und Exerzierplatz, aber auch Versammlungs- und Vergnügungsort. Hier wur­den die Pferde zugeritten, Viehmärkte abgehalten, beim Jubelfest 1858 die Wagen der Gäste abgestellt30, hier lud man den Schnee aus der Stadt ab und ließ am 18. 7. 1802 durch den fremden „Künstler" J. Zowel sogar einmal einen Ballon mit einem Tier an Bord steigen!31

Und was weiß Adrian Beier von der Landfeste zu berichten? „... Uff diesem langen und breiten Platz und Plan werden die Schafe geschwem­met und geschoren, werden die Gebäude gezimmert und zugeleget, wer­den die leinen Tücher ausgebreitet u. gebleichet, werden die Bürger gedril­let und gemustert, werden die Übelthäter mit dem Schwert gerichtet und geköpffet. - Es wird dieser Platz... von den Büchsen- u. Armbrust-Schüt­zen zugenahmet, weil bey der Brücken ein Schützen-Häußlein stehet, daraus die Bürger des Sontags nach der Vesper-Predigt nach der Scheibe zu schiessen ... pflegten".32 So wichtig und vielseitig war nicht einmal der Jenaer Marktplatz!


1 Hellmann, Stadtansichten, S. 8

2 Holl, Jena und Umgebung, S. 93

3 Beier, Architectus, S. 67

4 Jenaische Wochenblätter, 1. 3. u. 6. 3. 1864

5 Jenaische Wochenblätter, 5. 7. 1839, 12. 2. 1852, 13. 1. 1853

6 Geschossbuch, S. 14, 15, 19, 28, 44, 66

7 Hellmann, Stadtansichten, S. 8, S. 10

8 K. H., Aus der Geschichte der Jenaer Schützengilde, in: Altes u. Neues aus der Heimat, 1909-1920, 1909-1920, S. 84

9 Jenaische Wochenblätter, 18./24.1., 7./2S. 3., 4. 4. 1865

10 Jenaische Wochenblätter, 10. 4. 1865, 4. 7. 1866 u. a.

11 Schreiber u. Färber, Jena von seinem Ursprung, S. 339

12 Schmeizel, Jenaische Stadt- und Universitäts-Chronik, S. 31

13 Schreiber u. Färber, Jena von seinem Ursprung, S. 388 u. 392

14 Beier, Architectus, S. 177

15 Ebd., S. 67

16 Karte von F. G. Wenzel, 1836 überarb.

17 Schreiber u. Färber, Jena von seinem Ursprung, S. 338

18 Ebd., S. 192

19 Stadtanzeiger Jena vom 5. 2. 1992

20 Schreiber u. Färber, Jena von seinem Ursprung, S. 344 u. S. 358

21 Schmeizel, Jenaische Stadt- und Universitäts-Chronik, S. 31

22 Schreiber u. Färber, Jena von seinem Ursprung, S. 192, S. 335, S. 381. Zu dieser Begebenheit vgl. B. Hellmann, Stadtansichten, S. 20

23 jena-information, In Jene lebt sich's bene, Tafel 17

24 Schmeizel, Jenaische Stadt- und Universitäts-Chronik, S. 188

25 Förster, Aus der Jugendzeit, S. 128 ff.

26 Roux, Malerische Ansichten, S. 29

27 Jena und Umgebung, S. 59

28 Chronik der Stadt Jena, in: Altes u. Neues aus der Heimat 1920, Nr. l

29 jena-information, Jena-Ansichten aus 5 Jahrhunderten

30 Jenaische Wochenblätter vom 17. 8. 1858

31 Schreiber u. Färber, Jena von seinem Ursprung, S. 400

32 Beier, Architectus, S. 67




aus:

Ruth F. Kallies:

Wer kennt die Plätze, weiß die Namen? – Alte Jenaer Örtlichkeiten von Alterstein bis Wöllmisse

Jenzig-Verlag Gabriele Köhler, Jena 2001