Die ehemalige Rasenmühle

Der Name klingt hübsch - fast romantisch. Man stellt sich ein altes Haus am Wasser vor, ein sich drehendes, klapperndes, spritznasses Mühlrad, dahinter eine Wiese ... Genau so war es auch einmal.

Die Rasenmühle, eine der ältesten Mühlen Jenas, wurde von der Saale bzw. ihrem Nebenarm getrieben. Sie lag an der Stelle, wo der Arm, die Lache, von der Saale abzweigte und mit dem Hauptstrom eine Insel umschloss, die heutige Rasenmühleninsel, auf dem Rasen also, von dem die Mühle ihren Namen bekam. Im Jenaer Paradies, oberhalb der Mündung des Leutrabaches, floss bis vor einigen Jahren die Rasenmühllache wieder in die Saale.

Die Rasenmühle lag dicht am Rande des Weichbildes der Stadt Jena. Bis zur ersten Eingemeindung 1909 (Wenigenjena und Camsdorf) bildete ja die Saale nach Osten zu die Stadtgrenze, die aber hier an der Mühle abbog, die Saale verließ und über die felsige Anhöhe des Altersteins bzw. Rasenmühlenberges hinweg nach Westen lief. Steinkreuze - ein kleines unten im Tal und ein großes oben auf der Höhe - wiesen die Richtung. Die Rasenmühle bildete also einen Eckpunkt in der Grenzführung.

Nun bedeutet ja die Erstnennung im Geschossbuch der Stadt Jena von 1406 nicht, dass die Mühle zu der Zeit errichtet wurde. Sie wird ganz sicher bereits im 14. Jahrhundert vorhanden gewesen sein, vielleicht auch noch früher. Was den Müller damals bewogen hat, sie so weit entfernt von einer Ansiedlung anzulegen, läßt sich wahrscheinlich nur durch die günstige Stelle an der Abzweigung des Saalearms erklären. Zudem könnte zu dieser Zeit der Ort Wüsten-Winzerla noch bestanden haben. Er lag unterhalb des Beutenberges und somit näher zur Mühle als Jena.1 - (Das neue, jetzige Winzerla läßt sich jedoch schon seit 1325 nachweisen.2)

Trotz ihrer Außenlage spielte die Rasenmühle in der Geschichte der Stadt Jena keine unbedeutende Rolle - oder gerade deswegen? Anfangs, im Geschossbuch, wird allerdings nur von Äckern, Wiesen oder Weinwachs bei der „Rasemöl" gesprochen, von einem Müller ist erst 1423 die Rede: Er half Steine brechen „uf dem wüsten slosse"3. Namentlich werden Mühlenbesitzer dann 1461 genannt: Nickel und Ilse Ritzener.4 Neun Jahre später heißt der „rassemöller" Thomas.5 Welcher von beiden es war, der das Korn zur Zeit der Grenzstreitigkeiten gemahlen hat, ist nicht bekannt. Es kamen nämlich 1466 in der Rasenmühle die Kanzler und Räte Herzog Wilhelms III. einerseits und der Herzöge Ernst und Albrecht, seiner Neffen, andererseits zusammen, um die Grenze zwischen den Ämtern Burgau und Leuchtenburg unstrittig festzulegen.6 Ein Jahr später, 1467, geht es um die Rasenmühle selbst, d. h. ihre Zugehörigkeit zur Stadt Jena. Nachdem eine Anzahl glaubwürdiger, vorwiegend älterer Bürger nach mehreren Richtungen hin, z. B. wegen Steuern oder Gerichtshandlungen, befragt wurden (wobei einer erzählte, es hätten früher zwei Brüder die Mühle besessen, doch habe einer den anderen totgeschlagen), stellte und legte man fest, dass die Rasenmühle zu Jena gehört.7

Am 6. Juni 1480 erfolgte dann die erste amtliche Grenzfestlegung: Herzog Wilhelm verkaufte Jena die Gerichte auch außerhalb der Stadt in den angegebenen Grenzen. Dort heißt es: „... an der Säle hinauff über die Rasemöl an dass kurtze creutze, vonn demselbien... hinauff an das hoche steinen creutze ..."8

