Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika 1904

Mehr als hundert Jahre ist es her, dass die deutschen Kolonialtruppen den Aufstand der Herero niederschlugen. Generalleutnant von Trothas Vernichtungsbefehl besiegelte das Schicksal eines ganzen Volkes.

Deutsch-Südwestafrika 1904.

Dass die Deutschen kamen und Handel trieben, dass sie Minenrechte erwarben und mit dem Bergbau begannen, hatten die Eingeborenen des heutigen Namibias ja noch hingenommen. Dass jedoch immer mehr weiße Farmer kamen, sich niederließen und Viehzucht betrieben, ließ die Hereros um ihre eigenen Weiden und Wasserstellen fürchten. Den Hereros ging die wirtschaftliche Grundlage verloren, viele der Eingeborenen waren bereits verarmt. Die Spannung zwischen Eingeborenen und Kolonialmacht nahm von Tag zu Tag zu.

In ihrer Verzweifelung wandten sich die Hereros an den deutschen Gouverneur Theodor Leutwein: "Aber nun Herr Gouverneur, wo sollen wir bleiben, wenn unser ganzer Fluss und alles Land uns abgenommen wird? Wir sehen mit Entsetzen, wie ein Platz nach dem andern in die Hände der Weißen übergeht." Herero-Stammesführer forderten von Leutwein die Einrichtung eines großen Herero-Reservates. Dieser gab das Anliegen an das Kolonialamt in Berlin weiter, aber nichts tat sich. Die offene Auseinandersetzung mit den Hereros, die ihr Land nicht freiwillig aufgeben wollten, nahm ihren Lauf.

Am 12. Januar 1904 brach in Okahandja der Aufstand der Hereros unter der Führung des Herero-Kapitäns Samuel Maharero los, schnell breiteten sich die Unruhen über das gesamte Gebiet der Hereros aus. Die Krieger, gut ausgerüstet mit geschätzten 20.000 - 30.000 modernen Gewehren, die britische Händler nach den Burenkriegen an die Hereros verkauft hatten, gingen äußerst gewalttätig gegen die weißen Siedler vor. Brücken, Bahn- und Telegrafenverbindungen wurden zerstört, 123 Weiße, fast alles Deutsche, grausam ermordet. Deutsche Soldaten wurden laut zeitgenössischer Literatur unter "viehischen Martern zu Tode gebracht".

Die deutsche Schutztruppe war auf diesen Aufstand nicht vorbereitet. Die zusammen gerade mal 769 deutschen und 132 eingeborenen Soldaten, waren nicht in der Lage, die deutschen Siedler effektiv zu schützen, geschweige denn den Aufstand der etwa 5.000 – 7.000 Hereros niederzuschlagen. Immer wieder versuchten die Deutschen, den Kriegern im Busch Herr zu werden. Der militärische Führer, Hauptmann Victor Franke, konnte zwar örtliche Teilerfolge erzielen, an anderer Stelle ließen, laut Generalsstabsbericht, schwere, verlustreiche Gefechte "sehr bald die traurige Wahrheit erkennen, dass der Feind nicht nur zahlreich, sondern auch kriegskundig und wohlbewaffnet war."

In Berlin schrillten die Alarmglocken. Es gab keine für solche Fälle vorgesehene Eingreiftruppe. Eilig begann man ein Marineexpeditionskorps zusammenzustellen, 15.000 Soldaten wurden für diesen Zweck herangezogen. Die schnell aufgestellten Verbände von Freiwilligen aus den verschiedensten Truppenteilen wurden völlig unvorbereitet nach Afrika in Marsch gesetzt. Mangelnde Gesundheitsvorsorge war letztendlich der Grund dafür, dass von den insgesamt 442 Toten auf deutscher Seite, alleine 307 an Krankheiten, meist Typhus, gestorben waren.

Der Landeskenner Leutwein war sich der Schwierigkeiten bewusst, welche ein Einsatz der Soldaten in dem weiten, nahezu unerschlossenen Land bedeuten würde. "Eine politische Lösung, vorbereitet durch militärische Mittel, ist vorzuziehen". Die Hereros seien genug bestraft wurden, es komme darauf an, dem Schutzgebiet die "überaus wichtige Arbeitskraft" dieses Volkes zu erhalten, so seine Einschätzung. Die deutsche Öffentlichkeit war anderer Ansicht, sie forderte eine "rasche und gründliche Unterwerfung" der Hereros. Das Oberkommando über die Schutztruppe wurde von Leutwein auf Generalleutnant Lothar von Trotha übertragen. Er schloss sich der Meinung der deutschen Öffentlichkeit an.

