Die Sage von den Hirtenknaben.


Es waren einst einige Knaben aus Sättelstädt, welche täglich die Pferde des Ortes zu hüten hatten. Wie nun Knaben so sind, verfielen sie eines Tages auf die Idee, hin­auf zum Hörselloch zu klettern und hinein­zukriechen. Ganz wohl zumute war ihnen nicht, wer aber wollte bei solch einer Mut­probe zurückstehen? Damit auch keiner den Rückzieher machen konnte, koppelten sie sich mit ihren Gürteln aneinander, zündeten einen Kienspan an, und krochen Einer hin­ter den Anderen in das gruselige Loch. Hef­tig klopfte ihnen das Herz, und manch einer hätte jetzt am liebsten aufgegeben, aber es gab kein zurück. Nur der letzte Bursche er­kannte seine Chance, riß sein Messer aus der Tasche, schnitt kurzer Hand den Gürtel zu seinem Vordermann durch und machte sich, so schnell es ging, wieder hinaus. Dort harrte er mit klopfenden Herzen auf die Wiederkehr seiner Kameraden. Aber in der Höhle blieb es dunkel, blieb es still. So war­tete er manche Stunde auf sie, aber nichts geschah. Es begann schon langsam zu dämmern, als er schreiend ins Dorf zurück­kehrte und die ganze Geschichte erzählte. Sofort machten sich die Eltern zur Suche auf, alles Suchen jedoch war erfolglos, die Kinder blieben verschwunden. Aber auch der Junge, welcher wieder ins Dorf zurück­gekehrt war, ward kurze Zeit später krank und elend und starb ein paar Wochen da­nach. Nach diesem Ereignis herrschte tiefe Betrübnis im Dorf, am meisten aber traf es die Familie des Waldhüters, die ihren einzig­sten Sohn verloren hatte. Tag für Tag ging seine Mutter zum Hörselloch, um ihren blon­den Jungen zu holen, aber alles war verge­bens. So wurde auch sie immer stiller, in sich gekehrter und kränklicher, daß ihr Mann Angst hatte, daß ihm nun auch noch seine Frau genommen würde. Er sprach al­so: "Frau, soll es denn nicht anders wer­den?" "Ja, wenn ich nur einmal recht wei­nen könnte," erwiderte sie nach längerem Schweigen. Aber es wurde nicht anders und die Frau verfiel immer mehr. Jeden Abend saß sie oben am Hörselloch und wartete, ob ihr Junge nicht wiederkehrte. Und wie sie ei­nes Abends so saß und das fahle Mondlicht durch die Wolken geradezu zum Eingang der Höhle fiel, da schaute sie auf und es war ihr, als ob aus den Wolken das goldumlockte Gesicht ihres Sohnes mit Namen Enzi zulächelte. Und wie sie so schaute, da fielen ihr plötzlich die Tränen aus den Au­gen und dort, wo diese niederfielen, scho­ben sich kleine blaue Blümchen aus dem Boden, deren Saft so herb und bitter wie das Herzeleid und die Tränen einer un­glücklichen Mutter ist, der Enzian. Dieses blau oder violett blühende Blümchen mit Namen Enzian findet man im Frühherbst recht zahlreich, besonders an den etwas feuchteren Seitentälern am Nordhang des Hörselberges.

H.-J. Saalfeld

Quelle: Hörselberg-Bote