1537 sollte die Rasenmühle wiederum dem Amt Burgau einverleibt werden, aber der Rat der Stadt Jena legte die Urkunden des vergangenen Jahrhunderts vor und wies das Ansinnen zurück.9

Johannes Schröter, Doktor der Medizin, ein berühmter Mann, kam 1554 aus Wien, wo er Leibarzt des Kaisers gewesen war, begütert nach Jena und kaufte unter anderem die Rasenmühle. Er erwirkte 1557 ein fürstliches Privileg, nach dem auch die Einwohner von Ammerbach nunmehr ihr Getreide in dieser Mühle mahlen durften.10 Im selben Jahre wieder nach Wien entsandt, erlangte er ein kaiserliches Privileg — das der Erhebung der Hohen Schule in Jena zur Universität, deren erster Rektor er wurde.

Knapp hundert Jahre später musste der Pächter der Mühle, Wolf Müller, die Miseren des Dreißigjährigen Krieges besonders drastisch miterleben, ist doch überliefert, dass der schwedische Feldmarschall Baner im März 1640 sein Hauptquartier in der Rasenmühle nahm.11 Bürgermeister Jenas war zu dieser Zeit Michael Tannenberger. In seiner Chronik steht auch Persönliches. Zum Beispiel haben im Jahre 1647 Soldaten den gesamten Wein aus seinem Weinberg an der Rasenmühle „abgelesen".12

Jahre nach dem Kriegsende, 1675, kaufte der Rat der Stadt Jena die Mühle mitsamt dem Lehen für 2300 fl (Gulden), ließ das Grundwerk verbessern, das Rasenmühlwehr reparieren und eine Ölmühle anbei erbauen. Marktmüller Scheidemantel half beim Mühlenbau, geriet im Februar 1677 dabei unter das Eis und ertrank.13 Adrian Beier nennt 1681 „Gottfried Moebius, Doctor in der Artzney" als Besitzer (gemeint ist wohl Pächter) der Rasenmühle. Diese habe einen ihrer fünf Gänge eingebüßt, den der Müller aber durch eine Papiermühle zu ersetzen gedenke.14

Seit 1688 jedoch versuchte die Stadt Jena aus finanziellen Gründen, die Mühle wieder loszuwerden. 1718 verkaufte sie sie dann mit Genehmigung des Herzogs für 5650 Gulden an den reichen Kaufmann Pfündel als „Mahlmühle mit drei Gängen, Haus, Hof, Ställe, Felsenkeller, Fischerei ... Wiese, Öl-, Walk- und Schleifmühle, Weinberg und Steinbruch, Wehricht, Privileg für Ölhandel und für den Bau einer Papier- und Schleifmühle"15

Von einer Schankstätte namens Rasenmühle erfährt man das erste Mal 1731, als u. a. ihr Wirt Jacob Beyer bei der Überprüfung der Gemäße auffiel.16 Unklar ist, ob damals in der Mühle selbst ausgeschenkt wurde oder ob schon das Gebäude gegenüber auf der anderen Straßenseite errichtet war. Dieses später „Zum Rautenkranz" genannte Gasthaus wurde Anfang des 18. Jahrhunderts vom Mühlenbesitzer Jacob Pfündel gegründet.17 Im folgenden Jahrhundert kaufte es der „Bürgerverein", der sich jedoch bald mit der „Schützengesellschaft" zusammentat und ein Schießhaus (oder Schützenhaus) daraus machte. Jonathan Carl Zenker schreibt 1836: „Die Rasenmühle, am linken Arm der Saale, dem ehemaligen Gasthofe zum Rautenkranz, jetzt Schützenhause, gegenüber..."18 1837 wurde es von Carl Doppelmeyer erworben. Die späteren Wirte (Gustav Müller ab 1862, Louis Lohse ab 1864, Louis Georgius 1868)19 waren wohl nur Pächter. Sie nannten ihre Gastwirtschaft der Einfachheit halber oft „Rasenmühle".

