DR. KLAUS R. UHLIG

Friedrich Wilhelm Uhlig

1891 - 1948

Pädagoge und Schulbuchautor

Noch im vorigen Jahrhundert - zu Kaisers Zeiten - wurde Fritz am 10. September 1891 in Bad Berka geboren.

Unser kleines, aber ausreichendes Haus“‚ schrieb Uhlig auf, „lag da, wo ein Bach in das Flüsschen mündet. Über den Bach führte ein schmaler Holzsteg in ein größeres Bauerngehöft, während vor dem Haus die Hauptstraße des Städtchens verlief. Neben dem Haus stand eine Scheune. Hof, Garten und Nebengebäude gaben reichlich Platz zum Spielen. Uns Kindern besonders lieb war der Steg. Dort kamen die Nachbarskinder auch hin. Wenn Niedrigwasser war, war es eine Lust, im Bache zu spielen.

Fritzens Vater, Karl Friedrich Uhlig, war als Forstkassierer Großherzoglicher Rechnungsamtsassistent. Die Mutter, Anna Luise, kam aus der Kaufmanns-Familie Byhan. Im Alter wohnte sie bis zu ihrem Tode in Altenburg in der Zeitzer Straße.

1904 zogen Uhligs in die Landeshauptstadt Weimar. Am großherzoglichen Gymnasium legt Fritz 1911 das Abitur ab. Das Studium der Philosophie und Naturwissenschaften in Jena beginnt.

In den Zehnern engagiert er sich in der Jugendbewegung. 1912 übernimmt er die Leitung der Thüringer Wandervögel. Sie berauschen sich mit Tanzen und Singen, verstehen sich als Reformbewegung, wollen die verkrustete Gesellschaft, deren „Alterskultur“ zugunsten einer „neuen Kultur des Zusammenlebens“ verändern. Beim Thüringentreff in Naumburg 1912 verkündet Uhlig stolz, dass nunmehr gemeinsame Wandervogelveranstaltungen von Jungen und Mädchen erlaubt seien. Er berichtet von heftigen Auseinandersetzungen mit dem jungdeutschen Wehrverein und Kritik an Sozialdemokraten.

1914 -18 kämpft Uhlig als Kriegsfreiwilliger. „So zog die deutsche Jugend in den Kampf“, notiert er, „ „nicht siegestaumelnd oder siegesgewiss, nein, nur eines gewiss, ihrer selbst.“ Er dient bei der lnfanterie an der Ostfront. Bereits 1914 berichtet er: „Unsere Gewehre versagen. Rechts und links geht es zurück. Nur wir liegen noch vorn. Allmählich bin ich der einzige, der keine Deckung mehr hat. Von rechts schießt ein Scharfschütze langsam alle tot. Ich liege unter Toten.“

1916 wird er Offizier und wechselt im Juni 1918 an die Westfront. Dort gerät er im Gaskrieg fast selber zu den Toten. Am 18.1.1919 wird er vom Füselierregiment 38 als Leutnant der Reserve mit Ritterkreuz mit Schwertern, Eisernem Kreuz und Verwundetenabzeichen entlassen.

Nach dem Ersten Weltkrieg legt Uhlig 1919 die Lehramtsprüfung für Höhere Schulen in Chemie, Mineralogie, Physik, Mathematik und Philosophie mit Auszeichnung ab. Uhlig wird Assistent am Chemischen Institut der Universität Jena.

Dann beginnt am 22. 6. der Lehrvorbereitungsdienst. Zunächst wird Uhlig Lehrer in Eisenach. Als solcher lehnt er die Prügelstrafe ab. Er hat sie wegen herausragender pädagogischer Fähigkeiten auch nicht nötig. Ab dem 1. 4. 1920 unterrichtet Uhlig als Studien-, später Oberstudienrat an der Oberrealschule Altenburg, einer der Vorgängerschulen im heutigen Friedrichgymnasium.

