Die Familie von der Gabelentz

Es war wohl ein Vorteil für Altenburg, dass die Stadt nur selten als Residenz diente und daher nicht zu einer kleinfürstlichen Hof- und Beamtenstadt wurde. Landesherrlicher Einfluss war nicht so negativ spürbar wie in manchen anderen Gebieten, und in seinem selbstbewussten Bürgertum setzten sich demokratisch-republikanische Gedanken eher durch als in anderen deutschen Kleinstaaten. Zumindest einzelne Familien des Landadels dieses vom 17. Jh. an selbständigen Fürstentums, später Herzogtums, nahmen an dieser Entwicklung sehr aktiven Anteil. An hervorragender Stelle zu nennen ist hier das Geschlecht derer von der Gabelentz, die zwar nicht in der Stadt selbst wohnten, wo sie am Markt, gegenüber dem Rathaus, nur eine Nebenwohnung besaßen, aber doch nur wenige Kilometer entfernt, auf „Schloss“ Poschwitz, einem kleinen, gedrungenen Bau auf einem großen Pfahlrost, dessen Anfänge auf eine Wasserburg des 12. Jh. zurückgehen. Die älteste urkundliche Erwähnung eines Albrecht von der Gabelentz „zu Boschwitz“ stammt von 1431, aber der Stammbaum lässt sich noch bis ins 14.Jh. zurückverfolgen! Erwähnung verdient aus dieser Ahnenreihe Christoph Friedrich von der Gabelentz (1710-1794), der in württembergischem Dienst zum Generalleutnant und Gouverneur der Festung Hohentwiel avancierte und - als Kommandeur des Regiments, in dem Schillers Vater als Feldarzt diente - Taufpate und damit vermutlich Namenspatron Friedrich Schillers wurde.

Im folgenden Jahrhundert war es Hans Carl Leopold von der Gabelentz (1778-1831), der sich zwar nicht auf militärischem, wohl aber auf politischem Gebiet einen Namen machte: Er trat in den September-Unruhen 1830 als Sprecher der Volksmenge auf, er leitete die Verhandlungen zwischen der Regierung und dem „provisorischen Bürgerausschuss“ über eine neue Verfassung. Maßgebenden Anteil an dieser Konstitution, die, im April 1831 erlassen, eine der fortschrittlichsten im damaligen Deutschland war, hatte auch ein Angehöriger eines anderen Altenburger Adelsgeschlechts, nämlich Bernhard von Lindenau (1779-1854), ein Vetter Leopolds (dessen Mutter eine geborene von Lindenau war).

Leopold, der Kanzler des Herzogtums, widmete sich keineswegs nur seinen politischen Aufgaben:

Reisen führten ihn nach Frankreich, Italien und Österreich, er sammelte Münzen, trieb Sport. und er gehörte zu den vier oder fünf Altenburger Bürgern, die zwischen 1810 und 1817 das Skatspiel erfanden, das sich sehr bald zum beliebtesten deutschen Kartenspiel entwickelte. Einer dieser Freunde war übrigens Friedrich Arnold Brockhaus, der Stammvater des bekannten Verlags, der seine deutsche Buchhandlung 1811 aus Amsterdam nach Altenburg verlegt hatte, ehe er zu Ostern 1818 nach Leipzig zog. Die letzten Bände seines „Conversations Lecikon mit vorzüglicher Rücksicht auf die gegenwärtigen Zeiten“ wurde 1809 bis 1811 in Altenburg, bei der Hofbuchdruckerei Dr. Pierer, hergestellt. - Leopolds Nachkommen führten die „Skat-Tradition fort: Von seinem Sohn, Hans-Conon, wird berichtet, dass er die Karten schon beherrschte, ehe er lesen und schreiben konnte, sein Enkel Georg von der Gabelentz besaß die umfangreichste und kostbarste Spielkartensammlung seiner Zeit, und seinem Urenkel Albrecht ist es zu verdanken, dass man das herzogliche Schloss nach 1919 nicht nur als Verwaltungsgebäude, sondern auch als Landesmuseum und Spielkartenmuseum nutzte, als dessen ersten Direktor man ihn berief.

