Goethes Thüringer Zeichnungen

»In einer ansehnlichen Stadt geboren und erzogen, gewann ich meine erste Bildung in der Bemühung um alte und neuere Sprachen, woran sich früh theoretische und poetische Übungen anschlössen. Hiezu gesellte sich übrigens alles, was in sittlicher und religiöser Hinsicht den Menschen auf sich selbst hinweist.

Eine weitere Ausbildung hatte ich gleichfalls größeren Städten zu danken, und es ergibt sich hieraus, dass meine Geistestätigkeit sich auf das gesellig Sittliche beziehen mußte und in Gefolg dessen auf das Angenehme, was man damals schöne Literatur nannte.

Von dem hingegen, was eigentlich äußere Natur heißt, hatte ich keinen Begriff und von ihren sogenannten drei Reichen nicht die geringste Kenntnis. Von Kindheit auf war ich gewohnt, in wohleingerichteten Ziergärten den Flor der Tulpen, Ranunkeln und Nelken bewundert zu sehen; und wenn außer den gewöhnlichen Obstsorten auch Aprikosen, Pfirschen und Trauben wohl gerieten, so waren dies genügende Feste den Jungen und den Alten. An exotische Pflanzen wurde nicht gedacht, noch viel weniger daran, Naturgeschichte in der Schule zu lehren.

Die ersten von mir herausgegebenen poetischen Versuche wurden mit Beifall aufgenommen, welche jedoch eigentlich nur den innern Menschen schildern und von den Gemütsbewegungen genugsame Kenntnis voraussetzen. Hie und da mag sich ein Anklang finden von einem leidenschaftlichen Ergötzen an ländlichen Natur-Gegenständen sowie von einem ernsten Drange, das ungeheure Geheimnis, das sich in stetigem Erschaffen und Zerstören an den Tag gibt, zu erkennen, ob sich schon dieser Trieb in ein unbestimmtes, unbefriedigtes Hinbrüten zu verlieren scheint.

In das tätige Leben jedoch sowohl als in die Sphäre der Wissenschaft trat ich eigentlich zuerst, als der edle weimarische Kreis mich günstig aufnahm; wo außer andern unschätzbaren Vorteilen mich der Gewinn beglückte, Stuben- und Stadtluft mit Land-, Wald- und Garten-Atmosphäre zu vertauschen.«

Diese autobiographischen Bemerkungen Goethes finden sich in dem Aufsatz »Der Verfasser teilt die Geschichte seiner botanischen Studien mit« aus dem Jahre 1831. Während der Dichter über die ersten sechsundzwanzig Jahre seines Lebens ebenso ausführlich wie anschaulich in »Dichtung und Wahrheit« berichtet, hat er sich nie dazu entschließen können, auch nur ein einziges Kapitel aus seinen sechsundfünfzig Lebensjahren in Thüringen literarisch darzustellen. (Die »Italienische Reise«, die »Campagne in Frankreich«, die »Belagerung von Mainz« und die mehr oder weniger autobiographisch angelegten Aufsätze über seine Reisen in die Rhein- und Maingegenden haben mit Goethes Thüringer Dasein unmittelbar nichts zu tun.) Nur in Briefen, Tagebüchern und Gesprächen, in den »Tag- und Jahresheften« und in den autobiographischen Exkursen der naturwissenschaftlichen Schriften äußerte er sich gelegentlich über sein Leben und Wirken in Thüringen.

Es gab vielerlei Gründe, dass Goethe, ein Sohn der großen und stolzen Freien Reichsstadt Frankfurt am Main, in der kleinen thüringischen Residenzstadt Weimar seine zweite Heimat und die eigentliche Wirkungsstätte seines Lebens fand. Kein Zweifel kann jedoch daran bestehen, dass vor allem die praktischen Aufgaben, die ihm im Herzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach gestellt wurden, Goethe in Thüringen heimisch werden ließen. Als er im November 1775 einer Einladung des achtzehnjährigen Herzogs Karl August nach Weimar gefolgt war, hatte er zunächst nur an einen befristeten Besuch gedacht. Aber schon Anfang 1776 reifte in Goethe der Entschluß heran, länger in Weimar zu bleiben.

