Ursula Pilz


Das Altenburger Krematorium

und der Totentanz von Ernst Müller-Gräfe



Nach Ende des ersten Weltkrieges fand auch in Altenburg der Gedanke von Feuerbestattungen immer mehr Ausdehnung. Wenn auch die benachbarten Krematorien in Leipzig und Gera nicht weit entfernt waren, so war doch die Benutzung von Altenburg aus für die Teilnahme an einer Bestattungsfeier mit grossen Schwierigkeiten verbunden. Dies war für die Stadtverwaltung in Altenburg Grund genug, den Bau eines eigenen Krematoriums zu veranlassen.


Für den Bau wurden vom Feuerbestattungsverein Groß-Berlin und vom Landkreis Altenburg hohe Darlehen zur Verfügung gestellt. Als geeigneter Platz stand das neben dem Friedhof gelegene Hospitalfeld zur Verfügung, das durch einen Geländeaustausch in städtisches Eigentum überführt wurde.

Das Gebäude stellt sich als einfacher, mit einem Zeltdach abgedeckter Rundbau dar. Der obeliskartige Schornstein als Hauptbestandteil des Krematoriums wurde aus architektonischen Gründen nicht versteckt angeordnet. Die Hauptzugänge liegen betont in den Achsen des Gebäudes. Der Rundbau enthält im Hauptgeschoss den Raum für die Trauerfeierlichkeiten. Dieser ist über eine Freitreppe erreichbar. In ihm befinden sich oberhalb seitlich angebrachte Sternenfenster. Der Raum für die Trauerfeierlichkeiten ist durch flach abgedeckte, seitliche Halbrundnischen und nach hinten durch eine größere, bogen- gewölbte Nische, die durch Stufen erhöht ist, erweitert. Die Anlage des Krematoriums stellt die Verbindung zwischen einer Kultstätte und einem technischen Betrieb dar, die dem Ernst des Zweckes und der Würde der Kulthandlungen gerecht wird.

Für die Außen- und Innenwände wurde ein Baustoff gewählt, der zur besseren Gedankenkonzentration eine Einfachheit zur Schau stellt.

Der Bau des Krematoriums wurde vom Stadtbaurat Dr. Heidrich unter Mitarbeit des damaligen Stadtarchitekten Wendler und des Bauamtsarchitekten Groß entworfen und ausgeführt. Der zu dieser Zeit amtierende Oberbürgermeister Schumacher charakterisierte das Gebäude in seiner Eröffnungsansprache am 17.11.1929: „Dieses Haus, das ein Denkmal für Altenburger darstellt, soll sein eine Stätte menschlicher Duldsamkeit und würdiger Totenehrung.“

In der Kuppel des Rundbaues befindet sich ein Fresko des Kunstmalers Ernst Müller-Gräfe. In diesem von ihm gezeichneten Totentanz kommen seine Gedanken und Empfindungen zum Ausdruck. Er bezeichnete ihn als „Die Auferstehung der verschiedenen Lebensalter“.


Ernst Müller-Gräfe stellte 1928 bei der Stadt den Antrag, die Kuppel ausmalen zu dürfen, dem am 31.8. des gleichen Jahres stattgegeben wurde. Er selbst sagte nach Fertigstellung seiner Deckenmalerei: „Es soll kommenden Geschlechtern Zeugnis davon geben, dass über allen Kämpfen des Tages und seiner wandelbaren Meinung auch den Menschen unserer Zeit das Gefühl der Zusammengehörigkeit gibt und er sich schicksalsverbunden mit seinem Bruder fühlt.“

Nach der Machtübernahme der NSDAP musste das Kunstwerk 1934 übermalt werden, da es als „entartete Kunst“ eingestuft wurde. Der Künstler hatte, als er den Auftrag erhielt, aus innerster Überzeugung heraus ohne eine Tendenz den Kranz von Menschenkörpern, wie sie Gott auf die Erde stellt und wie er sie von der Erde gehen lässt, gemalt. Ihm wurde vorgeschlagen, die Christusgestalt besonders hervorzuheben und die anderen Figuren mit einem leicht verschlungenen Lendentuch zu bekleiden. Die heute noch erhaltene Freskomalerei zeigt den Totentanz in einer einfachen Gestaltung: Menschliche Gestalten, Geistliche und Laien in absteigender Ordnung, vom Geistlichen bis hinab zu Bauer, Jüngling, Jungfrau und Kind als verschrumpfte Gestalt mit umhüllten Grabtuch. Alle Gestalten sind durch gegenseitig dargereichte Hände zu einem einzigen Reigen verbunden. Es bleibt offen, ob diese Freskomalerei von Ernst Müller-Gräfe bewusst als Darstellung des Totentanzes angefertigt wurde.


Quelle: „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 2005“