Vom Galgen auf dem Altenburger Markt


Auf dem Markte in Altenburg hat einmal ein Galgen gestanden, und in dem Hause, wo später die Post war, hat ein vornehmer fürstlicher Rat gewohnt. Der wohlweise Stadtrat hätte gern den Galgen am Markte weggeschafft; denn wenn er „Früchte“ trug, entsetzten sich Weiber und Kinder vor ihnen, und nur den Krähen war er angenehm, die an ihm Futter fanden. Zur Beseitigung musste aber der fürstliche Rat seine Einwilligung geben, und da dieser den Galgen für eine große Zierde des Marktes hielt, musste der Galgen bleiben.

Nun trug es sich zu, dass einmal bei einer festlichen Gelegenheit ein fürstlicher Herr bei dem Rat speiste. Darauf hatte der Stadtrat lange gewartet. Flugs kamen die Stadtknechte und henkten einen Dieb an den Galgen.

Als sich die Herrschaften bei dem Rate zu Tische setzten, gab es auf der Tafel - die Sonne schien gar schön - ein kurzweiliges Schattenspiel. Denn so wie ein Windstoß den Gehenkten am Galgen schaukelte, so lief dessen Schatten über die Tafel und besonders über den Teller des Fürsten. Dem wollte kein Bissen schmecken; er stand ungnädig auf und verließ das Haus.

In der Nacht danach wurde der Galgen weggerissen, denn der fürstliche Rat ließ dem Stadtrate vermerken, wie er sich wundere, dass man den schönen Markt von dem Galgen verunzieren lasse. Der Stadtrat aber tat, als ob er den Galgen, der doch ein altes Denkmal sei, gar nicht gern wegräume.


(Nach „Osterlandsagen, Sagen, Bilder und Geschichten aus dem Altenburger Osterkreise“ M. Geyer. Altenburg, 1901)



Der Galgen wurde 1776 auf dem Marktplatz abgebrochen und auf den Kleinen Anger verlegt.


Quelle: 800 Jahre Altenburger Markt – E. Reinhold Verlag Altenburg