Dr. Gerd Bergmann

Die Landgrafenschlucht

Das südlich die Stadt begrenzende Waldgebiet zeichnet sich durch seine reizvollen Landschaftsformen aus, die einst abweisend und dem Verkehr hinderlich waren, seit ihrer Erschließung durch den von Oberforstrat Gottlob König veranlaßten Wegebau jedoch zu abwechslungsreichen Wande-

rungen einladen. Die sich an das Mariental anschließenden Täler und Schluchten sind das Ergebnis der seit dem Tertiär wirkenden Erosion, seit das in der Eisenacher Mulde verfestigte Geröll, das vom Ruhlaer Sattel stammt, durch die Gebirgsbildung emporgepreßt und damit der abtragen-

den Wirkung des Wassers ausgesetzt war. Die relative Härte des Konglomerats und der tiefliegende Erosionshorizont des Hörseltales zwang das Wasser, sich tief einzuschneiden und so interessante Talformen wie in der Drachenschlucht und der Landgrafenschlucht herauszumodellieren. Aber nicht nur geologisch ist diese Landschaft etwas Besonderes. Hier finden sich auch Örtlichkeiten, die in der Geschichte eine Rolle spielten und damit gewissermaßen Geschichte zum Anfassen bieten.


Wie kam denn die Landgrafenschlucht zu ihrem Namen? ..

Die Sage erzählt, hier habe sich Friedrich der Freidige, Sohn des Landgrafen Albrecht, mit den ihn begleitenden Rittern verborgen gehalten, um die Wartburg einzunehmen. Er habe diese erstiegen, wobei er Unterstützung durch seine Stief- und Schwiegermutter erhalten habe, um seinen Vater

der Herrschaft zu entsetzen. Doch was war wirklich geschehen?


Im wettinischen Hause gab es während des 13. Jahrhunderts verschiedene Zwistigkeiten zwischen Albrecht und seinem Vater Heinrich, zwischen Albrecht und seinen Söhnen, aber auch zwischen anderen Angehörigen des Hauses. Friedrich der Freidige hatte 1288 nach dem Tode des Markgrafen Heinrich von Meißen seinen Vater gefangengenommen und in die Burg Rochlitz eingesperrt. Dort nötigte er seinem Vater 1289 einen Vertrag ab, nach dem Friedrich Freiberg, Großenhain und Torgau überlassen werden sollte und zur Sicherheit ihm auch noch Altenburg, Weißensee, Go-

tha und Eckartsberga als Pfand überlassen werden sollte.


Diese schwere Kränkung war wohl eine der wesentlichsten Ursachen dafür, daß sich Albrecht entschloß, die Landgrafschaft Thüringen an den deutschen König zu verkaufen. Dabei behielt er sich lebenslange Nutzung vor und blieb deshalb zunächst in deren Besitz. Das Königtum hatte sich

zwar bemüht, Thüringen in Besitz zu nehmen. Doch endgültig scheiterte das. Landgraf Albrecht hatte sich nämlich im November 1299 mit seinen Söhnen wieder ausgesöhnt. Nachdem Diezmann in Leipzig der Mörderhand erlegen war, erkannte Albrecht seinen Sohn Friedrich als seinen allei-

nigen Erben und Nachfolger an.


Inzwischen hatte der König im Juli 1306 in Fulda einen Hoftag abgehalten auf dem er von Albrecht die Überlassung der Wartburg verlangte als Sicherheit für die gemachten Zusagen. Doch von diesem Hoftag zurückgekehrt, überließ Albrecht seinem Sohn Friedrich die Burg und zog sich selbst nach Erfurt zurück, wo er seine letzten Lebensjahre verbrachte. Dem Könige gegenüber hatte aber Landgraf Albrecht die gegebenen Zusagen gebrochen.


Um dies zu vertuschen, erfand man die Mär vom Ersteigen der Burg durch Friedrich den Freidigen. Um diese möglichst glaubhaft zu machen, wies man der sich vom damaligen Frauentörschen Tal zum Drachenstein aufsteigenden Schlucht die Rolle des Unterschlupfs zu. Johannes Rothe

sprach jedenfalls davon, daß man noch heute (Anfang des 15. Jahrhunderts, also etwa 100 Jahre später) vom .Landgrafenloch" spreche. Freilich ist nicht ausgeschlossen, daß sich hier Friedrich der Freidige aufgehalten hat, bevor ihm die Wartburg überlassen wurde. Doch mit Sicherheit läßt sich dies nicht beantworten. Hier hat die Sage von Anfang an das wirkliche Geschehen zu verschleiern gesucht, weshalb letzte Klarheit in diesen Fragen nicht zu gewinnen ist. Die Landgrafensagen sind jedoch so stark im Volksbewußtsein verankert, daß man sie besser kennt als die Geschichte. Lassen wir es dabei bewenden.