EBERHARD HEINZE

Die „Unbekannten“ haben einen Namen

Den Opfern von Krieg und Terror zum Gedenken“ lautet die Inschrift auf der schlichten Bronzetafel an dem zum Volkstrauertag 1992 eingeweihten Gedenkstein, der sich auf dem Kirchlichen Friedhof in Altenburg befindet. Den Toten des Ersten und des Zweiten Weltkrieges, den in den Konzentrationslagern und Zuchthäusern von 1933 bis 1945 umgebrachten Antifaschisten, den in Auschwitz, Theresienstadt und anderen Vernichtungslagern ermordeten jüdischen Mitbürgern, den Opfern der Gewaltherrschaft nach 1945 und den hei der Flucht und Vertreibung umgekommenen Familienangehörigen der jetzt in Altenburg lebenden Heimatvertriebenen ist diese Gedenkstätte gewidmet. In einer der Vorbesprechungen betonte Superintendent Hans-Werner Modersohn von der ev.-luth. Kirche ihren Zweck als ein Mahnmal für alle diejenigen, die keine Gräber haben.

Man sollte diesen Gedanken noch erweitern und den Gedenkstein auch solchen Opfern von Krieg und Terror widmen, die zwar Gräber, aber bewusst keine Namen haben. Ein solches Grab gibt es auf dem Städtischen Friedhof in Altenburg. Laut Aufschrift der Grabplatte ruhen in ihm „99 Opfer des Faschismus“.

Ingolf Strassmann, ein jetzt in München lebender Sohn einer jüdischen Familie aus Rositz, hat in jahrelanger mühseliger Kleinarbeit versucht, das Schicksal der rund 140 jüdischen Mitbürger aus der Stadt und dem Kreis Altenburg zu erforschen. Im Zuge seiner Recherchen ist es ihm auch gelungen, Namen, Geburts- und Sterbetage und die von den Nazis angegebenen Todesursachen der 99 „unbekannten“ Opfer zu ermitteln. Dabei stellte sich heraus, dass fast die Hälfte von ihnen, nämlich 45 Personen, Juden waren, die in den Konzentrationslagern in Rehmsdorf bei Zeitz und im Arbeitslager der HASAG - Munitionsfabrik in Altenburg, im heutigen Industriegebiet Poststraße, ums Leben gekommen sind. Die jüngsten Terroropfer in diesem Massengrab sind der am 20. Juni 1924 in Berlin geborenen Adolf Guttmann, der laut Angabe des KZ-Arztes am 3. März 1945 im Alter von noch nicht einmal 19 Jahren an „Hirnschlag“ verstarb, und Estera Pasternack, im Alter von 18 Jahren am 9. Dezember 1945 im HASAG-KZ an Tuberkulose gestorben. Ältestes Todesopfer dürfte der aus Nagyvarad / Ungarn ins SS Lager nach Zeitz verschleppte Jude Martin Vodasz sein, der im Alter von 52 Jahren am 5. März 1945 einem Herzschlag erlag.

Nicht nur die Namen der Opfer. auch den Namen des Rehmsdorfer KZ-Arztes hat lngolf Strassmann ermittelt. Die 34 Toten, die am 27. Februar und am 6. März 1945 in Säcke eingenäht mit einem LKW ins Krematorium gebracht wurden, kamen mit Totenscheinen hier an, die von einem SS-Untersturmführer Dr. Alsleben unterzeichnet waren. Der entsprechende Einäscherungsauftrag an das Altenburger Krematorium enthält die zynische Bemerkung, dass „auf die Aufbewahrung der Asche der verstorbenen Häftlinge kein Wert gelegt werde“, Aus nicht mehr festzustellendem Grund sind die Leichen nicht eingeäschert, sondern nach Tagen in einem Massengrab erdbestattet worden. Zwischen dem 13. August 1944 und dem 25. März 1945 sind die Sterbetage der elf jüdischen Zwangsarbeiter aus dem HASAG-Lager datiert. Vorwiegend Frauen und Mädchen aus Polen, Russland, Ungarn und Lettland mussten in der Altenburger Munitionsfabrik unter schwersten Bedingungen schuften. Untergebracht waren sie in KZ-Außenlagern in Altenburg und Meuselwitz.

