Sage vom Drachen

nach E. Bräunlich: In Chroniken gelesen

In den Dörfern unseres Sprottetales herrschte in alten Zeiten ein böser Hexen- und Drachenglaube.

Vor allen Dingen wurden die Leute gefürchtet, die im Besitz des 6. und 7. Buches Moses waren, denn das war ein Zauberbuch mit geheimnisvollen Formeln und Sprüchen. Es verlieh dem Besitzer Kraft über Menschen und Tiere. Er konnte Menschen, Tiere und Fuhrwerke bannen, konnte Krankheiten und Seuchen besprechen, das Feuer dämmen und die Menschen kugel-, stich- und hiebfest machen. Für alles stand ein Zauberspruch darin. Natürlich wurden die Leute steinreich, die sich auf diese fragwürdige Kunst verstanden und die Unwissenheit der anderen ausnützten. Der Volksmund sagte, dass diese Menschen den „Drachen“ hätten. Viele alte Dorfbewohner behaupteten, sie hätten den Drachen gesehen, wie er als feuriger Vogel mit glühendem Schweife zum Schornstein hinein flog oder als dreibeiniger Hase auf dem Kreuzwege hockte. Wer den Drachen hat, kann nicht sterben, es sei denn, dass er den Drachen auf einen anderen Menschen überschreibt. Das Schriftstück muss mit Menschenblut unterzeichnet werden. Den alten Besitzer muss man hernach im Pferdemist verscharren, erst dann kann er sterben.

Wird er nicht von seinem Teufelsglauben erlöst, so muss er zu nächtlicher Zeit spuken und umhergeistern.

Es gab nun einen guten und einen bösen Drachen. Der eine brachte immer mehr Reichtümer ins Haus, für die fleißigen, strebsamen Bauern, während der andere den faulen, liederlichen Menschen alles wegnahm. So hat es sich auch in Posterstein zugetragen, dass die Knechte und Mägde bei einem Bauern jeden Sonntag weiße Mehlspeise, „Mehlpabs“ zu essen bekamen. Um das Geheimnis zu ergründen, blieb die Großmagd eines Sonntags vom Kirchgang fern und versteckte sich hinter einer Tür in der Küche. Als nun die Bauersfrau glaubte, dass alle in der Kirche wären, öffnete sie die Backofentür und rief: „Hänschen, Hänschen geek, lauter weißen Teeg.“ Da antwortete es im Backofen: „Es gukt, es gukt!“

Eilig durchsuchte die Bauersfrau die Küche und fand auch die tieferschrockene Magd hinter der Tür. Auf der Stelle musste sie ihre Sachen packen und den Hof verlassen,

Ein anderes Mal wusste der Knecht vom Bauern Schumann, dass der Alte das 6. und 7. Buch Moses besaß. Als die Bauersleute zum Schmaus nach Heukewalde gefahren waren, durchsuchte er alle Schränke und Fächer, bis er das Zauberbuch fand. Nun begann er fleißig darin zu lesen. Doch wie er so blätterte, hub plötzlich ein Rauschen und Schreien an, so dass ihm himmelangst wurde. Unzählige schwarze Vögel kamen in die Kammer geflogen, umschwirrten seinen Kopf und ließen ihn nicht von der Stelle. So saß er noch, als der Bauer vom Fest heimkam. „Wer nicht versteht mit dem Buche umzugehen, der soll auch nicht darin lesen!“ brummte der Bauer. Er nahm das Buch, drehte es herum und begann von hinten rückwärts zu lesen; gleich darauf war der Spuk verschwunden.

Ein anderes Erlebnis hatte ein Rittergutsarbeiter. Er ging vom Kreuzweg am Bauerngute den Weg zur Rothenmühle entlang. Da erblickte er einen Hasen, der ohne Scheu dicht vor ihm herhoppelte. Er wollte ihn fangen, doch immer entwischte er. Zuletzt hoppelte er in die Rothenmühle und verschwand unter dem Tor. Dieses eigenartige Erlebnis erzählte er den Knechten im Pferdestall. Hier erfuhr er, dass der Hase ein Drache vom alten Rothenmüller sei. Eines Tages, als der Rittergutsarbeiter Getreide in die Mühle fahren musste, hoppelte der Hase wieder vor ihm her. Schnell nahm er einen Knüppel und warf ihn dem Hasen zwischen die Beine. Dieser schrie auf und verschwand lahmend. Als der Knecht in die Mühle kam, lag der alte Müller an der Treppe zur Mühle und jammerte zum Gotterbarmen und klagte über sein rechtes Bein. Nun war es heraus, der Rothenmüller hatte den Drachen!

(Quelle: „Sagen aus dem Kreis Schmölln“; 2. Broschüre der Publikationsreihe zur Pflege und Vermittlung des kulturellen Erbes des Kreises Schmölln)