Creuzburg an der Werra (Kr. Eisenach).

Creuzburg liegt an einer wich­tigen Furt der Werra, wo eine Seitenlinie der Straße aus dem Maingebiet bei Frankfurt und die alte Fernverbindung von Köln über Meschede und Kassel nach Erfurt und Leipzig den Fluss überschreiten. Karl der Große stattete das Kloster Hersfeld bei der Grün­dung mit dem Fiskalzehnt in dem Königsgut Milinga aus. Kaiser Otto der Große hatte Magdeburg mit Ost- und West-Millingen sowie Creuzburg dotiert; aber 973 gab Erzbischof Adalbert durch ein Tauschgeschäft diese abgelegenen Besitzungen an Fulda. Die Namen der seit dem Mittelalter wüsten, orientierten Orte West-Millingen (lag am Iftebach) und Ost-Millingen (sucht man drei km östlich von Creuzburg bei einem Gehöft) lassen den sicheren Schluss zu, dass Creuzburg in karoling. Zeit der Mittelpunkt eines fränkischen Königsgutbezirkes mit planmäßiger fränkischer Siedlung war. In Creuzburg hat man sich wohl einen unbefestigten Königshof, der ein Glied in der Kette der königlichen Kurien an der Werra gebildet haben dürfte, vorzustellen. Wahrscheinlich ist er später befestigt und mit der Peterskirche ausgestattet worden. Beides mag dem Ort den Namen Cruciburg eingetragen haben. Während die alten Hersfelder Rechte nur einmal in veränderter Form im Breviarium s. Lulli (acht Hufen und zwölf Mansen) erscheinen, haben wir auf Grund der Fuldaer Güterverzeichnisse des 11. Jh. eine gute Vorstellung vom Besitz dieses Klosters in Creuzburg. Fulda verfügte hier über zwei Kirchen mit dem Zehnten und vier Hufen, über fünf Mühlen, fünf Slawen, zwölf Liten, 85 Kolonen, davon zwölf auf Neuland, und über 32 Freie, die Naturalabgaben leisteten, während für 44 Hufen Geld entrichtet wurde. Creuzburg war zu Bauholzlieferungen verpflichtet, Fischer leisteten verschiedene Dienste. Diese große geistliche Grundherrschaft war zu Verwaltungszwecken in vier territoria eingeteilt. 1170 tauschte Landgraf Lud­wig II. auf Rat Barbarossas das Allod Creuzburg, das damals Graf Hermann von Orlamünde zu Lehen besaß, gegen andere Güter. Creuzburg wurde freies Eigen der Ludowinger. Der Landgraf hatte damit einen wich­tigen Brückenkopf, eine Verbindung zwischen der Grafschaft Hessen und der Landgrafschaft Thüringen, gewonnen. Ein Mandat Landgraf Lud­wigs III. von 1182-85 an die Igfl. villlci in Hannoversch-Münden und Creuzburg (civitas) sicherte dem Kloster Lippoldsberg, wenn es in den Städten des Landgrafen seine Bedürfnisse deckte, Zoll- und Abgaben­freiheit zu. Ähnliche Rechte räumte 1189 Ludwig III. dem Kloster Spieskappel in Creuzburg und in anderen Städten ein.