Einer der schwärzesten Tage in der Geschichte von Meuselwitz war der 30. 11. 1944. Ein schwerer Luftangriff zerstörte große Teile der Stadt und kostete Hunderte von Einwohnern das Leben. Die angloamerikanischen Fliegerbomben trafen aber auch die KZ-Außenstelle in Meuselwitz. Neununddreißig vornehmlich polnische Zwangsarbeiterinnen kamen dabei ums Leben. Auch sie sind keine „unbekannten“, sondern dank der Strassmannschen Forschungsarbeit genau ermittelte Menschen. Zu ihnen gehörte beispielsweise Stanislawa Balcerska aus Wloclawek, Klaudja Gregoriewa aus der SU, Genowefa Garharska aus Warszawa oder die 53jährige Polin Aleksandra Sokolowska aus der Hauptstadt. Die auch der Stadtverwaltung vorliegende vollständige Namensliste, vielleicht in Gestalt einer Schrifttafel im Krematorium, zu veröffentlichen, wäre eine dankbare und unbedingt erforderliche Aufgabe zur Vergangenheitsbewältigung, oder, wie mir Ingolf Strassmann auf die Nachricht über die Errichtung des Gedenksteines schrieb: „Es ist ein echtes und ehrliches Zeichen der Wiedergutmachung einer zivilisierten Gesellschaft. Was für eine Tragik verbergen die einzelnen Schicksale dieser Opfer, es ist kaum zu fassen.“

Kaum zu fassen ist eigentlich auch die Tatsache, dass viele Bürger unserer Stadt heute ahnungslos in Häusern wohnen oder an ihnen vorbeigehen, in denen früher jüdische Mitbürger gewohnt und die teilweise diesen Mitbürgern gehört haben. Eines der bekanntesten Schuhgeschäfte Altenburgs befand sich in der Sporenstraße, schräg gegenüber dem der Familien Levy und Bucky gehörenden Kaufhaus M & S Cohn. Der Geschäftsinhaber des Hauses Dannemann verstarb 1938 an den Folgen der Misshandlungen in der „Reichskristallnacht“. Im Haus Kronengasse 2 befand sich früher das Bekleidungsgeschäft Strumpfner. Die Familie wurde, wie ein großer Teil unserer jüdischen Mitbürger, am 10. Mai 1942 mit dem sog. „Polentransport“ in die Vernichtungslager „abgeschoben“. Wer einmal aufmerksam das Kellergeschoß des Hauses Zeitzer Straße 21 betrachtet, wird noch die Überreste eines kleinen Ladens erkennen. Er war das Gemüsegeschäft von Bernhard Freilich und seiner Frau. Bei der jetzt anstehenden Umgestaltung des Hauses Rossplan / Ecke Teichstraße sollte man bedenken, dass hier einst das Geschäft von Isaak und Josef Rotenberg existierte. Aber auch am Brühl, in der Baderei, am Brückchen, in der Pauritzer Straße und in der Meißnerstraße wohnten einst jüdische Bürger. Nur wenige der mehr als 140 Altenburger Juden haben den Holocaust überlebt und lediglich zwei kehrten nach Altenburg zurück.

Äußerst nachdenklich sollte uns stimmen, dass überlebende Juden darum bitten, ihre Namen und Adressen nicht zu veröffentlichen.

Hochaktuell ist nach wie vor das Wort des jüdischen Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel: „Erst hat der Feind die Juden getötet, dann ließ er sie in Rauch und Asche aufgehen. So wurde jeder Jude zweimal umgebracht ... Heute versucht man die Opfer ein drittes Mal zu töten, indem man sie ihrer Vergangenheit beraubt.“

Die Gedenkstätte auf dem Kirchlichen Friedhof ist ein erster kleiner Beitrag dazu, allen Opfern von Krieg und Terror ihre Vergangenheit und ihren Namen wiederzugeben.

Quelle: „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 1993“, E. Reinhold Verlag Altenburg