Die Arbeit der Totengräber

Die amtliche Bezeichnung „Todtengräber“ wurde vom städtischen Rat, wenn es auch ein kirchlicher Friedhof war, dem damaligen Verantwortlichen gegeben. Den Verwalter‘ gab es noch nicht und diese Benennung wäre auch nicht sehr passend gewesen, denn die Verwaltungsarbeiten waren sehr gering, führte man doch nicht einmal ein komplettes Grabstättenverzeichnis. Um so wichtiger war es, diese Aufgabe an eine sehr zuverlässige Person zu vergeben, um den Posten nicht oft zu wechseln. Denn der Totengräber sollte seinen Friedhof mit den Belegungen „im Kopf haben „. Ihm stand ein Stellvertreter, der Substitut, zur Seite. Aber nun zu unserer Kirchenakte, die ab dem Jahre 1646 geführt wurde.

Angesichts großer Verluste von Quellen des Friedhofswesens können wir uns glücklich schätzen, dass diese Unterlagen vorhanden sind und ausgearbeitet werden konnten. Sind es auch nur bruchstückhafte Überlieferungen aus den zurückliegenden 350 Jahren, so haben diese Aufzeichnungen dennoch historischen Wert. Erlangen wir doch einen Einblick in die schwere und verantwortungsvolle Arbeit auf dem Friedhof.

Besonders aufschlussreich sind für uns die Inhalte der Instruktionen, die jeweils bei Amtsantritt dem Totengräber ausgehändigt wurden. Aus den Bestimmungen können wir Abläufe, Arbeitsweisen und Anforderungen ableiten, ebenfalls Schwierigkeiten, die sich abzeichneten. Überrascht werden wir feststellen, dass Probleme wiederkehrend auftreten, andererseits wurden Anweisungen formuliert, die heute ein Schmunzeln hervorrufen. Diese Instruktionen bildeten die Grundlage der späteren Friedhofs- und Begräbnisordnungen.

Die erste uns vorgestellte „lnstruction“ wurde am 26. Juni 1694 abgefasst. Auszugsweise geben wir hier den Inhalt wieder:

Christlicher und ehrbarer Lebenswandel wurde darin als Anforderung erhoben, auch verzichtete man nicht auf das Gebot, das Saufen und Fluchen zu unterlassen. Die Gräber waren in gehöriger Tiefe auszuheben, die je nach Grabart zwischen 3 bis 5 Ellen Tiefe, also 1,60 bis 2,65 m, zu betragen hatte „…nicht wie bißanhero geschehen, den Vorteil gebrauchen, dass das Grab mit der ausgeworfenen Erde werde und beschüttet und mit Brettern beleget wo den Schein seiner gehörigen tieffe erlange“. Dies bedeutet, das Grab sollte nicht mit Erde umfüllt und mit Brettern erhöht überbaut werden, damit es den Anschein hätte, das Grab wäre tief genug ausgeschachtet. Die Beisetzungen waren vorsichtig vorzunehmen und die Leichen „nicht mit Ungetüm“ ins Grab hinunter zu lassen. Sie sollten auch nicht beraubt werden können. Weiterhin war darauf zu achten, dass weder am Toten, noch an Lebendigen Zaubereien, unchristliche und unehrbare Vornamen vorkommen sollten.

Der Hinweis:“…eine jegliche Leiche soll in ihr eigenes Grab begraben werden“, durfte hier verständlicherweise nicht fehlen. Aus der Literatur wissen wir, man ging bei