Am 22. Januar 1776 teilte er dem Freunde Johann Heinrich Merck mit: »Ich bin nun ganz in alle Hof- und politische Händel verwickelt und werde fast nicht wieder weg können.« Am 14. Februar ließ er Johanna Fahlmer wissen: »Ich werd auch wohl dableiben und meine Rolle so gut spielen, als ich kann, und so lang, als mir's und dem Schicksal beliebt. Wär's auch nur auf ein paar Jahre, ist doch immer besser als das untätige Leben zu Hause, wo ich mit der größten Lust nichts tun kann. Hier hab ich doch ein paar Herzogtümer vor mir. Jetzt bin ich dran, das Land nur kennenzulernen .. .« Und im Sommer 1776 fühlte er bereits, dass Thüringen seine neue Heimat geworden war. Am 16. Juli, nach einem nächtlichen Ritt von Apolda nach Weimar, schrieb er an Charlotte von Stein: »Gestern als wir nachts von Apolde zurückritten, war ich vorn allein bei den Husaren, die erzählten einander Stückchen, ich hört's, hört's auch nicht, ritt so in Gedanken fort. Da fiel mir's auf, wie mir die Gegend so lieb ist, das Land! der Ettersberg! die unbedeutenden Hügel! Lind mir fuhr's durch die Seele — wenn du nun auch das einmal verlassen mußt! das Land, wo du so viel gefunden hast, alle Glückseligkeit gefunden hast, die ein Sterblicher träumen darf, wo du zwischen Behagen und Mißbehagen, in ewig klingender Existenz schwebst — wenn du auch das zu verlassen gedrungen würdest mit einem Stab in der Hand, wie du dein Vaterland verlassen hast. Es kamen mir die Tränen in die Augen, und ich fühlte mich stark genug, auch das zu tragen . . .«

Durch die Ernennung zum Geheimen Legationsrat mit Sitz und Stimme im Geheimen Consilium, der obersten Landesbehörde und beratenden Instanz des Herzogs, im Juni 1776 wurde Goethes Bindung an Weimar und Thüringen besiegelt. Weitere verantwortungsvolle amtliche Aufgaben folgten in den nächsten Jahren: 1777 wurde Goethe in die neugegründete Ilmenauer Bergwerkskommission berufen, 1779 übernahm er die Leitung der Wegebaukommission und der Kriegskommission- 1782 übertrug ihm der Herzog die kommissarische Leitung der Finanzverwaltung, 1784 die Leitung der Ilmenauer Steuerkommission.

Goethes Mitwirkung an der Verwaltung des Herzogtums bedeutete nicht nur eine wesentliche Erweiterung seiner bisherigen Betätigungsfelder, sie brachte zugleich die für seine gesamte weitere Entwicklung wichtigste praktische Erfahrung mit der sozialen und politischen Realität. Nie wieder in seinem Leben ist Goethe so eng mit den unteren Schichten der Bevölkerung Thüringens in Berührung gekommen wie in seinem ersten Weimarer Jahrzehnt. Auf ungezählten Ritten kreuz und quer durch das Herzogtum lernte er an Ort und Stelle das Elend der kleinen Bauern, der Strumpfwirker und Leineweber, der Bergleute und Tagelöhner kennen und versuchte mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu helfen, zu bessern, Nöte zu lindern. Seine amtlichen Pflichten führten ihn vor allem immer wieder nach Ilmenau, und die Beziehungen zu der kleinen Bergstadt und ihren Bewohnern rissen zeit seines Lebens nicht wieder ab.

Doch bereichert wurde Goethes praktische Weltkenntnis nicht nur durch seine amtliche Tätigkeit, sondern auch durch das Erlebnis großer, freier Natur, das ihm das Thüringer Land immer von neuem gewährte. Goethe selbst hat in dem eingangs zitierten Aufsatz bekannt, dass er in seiner Jugend von der äußeren Natur »keinen Begriff« gehabt und dass er erst mit seinem Eintritt in den Weimarer Kreis »Stuben- und Stadtluft mit Land-, Wald- und Garten-Atmosphäre“ vertauscht habe. Und einige Zeilen weiter heißt es dann: »Hier tat sich nun der Thüringer Wald in Länge und Breite vor uns auf.« Damit ist eines der frühesten und fruchtbarstes Motive der Thüringer Zeichnungen Goethes genannt.