Dieses beliebte Gasthaus Zum Rautenkranz, genannt Rasenmühle, musste jedoch in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts abgerissen werden. Es fiel dem Eisenbahnbau zum Opfer, wohingegen das an der Lache liegende Mühlengebäude erhalten blieb. Das stand nicht im Wege, aber von da an nur noch „am Wege", am „Burgauer Weg" nämlich, denn die Straße nach Kahla wurde verlegt nach jenseits der Bahnlinie, indem man einen Teil des Felsens abtrug.

Die Mühle hatte selbstverständlich eigene Eigentümer und somit rechtlich nichts mit dem Rautenkranz zu tun, z. B. den Rasenmüller Keßler. Ihm erlaubte 1803 Herzog Carl August die Einrichtung einer Badeanstalt nebst Ausschank von Wein, Bier, Punsch usw.20 Um 1840 hieß der Wirt August Töpfer. Der wiederum wollte später das Baden in der Mühlenlache verbieten, was eine längere Zeitungsfehde nach sich zog. Er musste klein beigeben, denn es wurde ihm 1852 bewiesen, dass „jene Lache nicht Privateigentum ... ist".21

1865 hieß der Mühlenbesitzer Franz Kürbitz. Er annoncierte in der Zeitung: „Kleesamen zu enthülsen (nauen), Ölfrüchte zu stampfen oder zu tauschen werden jederzeit angenommen. Rasenmühle/Jena. F. Kürbitz"22.

Am 4. April desselben Jahres stand in dieser Zeitung, dass dem Rasenmühlenbesitzer Kürbitz „das hiesige Bürgerrecht ertheilt"23 wird.

1907 ging dann die Mühle sowie der gesamte Landkomplex auf der Rasenmühleninsel aus dem Besitz der Familie Kürbitz in städtisches Eigentum über.24 Vor dem Ersten Weltkrieg noch verpachtete die Stadt Jena die Mühle, und zwar an die Städtische Brauerei, die dort einige Jahre mit Gewinn Bretter sägen ließ, wie Brauereidirektor Migula 1932 schrieb.25 Doch offenbar wollte die Stadt nach dem Krieg das Geld selbst verdienen, denn die Rasenmühle wurde nicht mehr verpachtet, sondern lief als städtisches Sägewerk weiter. Die Mahlmühleneinrichtungen aber wurden verkauft und die einstigen Mahlräume zu Wohnungen ausgebaut. Im Grunde ist die Geschichte der Rasenmühle damit zu Ende, auch wenn 1921 noch einmal ein neues Wasserrad für die Sägeeinrichtung angeschafft wurde. Der erhoffte Gewinn war ausgeblieben. In den dreißiger Jahren diente sie nur noch als Holzlagerplatz.26

Mehr als fünfhundert Jahre hatte die Rasenmühle Dienst getan - und kaum ein Rest ist von ihr übriggeblieben. Als in den sechziger Jahren die Fernheizungsrohre nach Winzerla verlegt wurden, riss man das links der Lache gelegene Gebäude ganz ab und schüttete den Wasserlauf zu.

