Über 540 Jahre Musiktradition der Landeskapelle Altenburg

Aus der Musikgeschichte der Stadt Altenburg

Die Anfänge einer Hofmusik in Altenburg sind mit dem Jahr 1456, ein Jahr nach dem berühmten Altenburger Prinzenraub (zum Vergleich: die Staatskapelle Dresden wurde 1548 gegründet), belegt. Damals standen 4 Pfeifer, 2 Lautenschläger und 1 Fiedler im Dienst Kurfürst Friedrichs des Sanftmütigen. Die Angaben über die Hofkapelle sind in der Folgezeit bis 1602/1603 sehr lückenhaft, was durch relativ rasch folgende Regierungswechsel begründet ist. Mit dem Einzug der Herzogin Anna Maria ins Altenburger Schloss (1604), begann für das Altenburger Musikleben eine neue Epoche.

In dieser Zeit standen Hoforganisten wie Georg Zöllner, Johann Christenius, Johann Pflug und Gottfried Scheidt im Dienste des Altenburger Hofes. Unter Friedrich Wilhelm II. gehörten ab 1654 zehn fest angestellte Musiker zur Hofkapelle. In dieser Zeit wirkten am Altenburger Hof Organisten und Kapellmeister wie Johann Ernst Witt, später sein Sohn Christian Friedrich Witt, der Begründer der Braunschweiger Oper Johann Jacob Löwe und Wolfgang Michael Mylius.

Nach dem Tod Friedrich Wilhelm II. kam Altenburg an den Herzog Ernst von Gotha. So kamen Opern und Melodramen der Altenburg- Gothaischen Hofkapellmeister Gottfried Heinrich Stölzel und Georg Benda im ehemaligen Schlossgartentheater zur Aufführung (z.B. 1775 die Melodramen "Ariadne auf Naxos" und "Medea" von G. Benda).

Während die Hofmusik von 1772-1828 durch die "Gastrolle" Gothaischer Musiker geprägt war, gab es gleichzeitig einen ungeheuren Aufschwung bürgerlicher Initiativen. Das Komödienhaus in der Pauritzer Gasse (1783¿1842) wurde von Bürgern der Stadt Altenburg aus einer Scheune in ein "städtisches Theater" mit ca. 700 Plätzen umgebaut. Zu den Aufführungen auf dieser Bühne, die zweifelsohne für die Altenburger Musikgeschichte von hoher Bedeutung sind, zählten z.B. 1792 Mozarts "Entführung aus dem Serail" und 1812 "Die Zauberflöte", 1822 Webers "Freischütz", 1825 Rossinis "Der Barbier von Sevilla" und Webers "Oberon", 1832 Aubers "Fra Diavolo" und 1843, unter der Leitung des Komponisten, Lortzings Spielopern "Zar und Zimmermann" und "Der Wildschütz".

Um 1825 erscheinen auch erstmalig so genannte "Abonnementkonzerte". Die Hofkapelle wurde in dieser Zeit unter der Leitung von Christian Gottlieb Müller und dem Musikdirektor Ernst Otto Toller auf folgende Besetzung erweitert:

Violine I – 3

Violine II – 3

Viola – 2

Violoncello – 2

Kontrabass - 2 Flöte – 2

Oboe – 2

Klarinette – 2

Fagott – 2

Horn - 2-4 Trompete – 2

Posaune – 3

Tuba – 1

Pauke – 1

Schlagzeug – 2

Eine wesentliche Entwicklungsphase wurde 1860 durch den Hofkapellmeister Dr. Wilhelm Stade eingeleitet, der mit Liszt, Wagner und Berlioz befreundet war.

Zu Stades Zeit verlegte der "Allgemeine Deutsche Tonkünstlerverein" seine Hauptversammlungen 1868 und 1876 nach Altenburg, ein Zeichen für das damalige künstlerische Niveau der Kapelle und des Musiklebens der Stadt.

Die oben angegebenen Spielstätten wurden den Ansprüchen des Altenburger Publikums in der Mitte des 19. Jh. nicht mehr gerecht: es fehlte ein repräsentativer Theaterbau. 1868 sprach sich Herzog Ernst I. für die Erbauung eines Theaters in Altenburg aus. So wurde 1871 nach zweijähriger Bauzeit das Herzogliche Hoftheater (für ca. 1.100 Zuschauer) mit dem "Freischütz" eröffnet.

Die musikalische Leitung im Hoftheater hatte von Anfang an bis 1874 Wilhelm Stade. Er überließ Einstudierungen dem 2. Kapellmeister Georg Riemenschneider, unter dessen Dirigat 1873 die gefeierte Altenburger Erstaufführung des "Thannhäuser" und 1874 ein großes Wagnerkonzert unter Mitwirkung von sechzig Musikern stattfand.

