KZ Buchenwald - Außenlager Altenburg

URSULA SCHREIBER

Mit dem Polenfeldzug der deutschen Wehrmacht begann am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg in Europa. Für die deutsche Kriegswirtschaft wurden Millionen Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge aus Konzentrationslagern in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Eines der führenden Rüstungsunternehmen war die Hugo Schneider AG (HASAG). Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges expandierte das Unternehmen mit vielen Zweigbetrieben. Einer wurde 1936 in Altenburg errichtet. Nach nur kurzer Bauzeit konnte 1937 mit der Herstellung von Infanteriemunition begonnen werden. Um den 1944 sprunghaft steigenden Arbeitskräftebedarf in der HASAG Altenburg zu decken, richtete das Konzentrationslager Buchenwald ein Außenkommando in unmittelbarer Nähe der Produktionshallen ein.

Der erste Transport mit 850 weiblichen Häftlingen aus Ravensbrück traf am 1. August 1944 in Altenburg ein. Darunter befanden sich 727 Polinnen, 108 Frauen aus der Sowjetunion, acht Französinnen und einzelne Italienerinnen, Tschechinnen, Norwegerinnen, Ungarinnen und Kroatinnen. Mit zwei weiteren Transporten, die in kurzen Abständen folgten, wurden über 1.000 Frauen aus dem Schliebener Lager nach Altenburg überstellt. Am 17. August 1943 kamen 751 Häftlinge und am 21. August des gleichen Jahres 327 Häftlinge. Bis auf 123 sowjetische, elf französische, sechs jugoslawische, eine tschechische, eine slowenische und eine deutsche Gefangene handelte es sich dabei ausschließlich um Sinti- und Romafrauen aus Belgien, Deutschland, Jugoslawien, Frankreich, Polen und der Tschechoslowakei. 500 von ihnen waren für das Hauptwerk in Leipzig vorgesehen und wurden am 7. September 1944 dorthin weitergeleitet. Sie bildeten die erste Belegschaft des neuen Außenlagers in Taucha. Am 5. September 1944 wurden 500 ungarische Jüdinnen und am 6. September 600 Polinnen aus Ravensbrück eingeliefert. Alle waren vorher bereits in Auschwitz gewesen. Kommandoführer Frötsch meldete am 7. September 1944 nach Buchenwald, dass sich nach vollzogener Überstellung des Taucha-Transportes noch 2.440 weibliche Häftlinge im Frauen-Außenlager HASAG Altenburg befänden. Nach Haftkategorien aufgeschlüsselt seien es 288 „Zigeunerinnen“, 1.652 politische Polinnen und 500 Jüdinnen.

Die Frauen wurden in Zwölf-Stunden-Schichten bei körperlicher Schwerstarbeit in der Produktion von Panzerfäusten und Granatmunition eingesetzt. Bis zur Ankunft einer Gruppe männlicher Häftlinge bedienten die Frauen Beizmaschinen und Öfen. Zum Mischen, Kochen und Verfüllen von Sprengstoff, einer extrem gesundheitsschädlichen Arbeit, zog die Firmenleitung fast ausschließlich Sinti- und Romafrauen und Jüdinnen heran. Die Folge war, dass acht von ihnen an Lungen-TBC starben. Diese Häftlingsgruppen hatten den höchsten Anteil an den Rücktransporten nach Auschwitz. Am 9. und 10. Oktober 1944 wurden nach nur vierwöchigem Zwangsarbeitereinsatz in Altenburg 123 Jüdinnen und 49 Sinti-Frauen aus gesundheitlichen Gründen zurück überstellt. Gleichzeitig nahm die Zahl der Arbeitsunfähigen und Kranken auch unter den anderen Häftlingen rasch zu. Bis Mitte Oktober 1944 wurden 216 Frauen, darunter mehrere Schwangere, nach Ravensbrück zurückgeschickt. Um den „Verschleiß“ der fast 400 Arbeitskräfte zu kompensieren, wurden dem Zweigwerk Altenburg auf Antrag der HASAG-Konzernleitung am 12. Oktober 1944 nochmals 500 ungarische Jüdinnen aus Auschwitz zugeteilt.

Das Häftlingslager der Frauen war 15 Gehminuten von der Arbeitshalle entfernt. Es gehörte zum Fabrikgelände und war mit zwei Wachtürmen und Stacheldraht umgeben. Die Betten waren dreigeschossig. Im Untergeschoß gab es Waschräume und Duschen, die nur selten benutzt werden durften.

Die Überstellung der ersten 50 männlichen Häftlinge vom Hauptlager Buchenwald erfolgte am 27. November 1944. Diese Häftlingsstärke blieb bis zum 12. Februar 1945 etwa konstant. An dem Tag erhöhte sie sich durch einen Transport von weiteren 33 Häftlingen auf 85. Mit dem dritten Transport kamen nochmals 115 männliche Häftlinge zur HASAG Altenburg. Zu den Inhaftierten, bei denen es sich vorwiegend um Juden handelte, gehörten Deutsche, Letten, Polen, Ungarn und Staatenlose. Diese Häftlinge wurden in Tag- und Nachtschichten zur Fertigstellung von Granaten, Panzerfäusten und Patronenhülsen eingesetzt. Die Unterkünfte waren unzureichend, ebenso die Verpflegung. Es gab täglich 225 Gramm Brot und einen Dreiviertel-Liter Wassersuppe. Kranke Häftlinge wurden in das Hauptlager nach Buchenwald zurück gebracht und durch gesunde Häftlinge ausgetauscht.

Der Evakuierungsmarsch begann am 12. April 1945. Die SS trieb 2.443 Häftlingsfrauen ohne ausreichende Nahrung und Bekleidung, größtenteils mit Holzpantinen an den Füßen, aus dem Lager. Über Gößnitz und Meerane, Glauchau und Remse erreichte eine Gruppe von ca. 800 wahrscheinlich getrennt von anderen marschierenden Frauen am 14. April 1945 Waldenburg, wo sie von amerikanischen Truppen befreit wurden. Die anderen mehr als 1.500 Frauen wurden von der SS gezwungen, über das Erzgebirge in Richtung Karlsbad zu marschieren. Über ihren Verbleib ist nichts bekannt.

Mit einem öffentlichen Akt wurde am 08. Mai 2006 am Gebäude Poststraße 24, dem ehemaligen Direktionsgebäude der Hugo Schneider AG HASAG-Altenburg, eine Gedenktafel eingeweiht. Sie soll an Tausende Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge erinnern, die an diesem Ort unter den unwürdigsten Bedingungen für die Rüstungsindustrie des NS-Regimes arbeiten mussten.

Quelle: „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 2008“, E. Reinhold Verlag Altenburg