Wichtiger als diese Skat-Tradition, zumindest für die deutsche Wissenschaftsgeschichte, war die die Tätigkeit von Leopolds Nachfahren auf anderen Gebieten, nämlich in der Orientalistik und in der Kunstgeschichte. Die Kindheit von Leopolds Sohn, Hans-Conon von der Gabelentz (1807 – 1874), fiel in die Zeit der Napoleonischen Kriege, in denen durch die Straßen Altenburgs – damals Etappenstadt, zeitweise auch Armeehauptquartier – mitunter Soldaten aus vieler Herren Länder zogen: Franzosen und Italiener, Russen und Kirgisen, Baschkiren und Finnen. Vielleicht veranlasste diese Umgebung den Dreijährigen, auf die Frage nach seinem Berufswunsch zu verkünden: „Ich möchte alle Sprachen lernen, die es gibt“. Auch wenn er dieses Ziel nicht erreichte: Es gab zu seiner Zeit wohl kaum einen Menschen, der sich mit so vielen Sprachen befasst hat wie er. Französisch und Englisch lernte er im Elternhaus, und während seiner Schulzeit gehörten hebräische, arabische, türkische, persische, spanische und italienische Grammatiken zu seiner Lektüre. Von Hermann Brockhaus (1806-1877), dem Sohn des Verlegers und späteren Leipziger Ordinarius für Sanskritistik, erhielt er Remusats „Elements de la grammaire chinoise“ mit den Worten: „Weißt du was, Conon, ich habe es satt; nimm du den Remusat und sag mir, was drin steht!“. Trotz dieser Ambitionen studierte Hans-Conon in Leipzig und Göttingen - entsprechend der Familientradition - Jura und Cameralia (Volkswirtschaft), und sein ganzes Leben hindurch spielte er eine aktive Rolle in der Politik des Herzogtums. Schon mit 23 Jahren gehörte er zu den Begründern und Herausgebern der „Altenburger Blätter“, der ersten politischen Zeitung Altenburgs, ein Jahr später wurde er als Regierungsrat an die Spitze der Altenburger Behörden berufen, ab 1847 präsidierte er dem Landtag. Aber immer ließ ihm seine berufliche Tätigkeit genügend Zeit, seine sprachwissenschaftlichen Studien weiter zu betreiben. An seinem kleinen Stehpult in Poschwitz schrieb er die ersten deutschen Arbeiten zur mandschurischen und mongolischen Grammatik, zur mongolischen Epigraphik und Literaturwissenschaft; hier entstanden Grammatiken oder grammatische Abrisse für Samojedisch(Nenzisch), Gotisch, Suaheli, Dajak, Dakota, Kaviri, Melanesisch und für andere, insgesamt fast für hundert Sprachen, aber auch seine Bearbeitung der Bibelübersetzung des Ulfilas und die Übertragung der mongolischen Fassung verschiedener indischer Fabeln. Trotz dieser für uns so erstaunlich anmutenden Produktivität war er abends häufig - mitunter fünfmal in der Woche! - „auf dem Plateau“ „ einer damals bekannten Altenburger Gaststätte, zu einem Bier mit Gästen, mit Altenburger Bekannten oder mit dem Pfarrer und dem Kantor aus Windischleuba. Eine Grundlage seines enormen Arbeitspensums war eine exakte Zeitplanung, über die uns über die Jahre geführte Kalendarien Aufschluss geben. Eine Grundlage war aber wohl auch die Tatsache, dass seine Frau und seine Kinder regen Anteil an seinen Arbeiten nahmen. Sie sahen für ihn die Antiquariats- und Auktionskataloge durch, die aus vielen europäischen Ländern nach Altenburg geschickt wurden, sie erledigten häufig die Buchbestellungen, und die Kinder Georg, Hans-Albert und Clementine - die einzigen, die während seiner vormittäglichen Arbeitszeit sein Zimmer betreten durften –„halfen“ ihm bei der Übertragung kürzerer Texte aus fremden Sprachen. - Viele Gelehrte, nicht nur aus deutschen Ländern, sondern auch aus Ungarn und Frankreich, aus England und Japan, aus St. Petersburg und Sibirien, Missionare aus Indien und China arbeiteten manchmal wochenlang in der einmaligen Bibliothek.