Wie es in vielen vermögenden und kunstliebenden bürgerlichen Familien des achtzehnten Jahrhunderts Brauch war, erhielt auch Goethe bereits als Kind privaten Zeichenunterricht; später, während seiner Leipziger Studienjahre, nahm er dann Zeichenstunden bei dem bekannten Maler und Kupferstecher Adam Friedrich Oeser. Doch die meisten Zeichnungen der vorweimarischen Zeit blieben unselbständig, nur in wenigen Fällen gelang Goethe der Durchbruch zu einer eigenen zeichnerischen Darstellungsweise. Erst in den Landschaftszeichnungen des ersten Weimarer Jahrzehnts ist sein Zeichenstil voll ausgebildet.

Während die amtlichen Aufgaben in Weimar mit ihren Forderungen, Problemen und Spannungen Goethes literarische Produktion — vom lyrischen Schaffen abgesehen — zunächst zum Stocken brachten, nahm sein Zeichnen einen bis dahin noch nicht erlebten Aufschwung. Rund zweihundertachtzig Zeichnungen haben sich aus dem ersten Weimarer Jahrzehnt erhalten: meist sind es Thüringer Landschaften.

Goethe machte sich zuerst als Zeichner sein Bild von Thüringen. Bereits während der Sommermonate des Jahres 1776 begann er, sich die neue landschaftliche Umgebung mit dem Zeichenstift anzueignen. und er zeichnete in den folgenden Jahren die Berge und Täler, die Wälder. Wiesen und Gewässer Thüringens, wie sie bis dahin noch nie gezeichnet worden waren: als optische Impression. zu jeder Jahreszeit, bei jedem Wetter, bei Tag und Nacht, von der Sonne überstrahlt oder vom fahlen Mond beschienen, im Morgennebel, in der Wärme des Sommers oder in winterlicher Kälte. Die meisten Zeichnungen sind aus dem Augenblick heraus geschaffen, und Goethe verfolgte dabei offensichtlich kein anderes Ziel, als das Erlebnis des Augenblicks — des Augen-Blicks — zeichnerisch festzuhalten. Häufig entstanden die Zeichnungen auf den dienstlichen Reisen, die er durch das Land unternahm. Daher finden sich unter ihnen so viele schnell skizzierte Blätter. im Freien gezeichnet und mit den einfachsten technischen Mitteln ausgeführt. Der Gegend um Ilmenau, der seine ganze menschlich-soziale Anteilnahme galt, wandte Goethe sich auch als Zeichner mit besonderer Leidenschaft zu.

Welche Motive ihm die liebsten waren, darüber hat Goethe sich mehrfach in seinen Briefen geäußert. Charlotte von Stein bekannte er am 13. September 1777: »Wenn's möglich ist zu zeichnen, wähl ich mir ein beschränkt Eckchen«, und der Brief vom 12. Juni 1780 an den Schriftsteller, Maler und Kupferstecher Friedrich Müller erläutert, was unter einem solchen »beschränkt Eckchen« vor allem zu verstehen sei: »verfallne Hütten. Höfchen, Strohdächer. Gebälke und Schweinställe.«

Neben die Motive aus dem Thüringer Land trat schon 1776 eine zweite Motivgruppe: das Gartenhaus an der Ilm und die Anfänge des Weimarer Parks. Im April 1776 hatte Herzog Karl August ein Grundstück an der Ilm mit einem Gartenhaus darin gekauft und Goethe geschenkt, sicher mit der Absicht, den neuen Freund damit fester an Weimar zu binden. Und der Plan gelang: Am 21. April nahm Goethe Haus und Garten in Besitz. Am 26. April erwarb er das Weimarer Bürgerrecht. Goethe hat dann sechs Jahre lang, vom Mai 1776 bis Ende Mai 1782, fast ständig — auch im Winter—sein Gartenhaus bewohnt: nur hier. außerhalb gesellschaftlicher und dienstlicher Zwänge, war er der Freiheit seiner menschlichen und künstlerischen Existenz sicher. Im Gartenhaus entstand neben vielen anderen Versen das Gedicht »An den Mond«, hier schrieb er an dem Roman »Wilhelm Meisters theatralische Sendung« und an der Prosafassung der »Iphigenie«, hier begann er die Arbeit am »Torquato Tasso«.

