Am Rande des Holzlandes, über waldige Wanderwege und einen Mühlengrund zu erreichen, liegt das berühmte Thalbürgel. Das Dorf ist, entgegen seinem Namen, auf einer Anhöhe gegründet, freilich längst nicht so hoch wie das durch eine Senke von ihm getrennte Bürgel, die alte Töpferstadt, aufsuchenswert durch das einzige erhaltene Stadttor, das Badertor, und die anheimelnde Enge der wenigen, von niedrigen Häusern gebildeten Straßenzüge. An der höchsten Stelle des gehügelten Thalbürgels erhebt sich die romanische Basilika. Sie ist ebenso reizvoll in die sie umgebende Landschaft gebettet, wie, obzwar auf andere Weise, die 60 Kilometer von Jena entfernte Klosterruine von Paulinzella. 1133 gegründet, wurde die Benediktiner-Abtei von Thalbürgel im Hirsauer Stil als romanische Pfeilerbasilika errichtet und verfiel nach der Reformation. Nach 1863 wurden Teile der Vorhalle, die Seitenschiffe und das Hauptportal wieder aufgebaut und das nicht gänzlich verfallene Mittelschiff rekonstruiert. Weil manches Fragment geblieben ist und sich die Restmauern und -steine, ohne ihre Herkunft zu leugnen, dem Wiedergegründeten einfügen, umgibt die Basilika noch heute die Atmosphäre des Ursprünglichen, die sich bei anderen Rekonstruktionen so oft verflüchtigt. Sie breitet sich aus im klar gegliederten romanischen Raum, der so eindrucksvoll und so schlicht ist. Der helle Sandstein widerleuchtet vom unermeßlichen Licht, das durch die einfachen, ungetönten Glasfenster fällt. Draußen überrötet ein Rosenspalier die alten Mauern. Der hohe offene Bogen, der das Zeitalter des Verfalls nicht verleugnet, das vollendete Portal, von acht Säulen gebildet, neu und ursprünglich zugleich, und das Rasengrün werden Teil der sie umgebenden Landschaft.


Der Weg bachniederwärts führt ins Gleistal. Niedrige Bergzüge begleiten den Gehenden. Zuweilen bewaldete, oft nur von Hecken und Hainstreifen gegliederte Hänge, deren höchste Erhebung der Alte Gleisberg ist, folgen dem Flüßchen. Der Kalkstein hält die Wiesen trocken und karg. Doch in dieser scheinbaren Dürftigkeit liegt zugleich ihre Schönheit. Das ursprünglich romanische Kirchlein von Graitschen mit seinem auffälligen breiten, schiefergedeckten Turm rundet ein spätgotischer Chor. Berühmt ist die rätselhafte Figur an der Südwand des Turmes, das „Männchen von Graitschen“, möglicherweise ein romanisches Kruzifix.


Seitab, so an den Talschluß und eine Bucht der Kalkfelsen geschmiegt, daß es dem sich Nähernden lange verborgen bleibt, liegt Poxdorf. Verwilderte Obstgärten, Weideland, sanft hügelan ziehend, erstrecken sich neben dem Weg, der langsam zur Höhe steigt, Esche, Eiche und Buche treten hinaus in die Wiesen, vereinen sich zu Gruppen und Wäldchen. Die vielfältigsten Laubfärbungen schenken Frühjahr und Herbst. Kenner versichern, um Poxdorf seien die reichsten Orchideenparadiese zu finden. Auf der Höhe ist der Rotbuchengürtel so schmal, daß die Sonne durch die Laubkronen schimmert in einem seltsamen, festlichen Licht. All diese rotdächrigen, in die Hügel gebetteten Dörfer sind anmutig, so Poxdorf, so Beutnitz und Golmsdorf mit alten, sehenswerten Kirchen. Die Straße führt über die Saale, und der rückgewandte Blick fällt auf die Südflanke des Gleisberges, auf dem die Ruine der Kunitzburg steht. Ein Wiesenhang mit unverschnittenen Obstbäumen drängt herab. Links der Saale zweigt hinter Porstendorf der Weg in den Nerkewitzer Grund ab. Die Kirche von Neuengönna, die im Inneren einen spätgotischen Flügelaltar birgt, schaut uns mit ihrem hohen Mansardendach entgegen. Weinüberwachsene Häuser wachen am Weg, Noch ist die Landschaft nahezu unzersiedelt. Terrassenwiesen stufen die Hänge, Bäume folgen in lichten Abständen dem Gönnerbach. Manchmal treten Kalkfelsen hervor, dann wieder besiedeln Buchen die Berge. Hinter einem alten Mühlengehöft weitet sich das Tal. Weide- und Ackerflächen beginnen.