Ruth Schmidt berichtet: „Als wir einmal durch die ganze Stadt zum Museum gingen, wollte meine Freundin, die am Bahnhof wohnte, nur für die letzte Stunde nicht wieder den langen Rückweg machen. Ich war dabei, wie sie dem Uhu erklärte, dass sie sich den Fuß verstaucht habe und deswegen darum bäte, nach Hause gehen zu dürfen. „Natürlich“, sagte er ihr, „darfst du gehen“. Als wir wieder bergauf zur Schule liefen, rief er mich und sagte: „Wenn schon jemand mal eine Ausrede gebraucht, dann dürfen Sie daneben stehend nicht so mit den Augen lachen.“

Clara Schmidt erinnert sich: „Ich begegnete ihm 1929, als er Ostern als neuer Mathe-Lehrer die Klasse betrat. Er machte energisch die Tür auf und lief genau und bestimmt bis zum Katheder. Dort legte er mit Vehemenz einen Packen Bücher ab, den er unter dem rechten Arm getragen hatte. Meines Wissens hat er im Unterricht jedoch nie ein Buch benutzt.“

Besonders beliebt und bekannt ist der „Uhu“ als Leiter einer Laientheatergruppe. Mit dieser führt er in der Brüderkirche auch kirchliche Mysterienspiele auf. 1920 tritt er in den Männerturnverein, 1921 in den Alpenverein ein.

Er arbeitet ab 1923 in der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes, seit 1925 im Geologischen Verein, später auch im Bund der Höheren Staatsbeamten, im Verein zur Förderung des Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Unterrichts und im Philologenverband mit. Dort wird er zum Vorsitzenden gewählt. Dieses Amt führte später für ihn zu fatalen Verwechslungen. Noch immer zieht er mit den Wandervögeln los. Er unterrichtet auch in Sandalen und Kluft. In den Endzwanzigern fordert das Ministerium der „linken“ Landesregierung Uhlig auf, sich um eine Direktorenstelle zu bewerben. Wegen des politischen Umbruchs wird Uhlig jedoch erst am 5. 4. 1934 stellvertretender, 1935 Direktor des Mädchengymnasiums Karolinum.

Ende der Goldenen Zwanziger heiratet Uhlig10 die am 11. August 1905 in Altenburg geborene Ilse Emma Laura Stein, „die Ilse mit den schönen Augen“. Die Steins entstammten einer jüdischen Familie. Das Haus Stein, Schmöllnsche Straße 27, wurde 1995 als bedeutendes Denkmal gewürdigt. 1936 verloren Steins ihr Eigentum. 1930 wird Sohn Ulf Uhlig, 1932 Klaus, 1936 als drittes und letztes Kind Achim (Siegmar) geboren. Auch er erhält die Taufe. Die Wohnung ist zu klein. Am westlichen Stadtrand entsteht das Einfarnilienhäuschen Franzosengraben 5.

Nach der Machtergreifung tritt Uhlig in die Nationalsozialistische Arbeiterpartei ein, auf Aufforderung, wie er berichtet hat, aber auch, weil er ein Ende der Politik der Arbeitslosigkeit erhofft. Uhlig stellt jedoch von Anfang an seine humanistische Einstellung ohne Einschränkung über Parteiliches. Er bleibt dieser Haltung bis zu seinem Tode treu. Er wird weder nationalistisch noch rassistisch. So gerät er bald in Opposition zur NSDAP. Viele glauben deswegen bis heute nicht, dass dieser Mann deren Mitglied war. Tatsächlich entzweit er sich bereits 1934 mit der Partei. Er bleibt mit der Familie Levy bis zu deren Vertreibung in freundschaftlicher Beziehung. Als Direktor weigert er sich bis zur Sperre, nichtarische Schülerinnen der Schule zu verweisen. Er kritisiert die Herabsetzung der geistigen Schicht, die Feindlichkeit zum freien Wissenschaftsbetrieb, die Lähmung der freien Meinungsäußerung. Aufmerksamkeit erregt, dass seine Frau der Frauenschaft fernbleibt.

Schon Mitte der Dreißiger lassen Uhligs Handlungen erkennen, dass er inzwischen antifaschistisch eingestellt ist. Er geht vom inneren zum tätigen Widerstand insoweit über, als er vielen regimebedrängten Menschen hilft. Als die Nazis 1936 das Verbot der Bündischen Jugend mitsamt „seinem“ Wandervogel durchsetzen, legt Uhlig 1937 den Vorsitz der Philologen, die in den Lehrerbund zwangsintegriert wurden, nieder. Uhlig: „Wer mich näher kennt, weiß wie kritisch meine Einstellung zur Partei schon lange war und durch die neuen Ereignisse völlig zur Abkehr führte.“ Er weigert sich, an politischen Tagungen teilzunehmen. Mit Funktionären der HJ und DJ streitet er lauthals darüber, warum er seinen Kindern gestattet, Veranstaltungen zu schwänzen und verbietet, Funktionen zu übernehmen. Es ist bekannt, dass er an seiner Schule nicht duldet, dass „die Parteieinstellung irgendeine Rolle spielt“. Schulfeiern werden ideologiefrei gestaltet. Wie das Protokollbuch des Karolinums 1938 - 45 beweist, werden in Schulkonferenzen keine politischen Themen behandelt. Die