Als Goethe seinen ländlichen Besitz bezog, war das Haus baufällig. und der Garten lag verwildert. Doch dies konnte ihn nicht schrecken. Maurer und Dachdecker kamen und beseitigten die baulichen Schäden, den Garten ließ er von Grund auf umgestalten. Bäume und Sträucher wurden gepflanzt, Wege und Gemüsebeete angelegt.

Einrichtung und Pflege des eigenen Gartens waren das Vorspiel für die Anlage des Weimarer Parks. Es reizte Goethe, das Ilmtal selbst, das damals noch von Bürgern der Stadt als Garten- und Ackerland genutzt wurde, in seine gärtnerischen Gestaltungspläne einzubeziehen. 1778 legte er selbst mit Hand an, um am linken Uferhang die Felsentreppe. die man heute als »Nadelöhr« kennt, und das »Luisenkloster«. aus dem später das »Borkenhäuschen« wurde; zu errichten. Vor allem in den Jahren von 1776 bis 1782 hat Goethe den Ilmgrund um das Gartenhaus mehrfach gezeichnet und dabei die Atmosphäre dieser Landschaft, unmittelbar vor ihrer Umgestaltung zum Landschaftspark eingefangen.

Auffällig oft zeichnete Goethe die Thüringer Landschaft und die Gegend um das Gartenhaus im Mondschein. Charlotte von Stein, der Goethe die meisten seiner Zeichnungen aus den ersten zehn Weimarer Jahren schenkte, muss diese Blätter besonders geliebt haben: denn die »Mondscheine« hingen, wie man in einem Brief des Dichters vom Mai 1782 liest, sorgfältig gerahmt über ihrem Schreibtisch in Schloß Kochberg. Doch nicht nur deshalb sollen sie hier erwähnt werden, sondern weil gerade diese Zeichnungen ihre Entstehung der problematischen Situation Goethes im ersten Weimarer Jahrzehnt verdankten. Man weiß aus Goethes Briefen, wie gern er bei Nacht allein über die Wiesen wanderte, wie sehr ihn ein nächtliches Bad in der Ilm erfrischte. In einem kurzen Gedicht für Charlotte von Stein, wahrscheinlich im Jahre 1777 geschrieben, wird der tiefere Grund dafür benannt: » Und ich geh meinen alten Gang / Meine liebe Wiese lang. / Tauche mich in die Sonne früh, / Bad ab im Monde des Tages Müh .. .«

Das Leben im höfischen Kreis, das tagtäglich zu Kompromissen zwang, der zähe und immer wieder mit Rückschlägen endende Kampf gegen die Mißwirtschaft und das Elend im Lande beanspruchten alle psychischen und physischen Kräfte Goethes, und oftmals blieb ihm nur die Nacht, um sich von »des Tages Müh« zu erholen, sich wieder als Mensch zu fühlen, seine Gedanken zu sammeln und zu ordnen, Kraft für den nächsten Tag zu schöpfen. Von hier aus läßt sich verstehen, dass Goethe die nächtliche Thüringer Landschaft so oft zeichnete: Er wollte sie, von der eine so heilsame Wirkung ausging, in ihrem optischen Eindruck festhalten. Und diese zarten, kleinformatigen Blätter besitzen eine merkwürdig suggestive Kraft, der sich auch der heutige Betrachter nicht entziehen kann.

Die Frage, welche Funktion das Zeichnen für Goethe in den ersten zehn Weimarer Jahren hatte, drängt sich an dieser Stelle auf. Zweifellos war sich Goethe — selbst wenn man manche seiner Äußerungen anders ausgelegt hat — immer bewußt, dass seine eigentliche Begabung auf dem Gebiet der Poesie lag. Zugleich jedoch ist es für ihn als künstlerisch produktiven Menschen kennzeichnend, dass er immer wieder nach Wegen suchte, seine künstlerischen Darstellungsmittel über die poetischen hinaus zu erweitern. Schon in der Zeit des Sturm und Drang fand er im Zeichnen ein selbständiges und die dichterische Gestaltung ergänzendes Mittel der künstlerisch-praktischen Aneignung der Wirklichkeit. Daraus erklärt sich, dass Goethe gerade während des ersten Weimarer Jahrzehnts, in einer Zeit, in der sich sein Dasein, sein Denken und Schaffen von Grund auf zu wandeln begannen, das Zeichnen so ernst nahm wie nie zuvor in seinem Leben: Es ging letztlich um die Erprobung neuer Möglichkeiten des Weltverständnisses und der Wirklichkeitsaneignung.

