Aus der Altenburger Nähmaschinentradition...

Altenburg mit seiner über 1000jährigen Geschichte gehört auch mit zu den ältesten Produktionsstandorten für Nähmaschinen in der Welt.

Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte in Deutschland der Aufbau der Nähmaschinenindustrie, die sich aus kleinen Handwerksbetrieben entwickelte.

Aus ebensolchen Handwerksbetrieben entstanden auch in Altenburg die Nähmaschinenbetriebe.

Die drei Handwerker Dietrich, Köhler und Winselmann begannen gemeinsam in Altenburg, um sich dann wieder später zu trennen und drei eigene Nähmaschinenfabriken aufzubauen. Während ihrer Lehr- und Wanderjahre hatten diese drei jungen Schlossergesellen die ersten Nähmaschinen kennen gelernt. Leopold Oskar Dietrich, Hermann Köhler und Gustav Winselmann machten sich so selbständig und gründeten 1871 in Altenburg ihre erste Werkstatt zum Bau von Nähmaschinen. Vorher hatte sich schon der Altenburger Mechaniker Geiffert mit dem Bau von Nähmaschinen beschäftigt.

Nicht lange blieben die drei Mechaniker zusammen. 1873 schied L. 0. Dietrich aus, 1892 trennte sich Köhler von Winselmann, so dass es von da ab drei Firmen gab. In der ersten Zeit wurden vor allem einfache Langschiffnähmaschinen, auch mit Handbetrieb, hergestellt. In den sogenannten Gründerjahren nach 1870 nahm die deutsche Industrie, auch die Nähmaschinenindustrie, einen raschen Aufschwung.  Es wurde investiert, und viele Nähmaschinenfabrikanten vergrößerten ihre Betriebe, so auch in Altenburg.

Ein weiterer Aufschwung war auch der Einsatz von Dampfmaschinen als Antriebstechnik, der Maschinenpark vergrößerte sich, und Spezialisierung in der Teilefertigung setzte ein. Der Neubau von Produktionshallen war die Folge. Das war auch in Altenburg der Fall. So setzte Köhler 1880 bereits 34 Drehbänke, 35 Fräsmaschinen und 14 Bohrmaschinen ein.

Die Nachfrage nach Nähmaschinen wurde immer größer, die Handwerksmeister hatten die Vorteile der Nähmaschinen erkannt.

 

Werbeanzeige der Firma Köhler 1895

Die Nachfrage nach Maschinen bedeutete höhere Produktionszahlen und damit auch ein höheres Arbeitskräftepotential. So hatte die Firma Köhler von 1872 bis 1890 einen Arbeiterzuwachs von 10 auf 158. Wurden in den drei Altenburger Betrieben 1871 noch 20 Maschinen produziert, so verließen bereits neun Jahre später 12.400 Maschinen die Betriebe. 1908 wurden 185 200 Maschinen gebaut. Auch dem kaufmännischen

Köhler Werbewagen

Bereich wurde nun mehr Augenmerk geschenkt. So hatte Köhler 1890 4 Büroangestellte, 1900 waren es bereits 14. Vertrieb, Versand, Werbung mussten nun großflächig aufgebaut werden. In den folgenden Jahren war ein großer Aufschwung zu spüren, auch in Altenburg. Die Beschäftigtenzahlen stiegen beträchtlich. So hatte 1910 die Firma L. 0. Dietrich 550 Beschäftigte, die Firma Köhler 590.

Der Vertrieb wurde bei den hohen Produktionszahlen zu einem wichtigen Faktor. Der Verkauf wurde über Händler, Zwischenhändler, Reisende, Vertreter und Warenhäuser abgewickelt. Auch ins Ausland wurde damals exportiert.

Im Ersten Weltkrieg wurden neben Nähmaschinen dann auch Heeresteile gefertigt. Nach dem Krieg ging es dann wieder mit der Produktion aufwärts. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Nähmaschinenproduktion zugunsten der Kriegsproduktion fast eingestellt. Nach 1945 wurde die Nähmaschinenproduktion unter vielen Schwierigkeiten wieder aufgenommen, wobei die beiden Werke von Köhler und Dietrich zum VEB Nähmaschinenwerke Altenburg zusammengeschlossen wurden und der VVB Textima angehörten. Die Produktion lief wieder an, 1945 wurden bereits 4.500 Maschinen gefertigt. 1950 waren es dann schon 37.500 Haushaltnähmaschinen. Eines der ersten Modelle war die Zentralspulenmaschine 11-30, der dann die erste Zick-Zack-Maschine folgte. Ab 1956 begann der Bau von Industrienähmaschinen, den Flachbet- und Säulennähmaschinen. Daneben wurde parallel die Haushaltnähmaschinenproduktion betrieben.

Mitte der 60er Jahre erfolgte im nunmehrigen VEB Kombinat Textima die Spezialisierung der Produktion. Die Haushaltnähmaschinenproduktion wurde in Altenburg herausgelöst und in das ehemalige Singer-Werk nach Wittenberge verlagert. Ab 1962 kam es so in Altenburg zur Profilierung auf den Bau von Industrienähmaschinen der Steppstich-Baureihen 8331/8332, die ständig weiterentwickelt wurden. Ab 1968 erfolgte die Übernahme der Produktion von Overlock-Maschinen der Baureihe 8514, die ebenfalls ständig erweitert und weiterentwickelt wurden. Die Altenburger Nähmaschinenwerke ent-

wickelten sich dabei zum führenden Industrienähmaschinenbetrieb in der DDR, der auch sehr hohe Exportanteile hatte. Zudem kam die Entwicklung und Produktion von Nähautomaten hinzu. Industrienähmaschinen aus Altenburg waren zu dieser Zeit in aller Welt bekannt, gefragt und anerkannt.

Die politischen Veränderungen im Herbst '89 hatten selbstverständlich auch ihre Auswirkungen auf den Altenburger Nähmaschinenbetrieb. Es wurde die Altin GmbH gegründet, die die Produktion der Industrienähmaschinen weiterführte. 1996 feierte Altin das 125jährige Bestehen der Altenburger Nähmaschinenindustrie, zu welcher der Urenkel des Firmengründers Hermann Köhler, Dr. Benedikt Köhler aus London, die Festansprache hielt.

Zum „Tag der offenen Tür“ bei der Altin GmbH 1996 wurden die Produktionsstätten präsentiert und Innovationen vorgestellt. Ein besonderer Anziehungspunkt war dabei die historische Nähmaschinenausstellung von Herrn Jens Hüttig, einem Altenburger, der sich der Historie und Sammlung von Nähmaschinen verschrieben hat und auch weiterhin in der Nähmaschinengeschichte forscht und die Sammlungen vervollständigt. Er wurde bei dieser Präsentation vom ehemaligen Altin - Mitarbeiter Rudi Hußner unterstützt. Jens Hüttig hat bisher nicht nur eine umfangreiche Sammlung an Nähmaschinen, Zubehör und Unterlagen angelegt, sondern steht auch mit den Nähmaschinensammlern in Deutschland in ständigem Kontakt. Sein größter Wunsch ist es, seine Sammlungen in einem geeigneten Objekt in Altenburg, die auch die Stadt der Nähmaschinen ist, einem interessierten Besucherkreis permanent vorstellen zu können.

Werbekarte um 1918

(Quelle: Reinhard Weber, „Altenburger Geschichts- und Hauskalender 2000“, E. Reinhold Verlag Altenburg)