alwo“ Kotteritz

von Johannes Förster

Zum Altenburger Land gehörte bis vor wenigen Jahren auch eine leistungsstarke Textil- und Bekleidungsindustrie. Einer dieser Firmen, die im Jahr 2004 175 Jahre alt geworden wäre, der „ Altenburger Wollspinnerei“ und den tausenden ehemaligen Mitarbeitern, aber auch der Familie Schmidt und ihren Nachfahren in Deutschland, der Schweiz und den USA, soll das Folgende gewidmet sein.

Am 4. Mai 1829 gründeten die Söhne des Altenburger Garnhändlers J. G. Schmidt jun. eine Wollspinnerei mit eigener Färberei. Sie waren damals in Altenburg nicht die einzigen Textilfabrikanten (sieben ähnliche Unternehmen gab es), doch bald sollten sie in Altenburg und darüber hinaus marktbestimmend sein.

Schon viele Jahre früher gab es die textilen Handwerker Schmidt in Altenburg.

Ab etwa 1720 war man als Hersteller und Händler tätig. So informiert uns der Blick in das Häuserbuch Altenburgs, dass die Burggasse 12 schon 1785 im Besitz der Familie Schmidt war; dort wurde anfangs ein umfangreicher Garnhandel betrieben. Zulieferer waren zahlreiche Wollkämmer und Handspinner aus dem Altenburger Umland, so auch die Familien Reichenbach aus Wintersdorf, deren Nachfahren in Altenburg eine bedeutende Rolle spielten.

Die Firmengründung 1829 fiel in eine Zeit der Liberalisierung von Zoll- und anderen Vorschriften innerhalb der mitteldeutschen Staaten. Im Jahr 1834 fand in Altenburg der erste Wollmarkt auf dem Roßplan statt, er förderte den ohnehin schwunghaften Wollhandel in dieser Zeit. Kein Wunder, dass sich viele Unternehmensgründer fanden. Von Altenburger und Leipziger Kaufleuten wurden zahlreiche Kommissionswollkämmereien errichtet bzw. genutzt, 300 bis 400 sollen es zeitweise gewesen sein.

Stetig stiegen bei Schmidt die Mitarbeiterzahlen; hatte man im Jahr 1850 bereits 128 Mitarbeiter, so stiegen diese Zahlen 1875 auf 179, 1900 auf 300 und 1910 auf 391 Beschäftigte in Altenburg.

Anfänglich arbeitete man noch überwiegend im so genannten Verlagssystem mit Ausnahme einer eigenen Färberei und der dazu Vor- und Nachbereitung wie Weiferei und Aufmachung. Aber allmählich stellte man die Heimarbeit ein und beschäftigte dafür die ehemaligen Heimarbeiter in der Fabrik. Hierfür war natürlich auch eine ständige Entwicklung der Fabrikationsflächen notwendig.

Wie schon erwähnt, begonnen wurde in der Burggasse 12 - in diesen Räumen waren später bis etwa 1990 Raumgestalter tätig -‚ aber bereits 1837 wurde ein Grundstück in der Friedrichstraße (heute Friedrich-Ebert-Straße) durch Kauf bzw. Tausch zwischen Theodor Schmidt und dem Hutmachermeister Steudemann erworben.

Unabhängig von der Entwicklung in Altenburg expandierte man auch außerhalb Altenburgs. Im Jahr 1839 entschloss man sich zum Ankauf der in Konkurs gegangenen relativ neuen Baumwollspinnerei Börner in Amerika/Mulde bei Penig, um diese in eine Wollspinnerei umzubauen. Für die damalige Zeit äußerst fortschrittlich, investierte man in modernste Technik zur Kammgarnherstellung aber auch zur Energieerzeugung mittels Wasserkraft. Die Spinnerei Amerika wuchs schnell und beachtlich, war und blieb aber immer, bis auf wenige Jahre nach dem 2. Weltkrieg, ein Zweigwerk des Altenburger Unternehmens. Dieses Wachstum machte auch in Altenburg immer wieder neue räumliche Konzepte erforderlich. Man entschloss sich daher bereits im Jahr 1859 zum Erwerb eines vor der Stadt in Unterpauritz gelegenen Grundstückes, wo auf dem Nachbargrundstück einstmals der Gasthof „3 Lilien“ betrieben wurde, der heutigen Gegend um das Ärztehaus und die alte Poliklinik, wo man mehrere Gebäude zum Produzieren und Lagern von Rohstoffen, aber auch zu Wohnzwecken (Stadtvilla - alte Poliklinik) errichtete.

