Der Orgelbauer Friedrich Ladegast und sein Wirken im Altenburger Land

Dr. Felix Friedrich

Friedrich Ladegast gehört zu den herausragenden Orgelbauern des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Mit seinen nahezu 200 Orgelbauten hat er in wesentlichem Maße die deutsche Orgellandschaft geprägt, indem er das romantische Klangempfinden mit einer ausgereiften und sehr zuverlässig funktionierenden Technik paarte. Seine Orgeln fanden nicht nur in Deutschland Anerkennung. Bis nach Österreich, Lettland, Estland, Russland, Polen und sogar nach Amerika wurden Instrumente aus der Ladegastschen Werkstatt in Weißenfels geliefert. Die monumentalen Orgeln in den Domen zu Schwerin und Merseburg legen heute Zeugnis von seiner exzellenten Orgelbaukunst ab. Auch die kürzlich in der Leipziger Nikolaikirche restaurierte und teilweise neu errichtete Orgel geht im Kernbestand auf Friedrich Ladegast zurück. 1818 in Hochhermsdorf in der Nähe von Geringswalde geboren, erlernte er sein Handwerk bei den bekannten mitteldeutschen Orgelbauern Urban Kreutzbach, Johann Gottlob Mende und Adolph Zuberbier. Damit kam er auch mit der großen sächsischen Orgelbautradition, die ihre Wurzeln bei Gottfried Silbermann hat, in Berührung.

1846 gründete er in Weißenfels seine eigene Werkstatt. Im Jahr 1855 errichtete Friedrich Ladegast seine erste große Orgel mit vier Manualen und 81 Registern im Dom zu Merseburg. Zur Einweihung dieses prächtigen Werkes hatte man den berühmten Klavier-Virtuosen und Komponisten Franz Liszt beauftragt, eine Komposition über den Namen BACH zu schreiben. Dieses Zusammenwirken der beiden Künstlerpersönlichkeiten sollte fortan bestehen bleiben. Man kann mit Recht sagen, dass sich beide wechselseitig beeinflussten und befruchteten. Ladegast ging auf die musikalischen Erfordernisse der Lisztschen Orgelwerke ein, und Liszt konzipierte zahlreiche Orgelstücke im Hinblick auf die technischen und klanglichen Möglichkeiten der Ladegast-Orgeln. Auch im Altenburger Land hatte ihm Franz Liszt, der mehrfach in der Residenzstadt als Solist gastierte, die Wege geebnet. Liszts Kontakte zu Altenburg gehen wiederum auf den Hoforganisten und Kapellmeister Friedrich Wilhelm Stade zurück, der von 1860 bis zu seinem Tode 1902 in unserer Stadt wirkte. Durch Stades freundschaftliche Beziehung zu Franz Liszt weilte der ungarische Komponist zweimal in Altenburg, und zwar 1867 und im Rahmen des Tonkünstlerfestes des Allgemeinen Deutschen Musikvereins 1876.

Zum ersten Male lässt sich der Name von Ladegast im Jahr 1877 in Altenburg nachweisen. Im Zuge von Erneuerungsarbeiten an der Stadtkirche St. Bartholomäi stand auch eine neue Orgel zur Diskussion. Man hatte dazu Hoforganist Friedrich Wilhelm Stade um ein Urteil gebeten. Anfang Januar 1877 besichtigte er zusammen mit Ladegast die Kirche und die alte Orgel. Danach gab Ladegast ein Kostenangebot ab, das sich auf 13.998 Mark belief. Der Vertrag wurde noch im Juni des gleichen Jahres geschlossen; 1881 fand die Einweihung der prächtigen Orgel mit drei Manualen, Pedal und 37 Stimmen, darunter als Besonderheit ein Fernwerk, das sich im Gewölbe der Kirche befindet, statt. Auch heute noch kündet diese Orgel, wenngleich über die Zeitläufe hinweg verändert, von der großartigen Leistung Friedrich Ladegasts.

Gleichzeitig mit diesem Projekt erstellte Ladegast eine kleinere Orgel für die Aula des Lehrerseminars, des heutigen Hauses 2 des Friedrichgymnasiums. Hier unterrichtete vier Stunden in der Woche Hoforganist Stade die Orgelschüler. Dieses Instrument mit zwei Manualen, Pedal und 12 Stimmen wurde 1902 von seinem Sohn Oskar Ladegast vergrößert und als Übungsorgel in das Friedrichgymnasium in der Geraer Straße umgesetzt. 1920 verkaufte man diese Orgel schließlich für 2.500 Mark nach Tautenhain bei Klosterlausnitz, wo sie sich noch heute in der Kirche befindet.