Über Nerkewitz und Lehesten, in dem ein altes Schloß durch Turm und Kapelle den Blick auf sich zieht, erreichen wir Altengönna. Sein Kirchlein ist romanischen Ursprungs. Mit einer Holzarbeit, die um 1500 in der Saalfelder Werkstatt entstanden ist, besitzt es einen der wertvollsten Schnitzaltäre Thüringens, einen Annenaltar, der die Marienmutter „selbdritt", wie es früher hieß, zeigt. Bemerkenswert ist auch die gotische Kirche des benachbarten Krippendorf. Ein Wegschild weist nach rechts zur alten Bockwindmühle. Der Verfall hat sie nicht unansehnlich gemacht, sondern ihr das Geheimnis des Alters und die Patina des Verwitterns gegeben, die altüberkommene Dinge so anziehend machen.


Wie die meisten Windmühlen ist sie auf einem Hügel erbaut, wo der Wind kräftig von allen Seiten einfallen kann. Auch der Blick ist nach allen vier Himmelsrichtungen frei und schweift über eine weite Fläche, die vor nahezu 200 Jahren ein deutsches Schicksalsfeld wurde. Am 14. Oktober 1806 versank hier das friederizianische Preußen in den beiden Schlachten von Jena und Auerstedt. Der erste Gedenkstein, auf den wir treffen, steht bei der Bockwindmühle. Der nächste Ort, Vierzehnheiligen, ist durch seine gotische Wallfahrtskirche bekannt. Sie wurde in der Nähe des im sächsischen Bruderkrieg vernichteten Dorfes Lutzendorf 1453 als Sühnekirche errichtet und den vierzehn Nothelfern geweiht. Wehrhaft erhebt sich der gedrungene quadratische Turm. Eine wuchtige Tür, das schöngestaltete Portal, die Stützpfeiler am Langschiff und die gotischen Fenster weisen auf den ursprünglichen Bau. Aber um 1800 ist vieles abgerissen und neu gebaut worden, da den Bewohnern das Geld für eine Neueindeckung des Daches fehlte. Im Oktober 1806, ein Gedenkstein bezeugt es, brach das Verhängnis herein, als die Preußen das Dorf in Brand schossen, um die eingedrungenen Franzosen daraus zu vertreiben. Wie schon in Altengönna, finden wir in Vierzehnheiligen eindrucksvolle Bauerngehöfte. Wenn auch die Dörfer der Hochfläche nicht die gleiche Anmut wie die einstigen Weinorte im Gleistal besitzen, so sind sie doch voller Eigenart und beeindrucken durch ihre nur von wenigen Neubauten gestörte Geschlossenheit; und fast jeder Ort, auch Lützeroda und Cospeda, besitzt eine kleine, sehr alte Kirche. Das letztere, so nah an Jena gelegen, daß es von dort bequem zu Fuß erreicht werden kann, hat in der Schenke „Im grünen Baum zur Nachtigall" eine Gedenkstätte zur Schlacht von 1806 errichtet, in der ihr Verlauf dargestellt wird.