Fünfzig Jahre später waren die Räume wieder zu klein, deshalb erwarb man 1910 in der Flur Kotteritz, unmittelbar an der Bahnlinie Leipzig-Hof gelegen, 65.000 m2 Land und errichtete dort moderne Fabrikanlagen mit Gleisanschluss, eigener Wasserversorgung (Tiefbrunnen) und eine so genannte Werkskolonie mit etwa 50 Wohnungen unterschiedlichster Qualität für leitende Beamte, Meister und Arbeiter.

Die erfolgreiche Firmenentwicklung hinterließ natürlich auch renditemäßig ihre Spuren. So erwarb zum Beispiel bereits im Jahr 1878 Bernhardt Schmidt das Schloss Ehrenberg bei Altenburg mit dem dazugehörigen Rittergut Zschechwitz, wovon sich auch der ab 1931 der Familie vom thüringischen Justizministerium genehmigte neue Doppelname Schmidt-Ehrenberg herleitet. Auch in der Stadt bzw. im Kreis Altenburg gehörten der Familie Schmidt beachtliche Immobilien, neben den bereits genannten Objekten am Pauritzer Platz solche am Zschernitzscher Weg, Ziegelstraße, Wilhelmstraße (heute Dostojewskistraße) sowie das große Wohngrundstück von Bernhardt Schmidt in Klausa.

Eine Erweiterung der Industriestandorte fand nach dem Bau der Anlage in Kotteritz nochmals statt, so 1913 durch Zukauf einer Spinnerei in Meerane und 1928 in Schmölln. Zwischenzeitlich war das Unternehmen im Jahr 1923 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden, und parallel zur normalen eigenen Geschäftstätigkeit wurden zahlreiche Beteiligungen an anderen deutschen und ausländischen Unternehmen erworben.

Bereits frühzeitig war die Firma Schmidt international tätig, so dass es nur natürlich war, sich auch ein eigenes Warenzeichen zu schaffen. Am 8. Januar 1897 wurde beim Kaiserlichen Patentamt ein Zeichen „Schmidtsche Wolle“ gemäß Gesetz zum Schutz der Warenbezeichnungen vom 12.5.1894 angemeldet, später ergänzt durch das Bildzeichen „Strickende Hände“ und bis zur Enteignung im Jahr 1948 verwendet. Es zierte alle Produkte und später auch Prospekte, Modellblätter und Zehntausende emaillierte Werbetafeln, die man besonders auf Bahnhöfen vorfand. Heute sind diese Tafeln begehrte Sammlerobjekte.

Nach Jahren der Improvisation mit Warenzeichen im späteren volkseigenen Betrieb wurde 1964 das Warenzeichen „alwo“ geschaffen, international angemeldet und millionenfach verwendet. Beide Warenzeichen setzten sich auch umgangssprachlich durch, man arbeitete oder kaufte bei „Woll-Schmidts“ oder dann in der „alwo“.

Manche der historischen Firmendaten sind aus den ersten 100 Jahren der Firmengeschichte bekannt, vielleicht ist es aber nun auch an der Zeit, auf die nachfolgenden Jahrzehnte einzugehen, NS-Zeit, Nachkriegsjahre, Jahre als VEB und letztendlich auf die Jahre vom VEB über GmbH zur Betriebsstillegung. Für die heutige Zeit schon unvorstellbar - in 173-jähriger Firmengeschichte wurden immer die gleichen Produktgruppen gefertigt: Fabrikationskammgarne und Maschinenstrickgarne für die nachfolgende Industrie, Webereien und Strickereien sowie Handstrickgarne für den individuellen Verbrauch.

Im Jahr 1934 waren dies immerhin 1265 Tonnen, davon 856 Tonnen Handstrickgarne. Dagegen produzierte man im letzten Kriegsjahr 1944 735 Tonnen, überwiegend waren dies Garne für Strümpfe und Pullover für den militärischen Bedarf. Diese „Kriegsproduktion“ war letztendlich auch die Begründung zur Enteignung in den Jahren 1946 bis 1949. Zunächst Landeseigentum, später zentral geleitetes Volkseigentum, kam es 1946 zur Unternehmensaufteilung der Werke in Thüringen und Sachsen, gleichzeitig als Zerschlagung von Großunternehmen deklariert, 1948 aber zur Wiederzusammenführung der alten Werke zu einem Gesamtbetrieb.

