Die Sammlung „Mittelalterliche Kunst in Thüringen"

Domizil der Sammlung mittelalterlicher Schnitzplastik ist die Predigerkirche, am Predigerplatz, hinter der Post gelegen.

Die turmlose ehemalige Klosterkirche gehört zu den ältesten sakralen Bauwerken der Stadt Eisenach. Ursprünglich für ein Nonnenkloster erbaut, übergab sie Landgraf Heinrich Raspe den Dominikanermönchen, einem 1216 gegründeten Orden, der zu den Prediger - oder Bettelorden gehört, deren Mitglieder auf weltliche Güter verzichteten und sich ihren Lebensunterhalt durch Predigten, die sie nicht in lateinischer sondern in der Landessprache hielten, erbettelten.

Die Kirche wurde Johannes dem Täufer und der 1231 in Marburg gestorbenen und bereits 1235 heiliggesprochenen Schwägerin Heinrich Raspes, Landgräfin Elisabeth von Thüringen, Gemahlin Ludwigs IV, um 1240 geweiht.

In den noch erhaltenen Klostergebäuden befindet sich heute das Marin-Luther-Gymnasium. Sie sind um einen rechteckigen Innenhof gebaut mit der Kirche an der Nordseite. Im spätromanischen Stil begonnen und im gotischen Stil vollendet, ohne Querhaus, nur mit einem Seitenschiff im Norden, durch welches der Haupteingang führte, befindet sich im Osten eine dreischiffige und gewölbte Unterkirche (Krypta) und über ihr der hohe Chor. Die romanischen Säulenbasen sind zum größten Teil erhalten. Relikte des hohen Chores sind gotische Bogennischen des sogenannten Celebrantensitzes.

Wesentliche Eingriffe in die historische Bausubstanz der Klosteranlage sind im 16., 17. und 19. Jahrhundert erfolgt. Die Kirche wurde bald nach der Säkularisierung im 16. Jahrhundert als Kornspeicher, Schüttboden, Armenküche u.v.m. genutzt bis 1899 das neugegründete Thüringer Museum hier seine Heimatstatt fand. Die Sammlung mittelalterlicher Schnitzplastik - Skulpturen und Skulpturengruppen, Altäre und Altarfragmente sowie Bildtafeln und Steinbildwerke des 12. bis 16. Jahrhunderts - ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Die durch Ankäufe oder im Tausch erworbenen und die als Leihgaben Thüringer Kirchgemeinden bewahrten Kunstwerke dokumentieren annähernd geschlossen die thüringische Schnitzkunst aller bedeutenden regionalen Werkstätten des Mittelalters (Erfurt, Jena, Saalfeld, Zeitz) und darüber hinaus Verbindungen zu anderen Kunstzentren des süd- und mitteldeutschen Raumes. Hervorragende Kunstwerke stehen neben Beispielen der Volksfrömmigkeit. In der Mehrzahl wirkten anonyme Meister, aber auch bedeutende Schüler Tilman Riemenschneiders wie Hans Gottwalt von Lohr und Valentin Lendenstreich.

Der Mittelschrein des Marienaltars aus Probstzella bei Saalfeld wurde in der Werkstatt Hans Gottwalts um 1510 gefertigt. Die Figuren sind aus Lindenholz geschnitzt und gefaßt (bemalt), der Schrein besteht aus Nadelholz. Vor dunkelbraunem Hintergrund in einer vergoldeten Strahlenmandorla steht eine Mondsichelmadonna, flankiert von den Heiligen Katharina und Barbara mit ihren Attributen Rad und Kelch. Die Baldachine über den Figuren bestehen aus vergoldeten Kielbögen und Laubwerk; Laubwerkschleier befinden sich auch unter den Sockeln der Heiligen. Ihre Mäntel sind vergoldet und blau gefüttert. Der rote Mantelsaum der Maria ist mit Ornamenten versehen, bei Katharina und Barbara ist es ein Preßmustersaum. Die gegürteten Untergewänder sind in Rot und Silber gehalten; versilbert ist auch die Mondsichel, auf der Maria steht. Die Kronen sind vergoldet und mit imitierten Edelsteinen besetzt; vergoldet sind auch die Nimben; der Kelch und der gepunzte Buchdeckel. Die rechte Hand der Maria, beide Unterarme des Jesusknaben, ein Teil des Schwertes und des Rades der heiligen Katharina sind nicht mehr erhalten.

Die "Heilige Sippe" aus Rabis bei Jena ist vermutlich Teil eines Schnitzaltars, wahrscheinlich aus der Jenaer Werkstatt von Johann Linde, um 1520. Dargestellt ist die heilige Anna mit ihren Töchtern, den drei Marien, jeweils mit ihren Kindern; über die vergoldete Brüstung lehnen sich fünf Männer, vermutlich die Ehegatten. Die Szene ist in die Entstehungszeit des Reliefs gesetzt, die Figuren tragen die bürgerliche Kleidung um 1520.

Die sogenannte Heinrich Raspe-Figur stammt vermutlich aus dem Eichsfeld aus der Zeit vor 1300, dargestellt als Landgraf mit Schwert und Schild. Der "Trauernde Johannes der Evangelist" aus Braunsdorf bei Triptis ist das älteste Stück der Sammlung, spätromanisch, um 1170 entstanden. Die Figur ist Teil einer Triumphkreuzgruppe, vollplastisch aus Ahornholz gearbeitet und war vermutlich gefasst. Die schlanke, zarte, hoch aufragende Gestalt hält in der linken Hand ein Buch, die rechte stützt den Kopf, der leicht geneigt ist.

Die Thüringer Kunst des Mittelalters zeichnet sich durch Themenbreite, interessante Stilzusammenhänge und durch technische Fertigkeiten ihrer Werkstätten, insbesondere aber durch ihre Gefühlstiefe aus.