Der schwarze Tod in Buttstädt

 

Die Pest oder den schwarzen Tod nannte man im Altertum bis zum Mittelalter jede bösartige, ansteckende, akute Krankheit. Die Krankheitssymptome zeigten im Anfangs­stadium Ahnlichkeit mit Typhus und Milzbrand. Schwarze, eigroße Beulen bedeckten dann schnell den Körper; oft in zwei bis drei Tagen oder in wenigen Stunden trat der Tod ein. Tausende von Geschlechtern wurden von der schreck­lichen Seuche dahingerafft, ganze Städte und Dörfer ver­ödeten.

Die Pest war bereits vor der christlichen Zeitrechnung bekannt, namentlich in Agypten. Im 6. Jahrhundert ver­breitete sie sich über ganz Europa. (Justinianische Pest.) Im Laufe des Mittelalters waren Pestepidemien häufig. Auch heute gibt es in Indien noch Gegenden, in denen die Seuche ständig auftritt. Die letzte Pestepidemie war in Deutschland im Weichsel- und Odergebiet in den Jahren

1708/09.

Vor Ausbruch der Seuche beobachtete man früher ein massenhaftes Sterben der Ratten. Die furchtbare Krankheit heftete sich in alter Zeit hartnäckig an die Wohnungen der Menschen und ging langsam von Haus zu Haus. Offen­bar ist die Pest eine Krankheit des Schmutzes und des Elends.

In Buttstädt brach die Pest zum ersten Male im Jahre 1350 aus. Etwas Näheres darüber ist in den alten Chroniken nicht zu finden.

Sowohl der Volkswahn als auch der Klerus sahen die Seuche als göttliches Strafgericht an, das die Flagellanten (Geißler) durch strenge Bußübungen abzuwenden suchten. Die Seuche führte zu maßloser Verwilderung der Sitten und zu grausamer Verfolgung der unschuldigen Juden, denen man die Schuld gab, die Brunnen vergiftet zu haben. 1597/98 brach hier die Pest wieder aus.

Im Jahre 1633 kehrte die Pest in Buttstädt zum dritten Male ein und raffte 329 Personen hinweg. Die Stadt zählte damals nicht ganz 1500 Einwohner und wurde durch den Dreißigjährigen Krieg noch weiter entvölkert.

1684 brach die Pest in Buttstädt nochmals aus. Als erstes Opfer erlag ihr der Stadtvogt Fischer, der sie von einer Reise eingeschleppt hatte. In der Apotheke am Kornmarkt (jetzt Korb) starb das ganze Hauspersonal von 9 Personen in wenigen Tagen.

Aus jener Zeit soll auch der Peststein stammen, der noch heute rechts an der Mannstedter Straße steht. In die Aushöhlung des Steins legten die Landleute, wenn sie Einkäufe in Buttstädt machen wollten, Bestellzettel und Geld, weil die Stadt völlig abgesperrt war.

Die Femhaltung Pestverdächtiger aus der Nähe des Wei­marischen Schlosses erwies sich in der Folge der Tage als nutzlos, denn genau 50 Jahre später schritt der schwarze Tod dennoch durch das Portal der Wilhelmsburg und streckte den prinzlichen Thronfolger, Thronerben aus er­ster Ehe des Herzogs Ernst August, im jugendlichen Alter von 14 Jahren auf das Totenbett.

1681 trat die Seuche in Rastenberg, Guthmannshausen und Großbrembach auf. 1683 schleppte ein Knabe aus Groß­brembach die Pest nach Apolda. Nachdem seine beiden Eltern an der Pest verstorben waren, ging er zu seinem Onkel, einem Kantor in Apolda, und starb beim Hospital in einer Hütte. Darauf wurde der Kantor nebst seinen Angehörigen eingesperrt und eine Schildwache vor die Tür gestellt. Alle gingen an der Pest zugrunde, aber man erreichte, daß die Seuche nicht weiter verbreitet wurde. Die Pest naht nicht wie der stille Engel, der zum sanften Hinüberschlummern in den Frieden der Ewigkeit begna­det, sondern wie das schleichende Raubtier, das kein Erbarmen kennt und am warmpulsierenden Menschenle­ben schon alle Schrecken der Fäulnis und der Verwesung auf grauenerregende Art zur Erscheinung bringt.

Wenn sonst um das Ableben einer guten Seele die ganze Stadt mittrauert und ihre Anteilnahme bekundet, jetzt ist niemand bereit, dem Toten den letzten Dienst zu erweisen; alle Bande des Blutes und der Liebe sind gelöst, denn zu dem Jammer um den Verlust des teuren Angehörigen

gesellten sich die Furcht und das Entsetzen vor dem gräßlich entstellten Leichnam, der von der Ahnlichkeit mit dem Ebenbilde des Schöpfers kaum noch Spuren aufweist.

Mietlinge, die sich für schweres Geld noch dem gefahr-vollem Amte der Totenbestattung hingeben, schnüren den Entseelten in sein Bettuch und schaffen ihn unter dem Schutze der Dunkelheit auf einem Karren an die Grube, wo er mit einer Anzahl anderer Pestleichen im Massen-grabe seine letzte Ruhestatt findet.

Die beim Legen der Wasserleitungsrohre am Marktplatz seinerzeit angeschnittenen Massengrüfte legen Zeugnis ab von der primitiven und fahrlässigen Art, mit der man die Verstorbenen in der Pestzeit verscharrte.