Die hochwertige Qualitätsarbeit von Friedrich Ladegast begeisterte die Altenburger Musikfreunde, so dass er im Anschluss an den Neubau in der St. Bartholomäikirche, wiederum auf Vermittlung von Stade, den Auftrag zum Umbau der Trost-Orgel in der Schlosskirche erhielt. Mit diesem Umbau 1881 passte er das Werk dem gewandelten musikalischen Geschmack des 19. Jahrhunderts an. Nach Ladegasts Worten sollte das Instrument dadurch eine der schönsten Orgeln Deutschlands werden. Er schrieb im Vorwort zu seinem Kostenangebot: „Die im Jahre 1738 im Bau vollendete Orgel in der Schlosskirche hat lange Zeit für eine der besten Orgeln in Deutschland gegolten und dies nicht mit Unrecht, denn sie zeichnete sich durch Glanz, Kraft besonders der Bässe, durch charakteristische, feinsinnige Intonation einzelner Stimmen aus [...] Da die neuere Zeit so große Fortschritte in der Mechanik der Orgelbauer, so viele neue Erfindungen in der Construction der Orgel gemacht hat; da so manche Stimmen des alten Werkes überflüssig, nutzlos sind, da die Intonation der Orgel an Würde, an Volumen des Tones gewinnen soll, - daher ist ein Umbau der Orgel höchst wünschenswert, ja geboten.“ Außer dispositionellen Änderungen (so wurde die Posaune 32 Fuß durch einen Violon 32 Fuß ersetzt; um jene Posaune hatte sich ein Mythos gebildet, der vom Zerspringen der Fensterscheiben bei Ertönen derselben erzählte) stellte Ladegast die gesamte Spiel- und Registermechanik um und veränderte die Spielanlage. Außerdem fügte er ein drittes Manual hinzu. Doch trotz der vorzüglichen Arbeit konnte Ladegast offenbar diesmal nicht restlos überzeugen. Bereits kurz nach der Vollendung schrieb der sowohl in musikalischen, publizistischen wie auch organologischen Dingen sehr erfahrene Liszt-Schüler Alexander Wilhelm Gottschalg (1827 - 1908): „Die Orgel, vor einigen Jahren für 8.000,- Mark repariert, hat uns, wie auch anderen Leuten gar nicht sonderlich gefallen. Manches soll früher besser gewesen sein. Solche Reparaturen geraten nicht immer, selbst wenn sie durch Leute von „unangemessenem Stolze ausgeführt werden.“ Sicherlich mag in dieser Sentenz eine gewisse persönliche Antipathie mitschwingen. Den Kern der Sache hat Alexander Wilhelm Gottschalg schon getroffen, da es nach dem Umbau letztlich keine reine und damit zufrieden stellende Ladegast-Orgel, aber eine verdorbene Trost-Orgel war. 1974 bis 1976 wurden im Zuge der Restaurierung der Trost-Orgel die Einbauten Ladegasts wieder entfernt. Zwei Register des von ihm eingebauten Schwellwerks kamen 1990 in die Orgel der St. Bartholomäikirche und fanden dort im Fernwerk eine neue Verwendung.

Schließlich treffen wir Friedrich Ladegast wenige Jahre später nochmals im Altenburger Land an. 1885 plante die Ehrenhainer Kirchgemeinde eine Erneuerung ihrer aus dem 17. Jahrhundert stammenden Orgel. Man holte sich zu diesem Zweck ein Angebot von den Gebrüdern Ernst und Adolf Poppe aus Roda ein. Der zu den Planungen hinzugezogene Hoforganist Stade gab ein Gutachten ab und brachte wiederum Friedrich Ladegast ins Gespräch. 1886 erhielt dieser dann tatsächlich den Zuschlag und schuf in der Ehrenhainer Kirche eine neue Orgel im neugotischen Gehäuse mit zwei Manualen, Pedal und 18 Registern. Die Kirchenchronik berichtet: „Am 24. Oktober 1886 wurde die neue, von Friedrich Ladegast in Weißenfels erbaute Orgel, nachdem sie tags zuvor durch den Hoforganisten Dr. Stade übernommen und für tadellos befunden worden war, durch den Ortspfarrer geweiht und damit die Restaurierung der hiesigen Kirche vollendet.“ Die Ehrenhainer Ladegast-Orgel ist, wenngleich 1960 umgebaut, erhalten geblieben. Nach dem Tod von Friedrich Ladegast übernahm sein Sohn Oskar die Leitung der traditionsreichen Weißenfelser Werkstatt. Auch seine Orgeln lassen sich im Altenburger Land nachweisen.

Literatur:

Friedrich, Felix: Orgeln in Altenburg. Altenburg 1990.

Friedrich, Felix / Dietl, Albrecht: Orgeln im Altenburger Land. Altenburg 1995.

Quelle: „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 2006“, E. Reinhold Verlag Altenburg