1875 erklang unter der musikalischen Leitung von Kapellmeister H. Heynke "Lohengrin" und 1876 "Der fliegende Holländer". Im Jahre 1886 kam es zu den Altenburger Erstaufführungen von Bizets "Carmen" und Wagners "Meistersinger".

Von 1893¿1903 gastierten u.a. folgende Dirigenten: Alfred Herz, Richard Sahla, Hans Chemin-Petit und Arthur Nikisch. Aus dieser Zeit stammt auch ein Brief von Engelbert Humperdinck über die Altenburger Erstaufführung seiner Märchenoper "Hänsel und Gretel", in dem er sich mit Anerkennung über die Aufführung seines Werkes an der hiesigen Bühne ausspricht. 1903 wurde Dr. Georg Göhler zum Hofkapellmeister berufen und sorgte für weitere Erstaufführungen im Opernrepertoire. 1903 wurde Offenbachs "Hofmanns Erzählungen", 1910 Puccinis "Madame Butterfly", Smetanas "Verkaufte Braut" und 1909 Wagners "Ring des Nibelungen" erstmalig hier aufgeführt.

Während des 1. Weltkriegs fanden u.a. Verdis "Othello" und Strauß "Salome" große Beachtung. Mit Eugen Szenkar wurde 1917 ein junger Kapellmeister engagiert, dem bereits 1919 die erneute Aufführung von Wagners "Ring des Nibelungen" gelang und der vor allem dem Konzertwesen durch wesentliche Verstärkung des Orchesters neuen Aufschwung gab.

Nach der Abdankung Herzog Ernst II. wurde das Fürstentum 1918 zum Freistaat und schließlich 1920 dem Land Thüringen zugeordnet und die Hofkapelle vom Land Thüringen als Landeskapelle übernommen. Ab 1922 wurde GMD Dr. Georg Göhler erneut an das nunmehrige Landestheater berufen, der von hier aus durch die Übersetzung und Einrichtung unbekannter Verdi Opern, eine Verdi-Renaissance in Deutschland einleitete. 1925 dirigierte Siegfried Wagner ein Konzert der Landeskapelle und Eduard Künnecke leitete die Uraufführungen seiner Operetten "Die blonde Lieselott" und "Nadja". Es wurde Ernst Kreneks "Jonny spielt auf", und die Uraufführung der Neufassung der beiden Einakter, "Der Protagonist" und "Der Zar lässt sich photographieren" von Kurt Weill, in Anwesenheit des Komponisten gespielt. In den Spielplänen dieser Zeit erscheinen neben zahlreichen Uraufführungen auch Pfitzners "Armer Heinrich", Janaceks "Jenufa", Puccinis "Turandot", Mussorgskys "Boris Godunow" und Wagners "Parsifal", um nur die bedeutendsten Werke zu nennen. Ein wichtiger Träger dieses Spielplans war neben dem GMD Dr. Göhler auch der junge Dirigent Maurice Abravanel, der von Altenburg aus eine Karriere über die Staatsoper Berlin und die Berliner Philharmoniker an die Metropolitan Opera und zu den New Yorker Philharmonikern startete.

Die Inflation machte sich immer stärker bemerkbar und als 1925 die Thüringische Landesregierung die finanziellen Staatszuschüsse "einsparte", gründete sich in Altenburg die "Vereinigung der Theaterfreunde" auf Anregung des Musiklehrers und Schriftstellers Karl Gabler. Er schrieb darüber: "Diese Gesellschaft stand in ganz Deutschland beispiellos da, weil sie keinerlei Vergünstigungen für ihre Mitglieder anstrebte, sondern all ihre materiellen Mittel für die Erhaltung unserer Bühne einsetzte. Unter Führung von Fabrikdirektor C. Brandt und Oberbürgermeister H. Achilles wurde allen Abbauplänen der Regierung energisch widersprochen und damit eine Schädigung Altenburgs in diesem wichtigen Kulturzweig verhindert".

1927/28 kam es zur Fusion mit dem Reußischen Theater Gera, die aber vor Ablauf des Probejahres wegen Unwirtschaftlichkeit wieder gelöst wurde. Hierzu schreibt Karl Gabler: "Zwar vermochte man die Fusion mit dem Reußischen Theater in Gera nicht zu verhindern; doch stellte sich in der Praxis bald heraus, dass eine solche Verbindung auf die Dauer untragbar war, wie wir richtig vorausgesagt hatten, vor allem keine Ersparnis, sondern eher einen Raubbau an der Gesundheit der Mitglieder zur Folge hatte".