Lohnend ist auch der Gang über die Trockenwiesen zum Windknollen hinauf, dem höchsten Berg der Umgebung, der einen weiten Rundblick gewährt, bis ins Saaletal und zur Leuchtenburg hinüber. Weil der große Korse, die Schlacht überschauend, hier stand, hat man zu seinem Gedächtnis den Napoleonstein gesetzt. Die Erde stäubt bei jedem Schritt, denn Panzerfahrzeuge der ehemali­gen Besatzungstruppen, die jahrzehntelang hier übten, haben die verletzliche Grasnarbe über dem steinigen Boden zerstört.


Ein wenig abseits von der Straße nach Weimar liegt Kapellendorf, heute ein eher unbedeutender Ort, doch im Hochmittelalter Sitz eines einflußreichen Adelsgeschlechtes, der Herren von Kapellendorf, die nach ihrer Belehnung mit der Burggrafschaft Kirchberg deren Namen annahmen. Wer von Frankendorf nordwärts fährt, sieht das rotdächrige Kapellendorf in eine Talsenke gebettet, die er auf der hohen, nur sanft gehügelten Fläche nicht erwartet. Die Häuser steigen, Dach über Dach, langsam den Grund hinan, auch die Kirche, an der ein romanisches Fenster an die Zeit des Zisterzienser- Nonnenklosters erinnert. Ein späteres Jahrhundert hat den Chor erweitert und im Stil der Gotik gestaltet. Das wertvollste Kunstwerk im Kircheninneren ist das Grabmal für Albrecht III. von Kirchberg und seine Gemahlin Margarete von Kranichfeld, eine vorzügliche Erfurter Steinmetzarbeit aus dem frühen 15. Jahrhundert. Den nördlichen Abschluß des Dorfes bildet das Schloß mit seinen barockhelm-, zinnen- und walmdachbewehrten Türmen und seinem Renaissanceportal. Anders als die Burgen von Kirchberg und Isserstedt blieb es ungeschleift. Die Erfurter brachten es Mitte des 14. Jahrhunderts in ihren Besitz, Damals wurden die Gräben ausgehoben und geflutet, so daß die Burg seither als Wasserschloß gilt. Auch wurden die beiden mächtigsten Türme gesetzt und die Mauer überaus hoch emporgezogen. So sollten Wasser und wehrhafter Stein ausgleichen, was die natürliche Lage dem Verteidigungswerk versagt hatte. Heute zeigt sich die Anlage dem Besucher in einer romantischen Doppelgestalt: als wohlerhaltene Burg, deren hohe Wohn- und Nutzgebäude einen Teil der Mauer bilden, und als eindrucksvolle Ruine. Die Mauer ist so hoch, daß sie durch Strebepfeiler nach außen gesichert werden mußte. Gleich reizvoll ist es, im weiträumigen, begrünten Hof zu stehen oder die Burg zu umschreiten. Der Ringgraben umschließt sie nicht mehr vollständig. Hin und wieder führen von Strauch- und Staudenwerk überwucherte Erdrücken zur rissigen und wieder erneuerten Mauer hinüber, an deren ältesten Steinen Efeu rankt. Robinien und Kopfweiden, Geschöpfe des Dorfes, begleiten den Pfad.




Quelle:


Titel: Landschafts-und Kulturbilder um Jena

Von: Jürgen Michel, Uwe Grüning

Copyright: Fremdenverkehrsamt der Stadt Jena

Abteilung jena-werbung

07743 Jena, Löbderstaße 9

1.Auflage 1993

Redaktion: Ursula Dittrich, Sofia Kirsten

Gestaltung und Layout: Lothar Jähnichen, Dornburg

Satz und Reproduktion: Förster & Borries Satz-Repro-GmbH Zwickau

Druck und buchbinderische Verarbeitung: INTERDRUCK Leipzig GmbH

ISBN: 3-910054-27-7