Platzmangel, der permanent auf alten Friedhöfen herrschte, nicht sehr zimperlich um. Mit dieser Anweisung sollte auch mit der bisherigen Verfahrensweise gebrochen werden, nämlich am Tage der Beerdigung den Angehörigen den Lohn der Grabfertigung abzuverlangen. Denn „…die Leittragenden sollen des anderen Tages der Lohn gefordert werden“ Also, nur einen Tag später waren je nach Aufwand 2 bis 5 Groschen ab zu kassieren. Trauerschleier, Blumenflor und Lichter waren nur in bescheidenem Maße zu verwenden. Weiterhin wurde in der Instruktion darauf hingewiesen, dass mit ernster Bestrafung zu rechnen sei, wenn Bier weiterhin bei der Fertigung der Gräber zur Ungebühr gefordert wird. Als Anmerkung ein Auszug aus einem Beschwerdeschreiben des Totengräbers jener Tage: „…der zugeordnete Christian Voigt war dem Trunke so ergeben, er sollte tagsüber nüchtern sein, denn bey beerdigungen derer Leichen ein Unglück entstehen dürfte und bey meiner Unpässlichkeit mein Weib mit unehren Worten als Hure und dergleichen angegriffen und sie mit Schlägen von den Gottesacker zu ja gen gedrohet, so ergehet meine unterthänigste Bitte, Christian Voigten anzuhalten, dass er von seiner Völlerey absehe und uns von unchristlichen Bedrohungen verschone.“ Diese derben Auseinandersetzungen sollen nicht verallgemeinert werden, es ist einfach eine Begebenheit aus dieser Zeit. Schließen wir diesen ersten Auszug mit dem Schlusswort der Instruktion ab: „Gott und die Obrigkeit nicht zu erzürnen, damit eine Bestraffung nicht bewogen werden muss“.

Das älteste Schreiben der Akte ist eine Bewerbung vom Dezember 1646. Gerichtet war sie an den Stadtrat - also nicht an die Kirchgemeinde. Der Schreiber wusste davon, dass der „jetzige Todtengräber Hannßen N.N. absterbend war“. Die Anrede wahrte die damalige Form, denn er benutzte folgende Worte: „An die Wohl Ehrenwerten Großachtbaren, Großehrbaren und Verehrbaren, Wohlgelehrten und Wohlweisen aber auch noch Großgünstigen gebietenden sowie beförderlichen Herren des Stadtrathes ....“ Der Bittsteller zählte seine guten Charaktereigenschaften untertänigst auf und erwähnte, dass er bisher neun Jahre auf dem Gottesacker beschäftigt war.

Wenn wir Parallelen zu der Geschichte der Leichenweiber ziehen, können wir feststellen, dass dieses hier erwähnte Bewerbungsschreiben und die meisten der folgenden Unterlagen von den Antragstellern selbst geschrieben wurden. Des Schreibens kundig dürften sie gewesen sein. Wir schließen hieraus, den Jungen war es leichter gemacht worden, einen gewissen Mindestbildungsstand zu erreichen, bzw. wenigstens Schreiben und Lesen zu erlernen.

Die Schwere der Arbeit auf dem Friedhof im 17. Jahrhundert und die daraus resultierenden gesundheitlichen Gefahren vermittelt uns Catharina Hoffmann, die Witwe des Totengräbers Johann Hoffmann. Ihr Mann war, wie sie mitteilte, an der „…damahligen Contagion gestorben und hatte bey Tag und Nacht die Verstorbenen zur Erde gebracht, hat sich willig, und Getreu gebrauchen lassen“. Er war also an der Übertragung einer ansteckenden Krankheit gestorben. Der ganze aufgesparte Verdienst war wegen seiner Krankheit aufgebraucht. Mittellos stand sie da. In ihrer Not bat sie um eine weitere kleine Anstellung. Ihren Nutzen begründete sie damit, dass sie sich auf dem Friedhof auskannte und das Wissen darüber immer nur mündlich dem Nächsten übergeben werden konnte. Registrierungen über Gräber wurden, wie wir weiter unten lesen werden, viel später eingeführt. Nun ihre weiteren Ausführungen „…mich armes nunmehro Verlassenes weib, mit bey dem Dienste erhalten, Ich auch die gelegenheiten auff den Gottesacker, wo eines oder daß andere hin geleget ziemlich weiß, oder es allenfalls vermitteln, daß ich die Todenfaahrer hinbringe….“

Beim Wort Totenfahrer sollte man nicht an den Fahrer eines Leichenwagens oder der Leichenkutsche denken; wir gehen davon aus, dass zu dieser Zeit vielfach noch ein Karren zum Transport der Toten zum Friedhof verwendet wurde.

Dass die Arbeit des Grabbereitens sehr schwer war bleibt außer Frage, auch dass die hygienischen Möglichkeiten zum Schutz gegen ansteckende Krankheiten sehr begrenzt waren, wird niemand bezweifeln. Nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen sind allerdings die oft zitierten Krankheitsrisiken wegen Ausdünstungen aus Gräbern und Grüften nicht nachgewiesen.