In einem so aufgeschlossenen Haus liegt es nahe, dass auch die Kinder die Freude am wissenschaftlichen Arbeiten kennen lernten. Hans-Albert von der Gabelentz-Linsingen (1834-1892), der älteste, besuchte die Forstakademie Eisenach und widmete sich später vor allem naturwissenschaftlichen Forschungen. Die Anregung dazu geht vielleicht auf die Freundschaft des Vaters mit Ludwig Brehm (1787-1864), dem „Vogelpastor“, zurück, mit dessen Sohn, Alfred Brehm (1829-1884), Hans - Albert - mitunter gemeinsam mit seinem Bruder Georg -verschiedene Fahrten unternahm, darunter eine dreimonatige Reise durch Ungarn, Siebenbürgen und die Bukowina. Die umfangreichen naturwissenschaftlichen Sammlungen Hans -Alberts befinden sich bis heute im Stadtmuseum Gera und im Museum Wittenberg. Aber daneben hatte auch er die philologischen Neigungen des Vaters: Aus seiner Feder stammt eine Arbeit über die „Chinesische Justiz nach einer Schilderung im Roman Gin-P‘in Mci (Globus, Bd. 5, Hildburghausen 1864, 348), und er bereitete nach dem Tode des Vaters dessen Übersetzung der „Geschichte der Großen Liao“ (St. Petersburg 1877) für den Druck vor.

Fast ganz seinen sprachwissenschaftlichen Ambitionen konnte der jüngere Sohn, Georg von der Gabelentz (1840-1893), nachgehen. Schon als Kind lernte er Französisch, Italienisch und Englisch, und in der Schulzeit trieb er Studien in Grebo, Akra, Chinesisch, Neuseeländisch und Samoanisch. Nach dem traditionellen Jurastudium in Jena und Leipzig war er zunächst im sächsischen juristischen Dienst tätig, erst in Leisnig, dessen Burggrafen die Lehnsherren des Gabelentzschen Geschlechts über den ehemaligen Besitz Windischleuba und Nobitz waren, später am Bezirksgericht Dresden. In Leisnig gründete er den Geschichts- und Altertumsforschenden Verein, auch auf diesem Gebiet dem Vater folgend, der knapp 40 Jahre die Geschichts- und Altertumsforschende Gesellschaft des Osterlandes leitete, in deren Mitteilungen viele Arbeiten von ihm zu finden sind.

1876 promovierte Georg von der Gabelentz mit der Übersetzung und Kommentierung eines chinesischen Textes an der Leipziger Universität zum Dr. phil. Zwei Jahre später wurde er zum außerordentlichen Professor für ostasiatische Sprachen nach Leipzig berufen. Nun konnte er sich ganz seinen Interessen widmen, allerdings etwas belastet durch finanzielle Sorgen: Das Anfangsgehalt eines Extraordinarius betrug damals etwa 120-150 Mark - eine Summe, die ohne -in seinem Falle allerdings nur geringe - Zuschüsse seiner Eltern aus den Einnahmen ihres Poschwitzer Besitzes kaum für die nötigsten Ausgaben für seine mehrköpfige Familie ausgereicht hätte. Diese geringen Mittel waren der Grund dafür, dass er während seiner elfjährigen Tätigkeit in Leipzig viermal die Wohnung wechselte. Aber trotzdem waren diese elf Leipziger Jahre die fruchtbarsten seines Lebens. Neben zahlreichen wissenschaftlichen Aufsätzen erschien in dieser Zeit seine bahnbrechende „Chinesische Grammatik“ (Leipzig 1881, 2. Auflage Berlin 1953), und auch die Arbeiten an seinem fundamentalen Werk über „Die Sprachwissenschaft“ (Leipzig 1891) erfolgten vor allem in Leipzig. Daneben widmete er sich philosophischen, historischen, ethnographischen Studien, er besuchte die Konzerte im neu erbauten, 1885 eingeweihten Gewandhaus, und seine Zeitgenossen erwähnen auch Zeichnungen von ihm, darunter ein gelungenes Porträt seines Vaters.

