Professor Ernst Amende

 

(1852 - 1940)

 

Am 13. Mai 1852 wurde Ernst Amende als siebentes Kind des Schneidermeisters Johann Gottlieb Amende und seiner Ehefrau Johanne Louise geb. Müller in Orlamünde/Naschhausen geboren. In der Schule zeichnete er sich durch besondere Begabung aus. So war es nicht verwunderlich, dass seine Lehrer der Meinung waren, dass er einmal ihren Beruf ausüben sollte.

Mit 17 Jahren wurde er Präzeptor in Seitenroda, einem hübschen Dörfchen zu Füßen der Leuchtenburg, dessen Bewohner bis in die Gegenwart immer an einem schönen Äußeren ihrer Heimat gearbeitet haben. Im Oktober 1869 trat er in das Lehrerseminar in Altenburg ein, das sich zu jener Zeit im heutigen Gebäude II des Friedrichgymnasiums am Hospitalplatz befand, in jüngerer Zeit unter dem Namen Dr.-Theo-Neubauer-Schule bekannt. In einem dreijährigen Lehrgang wurden seit 1861 die Seminaristen auf ihren künftigen Beruf vorbereitet. Die Ausbildung war sehr praxisbezogen, und der Seminardirektor Runkwitz, dessen Gedenken in Altenburg eine Straße gewidmet ist, achtete darauf, dass seine Zöglinge sich den künftigen Anforderungen gut gewachsen zeigten. Wenn man den hohen Stand der Bildung und die Vielseitigkeit von Ernst Amende später bestaunt, wird wohl deutlich, dass er über das Dargebotene hinaus sich vieles selbst erarbeitet haben musste. Nach der Erweiterung des Seminars auf fünf Klassen 1874 wurde er Ostern 1876 als Lehrer dorthin berufen. Weniger als vier Jahre zuvor war er dort noch Schüler gewesen, wohin er jetzt als junger 24jähriger Lehrer zurückkehrte, um selbst Pädagogen auszubilden. Vorher hatte er sich von 1872 bis 1874 an der Bürgerschule in Schmölln und danach bis 1876 am Karolinum in Altenburg in der Praxis bewährt. Seine früheren Ausbilder hatten aber die Verbindung zu ihm gehalten und ihn, der ihnen schon vorher aufgefallen war, nicht aus den Augen verloren. Bis Ostern 1919, als er in den Ruhestand versetzt wurde, hielt er „seiner Schule“ die Treue und bildete in 43-jähriger Tätigkeit eine Vielzahl von Lehrern mit aus, wobei er zu einem beträchtlichen Teil, die schon lange Jahre in ihrem Beruf tätig waren, weiter engen Kontakt hielt und sie zu sammlerischer Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten, besonders später in der Ur- und Frühgeschichte anhielt. Hans Höckner und Ernst Frauendorf seien hier besonders genannt. Er weckte darüber hinaus aber auch das Interesse für die Fauna und Flora der Region, für geschichtliche Abläufe, für Geologie, Siedlungsgeschichte, landwirtschaftliche und industrielle Entwicklung. Immer befand er sich auf Suche, auf Exkursion. Auf vielen Wanderungen öffnete er seinen Schülern die Augen und regte sie zur praktischen Tätigkeit an. Selbst in den Ferien in ihren Heimatorten waren die Schüler weiter in diesem Sinne tätig, konnten sie doch nicht zurückkommen, ohne irgendetwas gesammelt, beobachtet oder gezeichnet zu haben. Schien die Sache bemerkenswert zu sein, wurde sie vom „Meister“ an Ort und Stelle überprüft. Das war für die Schüler immer eine besondere Auszeichnung, wenn sich ihre Beobachtung als bedeutungsvoll herausstellte. Auf diese Weise war auch Amende angehalten, fast alle Orte des Herzogtums sowohl im Ostkreis wie im Westkreis aufzusuchen, wodurch er sich eine Ortskenntnis erarbeitete, die andere immer wieder in Erstaunen versetzte. Das war ihm auch bei der Erstellung von Karten hilfreich. Die bedeutenden Vereine unserer Region, die Naturforschende Gesellschaft des Osterlandes und die Geschichts- und Altertumsforschende Gesellschaft des Osterlandes, rechneten es sich zur Ehre an, ihn seit 1886 bzw. 1896 als Mitglied in ihren Reihen zu wissen. Besonders bei den Historikern war er außerordentlich aktiv durch Vorträge und Veröffentlichungen. Die Gesellschaft für Erdkunde gründete er 1889 mit. Arbeiten über „Schmölln und seine Steinnussknopfindustrie“ und den „Braunkohlenbergbau im Altenburger Ostkreis“ zeigen seine Vielseitigkeit. Die Folge der engen Zusammenarbeit mit dem Geographischen Institut der Universität Halle, besonders dem bekannten Geographen Professor Kirchhoff, war schließlich die Schaffung der Schulwandkarten für den Altenburger Ostkreis und den Altenburger Westkreis sowie die Erarbeitung der „Landeskunde von Sachsen-Altenburg“ im Jahre 1902. Dieses Werk war wohl rund fünfzig Jahre lang eines der wichtigsten Bücher, die ein Lehrer in unserer Gegend sein eigen nannte und das wohl bei keinem fehlte. In einem einleitenden Teil wird auf die natürlichen Bedingungen eingegangen. Nach der Darstellung der Lage des Gebietes werden u. a. Ausführungen über die Geologie, die Bodenverhältnisse, das Gewässernetz, das Klima und die Tier- und Pflanzenwelt gemacht. An jedes einzelne Kapitel ist ein Literaturverzeichnis angefügt, das dem Leser die Suche nach weiteren Informationen erleichtert. Der anschließende Teil beschäftigt sich mit den Bewohnern des Gebietes. Nach einem kurzen Überblick über die Geschichte, wobei begreiflicherweise die Vorgeschichte und die Geschichte der Wettiner breiteren Raum einnehmen, geht Amende auf Sitten und Gebräuche ein. Danach werden die einzelnen Landschaften dargestellt. Dabei wird der Ostkreis in das vogtländische Bergland mit den Schwerpunkten Ronneburg und Schmölln, in das osterländische Hügelland mit Altenburg und Gößnitz und das Altenburger Tiefland mit Meuselwitz und Lucka unterteilt. Der viel stärkeren Gliederung des Westkreises wird durch die Darstellung von zehn verschiedenen kleineren Regionen Rechnung getragen. Dem Ganzen ist ein alphabetisch geordnetes Register der Ortschaften angeschlossen, das schnelle Orientierung ermöglicht.