Ein Schreiben des Totengräbers Andreas Poppe vom 15. Juli 1689, gerichtet an den Bürgermeister und Rat zu Altenburg. Zur Anbringung zusätzlicher Pfeiler an der Gottesackerkirche wurden tiefe Fundamentlöcher geschachtet. Zwölf dabei gefundene Gebeine und unverweste Leichen mussten umgebettet werden. Für diese Arbeit erbat er einen zusätzlichen Lohn, denn er hatte dabei „…beym ausheben große mühe gehabt auch sonst Viel garstigen geruch und unflat einfreßen müßen…“ und forderte demzufolge um „… eine ergiebige ergezlichkeit“. Möglicherweise handelt es sich hierbei um den einzigsten Bericht, wann es zu den unförmigen Stützpfeilern an der erst 1650 fertig gestellten Gottesackerkirche gekommen ist. Diese äußeren Säulen wurden nur nordseitig, also zur Friedhofseite hin angebracht und blieben bis 1911 erhalten.

Wenden wir uns kurz dem Nächsten zu: Johann Pöschel bat Februar 1725 den Rat, als seinen Nachfolger den ihm schon mehrere Jahre zur Seite stehenden „blutjungen Mensch“, Johann Jacob Knabe, als Totengräber einzustellen. Dieser wollte seine Tochter heiraten, die ebenfalls auf dem Gottesacker Bescheid wusste. Dies würde sich somit als günstige Nachfolge erweisen. Am 23. September dieses Jahres wiederholte er sein Anliegen, da er aus gesundheitlichen Gründen kaum noch arbeitsfähig war. Noch im gleichen Monat war er verstorben.

Als vernommen wurde, dass der Totengräber verstorben war, gingen erstmalig mehrere Bewerbungsschreiben ein. Eines hatten diese Schreiben gemeinsam, die Bewerber waren alle von Beruf Maurer.

Johann Peter Schumann bewarb er sich, allerdings schon vor dem Ableben des Pöschel, um den Posten. Er schrieb an den Stadtrat: „…wenn Pöschel krank war, des Laagers nicht aufkommen konnte, habe ich die Arbeiten verrichtet …. Nicht das ich ihm seinen Lebenabend nicht gönne, aber doch war der jetzige Todtengräber dermaßen kranck darniederliegend, daß an seiner Zukunft gezweifelt wird...“. Aus welchen Gründen er und nicht Knabe eingestellt wurde, bleibt uns verborgen. Wir wissen nur, dass er diese Funktion bis zu seinem Tode, dem 24. August 1742, ausführte. Als dessen Nachfolger wird uns Johann Gottfried Frantz genannt. Er übernahm das Werkzeug seines Vorgängers und legte ebenfalls, wie die anderen, einen Eid ab. Aus dieser Zeit ist uns nur eine Auseinandersetzung mit seinem Schwiegersohn Christian Herzog bekannt. Dieser beklagte, dass er bei Aushilfen zur Herrichtung der Gräber die versprochenen 3 Groschen nicht bekommen habe.

Ein großes Feld der noch vorhandenen Schriftstücke befasst sich mit der sozialen Stellung der Witwen der verstorbenen Totengräber. Ersparnisse lagen meist nicht vor. Anspruch hatten sie auf jeden Fall für einen Teil des gesetzten Lohnes des Nachfolgers für ein halbes Jahr, ein so genanntes „Gnaden-halbes-Jahr“. Zusätzlich konnten sie bei gutem Übereinkommen beim Einschaufeln der Erde ins Grab hilfreich sein. Der Erlös aus dem verkauften Werkzeug, welches dem Nachfolger übergeben wurde, dürfte keine große Summe abgeworfen haben.

Als weitere, durchaus lukrative Einnahmequelle stand der Witwe das „Bahretragen“ zu. Immerhin brachte dies jedes Mal 2 Groschen ein. Die Bestattung fand grundsätzlich im eigenen Sarg auf dem Friedhof statt. Ein so genannter mehrfach verwendbarer Klappsarg ist nicht verwendet worden. Die Bahre wurde als Hilfsmittel zum Tragen benutzt, auch als Unterlage an der offenen Gruft. Wir wissen, dass zur Kostenersparnis das Hospital eine eigene Bahre angeschafft hatte. Dies wurde nicht wohlwollend zur Kenntnis genommen.

