Die Friedhöfe

Die Friedhöfe des Mittelalters lagen im Zentrum der Städte und Gemeinden. Als geweihte Kirchhöfe waren sie bevorzugte Orte der Begegnung, Versammlung und Geselligkeit. Hier wurde Handel getrieben, gespielt, getanzt, musiziert, spaziert und geliebt. Nicht nur in Kriegen und Pestzeiten war der Tod allgegenwärtig. Die Toten gehörten zur Gemeinschaft der Lebenden.

Der Mensch des späten Mittelalters hatte ein Bewußtsein davon, daß er ein „Toter auf Abruf“ war. Als Sterbender war er im Idealfall Herr seines Todes. Zeitlebens mit ihm vertraut, fühlte er den Tod instinktiv nahen und traf rechtzeitig seine Verfügungen. Und während er, umgeben von seinen Angehörigen, Freunden und Nachbarn, auf dem Sterbebett lag, dominierte er als Regisseur ein Schauspiel mit exakt festgelegter Szenenfolge von Klage, Gebet und priesterlichem Segen. Grauenvoll war vor allem die Vorstellung, dass man unvorbereitet das Zeitliche segnen könnte. Die Kunst eines guten Todes („Ars moriendi“) wurde in überfüllten Sterbezimmern zelebriert, bei der Kinder selbstverständlich dazu gehörten.

Auch die Vertreter der sogenannten „unehrlichen“ (=ohne Ehre, Anerkennung) Berufe, wie Schauspieler, Musiker, Henker und die Suizidopfer fanden auf dem Friedhof ihre letzte Ruhe. Sie wurden allerdings in der Regel am Rand, an der Friedhofsmauer ohne kirchliche Zeremonien beigesetzt.

Erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts protestierten die Bürger gegen die Bleibe der Toten inmitten der Wohnsitze der Lebenden. Die Friedhöfe um die Kirchen wurden aufgegeben und fernab vom Weichbild der Orte neu angelegt. Und zugleich beginnt eine Verherrlichung des Todes in Literatur und Kunst, die romantische Weise von Liebe und Tod, das Hohelied von letztem Röcheln und erotischer Verzückung.

Im Überschwang der Romantik, die von Schönheit und Triumph des Todes kündet und ihn als Erreger großer Leidenschaften hoch übers gemeine Leben hebt, kommt es zum ersten tiefen Bruch mit den überkommenen Vorstellungen. Hier, im 19. Jahrhundert entfaltet der bis dahin vertraute Tod in extravagant barocken Mausoleen und figurativen Grabdenkmälern mit süßen Todesengeln seinen ganzen makabren Prunk, der bis in die Gegenwart unsere Friedhöfe ziert.

Heute bilden Friedhöfe einen Ausgleich zur Siedlungsstruktur der Städte und Gemeinden und übernehmen mit Bäumen und Grünanlagen wichtige klimatische und ökologische Funktionen. In einigen Fällen beherbergen sie Biotope, die auch seltenen Arten ein wichtiges Rückzuggebiet bieten. In Friedhofssatzungen wird die Gestaltung der Gräber, Grabmale und ganzen Friedhofsanlage geregelt.

(Quelle: Pfr. Christian Garbe; Grundlegende Literatur: Philippe Ariès: Geschichte des Todes, München und Wien 2005 [11. Auflage])