Die Schwerter * am Rathaus zu Schmölln

nach Meyner, Zeitschrift für das Fürstentum Altenburg, 1795,

Seit Menschengedenken und, wenn man sich auf die Sage verlassen kann, seit Jahrhunderten getraut sich kein Nachtwächter zu Schmölln, den Mund aufzutun, wenn er die erste Stunde nach Mitternacht oder ein Uhr abrufen soll. Einer derselben, heißt es, habe sich ein einziges Mal unterstanden zu sagen: „Der Zeiger hat Eins geschlagen!“, aber im ganzen Leben sich‘s nicht wieder getraut. Was er gesehen und gehört habe, was ihm widerfahren sei, das hat er um keinen Preis offenbaren mögen.

Hoch oben am Rathause, außen vor den Fenstern der Ratsstube, sind zwei lange, alte Degen, deren Aussehen so ziemlich bis in die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges hinausreicht, kreuzweise angefestigt, als ob ein Schwertfeger sie zu seinem Schilde ausgehängt hätte. Sie rühren, so sagen alte geschichtliche Aufzeichnungen, wirklich aus jenem Kriege her. Es haben sich damit eines Tages zwei schwedische Offiziere in mitternächtiger Stunde auf öffentlichem Markte vor dem Rathause im Zweikampfe ums Leben gebracht, und zum ewigen Andenken sind die Mordwaffen dort oben aufgehängt worden. Seitdem gestattet es dem Nachtwächter die Abrufung der traurigen Stunde nicht mehr.

* Schwerter: Zeichen der im Jahre 1484 verliehenen Gerichtsbarkeit über Hals und Hand (nach Geyer), nach der Rekonstruktion des Rathauses 1985 wurden die Schwerter wieder eingebracht.

Quelle: „Sagen aus dem Kreis Schmölln“, 2. Broschüre der Publikationsreihe zur Pflege und Vermittlung des kulturellen Erbes des Kreises Schmölln