Bekam der Sohn der Witwe die nachfolgende Stellung, war es auch von Vorteil, wenn zu Lebzeiten hier klare Regelungen in einem beglaubigten Vertrag aufgenommen wurden. Aus kindlicher Pflicht heraus hatte er seine Mutter auf Lebzeiten zu ernähren und ihr freies Logis zu gewähren und Holz zu entrichten. Sollte er sich mit ihr nicht vertragen, so lesen wir an anderer Stelle, hätte er wöchentlich 6 Groschen zu ihrem Unterhalt bei zu steuern.

Christian Friedrich Thieme war der Nachfolger Frantzens und begleitete die Stelle von 1760 bis 1785. Am 27. Juni 1785 übernahm sein Sohn Johann Christian Thieme, der inzwischen auch den Beruf des Maurers erlernt hatte, den Totengräberposten von seinem Vater. Die Instruktion, die zur Amtsübernahme vorgelegt wurde, dürfte uns neue Kenntnisse vermitteln.

Interessanterweise stellten wir fest, dass das Gebührenrecht damals einfacher, aber durchaus wirksam organisiert war. Denn der Totengräber durfte keine Leiche annehmen und beerdigen, wenn nicht der Freigabeschein mitgeliefert wurde. Aus dem musste hervor gehen, dass die Begräbnisgebühren entrichtet worden waren, es sei denn, es lag eine schriftliche „Gebührenbefreiung“ vor.

Da eine ausreichende Stabilität der Särge nicht gewährleistet werden konnte, wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die Särge mit aller Behutsamkeit abzulassen waren, damit sie nicht auseinander fielen. Nach wie vor sollte man acht geben, dass die Leichen nicht beraubt werden. Für das Fertigen der Gräber hatte der Totengräber nicht mehr selbst zu kassieren, im Gegenteil, ihm war streng untersagt, weder Bier noch Geld oder anderen Geldwert für die Fertigung der Gräber abzufordern. Seinen Lohn erhielt er jetzt leistungsabhängig nach Anzahl und Größe der Gräber aus der Kirchenkasse.

Wichtig erschienen uns zwei weitere Punkte.

Erstens, das Gras, welches auf dem Gottesacker wuchs, durfte der Hospitalpächter nutzen, denn es handelte sich beim Friedhofsgelände um ehemaliges Hospitalfeld. Die Ländereien des Hospitals wuchsen kontinuierlich durch Zukauf zu recht stattlichen Flächen heran, die weit über den Bedarf zur Eigenversorgung hinausgingen. Somit erfolgte ab Anfang des 18. Jahrhunderts die Nutzung der Felder durch einen Pächter. Wenn auch nicht zu belegen ist, dass das Hospital diese Flächen kostenlos oder ohne Flächenausgleich der Stadt zur Verfügung gestellt hat, gelten hier noch alte Gewohnheiten. „Der Todtengräber hatte fleißig Acht zu haben, damit von des Pächters Viehe niemals an den Gräbern Schaden geschehen möge“. Zum Schutz gegen Viehfraß wurden anfangs einfache Umzäunungen um einzelne Gräber vorgenommen. Aus praktischer Erwägung heraus umbaute man diese Stellen später mit Eisengittern, welche bald als Gestaltungselemente große Beliebtheit erlangten. Durch diese Sitte entstand eine Blütezeit der herrlichsten Schmiedekunstwerke zur Grabeinfassung, hauptsächlich in der Zeit um 1880 bis 1910. Leider sind davon heute nur noch einzelne Überreste zu bewundern.

Eine zweite bemerkenswerte Festlegung ist für uns, dass keine Leichensteine ohne vorherige Genehmigung geliefert und gesetzt werden durften. Somit wäre nachgewiesen, dass mindestens ab 1785 für Grabmalaufstellungen eine Genehmigung gefordert wurde. Inwiefern diese auch kostenpflichtig war, lässt sich nicht mehr ermitteln.