Für hunderte Frauen war die Betriebsfortführung nach 1945 existentiell enorm wichtig. Es konnte Geld verdient werden, wenn auch sehr wenig - in der Lohngruppe 4 wurden 1945 0,37 Mark pro Stunde bezahlt, 48 Stunden pro Woche war die Arbeitszeit, Urlaub gab es 12 Tage pro Jahr.

Was neben dem Lohn fast genau so wichtig war - die Lebensmittelkarte für Arbeiter, täglich eine warme Mahlzeit in der Betriebskantine! Die eigene Schweinezucht im Betrieb mit den Schlachtfesten als kulinarische Höhepunkte, die Sanitätsstelle und der Frauenruheraum, die Betriebswäscherei, die Nähstube und ein Betriebsbad (Wannenbäder und Duschen mit warmem Wasser waren in den Nachkriegsjahren individuell kaum vorhanden) machten den „Betrieb“ für die meisten Menschen lebenswichtig. In den späteren Jahren folgten dann Kinderferienlager in Königstein, Wusterwitz, später auch in Tschechien und in Polen und natürlich ab 1957 das Betriebsferienheim in Binz auf Rügen.

In den ersten Nachkriegsjahren wurde sehr operativ produziert. Mal brachte die sowjetische Besatzungsmacht Rohwolle und ließ daraus Garne herstellen, mal tauchten von irgendwoher Altbestände auf, die man nach ihrer Verarbeitung auch als Mittel zur Kompensation einsetzte - Wolle gegen Salzheringe für die Kantine - oder aber zur Verbesserung des Fuhrparks. Auch wurde erstmals Wolle von den privaten Schafhaltern direkt aufgekauft und verarbeitet.

Nach und nach trat die „Planwirtschaft“ in Kraft, es durften nur zugeteilte Rohstoffe verarbeitet werden und die Kunden, „Abnehmer“ genannt, waren natürlich auch festgelegt. Abweichungen galten viele Jahre als „Wirtschaftsverbrechen“ und wurden mit extremen Strafen geahndet (so u. a. bei Prozessen in Glauchau und Meerane, Textilfabrikanten wurden dort zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt).

Diese Zwangswirtschaft wurde über Jahrzehnte perfektioniert, gleich ob es sich um VEB oder bis 1972 um Privatbetriebe handelte. Übergeordnete Stellen, Ministerium für Leichtindustrie, VVB oder später die Kombinatsleitungen bilanzierten das mögliche Rohstoffaufkommen, aufgrund angemeldeter Bedarfszahlen wurden Bilanzen, Produktions- und Absatzpläne erstellt. Neben den sozialen Aspekten Arbeit und Lohn galt für die Betriebe der sog. „Versorgungsauftrag“. Erst viele Jahre später wurde das Ziel „Gewinn“ entideologisiert und eine Teilaufgabe des Planes.

Erstmals nach dem 2. Weltkrieg wurde 1957 in Kotteritz eine komplette Handstrickkollektion in einer Farbkarte bemustert, überwiegend Qualitäten mit maximal 50% Wollanteil und aus und mit Zellwolle (Viskose). Übrigens wurden aus Zellwolle bis weit in die 60er Jahre Stopfgarne gefertigt, 110.000 kg im Jahr, auf 10-Gramm-Kärtchen gewickelt. Im Jahr 1959 gab es dann erstmals wieder eine reine Wolle, die „Jackenwolle“, aber auch die ersten Qualitäten mit dem ersten DDR-Acryl Wolcrylon. Bauschgarne aus und mit Wolcrylon und Prelana, später Wolpryla, oder aus der Importfaser Toraylon aus Japan wurden die Renner der 60er und ersten 70er Jahre.

