Archäologische Funde beim Bau der Reichsautobahn

Nachforschungen nach Spuren von altsteinzeitlichen Menschen auf dem Hörselberg verliefen bisher ergebnislos. Erst in der jüngeren Steinzeit wurden die Menschen sesshaft und betrieben Ackerbau. Als erste und älteste jungsteinzeitliche Bauern traten in Thüringen die Bandkeramiker auf. Jedoch verschwanden sie nach der Mitte des dritten Jahrtausends aus ihren Siedlungsgebieten in Thüringen.
Der Sondraer Lehrer Hermann Riede fand im Jahre 1925 in einer Kiesgrube östlich von Sättelstädt, am uralten Strangweg, der unterhalb der Mittelburg nach Waltershausen verlief, vier Flachgräber aus der älteren Eisenzeit. Dr. R. Karcher beschrieb den Fund in seiner Arbeit "Unsere Heimat in vor- und frühgeschichtlicher Zeit" aus dem Jahre 1936 folgendermaßen:

"In die späte Hallstattzeit (zwischen 1000 bis 500 v. Chr. ) können wir wohl auch vier Flachgräber setzen, die 1925 östlich von Sättelstädt in einer Kiesgrube am sogenannten 'Strang' aufgedeckt wurden, mit Kalkplatten umstellte und zugedeckte Steinkisten, die bis 4 Meter von einander entfernt waren und dicht unter der Oberfläche lagen. Jedes Grab enthielt einen in gestreckter Lage beigesetzten Toten, dessen Kopf stets im Osten lag, zu seinen Füßen standen Tongefäße als Beigabe. Zu diesen Gräbern hat aber auch eine Siedlung gehört, die sich noch in die folgenden Jahrhunderte hinein erstreckte. Denn auf der nach Sättelstädt abfallenden Terrasse fand man auf einer Strecke von 500 Metern nordwestlich von den Gräbern noch Scherben aus grobem Ton mit sog. Tupfenbändern, d. h. einer um das Gefäß laufenden Reihe von Fingerabdrücken."

Bereits ein Jahr nach dieser Veröffentlichung wurden unter Leitung des Lehrers Riede an der Fundstelle von 1925 weitere Grabungen vorgenommen. Es stand damals als sicher fest, dass die Reichsautobahn in absehbarer Zeit genau über jene Fundstelle gebaut werden würde und somit für die Zukunft keine weiteren Grabungen mehr möglich wären. Die Grabungsstelle wurde in einer weiteren Arbeit des Dr. Karcher unter dem Titel "Neuere vorgeschichtliche Ausgrabungen und Funde im Eisenacher Land" 1938 exakt beschrieben. Es heißt da:

"Die Grabungsstelle bei Sättelstädt war die Reichsautobahn von Kilometer 207,2 bis Kilometer 207,7, sie umfasste also etwa 500 m in der Länge und 45 m in der Breite, d.h. über 20 000 Quadratmeter. Die Reichsautobahn verläuft hier vom südöstlichen Ortsrand Sättelstädts südlich der Hörsel etwa 400 m nach Südosten, um dann etwas anzusteigen und auf eine etwas höher gelegene Ebene zu gelangen. Hier oben fand sich ein keltisches Gräberfeld, etwa aus der Zeit von 1000 bis 750 v. Chr. von nicht gerade erheblicher Ausdehnung. Die ganze übrige, über 400 m lange Strecke westlich davon war von einer germanischen Siedlung aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten besetzt gewesen."

1937 wurden erneut Grabungen bei Sättelstädt vorgenommen. Ausgehend von der Fundstelle aus dem Jahre 1925 grub man behutsam weiter. Schließlich fand man das erste Grab. Nun kannte man die Lage der Toten und die Grabtiefen. Ein weiteres Bergen des Gräberfeldes war nicht mehr schwierig. Die Grabsohle befand sich ungefähr 30 bis 40 cm unter der heutigen Oberfläche. In dieser Tiefe hört die Humusschicht auf, darunter befindet sich harter rötlicher Kies. Die Skelette waren durch die Einwirkungen von Luft und Wasser wegen der lockeren Erddeckschicht schon sehr zerfallen bzw. durch Pflüge zerstört. Die Toten waren ebenfalls alle in ostwestlicher Richtung beigesetzt. Die Schädel zeigten genau nach Osten. Das Gesicht eines erhaltenen Schädels zeigte nach Süden, l, 72 m war die Größe jenes Toten. Die Steineinfassungen hatten Längen von 2 bis 2,40 m und Breiten von 0,90 bis l m Meter. Sie bestanden aus Sandsteinen, darunter lagen flache Kalksteine. Neben den Köpfen standen ein oder auch zwei Gefäße. Diese enthielten wohl Nahrungsmittel, und sie waren mit flachen Steinen abgedeckt. Eine aus farbigem Kies hergestellte Unterlage befand sich unter vielen Köpfen der Skelette. Man konnte erkennen, dass die Toten in ihren Kleidern bestattet worden waren. Gewandnadeln, die in jenen Kleidern gesteckt hatten, lagen auf der Brust der Skelette. Die schönste Nadel hatte eine Länge von 25 cm. Alle Beigaben bestanden aus Bronze. Es handelte sich dabei um bronzene Scheiben, die an den Gewandrückseiten befestigt gewesen waren , Armringe und eine Lanzenspitze.