Die finanzielle Zuwendung für die Totengräber dürfte angemessen gewesen sein. Diese Meinung vertrat zumindest die Kircheninspektion nach einem Beschwerdeschreiben des Johann Thieme vom Januar 1800. Seine Lohnzuwendungen wurden zu dieser Zeit halbiert. Die Weiterreichung eines Teiles seines Lohnes für Einzelleistungen an Helfer entfiel zwar. Unklar bleibt für uns, um welche Arbeiten es sich dabei handelte. Sein Vater und die Vorgänger erhielten wesentlich mehr. Es waren keine leichten Zeiten und höhere Preise waren für alle Lebensbedürfnisse zu entrichten. Mit seinem Antrag stieß er bei gesagter Kommission nicht auf Verständnis. Die abschlägige Antwort, „… er hätte ein einträgliches Einkommen“, wurde ihm erst auf sein zweites Gesuch, zwei Jahre später, zugestellt.

Nach 25 Arbeitsjahren durfte er seinen Sohn Johann CarI Thieme als Stellvertreter verpflichten. Doch versah er selbst seinen Dienst bis zu seinem Ableben, dem 22. Januar 1826. 40 Jahre lang hatte er die Geschicke des Gottesackers in der Hand.

Die Inschrift des gemeinsamen Grabmales, welches schon längst vom Friedhof entfernt wurde, lässt uns etwas von der Schwere der Arbeit erahnen. So lauteten die beiden Inschriften:

Meister Johann Christian Thieme, Bürger Maurer und 54 Jahre gewesener Totengräber † 22. Januar 1826 und hat 20 381 Seelen zur Ruhe gebracht“, und auf der anderen Seite stand: „Johann Heinrich Karl Thieme, Bürger Maurer und 50 Jahre gewesener Totengräber † 26. Mai 1860 und hat 23 311 Seelen zur Ruhe gebracht“.

Die Jahre beziehen sich hier zusätzlich auf die Substitutenzeit, wodurch sich die Jahresangaben überschneiden. Die steigende Zahl der Beisetzungen erklärt sich aus der Einwohnerzahl dieser Zeit. Zählte man in Altenburg 1773 noch 7.792 Einwohner, waren es 1860 bereits 16.754.

Bei der Aufsichtspflicht und Überwachung des Gottesackers kam dem Totengräber eine nicht zu unterschätzende Aufgabe zu. Dieser war er zeitweilig gar nicht gewachsen. Wenn wir uns vor Augen führen, dass die Friedhofsfläche bis um 1864 nur den schmalen südlichen Teil einnahm, dieser zusätzlich mit einer hohen Mauer eingefasst war und sich auch die Dienstwohnung direkt am Friedhofseingang befand, da sollte man annehmen, dass es zu keinen Zwischenfällen kommen könnte. Weit gefehlt, wenn wir denken, der Gottesacker war ein Bereich der Ruhe und Sittsamkeit! Die Ernsthaftigkeit der Problematik stellt sich mit folgendem Auszug aus dem Herzogl. Sachsen-Altenburgischen Amts- und Nachrichtenblatt vom 30. März 1861 dar: „…Die vielfachen Klagen und Beschwerden über muth- und böswillige Befrevelung der Anlagen, der Denkmäler und der Grabstätten auf unserem Gottesacker veranlasst uns einen beauftragten Offizianten (Unterbeamten) anzustellen, ... der berechtigt ist gegen derartige Ungehörigkeiten einzuschreiten ..“ Diese Aufgabe bekam der Nachtpolizeidiener Ferdinand Rothe übertragen, ohne die Kompetenzen des Totengräbers zu beschneiden. Denn so heißt es weiter in der Bekanntmachung: „…der Pflicht des Todtengräbers zu besonderer Beaufsichtigung desselben eine Abänderung nicht eintritt“.

Die Eheleute Thieme hatten mehrere Töchter, aber keinen Sohn. Johann Gabler, ein aufgenommener, tüchtiger Junge ergänzte die Familie. Zeitig ging er bei Friedhofsarbeiten mit zur Hand. Nachdem er beabsichtigte, eine der Töchter zu heiraten, war die Familienangelegenheit perfekt und auch der neue Nachfolger erwählt. Dem Stadtrat und der Kircheninspektion war wohl bekannt „… daß für die Besezzung dieser Stelle, nur ein Mann gewählt werden konnte, der durch jahrelanges Mitarbeiten und genauen Kenntnißen bei den vielfältigen Abtheilungen und deren Besizzern der Gräbern sich die erforderlichen Kenntnisse erworben hat“. Somit bekam er ab 1842 die Stelle als Vertretungsposten.