Auch die Werbung für Produkte und Firma „alwo“ begann sich zu entwickeln. Eine enge Zusammenarbeit mit der Modezeitschrift „Modische Maschen“ aus Leipzig brachte Modellblätter und Strickanleitungen in beachtlichen Auflagen hervor. Besondere Höhepunkte waren aber auch zum Beispiel gemeinsame Kundenforen mit Redaktion und regionaler HO-Leitung z.B. in den AltenburgerTeichterrassen mit Hunderten interessierten Gästen, wobei natürlich „Tombola“ und Direktverkauf die besonderen Zugnummern waren. Letztendlich führten die neuen Produkte und der internationale Strickboom zu einer steigenden Nachfrage und zeitweisen Verknappung der Ware, so dass u. a. die betriebliche Kundendienstabteilung, ursprünglich als Nachlieferant farbgerechter Kleinstmengen geschaffen, fast zum „Versandhändler“ wurde. Oftmals gingen mehr als 20.000 Bestellungen pro Jahr ein und wurden bearbeitet.

Die „alwo“, 1969 bis 1972 vergrößert durch die Angliederung der Betriebe Brandenburg, Berga, Rodewisch, Gößnitz, Glauchau und Karl-Marx-Stadt, wurde zum Alleinhersteller von Handstrickgarnen und Teppichkammgarnen aus reiner Wolle, aber auch viele andere Spezialgarne gehörten zum Fertigungsprogramm. Mehr als 2000 Menschen waren über Jahrzehnte ständig in diesem Großbetrieb tätig, darunter auch 200 vietnamesische Vertragsarbeiter

Die Arbeit in der Produktion, 2- und 3-schichtig, war für die Belegschaften, überwiegend Frauen, schwer, zumal in den Sommermonaten, wo mitunter über 30 Grad Celsius in den Räumen herrschten und zum Teil Zusatzpausen eingelegt werden mussten. Lange Jahre war die Technik alt und verschlissen, moderne Transport- und Lagertechnik für einen Textilbetrieb kaum zu beschaffen. Zum Glück gab es in allen Werken immer wieder begnadete Handwerker und Techniker, die das Unmögliche möglich machten. Aber auch die Verwaltungsarbeit war anspruchsvoll und anstrengend, jahrzehntelang wurde mit Schreibmaschine und mechanischer Rechenmaschine z. B. fakturiert, ehe in den 60er Jahren modernere DDR-Technik beschafft werden konnte. Kam in der Produktion ab und an dennoch eine neue Maschine, so z. B 1961 die Knäuelwickelmaschine, 1965 ein Verpackungsautomat, waren dies betriebliche Sensationen.

Erst 1984 gelang es, große Investitionen zu realisieren. Ein Devisenkredit in zweistelliger Millionenhöhe, gedacht für so genannte Importablösung für den Einkauf des Exquisit-Handels, brachte die modernste Produktionstechnik. Das war 1990 auch ein Grund dafür, dass die Treuhandanstalt nicht den ganzen Betrieb sofort schließen wollte und sich für den Firmenrest in Kotteritz ein Investor fand, wenn auch erst 1995, was aus heutiger Sicht als zu spät erscheint.

Als sich Anfang der 70er Jahre in der DDR zeitweilig das industrielle Warenangebot verbesserte (erinnert sei an so genannte Exquisit- und Delikat-Läden), ging auch die Nachfrage nach Handstrickgarnen zurück, schnell entstandene Überplanbestände wurden an die so genannte Staatsreserve verkauft und gingen dann von dort aus einige Jahre später als „Solidaritätsspende“ nach Südost-Asien. Diese Entwicklung brachte für die „alwo“ die Einstiegsbedingungen in den Export, insbesondere nach Westdeutschland. Über viele Jahre hinweg wurden die Ausschreibungsmengen für den Import in die BRD voll genutzt, alle führenden westdeutschen Warenhauskonzerne und Großhändler ließen bei „alwo“ fertigen, überwiegend bzw. fast ausschließlich unter den Namen ihrer Hausmarken. Die Export-Produktion war für das Unternehmen enorm bedeutsam, konnten doch anhand der Kundenwünsche aktuelle Mode- und Markttendenzen erkannt und umgesetzt werden, auch zum Nutzen der Inlandkollektionen. Allerdings gab es auch beachtliche Risiken. Nicht die Qualität oder Termineinhaltung waren das Problem, sondern manch andere „Planwirtschaftsborniertheit“. Ab Anfang der 80er Jahre konnten gute Erlöse nur erzielt werden, wenn zum Beispiel reine Schurwolle superwash (waschmaschinenfest) ausgerüstet und mit dem internationalen Wollsiegel zertifiziert war. Gemeinsam mit einem Partnerbetrieb aus der Teppichbranche wurden die technischen Voraussetzungen geschaffen, die Zertifizierung durch das IWS (Internationales Wollsekretariat) war so gut wie erfolgt, und dennoch gab es das Siegel erst nach dem Ende der DDR bzw. in der Übergangsphase. Ursache: Das Ministerium für Leichtindustrie oder aber auch die Stasi untersagten dem Betrieb, dem IWS Produktions- und Umsatzdaten mitzuteilen - aus Sicherheitsgründen! „Alwo“ musste in der Endkonsequenz einige 100.000 Banderolen neu drucken lassen - um den Termin zu sichern, waren die Banderolen mit Wollsiegelzeichen vorzeitig gedruckt worden.