1936 wurde das Orchester mit dem neuen Namen "Staatskapelle Altenburg" unter der Leitung des jungen GMD Dr. Heinz Drewes geführt. Auf dem Spielplan der Spielzeit 1936/37 standen für die Mitglieder der Staatskapelle folgende Werke: "Fidelio", "Oberon", "Hänsel und Gretel", "Undine", "Thannhäuser", als Uraufführung Kormanns ""Belcanto", "Tiefland", "Boris Godunow", "Elektra", "Cosi fan Tutte", "Don Pasquale", "Margarethe", "Maskenball" und "Manon Lescaut", dazu eine geschlossene Ring-Aufführung und "Parsival", weitere 4 Operetten und 6 Sinfoniekonzerte, darunter Strauss' "Die Alpensinfonie". In dieser Spielzeit wuchs die Mitgliederzahl der "Staatskapelle" auf 50 an.

Ab 1939 wurden die Dirigenten GMD Eugen Bodart (ab 1943 GMD am Nationaltheater Mannheim) und der spätere GMD Gottfried Schwiers verpflichtet. In den Jahren 1938-40 überbrückte die Landeskapelle die spielzeitfreien Sommermonate in Garmisch-Partenkirchen, wo sie unter dem Namen "Thüringer Staatskapelle Altenburg" gemeinsam mit dem Staatsorchester München Konzerte gab, denen auch Richard Strauss beiwohnte, was durch eine Widmung in der Dirigentengalerie der Landeskapelle belegt ist. 1940 war die Staatskapelle Altenburg neben dem Gewandhausorchester das 2. Orchester der Leipziger Oper. Unter der Mentorenschaft von GMD Prof. Kurt Overhoff (ab 1943) inszenierte der Wagnerenkel Wieland Wagner unter anderem den "Ring des Nibelungen". Im letzten Kriegswinter musste das Theater wegen der Generalmobilmachung geschlossen bleiben, wurde aber bereits im Juli 1945 wieder eröffnet. Bis 1952 leitete GMD Gottfried Schwiers die Geschicke der 42-48 Mitglieder zählenden Landeskapelle. Zu den Gastdirigenten in dieser Zeit zählten auch Heinz Bongartz und Hermann Abendroth.

Von 1953 bis 1994 wurde das jetzt wieder Landeskapelle Altenburg titulierte Orchester von GMD Otto Siebert, GMD Martin Egelkraut, MD Rolf Schellenberg, dem beliebten MD Peter Sommer (jetzt Nationaltheater Mannheim), MOL Reinhard Kießling, Ekkehard Klemm (jetzt Gärtnerplatz Theater München), MOL Fredo Jung und dem bis heute wirkenden MOL Thomas Wicklein geleitet. Als Gastdirigenten der letzten Jahre seien nur Rolf Reuter, Ude Nissen und Kurt Masur, und an bekannten Solisten Peter Damm, Karl Suske, Ludwig Güttler, Andras Schiff, Siegfried Lorenz, Burkhard Glaetzner, Martin Spangenberg, Waltraut Wächter und Kolja Blacher erwähnt. Von GMD Wolf Dieter Hauschild wurde 1983 das "Seminar für Junge Operndirigenten" in Altenburg gegründet, welches 1998 unter der Leitung von GMD Rolf Reuter und inzwischen als "Dirigentenseminar des Deutschen Musikrats" zum 7. Mal in Altenburg stattfand. Erwähnt werden muss ebenso das 1961 von Konzertmeister Lothar Blüher gegründete Altenburger Kammerorchester, das unzählige Konzerte in Städten und Gemeinden der Region, aber auch in großen Konzertsälen des In- und Auslandes gespielt hat.

Nach den umjubelten letzten eigenen Produktionen "Salome" und "Le Sacre du Printemps", wurde 1995 das Landestheater im Zuge einer vom Land Thüringen veranlassten Neustrukturierung der Theaterlandschaft mit dem Theater der Stadt Gera fusioniert.

Durch Rundfunkübertragungen mehrerer Konzerte mit Altenburger Solisten und Komponisten, besonders hervorzuheben sind hier Günther Witschurek und Olav Kröger, sowie zahlreiche uraufgeführte Musicals konnte die Landeskapelle in letzter Zeit überregional Beachtung finden. Andererseits setzt sie neben ihrer Aufgabe als Opernorchester künstlerische Akzente mit großen und kleinen Konzerten und durch enge Zusammenarbeit mit den Kulturträgern der Region, um damit, wie schon in den vergangenen rund 540 Jahren, das Leben der Stadt Altenburg und ihres Umlandes maßgeblich mit zu prägen.

Ergänzung

Nachdem bereits das Altenburger Landestheater mit dem Theater Gera fusionierte, haben sich nun auch beide Orchester, die Landeskapelle Altenburg und das Philharmonische Orchester Gera, zusammengeschlossen. Somit wurde das Philharmonische Orchester des Theaters Altenburg-Gera gegründet.

(Quelle: Internet: www.altenburg.eums/detail.php?id=5945&_nav_id1=2590&_nav_id2=5187&_lang=de)