Doch Goethe brauchte das Zeichnen damals noch aus einem anderen Grund: als lebensnotwendiges Element des Ausgleichs innerer Spannungen und Konflikte. In einem Brief an Charlotte von Stein vom 14. September 1777 fand er dafür ein anschauliches poetisches Bild: »Mir ist's, als wenn das Zeichnen mir ein Saugläppchen wäre, dem Kind in Mund gegeben, dass es schweige und in eingebildeter Nahrung ruhe.«

Thüringer Landschaften hat Goethe bis in sein hohes Alter gezeichnet. Die Motive wandelten sich jedoch nach der Jahrhundertwende allmählich: An die Stelle des Thüringer Waldes und der Weimarer Umgebung traten nach und nach Jenaer Motive.

Obwohl sich Goethe schon in den Jahren von 1775 bis 1786 oft in Jena aufhielt — als Leiter der Wegebaukommission war er für den Ausbau der Landstraße Weimar-Jena verantwortlich, und in Jena gelang ihm am 27. März 1784 die Entdeckung des Zwischenkieferknochens beim Menschen —, scheint ihn die Stadt als Zeichner damals nicht gereizt zu haben. (Jedenfalls sind Zeichnungen mit Jenaer Motiven aus Goethes ersten zehn Weimarer Jahren nicht überliefert.) Dies änderte sich erst nach 1806 dank der wachsenden Vorliebe, die Goethe für Jena gewann.

Noch einmal muß hier von Goethes amtlicher Tätigkeit gesprochen werden. Bekanntlich gehörte die Aufsicht über die wissenschaftlichen Einrichtungen in Jena — eingeschlossen die Verantwortung für den Ausbau bestehender und die Gründung neuer Universitätsinstitute — zu den wichtigsten amtlichen Aufgaben, die Goethe nach der Rückkehr aus Italien übernahm. Mit diesen neuen Pflichten gestalteten sich auch seine persönlichen Bindungen an die Universität und an die Stadt Jena selbst immer enger.

Dass Goethe sich seit den neunziger Jahren in Jena so wohl fühlte, bewirkte in hohem Maß auch der rege Gedankenaustausch mit Schiller, der sich im Juli 1794 nach einer Sitzung der »Naturforschenden Gesellschaft« angebahnt hatte. Goethe rechnete, wie er schon am 27. August 1794 an Schiller schrieb, von diesem Tag »eine Epoche«, und in einem späten Rückblick auf seinen Bund mit Schiller betonte er: »Alle meine Wünsche und Hoffnungen übertraf das auf einmal sich entwickelnde Verhältnis zu Schiller, das ich zu den höchsten zählen kann, die mir das Glück in späteren Jahren bereitete... Für mich insbesondere war es ein neuer Frühling, in welchem alles froh nebeneinander keimte und aus aufgeschlossenen Samen und Zweigen hervorging.«

So nimmt es nicht wunder, dass die geistige Atmosphäre Jenas auf Goethes Schaffenskraft eine überaus belebende Wirkung ausübte. Zahlreiche seiner Dichtungen aus den Jahren zwischen 1795 und 1820 entstanden vollständig oder zu großen Partien in Jena: viele der »Xenien« und der klassischen Balladen, ganze Kapitel von »Wilhelm Meisters Lehrjahren«, »Wilhelm Meisters Wanderjahren« und den »Wahlverwandtschaften«, mehrere Szenen des zweiten »Faust«-Teils. Goethe bekannte selbst: »In Jena, in Knebels alter Stube [im Jenaer Schloß], bin ich immer ein glücklicher Mensch, weil ich keinem Raum auf dieser Erde so viel produktive Momente verdanke.«

