RENATE REINHOLD



Eier-Peter von Pix


Otto Pech war ein Mensch, der eine größere gesellschaftliche Würdigung in Altenburg verdient hätte.

Seine besondere Bedeutung für die Stadt ist weitläufig und dennoch insbesondere bei der jüngeren Generation nicht bekannt. Seine Grafiken, Entwürfe, Zeichnungen wären innerhalb der Stadtgestaltung -z. B. bei neuen Brunnen- oder Marktgestaltungen - durchaus bedenkenswert. Weder eine Tafel an seinem Geburts- oder Wohnhaus noch eine plastische Darstellung zum „Pix“ hält die Erinnerung an die Altenburger Persönlichkeit wach. Und dabei galt der Stadt Altenburg, insbesondere dem Nikolai-Viertel mit seinem weithin sichtbaren „Nikelsturm“, seine besondere Zuneigung. Tröstlich ist, dass wenigstens das Schloss- und Spielkartenmuseum einen Raum - die sogenannte Skatheimat - diesem unvergleichlichen Künstler gewidmet hat.

Der Bildhauer und Grafiker Otto Pech (1882- 1950) war mit Altenburg Zeit seines Lebens eng verbunden, was sich an vielen Arbeiten gut ablesen lässt. Egal ob als Grafiker, Bildhauer, Kartenzeichner mit eigener künstlerischer Handschrift oder als Leiter der Altenburger Kunsthütte mit sozialem Engagement, immer war die Individualität eines künstlerisch geprägten Lokalpatrioten zu spüren. Hinzu kommt der ihm eigene verschmitzte Humor, mit dem er allen gern den Spiegel vorhielt. Otto Pech, der seine Arbeiten mit seinem Signet Pix zeichnete, ist durchaus vergleichbar mit Wilhelm Busch, Heinrich Zille oder anderen.

Nach vierjährigem Kriegsdienst war im Jahr 1918 für Otto Pech der Erste Weltkrieg beendet. Mit nie mehr ganz ausheilenden Erkrankungen kehrte er nach Altenburg zurück. Zum Teil aus dem Wunsch heraus, wieder sein aktives Betätigungsfeld aufzunehmen, und zum anderen aus finanzieller Notwendigkeit eröffnete sich von diesem Zeitpunkt an eine ganz neue Schaffensperiode für Otto Pech. Im Jahr 1919 entwarf er erstmalig für die Altenburger Spielkartenfabrik mehrere neue Kartenspiele. Noch ganz unter dem Einfluss von Kriegserlebnissen nannte er sein erstes Kartenspiel „Deutscher Wiederaufbau“. Dieses Spiel wurde vermutlich wegen inflationärer Wirtschaftsentwicklungen nicht gedruckt. Wo die Reinzeichnungen zu diesem Kartenspiel geblieben sind. Ist heute nicht mehr festzustellen. Aber es folgten weiter Kartenillustrationen für Skatspiele - schließlich ging er diesem Zeitvertreib selbst gern nach. Seine Illustrationen betrafen Bild- und Rückseitengestaltung

und wichen von den bisherigen historisierenden Kartenbildern gründlich ab. Den Mittelpunkt der Sächsischen Bergbau-Skatkarte, einer Kegler-Karte sowie eines Sport-Skatspieles anlässlich der Olympische Sommerspiele in Amsterdam 1928 bildet immer der Mensch in seinem Tätigkeitsumfeld. Allen diesen Kartenspielen ist gemeinsam, dass der Spaß des Kartenspielens, die Gestaltung des Mediums Spielkarte und seine Handhabbarkeit eine gelungene Symbiose gefunden haben.