hohe Zahl der Nichtparteigenossen seines Kollegiums missfällt.

Uhlig kümmert sich intensiv um das Schülerinnenheim des Magdalenenstifts. Dieses fungiert, ohne an den tatsächlichen Verhältnissen etwas zu ändern, ab 1940 als Schülerinnheim des Karolinums. Er tritt für die evangelisch handelnden Kolleginnen des Magdalenenstifts ein, beschäftigt sie unbürokratisch als Lehrkräfte. Jutta von Kuhlberg, zuletzt Lehrerin an der Karl-Marx-Oberschule (heute Friedrichgymnasium): „Grade in diesen Jahren hat Direktor Uhlig sehr viel auch für das Stift getan.“ 1943 werfen die Nazis dem Stift „reaktionären Geist“ vor. Am 11. 5. 1944 schließt die Gestapo das Schülerinnenheim des Magdalenenstifts. Nur das Damenstift bleibt. Die Mädchen müssen Schule und Altenburg verlassen. Uhlig hilft mit Prinzessin Vera von Romanov und der Pröbstin beim Verbleib der Abiturientinnen im Altenburger Schloss und auf der Schule. Der „Schlossklasse“ gehören auch Mädchen aus drei Familien an, deren Väter am Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 beteiligt waren. Uhlig berät die Schülerinnen, die ihn zuhause aufsuchen, so, dass sie Altenburg verlassen. Er sorgt dafür, dass sie noch ein Abgangszeugnis mit Reifebestätigung (Notabitur) zugeschickt bekommen. Veronika Finck: „Direktor Uhlig hat die Hand über uns gehalten.“ Zum Eklat kommt es, als Uhlig die Schul-Tageslosung „Moskau“ ausgibt, Völkerverständigung auch mit dem „Feind“ fordert und auf den Nichtangriffspakt hinweist.

Nur dem Zivilschutz, damals Luftschutz, stellte Uhlig sich in dieser Zeit zur Verfügung. Der Luftschutz war gem. Erlass vom 2. 11. 1939 weder eine Gliederung der Partei noch ein ihr angeschlossener Verband. Jutta von Kuhlberg: „Wir wussten alle, dass er als Direktor eine Funktion ausüben musste und fragten uns, ob er den Schutzdienst als das kleinste Übel wählte.“ Uhlig konnte in dieser Funktion weitere regimebedrängte Menschen unterstützen.

Im Zweiten Weltkrieg wird Uhlig als Veteran nicht eingezogen. Das wird ihm jedoch am Ende zum tragischen Verhängnis.

Uhlig zieht sich ins Schreiben zurück. Seine sehr erfolgreichen, auch nach dem Kriege in der DDR immer wieder neu aufgelegten Formel-, Merk- und Wiederholungsbücher erscheinen. Ging umständehalber der wirtschaftliche Erfolg auch an andere, so bewies Friedrich Uhlig mit seinen Büchern einmal mehr seine überdurchschnittliche pädagogische Leistung. Er gehörte damit zu den ersten Herausgebern wissenschaftlicher Taschenbücher.

Verloren gegangen sind weitere Manuskripte, z. B. über Zarathustra, über die Geschichte der Chemieindustrie u. a.

Kurz vor Kriegsende, Mitte April 1944 bis zur zweiten Maiwoche 1945, wird der Gaskriegsveteran noch zum Volkssturmeinsatz befohlen. Der Volkssturm war gesetzlicher Dienst, dem er sich als Infanterieoffizier d. R. nicht entziehen konnte. Wenn heute den von den Nazis zum Kriegsende bedenkenlos geopferten Kindern. Kranken und Veteranen zu Recht Denkmale gesetzt werden, dann nicht zuletzt deswegen, weil sie sich gegen dieses brutale und menschenverachtende Geopfertwerden für eine bereits verlorene Sache nicht wehren konnten.

