Bernhardt August von Lindenau, Staatsmann in Sachsen

In Altenburg und über die Stadt- u. Kreisgrenzen hinaus ist der Name des Kunstliebhabers, Mäzen und Astronomen Bernhardt August von Lindenau bekannt. Wir kennen die Lindenaustraße und das mit seinen Sammlungen angefüllte Lindenaumuseum. Wissen, dass er auf dem Pohlhof gelebt hat und Besitzer des Rittergutes Nobitz war.

Viel weniger ist über den Staatsmann und Kabinettsminister v. Lindenau und seine Rolle bei der Umgestaltung des Königreiches Sachsen von einem feudalen Ständestaat zu einer konstitutionellen Monarchie, Voraussetzung für die spätere Bildung des jetzigen Freistaates Sachsen, bekannt.

An Sachsen, dass nach den napoleonischen Kriegen noch lange an den Folgen enormer Gebietsabtretungen an Preußen sowie Reparationsleistungen und Kriegsschäden litt, waren bürgerliche Reformen, wie in anderen deutschen Teilstaaten, vorbei gegangen.

Breite Kreise der Bevölkerung waren unzufrieden und die Ereignisse der Julirevolution von 1830 in Paris und Brüssel waren der Funke, auch in Sachsen, als erstem deutschen Land, einen revolutionären Vorstoß gegen die Grundlagen des Feudalstaates auszulösen.

Ein völlig belangloses Ereignis am Abend des 2. September 1830 führte in Leipzig zu Auseinandersetzungen zwischen Handwerksgesellen und der Polizei. Im Verlauf der folgenden Tage erzwangen Massenproteste die Entlassung des Polizeipräsidenten und missliebiger Beamter sowie die Auflösung der Polizeikompanie. Obwohl die Unruhen bereits nach wenigen Tagen durch Bürgerwehr und aus Zwickau herangezogenes Militär unter Kontrolle gebracht werden konnten, griffen die Ereignisse auf die Hauptstadt Dresden und das gesamte Staatsgebiet sowie weitere deutsche Kleinstaaten, wie Braunschweig, Hessen, Hannover u.a., über.

In Dresden waren die Aufständischen am 9. September Herr der Lage.

Ausgehend von der Lausitz forderten Gutsuntertanen die Abschaffung feudaler Lasten. Weitere Forderungen richteten sich gegen Stadträte, Grund- u. Gerichtsherrschaften und verhasste Beamte.

Eine vom König eingesetzte Regierungskommission beschloss deshalb zur Herstellung von Ruhe und Ordnung und zum Schutz von öffentlichem und privatem Eigentum als erste Maßnahme, die Truppen völlig aus der Stadt heraus zu ziehen und eine Kommunalgarde zu bilden, in der Bürgertum und liberaler Adel bestimmend waren.

Progressive Kräfte aus diesen Kreisen nutzten die Stunde und stellten Forderungen wie

Unter dem Druck der Ereignisse erkannten selbst reaktionäre Regierungskreise, dass es unmöglich war, in der althergebrachten Weise weiter zu machen.

Das war die Stunde, als reformfreudige Beamte der hohen Staatsbürokratie, vom König die Entlassung des verhassten Kabinettsministers v. Einsiedel und die Ernennung v. Lindenaus zu erzwingen. Diese Männer nutzten die Gunst der Situation, um den sächsischen Staat durch die längst überfälligen bürgerlichen Reformen im gemäßigten Sinne den neuen sozialökonomischen Bedingungen anzupassen.

Die Berufung des zu liberalen Auffassungen neigenden Prinzen Friedrich August zum Mitregenten neben dem greisen König stellte fast einen Staatsstreich dar.

Im Verlauf des folgenden Jahres konnte die Regierung Lindenau mit den feudalen Ständen einen Kompromiss zur Beseitigung der krassesten Missstände in der Staatsverwaltung aushandeln, der zu einer Verfassung für das Königreich Sachsen führte.

Der Landtag bestand nunmehr aus zwei Kammern mit weitgehenden Rechten, wie

Zudem wurden bürgerliche Rechte eingeführt, wie

Weitere Reformvorhaben folgten, wie 1832 die Städteordnung mit der Vereinheitlichung der städtischen Selbstverwaltung. Die Stadtverordneten wurden gewählt und wählten selbst Stadtrat und Bürgermeister. Analog erhielten 1838 die Dorfgemeinden eine Landgemeindeordnung, die den Einfluss der Grundherrschaften einschränkte.