Anlass genug, eine neue „Todtengräber-Inspektion“ zu erlassen. In einem Punkt brachte sie eine weitreichende Veränderung mit sich. Was für uns eine Selbstverständlichkeit erscheinen mag, wird hier erstmals erwähnt und gefordert - nämlich alle Grabstätten zu nummerieren und in Listen zu erfassen. Dies war eine schwer durchzusetzende Forderung, denn nur zögerlich gewöhnte man sich an diese Anweisung. Aber bald konnte erreicht werden, dass sämtliche Verstorbene in ein Grabstättenverzeichnis eingetragen wurden. Die Veranlassung ging bereits auf das Jahr 1837 zurück. Der erwähnenswerte Wortlaut aus § 2 dieser Das älteste Beerdigungsregister von 1838 Instruktion lautete: „…Der Todtengräber und sein Substitut sind angewiesen und verpflichtet, die Gräber in gehöriger Reihenfolge anzulegen, und daß darüber im Jahre 1837 angefangene Verzeichniß über Beerdigungsfälle nach den bestehenden Abteilungen - dessen Quartieren und Reihen unter fortlaufender Nummer, mit Angabe des Namens und Todtestags in Ordnung festzusezzen“. Diese Anweisung präzisierte eigentlich nur das exakte Führen von Grabbücher, es wurde nicht die herzogliche Anweisung vom 11.10.1836 eingefügt, die folgendes vorschrieb: „…die einzelnen Gräber durch Bezeichnung kenntlich zu machen, mit deren Hülfe sie späterhin mit Sicherheit wieder aufzufinden sind.“ Dieser Mangel führte dazu, dass zwar hinfort Grabbücher geführt wurden, aber das Auffinden der Gräber weiterhin Schwierigkeiten mit sich brachte, was sich bis in unsere Tage als Nachteil bei historischen oder familiären Nachforschungen auswirkt. Auf anderen alten Friedhöfen sind diese Bücher kaum noch vorhanden oder sie wurden erst viel später angelegt. Diese seltenen Exemplare von Belegungsbüchern sind nicht mit Kirchenbüchern zu verwechseln, welche keine Aussagen zu den Grabstätten enthalten.

Weiterhin wurde in dieser Instruktion auf das Reit- und Fahrverbot mit Kutschen hingewiesen, ausgenommen für den Baumaterialtransport. Eine Anmerkung mit Bleistift am Rande der Schrift sei hier erwähnt: „Es haben sich in vergangener Zeit mehrere Personen erlaubt mit ihrem Geschirr den Gottesacker zu befahren, was selbst die herrschaftliche Familie sich nicht erlaubt.“

Der Hospitalpächter konnte zu dieser Zeit keine Ansprüche mehr an der Grünnutzung der freien Friedhofsflächen geltend machen, denn die Erweiterungsstücke des Friedhofs wurden nicht mehr vom Hospital, sondern von Privatpersonen angekauft. Somit stand die Gras- und Obstnutzung dem Totengräber zu, was aber nicht bedeutete, dass diese Flächen erweitert werden konnten, vielmehr wurde auf eine Veränderung im Interesse der Verschönerung des Friedhofes gedrängt und der Ersatz der Obstbäume durch Zierbäume und Sträucher angeraten.

Ungebührlichkeiten, so heißt es weiter in der Instruktion, die nicht mit der Bestimmung des Ortes im Einklang standen, waren zu verbieten. Dazu zählte auch das Tabakrauchen, Pfeifen und Singen.

Ohne Ausschreibung, obwohl sie inzwischen für diese Anstellung gefordert wurde, hat nach dem Ableben des Johann Gabler dessen Neffe Hermann Julius Fleck die Anstellung bekommen. Er stand schon 14 Jahre seinem Onkel zur Seite und führte die letzten Jahre die Bücher. Sein Mitbewerber, der Maurergeselle Heinrich Nitzsche, konnte die Stelle nicht antreten.

Später stellte sich heraus, dass die Einstellung von Julius Fleck möglicherweise nicht der beste Griff war. In seiner nur siebenjährigen Dienstzeit häuften sich die Beschwerden über den Zustand des Friedhofes. So wurde z. B. gerade vorm Johannistag Heu zusammen gefahren und um den einzigsten Brunnen des Friedhofes gelagert, so dass die Besucher kein Wasser entnehmen konnten. Weiterhin musste er sich vor einem Schöffengericht verantworten, schließlich wurde ihm 1886 durch den Oberbürgermeister gekündigt.