1889 wurde er als ordentlicher Professor an die Berliner Universität berufen und zugleich in die Königlich Preußische Akademie der Wissenschaften aufgenommen, nachdem er schon - wie früher sein Vater - von mehreren internationalen angesehenen wissenschaftlichen Gesellschaften zum korrespondierenden Mitglied gewählt worden war. Lange konnte er sich seiner neuen Stelle, die mit einem höheren Gehalt verbunden war, nicht erfreuen. Nach zwei schweren, durch ein Blasenleiden bedingten Operationen erkrankte er an einer Lungenentzündung, der er im Dezember 1893 erlag.

Mit großen Ehren wurde er im Park des Poschwitzer Schlosses beigesetzt. Später, 1945, überführte man den Sarg auf den „Neuen Friedhof“ von Windischleuba (ursprünglich als Pestfriedhof angelegt), auf dem auch die Grabstätten von Hans Conon, von Georgs Schwester Pauline und ihrem Mann Richard von Carlowitz-Maxen, von Georgs Sohn Hanns-Conon und von mehreren Angehörigen der Münchhausenschen Linie liegen.

Zum Schluss sei erwähnt, dass auch im nächsten, im 20. Jh. Georgs Söhne den humanistischen und wissenschaftlichen Traditionen ihrer Vorfahren treu blieben. Sie führten nicht die philologischen und linguistischen Forschungen des Vaters und Großvaters fort, sondern widmeten ihr Leben der Kunstgeschichte - einem Fach, das in der Gabelentzschen Familie ja ebenfalls seit Generationen zu den ‚.Hobbys“ zählte. 1912 bis 1933 war Albrecht (1873-1933), Georgs ältester Sohn, Direktor des Lindenau-Museums, später, ab 1951, wurde das Museum von Hanns-Conon (1892-1977) geleitet, der Zeit seines Lebens eng mit dem von den Faschisten als „entartet“ verfemten Künstler Conrad Felixmüller befreundet war - eine Freundschaft, der Altenburg die relativ reiche Sammlung von Werken dieses Künstlers verdankt. Und Hanns-Conons Sohn Leopold studierte dann in den 60er Jahren an der Leipziger Universität Indologie - noch an jenem Institut, dessen Lehrstuhl für Sanskritistik als erster Hermann Brockhaus, der Freund seines Urgroßvaters Hans- Conon von der Gabelentz, innegehabt hatte.

Ich habe in diesem kleinen Artikel nicht alle Angehörigen des Gabelentzschen Geschlechts nennen können, deren Wirken auf kulturellem Gebiet zumindest eitler Erwähnung würdig gewesen wäre. So hätte man z.B. auch über die Schwester Hans Georgs, die sprachbegabte Clementine von der Gabelentz (1849 - 1913), einiges sagen können, die mit Börries Freiherr von Münchhausen auf Apelern verheiratet war, einem Nachfahren des „Lügenbarons“ Karl Friedrich Hieronymus Münchhausen (1720-1797), oder über den Schriftsteller Georg von der Gabelentz (ein Enkel Hans Conons, 1868 geboren), der zeitweise stellvertretender Generaldirektor der sächsischen Hoftheater war. Aber aus dem Gesagten ist wohl doch deutlich geworden, dass manche bahnbrechende Leistung auf kulturellem, auf wissenschaftlichem Gebiet ihren Ursprung in Altenburg hatte, also außerhalb der größeren Residenz- oder Universitätsstädte. Und wenn der Name der Stadt Altenburg bei Vertretern der internationalen Orientalistik oder Sprachwissenschaft seit dem vorigen Jahrhundert bis noch in unsere Zeit einen guten Klang hat, ist es das Verdienst von Angehörigen des Geschlechts derer von der Gabelentz, dieser Altenburger Gelehrtenfamilie.“

Quelle: Manfred Taube in: Altenburger Geschichtsblätter, Lindenau-Museum Altenburg, 1992