Nach der Wende, beginnend bereits im Frühjahr 1990, waren die vorhandenen westdeutschen Kunden Basis für die Aufrechterhaltung der Produktion. Der Binnenhandel der DDR hatte im 2. Quartal 1990 alle Verträge gekündigt und kaufte stattdessen im Wechselkurs von 1: 3 Westware ein, zum Teil Lagerbestände, vielleicht auch aus „alwo“-Produktion mit Westbanderole.

Nur kurze Zeit konnten die alten Kunden mit den bisherigen Sortimenten bedient werden, dann gab es auch hier große Rückschläge. Die Ware aus dem Osten musste teurer werden. Als erstes mussten die bisherigen Importeure und nunmehr inländischen Kunden die volle Mehrwertsteuer entrichten, also wollten sie niedrigere Preise bei „alwo“. Dort wurden aber höhere Preise benötigt, um die steigenden Kosten zu decken. Hätten nicht die Restbelegschaften in Kotteritz und Meerane (alle anderen Werke wurden 1990/91 stillgelegt), unterstützt durch westdeutsche Partner, mit riesigem Engagement und Anstrengungen Produktentwicklung, Technologie und Vertrieb einschließlich eines eigenen festen Außendienstes vorangetrieben, wäre schon 1991 Schluss gewesen.

4 Kollektionen (2 Handstrick, 2 Maschinenstrick) pro Jahr, intensivste Kundenbetreuung, eigene Messestände in Leipzig, Düsseldorf, Hamburg und in Kooperation auch in Hongkong, St. Petersburg, Poznan u. a. standen nun im Mittelpunkt der Marketingarbeit. Bis 20% Exportanteil konnten dadurch zeitweise erreicht werden (es gab Kunden in mehr als 10 Ländern in Europa, in den USA und China) und ließen immer wieder Hoffnungen wachsen, dass das Unternehmen am Markt existieren und damit überleben kann.

Dennoch kam es anders. Nach Entscheidung der Treuhandanstalt wurde im Sommer 1994 das rekonstruierte und auf feines Maschinengarn spezialisierte Werk Meerane zugunsten einer anderen ostdeutschen Kammgarnspinnerei geschlossen. Trotz Privatisierung des Restunternehmens in Kotteritz und weiterer großer Anstrengungen in Produktion und Technik (Aufbau einer modernen Dampferzeugung, Bau einer Kläranlage, Einrichtung einer Webgarnstrecke zur Herstellung farbiger elastischer Webgarne) gab es keine sicheren Perspektiven. Die notwendige kostendeckende und gewinnbringende Phase konnte nicht erreicht werden. Hauptursachen waren nicht zurückgebliebene Arbeitsproduktivität bzw. Lohnstückkosten, sondern die erreichbaren zu geringen Erlöse pro Einheit. Der Bedarf sank dazu noch weiter, u. a. weil Stricken aus der Mode kam, aber auch Importe aus der Türkei, Asien, Tschechien u. a. für den Handel viel günstiger waren, und das bei Textilien aller Art.

Deutschland als Standort einer großen Textilindustrie gehört langsam der Vergangenheit an. Von den mehr als 600.000 Arbeitsplätzen der gesamtdeutschen Textil- und Bekleidungsindustrie des Jahres 1990 sind kaum noch 150.000 übrig, davon etwa 20.000 in den neuen Bundesländern (von einst mehr als 250.000 Arbeitsplätzen). Das Werk Kotteritz, im Volksmund die „alwo“ genannt, war mit seiner Schließung zum 31.5.2002 die letzte deutsche vollstufige Handstrickgarnfabrik, die ihre Produktion einstellte. Produkte mit deutschen Warenzeichen werden heute also alle im kostengünstigeren Ausland gefertigt

(Quelle: „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 2004“, E. Reinhold Verlag Altenburg)