Mit einem konzentrischen Angriff sollten alle verfügbaren Truppen der Hereros umzingelt und in einer Entscheidungsschlacht geschlagen werden. Die Hereros hatten sich nach zahlreichen verlustreichen Gefechten zunächst südwestlich des Waterberges, ein mächtiges Sandsteinmassiv, gesammelt. Als dort die Weide aufgebraucht war, zogen sie weiter und fanden östlich des Waterberges erneut ausreichend Wasser und Weidefläche. 1904 war ein besonders schlimmes Trockenjahr gewesen. Schätzungen gehen heute von 25.000 -50.000 Hereros aus, die sich dort gesammelt haben sollen, darunter waren etwa 3.500 bis 6.000 mit Gewehren ausgestattete Krieger.

Der entscheidende Schlag

Die Konzentration der Hereros auf engsten Raum bot Trotha die Gelegenheit, den von ihm angestrebten entscheidenden Schlag zu führen. Die Truppe, die Trotha aufbot, verfügte über insgesamt 1625 Gewehre, 30 Geschütze und 14 Maschinengewehre. Die einzigen Vorteile der Eingeborenen waren ihre zahlenmäßige Überlegenheit, ihre Ortskenntnisse, ihre Anpassung an das heiße Klima sowie der Besitz der Wasserstelle.

Die Deutschen griffen die Hereros am 10. August von vier Seiten an. Das Ziel der Einkesselung erreichte Trotha nicht, er hatte auf den Einsatz einheimischer Hilfssoldaten verzichtet und so fehlte die erforderliche Ortskenntnis für dieses Vorhaben. Trotz dessen wurden die Hereros laut Generalstabsbericht innerhalb von zwei Tagen nach "mörderischer Schlacht" auf einen Raum von "etwa 40 km im Umkreis zusammengedrängt". Die Eingeborenen zogen sich in Richtung Osten zurück, die einzige Lücke, die ihnen die deutschen Truppen offen gelassen hatte. Vor ihnen lag die wasserarme Steppe der Omaheke.

"Wie ein halb zu Tode gehetztes Wild"

Im Generalstabsbericht liest man später: "Keine Mühen, keine Entbehrungen wurden gescheut, um dem Feinde den letzten Rest seiner Widerstandskraft zu rauben; wie ein halb zu Tode gehetztes Wild war er von Wasserstelle zu Wasserstelle gescheucht, bis er schließlich willenlos ein Opfer der Natur seines eigen Landes wurde. Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: die Vernichtung des Hererovolkes."

Die deutschen Truppen machten keine Anstalten den in die Wüste geflohenen Hereros zu folgen. Die Aussagen von gefangenen Hereros, die von deutschen Patrouillen aufgegriffen wurden waren, schildern das ganze Leid der Eingeborenen: "Die Mehrzahl der Herero-Kapitäne und das gesamte Volk ist des Krieges müde. Sie wissen nicht mehr, wohin sie gehen sollen und was sie machen sollen. Menschen und Vieh leiden fürchterlichen Durst."

"Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf"

Generalleutnant von Trotha zeigte kein Erbarmen, er gab in seinem berüchtigten "Vernichtungsbefehl" die Anweisung den in die Wüste Geflohenen den Rückweg zu den Wasserstellen zu verwehren. In dem Befehl heißt es wörtlich: "Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auf sie schießen. Dies sind meine Worte an das Volk der Hereros."

Die Niederschlagung des Herero-Aufstandes gilt heute als der verheerendste aller Feldzüge, die das Kaiserreich je in seinen Kolonien geführt hat. Die Zahl der Opfer schwankt unter den Historikern zwischen 25.000 und 100.000. Im Extremfall sind damit fast 80 Prozent des Volkes vernichtet worden. Die Frage, ob die brutale Strategie des Befehlshabers der Schutztruppen als vorsätzlicher Völkermord zu sehen ist, bleibt unter Wissenschaftlern strittig. Historiker werten heute die Ereignisse von damals als den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

"Das war ein Völkermord"

Für den heutigen Herero-Häuptling Kuaima Riruako ist die Frage klar. "Das war ein Völkermord. Wir wurden abgeschlachtet und unseres Landes, unserer Rinder, unserer Kultur beraubt." Trothas Vernichtungsbefehl hat die Aufständischen bewusst dem sicheren Tod in der Wüste ausgesetzt. Männer, Frauen und Kinder verdursteten, starben an Entkräftung oder wurden niedergemetzelt.

Tim Stahnke

Quelle: Internet: www.stern.de/politik/historie