Der Bau der Thüringer Eisenbahn

Schon seit dem Jahre 1836 hatte man sich damit beschäftigt, durch Voruntersuchungen die Möglichkeit einer Bahnlinie durch Thüringen festzustellen. Im Jahre 1840 schlossen die drei Staastsregierungen Sachsen-Weimar, Sachsen-Gotha und Sachsen-Meiningen einen Staatsvertrag, welcher zum Zweck hatte, einen erleichterten Eisenbahnverkehr durch Thüringen zu ermöglichen, Eisenbahnverbindungen zu den angrenzenden Ländern herzustellen und dadurch zugleich auch die Bahnverbindung zwischen dem nördlichen und südlichen, östlichen und westlichen Deutschland zu unterstützen. Es sollte in Zusammenarbeit mit dem bereits bestehenden Eisenbahnverein die Aufgabe gelöst werden, die projektierten Eisenbahnverbindungen von Halle nach Kassel und von Bamberg nach dem nördlichen Deutschland so viel als möglich und in angemessenen Richtungen durch Thüringen zu leiten.

Es standen sich in Bezug auf die Richtung der Bahnlinie zwei Ansichten gegenüber: Die Bahn sollte entweder von Halle aus über Mühlhausen, Wanfried und Eschwege nach Kassel geführt werden oder die jetzige, tatsächlich realisierte Streckenführung erhalten Am 20. Dezember 1841 schlossen die Staaten Preußen, Kurhessen, Sachsen-Weimar und Sachsen-Coburg-Gotha einen Vertrag über den Bau der jetzt bestehenden Bahn. In Folge dieses Vertrages bildeten sich in jeder der neun Städte, die von der Bahnstrecke berührt werden sollten (Halle, Merseburg, Weißenfels, Naumburg, Apolda, Weimar, Erfurt, Gotha und Eisenach) Komitees, welche sich am 26. März 1842 in Erfurt vereinigten, um über die weitere Konstituierung der Gesellschaft zu beraten und zugleich einen Ausschuss zu wählen, welcher die Leitung der Geschäfte übernehmen sollte. Die beteiligten Staatsregierungen versprachen, auf ihre Kosten die Vermessung und Veranschlagung des betreffenden Territoriums vornehmen zu lassen. Daraufhin wurden im März 1843 die Vorarbeiten begonnen.

Dieselben lieferten überall für den Bau der Bahn ein günstigeres Resultat, als man erwartet hatte und der Kostenvoranschlag wurde vorläufig mit 9 Millionen Talern beziffert. Nach dem Statut der Eisenbahngesellschaft wurde Erfurt als Sitz der Direktion ausgewählt und der Bau begann sofort nach der am 20. August 1844 erfolgten Bestätigung „der Thüringschen Eisenbahngesellschaft" durch die betreffenden Staatsregierungen.

Die Länge der Bahn von Halle bis Gerstungen beträgt etwa 25 Meilen (189 km). Pro Meile wurden Durchschnittskosten von etwa 360.720 Taler veranschlagt. Das zu bearbeitende Terrain war zum Teil bergig. Man musste sich deshalb so viel als möglich längs der Flusstäler hinwinden, die sich freilich bisweilen so verengen, dass zur Anlage der Bahn bedeutende Anstrengungen gemacht werden mussten, wie z. B. an Saale und Ilm, aber auch an der Hörsel, doch gestaltete sich die Ausführung insofern wieder günstig, als nirgends bedeutende Steigungen zu überwinden waren. Die bedeutendste Steigung befindet sich an der Wasserscheide zwischen Erfurt und Gotha. Brücken über die Saale und die Ilm, die Anlage von Flutbrücken und Viadukten, sowie Durchstiche einzelner Erdrücken erforderten eine bedeutende Anzahl Arbeiter und um das ganze Unternehmen so rasch wie möglich voranzubringen, wurde der Bau an den verschiedensten Stellen durch 15.000 Arbeitskräfte in Angriff genommen. Bereits bis Dezember 1847 konnten die Streckenabschnitte von Halle bis Weimar dem Verkehr übergeben werden; zu Ostern 1847 folgte die Eröffnung bis Erfurt und bald darauf bis Eisenach.

Erfurt hatte als Festung noch besondere Schwierigkeiten und man war genötigt, die Bahn unter den Festungswerken hinzulegen. Um das am Thüringer Wald gelegene Städtchen Waltershausen mit der Eisenbahn in Verbindung zu bringen, wurde von Fröttstedt aus ein Schienenweg dahin angelegt, der aber zunächst als Pferdebahn betrieben wurde. Die Eröffnung der Bahnstrecke bis Gerstungen erfolgte, als der Bau der kurhessischen Bahn über Rothenburg nach Kassel der Vollendung nahe war. Ungelöst blieb zunächst der Übergang der Thüringer Bahn in die Magdeburg-Leipziger bei Halle, was insbesondere zu den Zeiten der Leipziger Messen fühlbar wurde. Daher sah sich die Eisenbahngesellschaft genötigt, um die kürzeste Verbindung mit Leipzig herzustellen, von Großkorbetha aus eine direkte Bahn nach Leipzig zu bauen, die über Dürrenberg, Kötzschau und Markranstädt führt. Es teilt sich also die Thüringer Bahn nach Osten zu in zwei Ausgangspunkte: Halle und Leipzig. Der Anschluss an die bayrische Bahn und die Verbindung Bayerns mit dem Norden Deutschlands wurde durch den Bau der Werrabahn erreicht, die bei Eisenach in die Thüringer Bahn einmündet. Eine andere, im Sommer 1859 eröffnete Zweigbahn führt von Weißenfels aus nach Zeitz und Gera, um diese wichtigen Fabrikstandorte mit der Thüringer Bahn in Verbindung zu bringen und den Transport aus den reichen Braunkohlenlagern bei Weißenfels zu erleichtern.

(Quelle: J.C. Kronfeld „Heimathskunde von Thüringen“, 1861, Neuauflage 1990)