Merkwürdigerweise fanden sich zwischen den Skelettgräbern auch Urnen mit Asche. Nach der Form der Gefäße wurde das Alter des Gräberfeldes auf die Zeit zwischen 1000 und 750 v. Chr. festgesetzt. Es scheint sich bei den Toten um "Urkelten" gehandelt zu haben.
Der größte Teil der Ausgrabungen aus dem Jahre 1937 stammt aus einer germanischen Siedlung. Ihre Lage war sehr gut gewählt worden. Sie befand sich direkt vor der Einmündung der Emse in die Hörsel bei Sättelstädt. Das Hörseltal war damals versumpft. Die Siedlungsbewohner waren vor dem Hochwasser sicher. Auf fruchtbarem lößartigem Boden war die Germanensiedlung errichtet worden. An jener Stelle könnte schon ein Ackervolk in der Jüngeren Steinzeit ansässig gewesen sein, denn es wurde dort eine abgebrochene bandkeramische Hacke gefunden. Der Teil des untersuchten germanischen Siedlungsgebietes unter der heutigen Autobahn hatte eine Breite von 45 m und eine Länge von etwa 400 m. Vermutlich setzt es sich noch südlich der Autobahn fort. Dort wurden aber damals und in den folgenden Jahrzehnten keine weiteren Grabungen mehr vorgenommen. Nach den Keltengräberfunden stellte die Autobahnbauabteilung Eisenach einige Arbeiter für weitere Ausgrabungen zur Verfügung. Diese zogen in zwei Meter Abständen Suchgräben durch das vermutete Germanensiedlungsgebiet. Dabei stießen sie auf Häuserspuren. Jene Häuser sind kleiner und niedriger gewesen als die heutigen Thüringer Fachwerkhäuser.
Es ließ sich feststellen, dass die Wände aus Flechtwerk, welches von außen und innen mit Lehm bewerten worden war, bestanden. Innen war der Lehm geglättet. Um die Häuser fand man schwarzgefärbte Gruben und Vertiefungen.
Nahe der Hörsel wurden am westlichen Siedlungsende größere Gruben entdeckt. Diese waren mit Holzkohle und vielen Knochen von Rindern und Schweinen gefüllt. Es ist anzunehmen, dass dort große Feueranlagen waren, in denen die genannten Tiere zubereitet wurden. Aus den Funden der zahlreichen Knochen schloss man, dass die germanischen Siedler viel Fleisch verzehrt hatten. Dieses hatten sie wahrscheinlich teilweise auf der Jagd erbeutet, teilweise hatten sie die Tiere selbst gezüchtet.
Gefäße mit durchlöcherten Seitenwänden ließen den Schluss zu, dass sie als Siebgefäße zur Käsezubereitung verwendet wurden. Der Nachweis, dass jene germanischen Siedler auch Ackerbau betrieben hatten, gelang zufällig, als Herr Riede in den Lehmbrocken eines zerfallenden Brennofens einige Gerstenkörner entdeckte.
Eine gefundene Spinnwirtel (Abb.Sf) und Webgewichte ließen den Schluss zu, dass die Frauen der Siedler zu Hause an Spindel und Webstuhl tätig waren. Auch die mit Strichen versehenen Tongefäße wurden vermutlich von den Hausfrauen aus grobem, mit Quarz durchsetztem Ton selbst hergestellt. Es mag in diesem germanischen Ort aber auch berufsmäßige Töpfer gegeben haben, denn Schalen der Art von wurden auf der Töpferscheibe hergestellt. Der gefundene Rest eines Töpferofens (Höhe noch 0,75 m) enthielt auf der Brennsohle noch eine Schicht Asche und Holzkohle.
Weitere Handwerker waren vermutlich Schmiede und Kamm-Macher. Ein gefundenes Stück Eisenschlacke lässt den Schluss zu, dass Eisen in der Siedlung selbst hergestellt wurde. Gefunden wurden folgende Gegenstände aus Eisen Dolchmesser, Messer, eine abgebrochene Lanzenspitze, sowie Pfriem, Meißel, Feilen und Radnägel. Eine eiserne Axt wie auch ein Schleifstein aus Sandstein gehörten ebenfalls zur Fundausbeute. Von der Tätigkeit der Kamm-Macher fand man nur das Rohmaterial in Form von angesägten Hirschgeweihen.
Nach den Funden der germanischen Siedlung bei Sättelstädt zu urteilen, müsste es sich bei den Bewohnern um Hermunduhren gehandelt haben. Jene siedelten hier etwa im Zeitraum vom I.Jahrhundert n.Chr. bis um 300 n.Chr. Ihr Fest- und Kultplatz war zweifellos der Hörselberg. Von dort leuchteten ihre Feuer zur Zeit der Sonnenwenden weit ins Land, dort verehrten sie auch ihre Götter Donar sowie Wodan und dessen Gemahlin Frija.
Wir wissen nicht, wann die Germanen ihre Siedlung bei Sättelstädt aufgegeben haben. Auch ihre Begräbnisstellen konnten bis heute nicht aufgefunden werden. Man nimmt an, dass sie freiwillig mit einem anderen Stamm während der Völkerwanderung weiterzogen. Um 800 n.Chr. standen hier noch einige bewohnte Hütten. Aus jener Zeit gibt es aber nur wenige Scherbenfunde.

Diesen ausführlichen Beitrag von Artur Heuse (t 2001) in den Eisenacher Heimatblättern von 1994, möchten wir insoweit aktualisieren, dass im Rahmen der Planungsvorbereitungen für die Nordverlegung der A4 im Jahre 2003 erneut Ausgrabungen stattgefunden haben. Etwa 15 Mitarbeiter des archäologischen Landesamtes Weimar arbeiteten ein Jahr unter Leitung von Dr. Klaus-Peter Wechler aus Berlin an diesem Projekt. (Hörselberg-Bote Nr.54 / 2003).

Quelle: Festschrift 1000 Jahre Sättelstädt

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