Uhlig gewährt seinen Leuten die Entscheidung, wieder nach Hause zu gehen. In der zweiten Maiwoche 1945 kommt er selbst zurück. Das ist der Moment, wo ich ihn besonders in Erinnerung behalten habe: abgemagert, in fremden, abgenutzten und durchschwitzten Kleidern, mit eingefallenen Wangen, geschorenen Haaren, doch kräftigem unrasierten Stoppelbart.

Nach dem Krieg wird Uhlig wie alle Lehrer suspendiert. Er bemüht sich um Wiederverwendung. Die Altenburger Überprüfungskommission und der Schulamtsleiter empfehlen seine Wiedereinstellung. Doch eine Überprüfung der Eingabe unterbleibt wegen des Wechsels der Besatzungsmacht. Am 25. 9. 1945 wird er mit der Begründung, er wäre beim Lehrerbund politischer Leiter gewesen, entlassen. Am 12. 2. 1946 legt Uhlig Widerspruch ein, klärt das Missverständnis bezüglich der politischen Leiterschaft auf.

In seiner „Freizeit“ sucht er in der Schule aus dem zertrümmerten Inventar Chemie- und Physikexperimentiergeräte heraus. In mühsamer Kleinarbeit setzt er sie wieder zusammen. Manchmal durfte ich ihm dabei helfen. Diese alten Geräte sind heute im Friedrichsgymnasium in Vitrinen ausgestellt. Daneben bereitet er jüdische Opfer des Faschismus auf Prüfungen vor.

Am Anfang der Stalinzeit, noch bevor über seine Eingabe entschieden ist, wird Uhlig in eine jener damaligen Verhaftungswellen einbezogen. Sie trafen Lehrer, aber auch Schüler, Intelligenzler, Sozialdemokraten, Altkommunisten und andere Autoritätsträger und Meinungsbildner.

So kam jener Tag, der 17.4. 1946, an dem mein Vater „abgeholt“ wurde. Dieser Tag hat sich wie kein anderer meinem Gedächtnis eingebrannt. Ich habe ihn wenig später wie folgt festgehalten: „Wir hatten zu Abend gegessen und uns noch unterhalten, wie wir uns immer unterhielten, über die Neuigkeiten des Tages, über Dinge der Allgemeinbildung. wissenschaftliche Fragen, über Probleme, die die Welt gerade interessierten, über Gegenwart und Zukunft. Es war spät geworden. Mein großer und mein kleiner Bruder schliefen schon. Auch ich zog mich aus, legte mich hin. Aber einschlafen konnte ich noch nicht. Denn es klingelte. Das war seltsam. Wer sollte so spät kommen? Wir erwarteten niemand, ich hörte die Tritte meines Vaters die Treppe hinunter. Er kam wieder, mit ihm noch jemand. Ich schlich mich an die Türe und öffnete sie einen kleinen Spalt. Ich erschrak. Ein Schutzmann, jetzt in tiefer Nacht? Mein Vater und meine Mutter traten in mein Zimmer. Noch sehe ich sie vor mir, ihre Gesichter, ihre Augen. Vati sollte mitgehen. Jetzt? Warum? Mutti weinte. Sie packten Verschiedenes ein. „ Wecke Ulf und Sigi nicht auf“, sagte mein Vater, „ich werde schon bald zurückkommen.“ Er strich mir noch einmal über den Kopf. Ein Kuss, eine Umarmung, ein letzter Händedruck, ein Blick, den ich nie vergessen werde.“

Ein Tribunal o. ä. hat es für Uhlig nach Auskunft aus Buchenwald, wohin er schließlich gebracht wurde, nie gegeben. Im Lagerbuch ist der Grund seiner Verhaftung vermerkt: Volkssturm.

Am 24. 5. 1948 verhungerte Uhlig in Buchenwald. Er liegt dort im Steinbruch verscharrt.

Seine fünf Enkel und drei Urenkel aber kennen den Groß- und Urgroßvater nicht nur vom Foto, sondern in Lebensgröße, wie ihn seine Schwester gemalt hat, in seiner grünen Kluft, die Klampfe spielend.

Quelle: „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 1997“, E. Reinhold Verlag Altenburg