Friedrich Gabriel Sulzer

(10.10.1749 – 14.12.1830)

von GUSTAV WOLF

Sulzers Vater Johann Caspar Sulzer (1716—1799) entstammte einer angesehenen Arztfamilie aus Winterthur in der Schweiz. Nach Absolvieren seines Medizinstudiums in Straßburg wurde er 1749 von Herzog Friedrich III. von Sachsen-Gotha und Altenburg nach Gotha berufen. Er war ein Vorkämpfer der Pockenimpfung, der sog. Inokulation, die sich des Pockenvirus kranker Menschen bediente, denn die Impfung mit den ungefährlicheren Kuhpocken war noch nicht entwickelt. Er hatte damals mit dieser Methode so viel Erfolg, dass sich selbst die herzogliche Familie der Impfung anschloss. 1748 heiratete er die Landsmännin Johanna Luise Tavel (1730 - 1777) aus Payenne in der Waadt. Aus dieser Ehe entsprossen fünf Kinder, als ältestes unser Friedrich Gabriel, geboren am 10.10.1749 in Gotha.

Friedrich Gabriel wandte sich ebenfalls der Medizin zu. Nach Studien in Göttingen und kurzzeitig in Straßburg promovierte er 1768 in Göttingen. Danach kehrte er nach Gotha zurück, um sich seinen Forschungen über die Naturgeschichte des Hamsters zu widmen. Dieses wissenschaftliche Frühwerk von Sulzer, „Versuch einer Naturgeschichte des Hamsters“, hatte er im wesentlichen 1768/69 abgeschlossen, und es wurde eines der bedeutenden und über lange Zeit gültigen Standardwerke zu diesem zoologischen Thema. Es wurde 1774 bei Johann Christian Dieterich in Gotha und Göttingen verlegt.

Im Jahr 1773 war Sulzer von einer 3jährigen Auslandsstudienreise durch England, Frankreich und Holland, wo er sich besonders der Tierheilkunde, Haustierseuchen, menschlichen Epidemien und der Seuchenbekämpfung widmete, zurückgekehrt. Bereits 1775 veröffentlichte er in Altenburg eine Arbeit zur Rinderpest unter dem Titel „Beschreibung der Hannoverschen Epidemie, nebst Warnung gegen die Lentinischen Pulver“. Er ließ sich 1775 im Herzogtum Gotha als Arzt nieder, war aber schon Direktor der 1774 in Ronneburg gegründeten Veterinärschule, etwas durchaus Neues im damaligen Deutschland. Im Jahre 1779 bekam er durch die Vermittlung seines Vaters die Stelle des Brunnenarztes in Bad Ronneburg, die er bereits seit 1774 als Stellvertreter seines Amtsvorgängers Grimm innehatte. Das wiederum könnte die Standortwahl der neu gegründeten Veterinärschule, auch Vieharznei-Institut genannt, beeinflusst haben. Als Brunnenarzt hatte Sulzer die Oberaufsicht über die Ärzteschaft und der Apotheke von Ronneburg, über den Zustand der Brunnenanlagen. Ferner musste er den Brunnenmeister und dessen Gehilfen beim Flaschenabfüllen kontrollieren sowie den Gesundheitszustand aller Badegäste unter Anlegung von „Kranken- und Curen-Geschichten“ ständig überwachen. Sein umfassender Ruf als Arzt und Menschenfreund, der arm wie reich ohne Ansehen des Standes mit gleicher Sorgfalt behandelte, bewirkte u. a. in den folgenden Jahren die mehrfachen Ehrungen seitens der herzoglichen Landesregierung. So wurde er 1781 Hofmedicus, 1784 Hofrat und schließlich 1818 Geheimer Hofrat. Ein immer wieder genanntes Beispiel für seine menschliche Nähe ist die Behandlung eines armen jungen Mädchens aus Leibnitz bei Werdau, an der er 1795 eine Knochenwucherung in der Augenhöhle chirurgisch über mehrere Wochen hinweg entfernte. Am Ende dieses Heilungsprozesses stand die volle Genesung sowie der Erhalt des Augenlichtes. Sulzers Abhandlung über diese komplizierte Operation veröffentlichte er 1829 in der „Neuen Zeitschrift für Natur- und Heilkunde“, dem Organ der Dresdener chirurgisch-medizinischen Akademie, nachdem er sie bereits auf der Versammlung der deutschen Ärzte und Naturforscher in Berlin im September 1828 der Öffentlichkeit vorgestellt hatte. Er erregte damit ein beträchtliches Aufsehen unter seinen zeitgenössischen Fachkollegen.