Mehrere Bewerbungen gingen ein. Die Aufgabenstellungen wandelten sich ab diesem Zeitpunkt. Erstmals bewarben sich gelernte Gärtner um den Posten. Es hatte auch andere Gründe, dass der Gärtner für unseren Berufsstand erst relativ spät zum Einsatz kam. Die Gärtnerausbildung unterlag einer Rückständigkeit gegenüber anderen Handwerksberufen. Es waren zwar königliche Gärtnerlehranstalten ab Anfang des 19. Jahrhundert in einigen deutschen Ländern bekannt, doch bedurfte es eines langen Weges, bis sich der Gärtner als anerkannter Berufszweig durchsetzte.

Man tat sich schwer, den Richtigen zu finden. Zeitweilig hatte Franz Müller die Stelle inne, um 1889 war sie gar nicht besetzt. Daraus erklärt sich, dass sich die Handschriften in den Grabbüchern während dieser Zeit mehrfach änderten. 1888 wollte Fr. Zänker, ein Landschaftsgärtner, die Stellung übernehmen. Ein Mann von Erfahrung, sollte man meinen. In seinem Bewerbungsschreiben von Mitte September kündigte er für „heuern zeitig Kälte“ an. Die Wetterdaten vom Jahre 1888 müssten anderes interpretiert werden. Bis Neujahr kein Schneefall und lediglich zwei sehr kalte Tage im November fügten sich in den eher milden Herbst ein. Ob er nun Recht behielt oder nicht mit seiner Wettervorhersage, es bleibt immer noch fraglich, ob er der Richtige für diese Stelle gewesen wäre. Denn er wollte die Arbeit nur unter der Bedingung antreten, seine kleine Grünfirma weiterführen zu können.

Endlich, 1894 gelang eine zuverlässige Einstellung mit Hermann Luther. Vor wenigen Jahren konnte noch am bescheidenen Grabmal Luthers (2. Abteilung, nahe der Friedhofskapelle) die Inschrift entziffert werden: Friedhofsinspektor i. R. Hermann Luther * 16.6.1864 † 13.5.1941. 45 Jahre hat er seinen Gottesacker betreut.

In eigener Sache

Der Leser möge es mir nachsehen, wenn ich mich hier etwas zu ausführlich, diesem Thema widmete. In Deutschland haben wir über 25000 Friedhöfe, aber wo gibt es noch eine Schrift über den Totengräber, ins 17. Jahrhundert zurückreichend, dessen Arbeitsgebiet ich als Nachfolge angetreten habe? Ohne Zweifel, die Aufgaben haben sich in den 350 Jahren völlig gewandelt.

Um die letzte Jahrhundertwende war der Name Totengräber längst nicht mehr zeitgemäß. Nur zögerlich setzte sich eine treffendere Bezeichnung durch. Um sich Gehör zu verschaffen und einen gemeinsamen Standpunkt zu finden, schlossen sich 1903 in Leipzig Friedhofsverwalter zusammen. Mit der Herausgabe der Zeitschrift der „Friedhofsbote“, riefen sie zur Gründung eines Vereines der Friedhofsverwalter auf. Bereits 1904 kam es zum Durchbruch mit der Gründung des „Verband der Friedhofsbeamten“ in Berlin. Die Hauptziele waren dabei, die Durchsetzung sozialer Forderungen für den Berufsstand sowie die Erlangung allgemeinen Anerkennens. Dies gelang auch, denn der Totengräber wurde zum Friedhofs- oder Kirchhofsverwalter ernannt. Auf größeren Friedhöfen konnte er sich bald zum Friedhofsinspektor qualifizieren.

Der 1904 gegründete Verein ist unter dem Namen „Verband der Friedhofsverwalter Deutschlands e.V.“ auch heute noch aktiv. Auch in Thüringen wurde unter Vorsitz des Autors 1991 dieser Verband wieder ins Leben gerufen.

Hans Böhme

Quelle. „Schriftreihe zur Friedhofskultur“ Nr. 12, März 2005