Die stärksten gesellschaftsumgestaltenden Wirkungen gingen vom Gesetz über die Ablösungen und Gemeinheitsteilungen aus, weil es die Überwindung der Feudalverhältnisse auf dem Lande einleitete. In Sachsen konnten sich die Bauern durch Geldablösungen von den Feudallasten freikaufen. Als Ablösesumme galt das 25-fache des jährlichen Geldwertes der abzulösenden Verpflichtungen. Zur finanziellen Absicherung wurde die Landrentenbank gegründet, die beispielgebend für viele deutsche Staaten wurde. Sie ermöglichte den Landbewohnern eine Hypothek in Höhe der Ablösesumme, die in 55 Jahresraten zu tilgen war und schoss den Grundherren die volle Ablösesumme in Landrentenbriefen vor.

Diese Reform wirkte in 2 Richtungen und kann in ihrer gesellschaftspolitischen Größenordnung heute kaum noch erfasst werden. Die gutsuntertänigen Bauern wurden Eigentümer ihres Bodens. Aus allen Feudalverpflichtungen entlassen konzentrierten sie sich auf eine Maximale Steigerung ihrer Produktion und bauten leistungsfähige Betriebe auf. Die Rittergutsbesitzer gingen weitgehend einen ähnlichen Weg. Mit dem zufließenden Kapital wurde auf dem Lande in industrielle und gewerbliche Unternehmen, wie Brauereien, Brennereien, Ziegeleien, Molkereien, Sägewerke u.ä. investiert.

Die geschaffenen Arbeitsplätze und ihre Verdienstmöglichkeiten schufen neue Konsumenten , die Wirtschaftsgrundlage des Landes wurde stabilisiert. Sachsens Landwirtschaft wurde, gestützt auf diese Reformen und günstige Bodenverhältnisse, führend in der deutschen Landwirtschaft.

Weitergehende Reformen auf dem Gebiet der Justiz (Wegfall der Patrimonialgerichte), der Verwaltung (6-fach Minister für Justiz, Finanzen, Inneres, Auswärtiges, Krieg sowie Kultus anstelle des geheimen Kabinetts) und die Bildung von Kreisdirektionen in Dresden, Leipzig, Zwickau und Bautzen schufen einheitliche Mittelbehörden. Die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht löste das feudale Söldnerheer ab. Eine allgemeine Schulpflicht ermöglichte die Grundbildung aller Einwohner. In ihrem Interesse wurde die Kinderarbeit eingeschränkt. Ein umfassendes Steuersystem, dass die Steuerbefreiung des Adels aufhob, stellte die Finanzkraft des Staates sicher.

Diese Maßnahmen waren die Grundlage für die Entwicklung des Landes in den folgenden Jahrzehnten auf dem Gebiet Landwirtschaft, Industrie, Gewerbe, Bankwesen und Handel als ökonomisch starkes Bundesland innerhalb Deutschlands.

Die unter dem Druck der kleistaatlichen Revolutionsereignisse und dem Zwang der Anpassung an die machtvoll zum Durchbruch drängenden bürgerlichen Verhältnisse entstandenen Reformgesetze der Regierung Lindenau gingen zum Teil beträchtlich über die preußischen Reformen hinaus, an denen sie orientiert waren.

Jedoch konnten die Männer um Lindenau nicht alle ihre gemäßigten Reformpläne durchsetzen, weil sie manchen Kompromiss mit der konservativen Adelsfraktion eingehen mussten. Ungeachtet dessen wurden im Sachsen des 19. Jahrhunderts nie wieder so konzentriert bürgerliche, und für ihre Zeit fortschrittliche, Reformen durchgesetzt.

Deshalb geht August Bernhard v. Lindenau, der Großgrundbesitzer aus dem Altenburger Land, als der progressivste Premier in die Geschichte des Landes ein. Wir können stolz auf diese Persönlichkeit sein, sollten sein Erbe bewahren und in seinem Sinne gestaltend auf das Gemeinwohl einwirken.

Joachim Pöschel

Quellen: K. Czok, Geschichte Sachsens, Sparkassenkalender Altenburger Land, OVZ Regionalbeiträge