Die Vorliebe für Jena inspirierte schließlich auch Goethes Zeichenlust. Die meisten Zeichnungen aus den Jahrzehnten zwischen 1789 und 1832 sind freilich ohne künstlerische Absicht geschaffen worden: denn die Zeichnung diente Goethe in seiner Spätzeit vorwiegend als sachliches Veranschaulichungsmittel für die naturwissenschaftlichen Arbeiten oder für die verschiedenen amtlichen Tätigkeiten, zum Beispiel bei der Theaterleitung. Nur ein einziges Mal brach die alte Zeichenleidenschaft hervor: in den Landschaftszeichnungen des Jahres 1810. Goethe stellte sich, wie im Tagebuch zu lesen ist, aus diesen Blättern im Juni 1821 ein Album von zweiundzwanzig Zeichnungen zusammen und diktierte seinem Schreiber John einen Begleittext dazu. Aus diesem Text sowie aus Äußerungen in den »Tag- und Jahresheften« für 1810 und für 1821 geht hervor, dass der zweiundsiebzigjährige Goethe die zweiundzwanzig Handzeichnungen von 1810 als künstlerischen Abschluß seines gesamten zeichnerischen Werkes verstund.

Elf Blätter des Albums — sämtlich im Frühjahr 1810 entstanden — zeigen Jenarer Motive. Nicht nur von den Motiven, sondern auch von der zeichnerischen Handschrift nehmen sie einen besonderen Platz unier Goethes Thüringer Landschaften ein. Hatte Goethe in der voritalienischen Zeit versucht, die thüringische Landschaft in ihrer atmosphärischen Eigenart möglichst genau zu treffen, so gewann er jetzt die Fähigkeit, mit sparsamsten und einfachsten Mitteln eine Landschaft bildlich so zusammenzufassen—oder wie er selbst sagt. Zusammenzuziehen. zusammenzurücken —. dass ihre Strukturen erkennbar werden, alles Zufällige verschwindet, das Bild aber dadurch an Konkretheit nicht das geringste verliert.

In Goethes Album bildet die Ansicht von Schillers Garten den Abschluß der Jenaer Motive, und wir dürfen sicher sein, dass es als Huldigung für den Freund gedacht war. Wenn Goethe gerade diesem Blatt eine solch exponierte Stellung gab.

Es ist gewiß nicht möglich, allein von den Zeichnungen her die engen und vielfältigen Beziehungen Goethes zu Thüringen, seiner Landschall, seinen Menschen, seinen staatlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnissen darzustellen. Und doch besitzen die Thüringer Zeichnungen einen einzigartigen und durch nichts zu ersetzenden Erkenntniswert: Nirgends sonst hat Goethe auf solch persönliche und zugleich sichtbare Weise ausgedrückt, wie innig seine Liebe zu Thüringen mit der Liebe zur thüringischen Landschaft zusammenhing. Aber wir wollen die Aussagekraft dieser Zeichnungen nicht überfordern. und so müssen wir eines hinzufügen: Die Schönheiten der Thüringer Landschaft erlebte Goethe nicht in passivem Genuß, sondern durch praktische Tätigkeit. Als er sich im Frühjahr 1790 in Venedig aufhielt und mit Heimweh an sein fernes Thüringen dachte, verglich er sein Dasein mit dem Wirken eines Gärtners, der ein eingefriedetes Stück Land pflegt, für sich und andere nutzbringend bearbeitet und in diesem sinnvollen Tun die Erfüllung seines Lebens findet. An Herder schickte er damals das Epigramm:

»Weit und schön ist die Welt, doch o wie dank ich dem Himmel.

dass ein Gärtchen, beschränkt, zierlich, mein eigen gehört.

Bringt mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen?

Ehre bringt's ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen besorgt.«

(Quelle: Wolfgang Hecht in: Eckhardt, Dieter und Wolfgang Hecht „Johann Wolfgang Goethe. Thüringer Zeichnungen. Aus den Beständen des Goethe-Nationalmuseums. Sonderausstellung des Goethe-Nationalmuseums. Bild- und Textausw. D. Eckhardt/W. Hecht“ Weimar, o. V. (Nationale Forschungs- und Gedenkstätten der klassischen deutschen Literatur in Weimar), 1982)