Im Umfeld der Rasenmühle sind einige seltsame Ortsbezeichnungen interessant. In den alten Urkunden werden außer dem Alterstein noch der „Heferer" (Hefferer) und die „Sunau" genannt. Vom Heferer heißt es 1437, er sei ein Fischwasser zwischen der Rasenmühle und Wöllnitz.27 Es handelt sich dabei wohl um einen früheren Saalearm oder seine Reste. Auf Karten des 19. Jahrhunderts sind in dem Saalebogen, in dem der Schleichersee liegt, verschiedene kleine Gewässer zu erkennen. Der Botaniker Friedrich David Dietrich erwähnte 1826 Teiche, stehende Gewässer und Sümpfe bei oder über der Rasenmühle.28 Heute noch gibt es dort die „Sachsensümpfe". - Die Sunau (Sune, Sühne, Sunow) lag südlich der Rasenmühle und war ein ebenes Gelände in der Saaleaue. Der Name wird nur in Verbindung mit Wiesen oder Äckern genannt und war bereits 1406 und mindestens bis 1863 üblich.29 Danach hat sicher der Bahnbau die Besitzverhältnisse in der Sühne geändert. Adrian Beier unterscheidet eine Obersune bei Burgau und eine Untersune bei der Rasenmühle. Er leitet den Namen von der Sonne ab.30 Da die Sonnenberge im Mühltal 1372 „Sunenberge" (oder Sunnenberge) genannt werden, hätte die Erklärung einige Wahrscheinlichkeit für sich. Vielleicht hat der Ausdruck aber auch etwas mit dem Gerichtswesen zu tun. Mittelhochdeutsch hieß sune, suone Urteil, Gericht, Sühne.31 Schließlich sind in der Sunau Rechtshandlungen durchgeführt worden, z. B. ist am 16. 2. 1638 „... des Schulmeisters von Beutnitz Sohn in der Sunau gerädert und aufs Rad geflochten worden, nachdem er vorher mit glühenden Zangen gekneipt worden ,.."32 Wie auch immer, diese Mühle hat mit ihrem Umfeld jedenfalls einmal eine Bedeutung besessen, von der heute nichts mehr zu merken ist.

(Quelle: Ruth F. Kallies „Wer kennt die Plätze, weiß die Namen? – Alte Jenaer Örtlichkeiten von Alterstein bis Wöllmisse“ Jenzig-Verlag Gabriele Köhler, Jena 2001)

1 Geschossbuch, S. 105 u. a.

2 UB von Stadt u. Kloster Bürgel I, Nr. 150

3 Apel, Bauarbeiten im alten Jena, in: Altes u. Neues aus d. Heimat 1931-1933, S. 5

4 UB Stadt Jena II, Nr. 551

5 UB Stadt Jena III, S. 133

6 UB Stadt Jena II, Nr. 571

7 Ebd., Nr. 574-578

8 Nicander, Beschreibg. d. Stadt Jena u. deren Weichbildes, S. 47, II, 665

9 Beier, Architectus, S. 148

10 Ebd., S. 149

11 Schreiber u. Färber, Jena von seinem Ursprung, S. 358

12 Tannenberger, Tagebuchaufzeichnungen, mitgeteilt v. Meyer-Lingen, in: Jenaisches Bürgerleben z. Zt. d. 30jähr. Krieges

13 Schmeizel, Jenaische Stadt- u. Universitäts-Chronik, S. 132, 136, 138

14 Beier, Architectus, S. 143

15 Koch, Geschichte der Stadt Jena, S. 177

16 Die Examination derer Gemäße, Krüge und hölzernen Kannen ..., in: Altes u. Neues aus d. Heimat 1909-1920, S. 26

17 Schreiber u. Färber, Jena von seinem Ursprung, S. 181 ff.

18 Zenker, Hist.-topographisches Taschenbuch v. Jena, S. 90

19 Jenaische Wochenblätter vom 19. 4. 1862, 19. 4. 1864, 10. 6. 1868

20 Koch, Geschichte der Stadt Jena, S. 202

21 Jenaische Wochenblätter vom 5., 15., 24., 26. 6. 1852

22 Jenaische Zeitung vom 19. 1. 1866

23 Jenaische Wochenblätter vom 4. 4. 1865

24 Heyder, Geschichtl. Rückblick, in: Altes u. Neues aus d. Heimat 1934-36, S. 19

25 Migula, 600jähr. Bestehen d. Brauwesens, in: Altes u. Neues aus d. Heimat 1931-33,8.56

26 Manuskript v. Karin Heinecke

27 UB Stadt Jena II, Nr. 305

28 Dietrich, Flora Jenensis, S. 4, 42, 325

29 Geschossbuch, S. 255, und Jenaische Wochenblätter vom 27. 3. 1863 u. a.

30 Beier, Architectus, S. 486

31 Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch, S. 258

32 Schmeizel, Jenaische Stadt- u. Universitäts-Chronik, S. 77