Die in keiner hohen Auflage erschienenen Kartenspiele waren ein Novum in der Spielkartenproduktion zu Beginn des 20. Jahrhunderts und erfreuten sich schnell großer Beliebtheit. Doch letztlich konnten sie die weithin üblichen französischen und deutschen Spielkarten nicht verdrängen. Ganz anders verhielt es sich mit dem Schwarzer-Peter-Spiel, auch „Tierpeter“ genannt, von Otto Pech. Dieses liebenswerte Kinderspiel hat regelrecht Spielkartengeschichte geschrieben

Paarweise sind auf den Bildseiten Tiere angeordnet, deren sehr menschliche Züge eine eigene Sprache sprechen. Während Herr Täuberich, genussvoll eine Zigarre rauchend, die Weltlage erkundet, kümmert sich Frau Taube hingebungsvoll um ihren Nachwuchs. Dieses Gestaltungsmuster ist über 36 Karten konsequent beibehalten worden und lässt viel Allzumenschliches erkennen. Stolz und Erhabenheit kennzeichnen alle männlichen, Mütterlichkeit und Wärme alle weiblichen Tierpeter-Figuren. Nicht zuletzt Schwarze Peter - als gestiefelter Kater anscheinend den Märchen entsprungen - ist eher eine Sympathiefigur als angsteinflößend. Die so in ihrer Aussage angelegten Kinderspielkarten entsprechen genau dem bürgerlichen Rollenverständnis des ausgehenden Jahrhunderts. Unverkennbar ist der Einfluss von Ludwig Bechstein und seiner phantasievollen Sagen- und Märchenwelt. Der vielen Spielkarten innewohnende und immer wieder gewünschte Wiedererkennungseffekt war somit garantiert und trug zur schnellen Verbreitung der Tierpeter-Karte bei. Otto Pech ist durch sein Schwarzer-Peter-Spiel im In- und Ausland bekannt geworden. Inzwischen sind viele Generationen seit 1919 mit dem Tierpeterspiel von Pix groß geworden und freuen sich, diese Schwarzer-Peter-Karte ihrer Kindertage im Altenburger Schloss- und Spielkartenmuseum wieder anzutreffen. Nebenbei bemerkt: Das Museum verfügt über die Reinzeichnungen zu dem Spiel. Da Urheberrechte längst abgelaufen sind, haben verschiedene Spielkartenhersteller dieses Spiel nachgedruckt und auch Veränderungen in der Bildgestaltung vorgenommen. Ein Vergleich zwischen den originalen Reinzeichnungen von Pix und modernen Nachdrucken ist sehr interessant.

Sehr viel unbekannter als die Tierpeterkarte ist der Eier-Peter von Pix, ein Kinderkartenspiel, das lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Dieses Kartenspiel ist 1949, also sehr viel später als alle anderen Kartenspiele, von Otto Pech entworfen worden und hat einen ernsten Hintergrund. Otto Pech schreibt in seiner Biografie: „1945 musste ich infolge der Besatzung durch die Amerikaner, später durch die Russen, mein selbst ausgebautes Atelier [Auf den Planken - R. R.) nebst Wohnung räumen, verlor dabei 1/3 meiner Einrichtung [die Wohnung wurde Gefängnis] und ich musste drei Jahre in einem Notquartier im Stift hausen, wo ich nur im Sommer arbeiten konnte, da im Winter die Heizung fehlte. Dabei litt meine Gesundheit.“ Im Jahr 1948 konnte er seine letzte Wohnung in Altenburg, Jahnstraße 8, beziehen. Seine pekuniären Verhältnisse in seinen letzten Lebensjahren nach dem Zweiten Weltkrieg waren äußerst desolat.