Sulzer setzte sich auch für die seinerzeit daniederliegende Tierheilkunde besonders ein. Eine entsprechende Denkschrift an den Herzog vom Jahre 1773 fordert die Einführung eines „Krankenhauses für das Vieh“, um die Wirkung und Anwendung von Arzneien besser zu erforschen. Ein Laboratorium zur Herstellung der Arzneien sowie ein „Zergliederungssaal“ mit einem angeschlossenen Hörsaal sollten dazu dienen, die dabei gewonnenen Kenntnisse einem größeren Interessentenkreis zugänglich zu machen. Ein entsprechendes herzogliches Dekret von 1775 durch Herzog Ernst regelt die „Unterweisung zur Verbesserung und mehreren Ausbreitung der Vieharzneikunst durch den Dr. Friedrich Gabriel Sulzer“ im Herzogtum Altenburg. Sulzer hatte bereits, wohl zuerst kommissarisch, 1774 in Ronneburg mit diesen Vorlesungen im Vieharznei-Institut begonnen. Zur Zergliederung der Anatomie wurde ein Pferd angekauft und in der dazu eingerichteten alten Schäferei des Oertelschen Gutshofs drei Tage lang die Sezierung vorgenommen, dabei abschließend die Knochen gereinigt und das Pferdeskelett zu Studienzwecken aufgestellt. Die „alte Schäferei“ befand sich vor der Stadtmauer, unterhalb der Schäferei-Windmühle an der Chaussee nach Gera. Noch am 13.4.1802 war im Altenburgischen Wochenblatt ein Vortrag über Viehkrankheiten von Sulzer in Ronneburg angekündigt. Friedrich Gabriel Sulzer war auch Direktor des seit 1763 bestehenden Hebammen-Lehrinstituts in Altenburg gewesen. Er bekam dazu am 20.12.1784 von der herzoglichen Kammer eine Zulage von 30 Scheffel Hafer zur Haltung eines Pferdes zugebilligt, die nochmals am 18.9.1795 zur „Erleichtung seines Aufenthaltes in Altenburg, während seines daselbst den Hebammen zu erteilenden Unterrichts“ durch ein jährliches Deputat an Pferdefutter und Brennmaterial erhöht wurde. Er hatte in Altenburg im herzoglichen Brauhof am heutigen Keplerplatz eine Wohnung genommen, wo er auch den Unterricht für die Hebammen hielt, die dazu aus allen Landesteilen zu einem 6 -8 Wochen dauernden Kursus nach Altenburg kamen. So sind dazu immer wieder im Altenburgischen Wochenblatt am Anfang fast jeden Jahres Anzeigen von Sulzer zu lesen, wie z. B. am 4.4.1797: „Bekanntmachung für diejenigen Weibspersonen, welche sich als Hebammen qualificiren wollen“.

Als nach Einrichtung des neuen Herzogtums Sachsen-Altenburg 1826 der Brauhof u. a. auch als herzoglicher Marstall gebraucht wurde, musste sich der 77jährige Sulzer in Altenburg mit seinem Hebammeninstitut eine neue Bleibe und Wohnung suchen. Diese fand er dann beim Landeskammerrat Carl Friedrich Waitz (1774 -1848) im Frauenfels, wie es aus einer entsprechenden Ankündigung im Wochenblatt vom 22.1.1828 hervorging: „Anzeige für Hebammen: jährlich Unterricht von Ostern bis Pfingsten von Endesgenannten, in dessen Wohnung zu Altenburg bei Herrn Landescammerrat Waitz im Frauenfels, angefangen werden soll“. Ihm wurde aber noch eine Miet- und Umzugkosten-Entschädigung in Höhe von 100 Thl. Gewährt

Sulzer pflegte auch den entsprechenden Umgang mit seinen Zeitgenossen sowie den gesellschaftlichen Größen seiner Zeit. Seine Bekanntschaft mit Goethe bestand mindestens seit seinem Besuch in Jena beim Hofrat Justus Christian von Loder (1753 -1832) am 23.2.1797. Bei einem Kuraufenthalt 1807 in Karlsbad, wo Sulzer den kranken Prinzen Friedrich begleitete, unterhielt er sich mit Goethe hauptsächlich über mineralogische Fragen, da beide eifrige Mineralien- und Gesteinssammler waren, die sich auch später gelegentlich besuchten und Briefe austauschten. Im sog. „Musenhof“ der Herzogin Dorothea von Curland im Schloss zu Löbichau verkehrte Sulzer nicht nur wegen der unmittelbaren Nähe zu Ronneburg, sondern er war dort als auserkorener und verehrter Leibarzt der Herzogin und ihrer Schwester Elise von der Rekke verpflichtet. In Begleitung der Herzogin und ihrer Schwester unternahm er des Öfteren Reisen zu Kur-Aufenthalten nach Karlsbad, wo er auch im Sommer 1813 den verwundeten Theodor Körner behandelte.

Ebenfalls ein freundschaftliches Verhältnis unterhielt Sulzer zu dem Dichter Christoph August Tiedge (1752 - 1841), der später mit Elise von der Recke in Dresden lebte.

Sulzer war zweimal verheiratet und hatte keine Kinder. Seine erste Frau Johanna Regina Dorothea geb. Gerstenberg wurde am 26.4.1755 als Tochter des Rechtskonsulenten Dr. jur. Christian Ludwig Gerstenberg zu Ronneburg geboren. Sie starb am 16.10.1812 im Alter von 57 Jahren. Seine zweite Frau Caroline Auguste Eleonore geb. von Thümen (*1786), geschiedene von Ehrenberg zu Stendel ehelichte Sulzer am 3.10.1815 zu Hause in Ronneburg. Sein Wohnhaus in Ronneburg beim oberen Tore mit Vorder-, Seiten- und Hintergebäuden (heute auf dem Grundstück August-Bebel-Str. 4) verkaufte er am 15. November 1825 unter Vorbehalt des Wohnrechts auf 5 Jahre für sich und seine 2. Ehefrau. Sie war nach Sulzers Tod die erste Erzieherin der beiden Söhne Ernst und Moritz des Prinzen Georg (1796 - 1853), des späteren Herzog Georg von Sachsen-Altenburg (reg. seit 1848), der einen kleinen Hofstaat im Schloss Eisenberg unterhielt, wo sie auch 1834 starb. Sulzer selbst verstarb 81 jährig in Altenburg, wo er auch begraben liegt, am 14.12.1830.

Quelle: „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 2004“

E. Reinhold Verlag Altenburg