Aber nicht nur die Toten, sondern auch die Uberlebenden sind gemieden wie die Pest; die Stadttore bleiben geschlossen, Handel und Wandel stehen still, selbst der Fürst wendet sich von seinen Landeskindem ab, denn zur Erbhuldigung des Herzogs Wilhelm Ernst um Weihnachten 1684 wird Buttstädt mit einer Einladung übergangen. Auch die fürstlichen Regierungsorgane verkehren mit der Ge­meinde nicht mehr direkt, sondern durch Vermittlung des Vogts in Großbrembach.

Monatelang ist die Stadt von der Außenwelt getrennt, in ihrer Abgeschlossenheit ein einziger großer Friedhof, in dessen Mauern unheimliche Stille und wehende Trauer­flore die Stimmung der schwergeprüften Bewohner zum Ausdruck bringen.

Gegen den Anfang des Frühjahrs 1685, nachdem 375 Personen der Seuche zum Opfer gefallen sind, läßt endlich das große Sterben nach und nach Beendigung der Pestzeit feiert man im März aus tiefstem Herzensgrunde ein kirch­liches Dankfest; aber nachdem die Sperre schon aufge­hoben und den Einwohnern wieder der Verkehr nach außerhalb gestattet ist, lebt Serenissimus vor seinen ge­treuen Buttstädtern noch immer im Banne der Furcht; es ergeht ein fürchterliches Dekret des Inhalts, daß unsere Bürger in der Residenz wieder freien Umgang haben sollen, aber es wird ihnen bei Leibes- und Lebensstrafe

untersagt, sich in der Nähe des Schlosses blicken zu lassen. Erst am 4. Juni wird die Sperrmaßregel gänzlich beseitigt. Infolge der großen Sterblichkeit wurde durch die Pest ein schneller Wechsel in den Familienverhältnissen herbeige­führt; ebenso schaffte die häufige Veränderung des Besit­zes durch Todesfall schwierige Verhältnisse in der Uber­eignung des Nachlasses, denen der schleppende Gang der Gerichtsbarkeit nicht gewachsen war. Manch armer Tropf wurde über Nacht zum wohlhabenden Eigentümer, um vielleicht schon in der folgenden Nacht seine Habe am Rande des Grabes lachenden Erben zurückzulassen.

Inmitten der großen Ernte für den Friedhof gab es auch solche, die sich über das Grauenvolle der Situation mit Humor hinwegsetzten. Wie Grüning in seiner Chronik erzählt, überlebte ein Mann seine 20 Frauen und eine Frau ihre 19 Männer. Diese beiden heirateten einander und stritten eine gute Weile, wer den anderen überleben werde; endlich siegt der Mann und geht mit klingendem Spiel, hocherhobenen Hauptes hinter dem Sarge seiner Frau her. Hufschmied Biel in Buttstädt heiratete in einem halben Jahre viermal. 1626 überlebte in Erfurt ein Mann binnen Jahresfrist seine 7 Frauen.

Gegen die Pest wendete man alle möglichen Mittel und Quacksalbereien an. Die Arzte hatten in dem großen Knopf ihres Stockes wohlriechende Kräuter, die sie mit der Nase in Berührung brachten, um sich vor Ansteckung zu schüt­zen, oder erschienen am Krankenbett in einem ledernen Gewande, wie ein Taucher. Auch nahm man als Schutz­mittel Knoblauch und Zitronenschale in den Mund und band sich ein mit Essig getränktes Tuch vor das Gesicht, um den Krankheitsstoff vor der Einführung in den Körper zu vernichten. Den Pestkranken band man Hühner oder Tauben auf den Leib, die das Gift herausziehen sollten, oder machte Umschläge mit in Branntwein getauchtem Brot.

Die besten Schutzmittel, Licht, Luft, Reinlichkeit und peinliche Abschließung der Gesunden von den Kranken ließ man hingegen außer Acht, und so erblickte man in verseuchten Orten fast an jedem Hause die schwarze Tafel,

die das Betreten des von der Pest heimgesuchten Grund­stücks untersagte.

Im Jahre 1794 wurden Ende Januar 650 französische Kriegsgefangene in Buttstädt auf dem Transport nach Magdeburg 3 Tage lang im Rathaus, im Zollhaus und in den Scheunen vor dem Brücktor einquartiert. Die Hälfte soll eine der Pest ähnliche Krankheit gehabt haben, woran 33 Soldaten starben und teils auf dem Kirschberge, teils am langen Steine begraben wurden. Infolge der Anstek­kung erkrankten 70 Buttstädter Einwohner in einer Woche

und starben 30. Es wurde deshalb an der sächsischen Grenze ein Kordon Husaren als sogenannte Kontumazwa­che aufgestellt. Aus Furcht vor der Seuche war der Fast­nachtsmarkt von keinem einzigen Fremden besucht.

Erst mit der zunehmenden Erkenntnis der rechten Vorbeu­gungsmittel ist die Pest in den europäischen Kulturstaaten nicht wiedergekehrt und fühlt sich nur heute noch in solchen Ländern heimisch, in denen Schmutz, Unwissen­heit und Fatalismus als nationale Eigenschaften des Volkes in enger Verbrüderung nebeneinander fortbestehen.

 

Quelle: Buttstädt im Wandel der Zeit

Bd. 2, Geiger-Verlag, Horb am Neckar, 1. Aufl.1994, Autor Paul Krämer (1931)