Am 21.9.1949 richtete Otto Pech an die Landesregierung des Landes Thüringen in Erfurt ein Gesuch zur Gewährung einer Personalpension. Er begründete seinen Antrag mir folgenden Worten: „Irgendwelches Vermögen habe ich mir im Laufe meines arbeitsreichen, frühen Künstlerlebens nicht erwerben können, beziehe keinerlei Altersrente. Ich kann mich nur auf meine Arbeitskraft verlassen, um weiterleben zu können, dieselbe ist leider infolge meiner Körperbehinderung nicht mehr groß.“ Wie viel Bitterkeit spricht aus diesen Zeilen. Wenn man bedenkt, wie vielen Personen lange vor und nach dem Zweiten Weltkrieg die Ehrenbürgerschaft der Stadt Altenburg verliehen worden ist, so fragt man sich unwillkürlich, warum nicht auch Otto Pech? Diese Ehrung hätte ihm kostenlose Logis und wenigstens eine kleine Rente gesichert. Gerade er hatte sich wie kaum ein anderer um Altenburg verdient gemacht. Man kann davon ausgehen, dass das Eier-Peter-Spiel in erster Linie zum Gelderwerb gemacht worden ist. Dafür spricht die Gesamtheit aller Gestaltungskriterien. Doch es ist nicht zum Druck dieses Spieles gekommen. Otto Pech starb 1950, und die Zeichnungen gerieten in Vergessenheit, wurden glücklicherweise irgendwann dem Museum zur Bewahrung übergeben. Die Eier-Peter-Karte war die letzte Arbeit von Otto Pech.

Dieses Kartenspiel, das ein Kinderkartenspiel ist weist einige Besonderheiten auf. Ganz seinem Stil treu bleibend, ist auch hier wieder Hintergründiges zu entdecken. Pech verwendet drei Symbole für das beginnende Leben: das Ei, das Kind und den Frühling. Jedes Kartenbild ist für sich zu betrachten und bildet erst mit den anderen zusammen ein Ganzes. Wie schon beim Tierpeter kehrt die Thematik auf jedem Kartenblatt variiert wieder. Und dabei breitet sich eine phantasievolle Welt vor uns aus. Wir finden Kinder aus verschiedenen Kontinenten mit lachender oder ernster Miene, immer in Verbindung mit dem alles schützenden Ei und umrahmt von frühlingsfrischen Frühblühern. In allen Karten, die paarweise angeordnet sind, ist eine Systematik bzw. Zusammengehörigkeit erkennbar, was das Spiel als Quartett gebrauchsfähig macht. Eine von dem Künstler so bezeichnete Osterhase-Eier-Peter-Karte stellt den Schwarzen Peter dar und ermöglicht damit auch die unterhaltsamere Variante des Spieles. Otto Pech hat jeder Spielkarte einen Namen gegeben, z. B. Ei-Hans und Ei-Liese, Ei-Sonne und Ei-Mond oder Ei-Kasper und Ei-Teufel - diesen aber nicht direkt auf der Bildseite sichtbar werden lassen. Eine Extrakarte verrät diese Namen und, in feiner Handschrift festgehalten, auch die Spielanleitung. Alle Illustrationen des Spieles tragen unverkennbar die Handschrift von Otto Pech. Ein Vergleich zwischen seinen beiden, sehr unterschiedlichen Peter-Karten macht Ähnlichkeiten deutlich. Eine weitere Besonderheit ist ein Gedicht, von Otto Pech selbst verfasst und aufgeschrieben und auf einer Extra-Karte dem Spiel beigefügt. Auch Handschriftensammler hätten an diesem Spiel ihre Freude. Otto Pech hat dem christlichen Osterfest die weltliche Variante des Frühlingsfestes mit neuem Leben gegenübergestellt.

Das Schloss- und Spielkartenmuseum hat im Jahr 2000 die Eier-Peter-Karte erstmalig in der Altenburger Spielkartenfabrik drucken lassen. Das Interesse an der Edition dieses Spieles war und ist groß. Zu wünschen bleibt, dass dem Eier-Peter-Spiel eine ebenso große Popularität zuteil wird wie dem Schwarzen Peter von Otto Pech. Und vielleicht findet irgendwann einmal die Person Otto Pech und sein Gesamtoeuvre in einem eigens ihm gewidmeten Buch eine späte Würdigung.




Quelle: „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 2006“ E. Reinhold Verlag