Ohne andere Gebiete deshalb völlig zu vernachlässigen, wandte sich Ernst Amende in der Folgezeit besonders der Vor- und Frühgeschichte zu. Überall, wo sich die Gelegenheit bot, in Sand- und Kiesgruben, bei Bauarbeiten, in Tagebauen, bei Planierungen und Rodungen war er schnell zugegen. Immer wieder hielt er Vorträge und machte seine Erkenntnisse durch Veröffentlichungen bekannt. Besonders Bauarbeiter, Bauern und Lehrer hielt er dazu an, auf Funde zu achten, diese selbst zu bergen oder ihn mit einer Karte zu informieren. So reihte sich Fundbericht an Fundbericht. Immer wieder wurde Amende aber angehalten, auch andere Aufgaben zu übernehmen. So hat er zum Beispiel 1912/13 Gutachten für Schulbücher verfasst. Als er 1919 in den verdienten Ruhestand trat, sah er nur noch mehr Möglichkeiten zur wissenschaftlichen Tätigkeit. Seinem Hobby, der vorgeschichtlichen Forschung, gehörte fast seine gesamte Freizeit. Noch 1919 hat er die Vorgeschichte des Altenburger Landes zusammengestellt und als seinen Beitrag zum Jahrhundertheft der Naturforschenden Gesellschaft eingebracht. Als Führer durch die vorgeschichtliche Abteilung des Heimatmuseums zu Altenburg erschien 1922 seine „Vorgeschichte des Altenburger Landes“. In einem Vorwort schrieb er u. a.:

 „… Der Führer ist für die weitesten Volkskreise bestimmt. Er setzt darum keine besonderen Fachkenntnisse voraus, ist allgemeinverständlich gehalten, erklärt die notwendigen, nicht zu umgehenden Fachausdrücke und vermeidet Fremdwörter so viel als möglich. Die beigegebenen Abbildungen (19, d. V.) sollen seine Brauchbarkeit erhöhen.“

Nach der Darstellung der Geschichte der Sammlung erfolgt auf dem Stand der damaligen Erkenntnis ein chronologischer Überblick von der Altsteinzeit bis zur Zeit der mittelalterlichen deutschen Kolonisation. Es schließt sich eine Literaturübersicht an, die nur Schriften verzeichnet, die sich auf die Vorgeschichte des Altenburger Landes beziehen.