Diese Nennungen betreffen noch die 1266 zuerst als solche be­zeichnete Altstadt (antiqua civitas), in der 1391 Fleischhütten erwähnt werden. Die Marktsiedlung bestand nur aus der Straße, die sich nordwestlich um den Burgberg herumzieht. Die zugehörige Pfarr­kirche war St. Marien. Außer dieser gab es zunächst in Creuzburg die Pfarrkirche St. Peter auf der Burg. St. Peter und St. Marien sind mit den beiden im 11. Jh. genannten Fuldaer Kirchen zu identifizieren. Nur Johannes Rothe, der Thüringer Geschichtsschreiber des begin­nenden 15. Jh., berichtet von einem Kloster auf der Burg. Nach Rothes Bericht hätte der Berg in der 1. Hälfte des 12. Jh. noch keine Burg getragen, was nicht gegen seine Befestigung im frühen Mittelalter sprechen muss. Trifft die Nachricht Rothes, der aus Creuzburg stammte, zu, so dürfte der Bau der mittelalterlichen Burg bald nach 1170 anzusetzen sein. Auch einige architektonische Überreste (romanische Fenster, Säule) gehören in diese Zeit. 1173 wurde das Augustinerinnenkloster St. Jakob außerhalb der Stadt gegründet. Die um 1514 geschriebene Chronik des Johann Gramer berichtet mit überraschender Klarheit, dass 1213 Landgraf Hermann I. in Creuzburg die Gründung einer Stadt beschlossen und den Bauern genannter benachbarter Dörfer, darunter Millingen, befohlen habe, ihre Wohnsitze in die Stadt zu verlegen; auch habe er ihnen das Stadtrecht (ius civitatis) sowie das Stadtwappen bzw. Stadtsiegel (insignia quae sunt tres turres valde conspicuae) verliehen. 1215 soll die Nicolaikirche an der Stelle einer Andreaskirche erbaut worden sein. Sie wird 1218 urkundlich genannt. Damit lässt sich der Chor stilistisch vereinbaren. Eine Zeich­nung Goethes von 1779 gibt uns eine Vorstellung vom früheren Zustand des Kircheninneren. Die Kirche St. Nikolai bildete den Mittelpunkt der planmäßigen Stadtgründung vom Beginn des 13. Jh., deren Mauerzug die Altstadt außerhalb ließ. Nicht über­sehen werden darf, dass Ansätze zu einer Siedlung auf dem Gebiet der Neustadt vorhanden gewesen sein müssen, da die Nicolaikirche an der Stelle einer bereits vorhandenen Andreas­kirche errichtet wurde. 1218 stattete Landgraf Ludwig IV. das Nonnenkloster St. Jacob vor der Stadt mit den Kirchen St. Peter, St. Ma­rien und mit der von dieser noch abhängigen Nicolaikirche aus. Eine Stadtbefestigung (vallum) wird bereits damals genannnt. 1225 (Rothe) wurde der Übergang über den Fluss durch den Bau einer Brücke erleichtert, bei der 1499 eine Liboriuskapelle erbaut wurde. Sie enthält spätgotische Fresken.

Zu Beginn des 13. Jh. hat Creuzburg für die Landgrafen offenbar den Rang einer Nebenresidenz besessen. Der erste Sohn der heiligen Elisabeth, Landgraf Hermann II., wurde hier geboren und starb hier. Auch Gegenkg. Heinrich Raspe hat sich in der Burg aufgehalten. Unter den Wettinern verlor die Stadt an Bedeutung. Sie hatte nur noch Wert als Verteidigungspunkt. König Adolf konnte sie 1295 auf sei­nem zweiten Zug nach Thüringen nach Belagerung einnehmen. Die Burg lag, nachdem die Peterskirche schon 1355 abgebrochen worden war, um 1440 wüst, wurde später aber — sie war Sitz des Amtes Creuzburg — wiederholt erneuert und umgebaut. Im Rahmen der Landesteilungen der Wettiner wechselte die Stadt häufig den Herrn: 1485 wurde sie den Ernestinern zugewiesen. 1572 bis 1640 gehörte sie zur Linie Coburg-Eisenach, 1641-44 zum Herzogtum Eisenach, 1645-62 zum Herzogtum Weimar, 1662-1741 zu Eisenach und schließlich 1741-1920 zu Weimar-Eisenach.

Über Stadt­recht und Stadtverfassung wissen wir wenig. 1253 werden dispensatores civitatis gen. 1279 treten Schöffen und Stadtgemeinde entgegen. Vermutlich seit dem 14. Jh. besaß der Rat die Nieder­gerichtsbarkeit. Die Obergerichtsbarkeit lag immer beim Amt Creuzburg. Ihrem wirtschaftlichen Charakter nach war Creuzburg Ackerbürgerstadt. Eine wirtschaftliche Besonderheit stellte die 1758 eingerichtete Seidenrau­penzucht dar. Sie wurde 1808 wieder aufgegeben. Die bei Creuzburg ge­legene Saline Wilhelmsglücksbrunn wurde 1525 zerstört, 1726 wieder eröffnet und nach dem Zollanschluss der Thüringer Staaten an Preußen geschlossen.

(II) Kü (Pa)


LV 334, S. 110-26.

KLanglotz, Die Creuzburg, Eisenach 1941.

GFemmel, Das Weltgerichtsfresko der Creuzburger Liboriuskapelle. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der Friedrich-Schiller-Universität Jena; gesellsch.- und sprachwiss. Reihe, Jg. 6, 1956/57, S. 425-32.

JTrefftz, Maulbeerbaum-Zucht und Seidenbau in Creuzburg a. d. Werra. In: LV 18, NF Bd. 12, 1902, S. 577-620




Aus Handbuch der Historischen Stätten Deutschlands – Thüringen

Herausgegeben von Dr. Hans Patze

Alfred Kröner Verlag 1989