Am meisten profitierte von Amendes Tätigkeit die Geschichts- und Altertumsforschende Gesellschaft des Osterlandes. Im Kreis ihrer Mitglieder hielt er insgesamt 46 Vorträge über Funde und Ausgrabungen. Der Gesellschaft übereignete er auch alle Funde und ihm gemachte Schenkungen. Das entspricht fast genau der Zahl der in den Mitteilungen der GAGO erschienen Beiträge (47). Diese wurden durch seine Initiative einer größeren Zahl von Menschen dadurch zugänglich gemacht, dass die vorgeschichtlichen Sammlungen im Heimatmuseum des Altenburger Schlosses anschaulich und gut sichtbar untergebracht werden konnten. Dadurch war es möglich, den zahlreichen Besuchern einen Einblick in diese Zeit zu geben. Besonders angetan war Professor Amende, wenn „seine Schüler“, die jetzigen Lehrer, wiederum mit ihren Schulklassen anrückten und er ihnen in anschaulicher Form die weit zurückliegenden Ereignisse nahe bringen konnte. Oft hatte er aber auch Gelegenheit, mit angesehenen Vertretern der Vor- und Frühgeschichte in diesen Räumen zu fachsimpeln. Diese Tätigkeit hat auch die GAGO selbst in der Öffentlichkeit bedeutend aufgewertet, wie auch E. Mentzel als Geschäftsführer der Gesellschaft in der Festschrift zum 100jährigen Bestehen feststellt. Anlässlich des 85. Geburtstages ihres Schöpfers erhielt die vorgeschichtliche Sammlung die Bezeichnung „Ernst - Amende - Sammlung für Vorgeschichte.“

Lange Jahre war kein Vaterländischer Geschichts- und Hauskalender ohne einen Beitrag von Amende. Auch dieses damals weit verbreitete Druckerzeugnis verdankte seine Popularität u. a. seinen fast jährlich erscheinenden Aufsätzen über neue Fundstätten. Gleiches kann zu den „Altenburger Heimatblättern“, der monatlichen Sonderbeilage der „Altenburger Zeitung für Stadt und Land“, gesagt werden.

Viele Ehrungen wurden Ernst Amende zuteil. War er schon im Jahre 1894 zum Seminaroberlehrer ernannt worden, so verlieh ihm im Jahre 1917 der Herzog gar den Professorentitel. Hatte ihn die Naturforschende Gesellschaft des Osterlandes 1922 zum Ehrenmitglied ernannt, so folgte 1932 die Geschichts- und Altertumsforschende Gesellschaft nach. Ein Jahr später wurde er zum Ehrenbürger seiner Heimatstadt Altenburg ernannt. Eine Straße trägt seinen Namen. Als er am 21. April 1940 starb, riss er trotz seines hohen Alters eine spürbare Lücke, hatte er doch bis zuletzt durch Vorträge und Veröffentlichungen ein beachtliches Arbeitspensum bewältigt. Zur feierlichen Beisetzung sprachen der Oberbürgermeister Dr. Grimm und der Schulrat Zetsche. Die Geschichts- und Altertumsforschende Gesellschaft würdigte seine Tätigkeit durch den damaligen Vorsitzenden Börries Freiherr von Münchhausen, der ihn in eine Reihe mit anderen überragenden Männern der Region, wie Bernhard August von Lindenau, Hans Conon von der Gabelentz und Alfred Brehm, stellte. Von seinen früheren Schülern sprachen Hans Höckner und Studienrat Dr. Franz Thierfelder Worte des Gedenkens. Auch der frühere Herzog Ernst II. war zugegen und legte einen Lorbeerkranz nieder.

 

Wolfgang Enke

 

Quelle: „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 2002“

                E. Reinhold Verlag Altenburg